Ausgabe 
13.5.1932
 
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Und dann der Blick auf die Eispanzer der Zillertaler und der muntere klare Bach, der sich nicht mischen will mit dem Schmutzfink Inn und die verwitterten Ruinen von Schloß Kropfsberg: hier ist gut fein, und auf dem einsamen Wiesenplan über dem Strombette, da laß I uns Hütten bauen. ... _... .. I

So aber ist es schon mit uns Zeltnomaden: heute mit den Fursten- kindern ... morgen mit den BeseNbindern ... gestern ein triefnasser I Biwakplatz ohne Brennholz mit elendem Konservenfutter heute eine appetitliche Wiese und genug Treibholz, um em volles Jahr die Holle zu heizen und duftendes Heu und an der Schleppangel ein zappelndes Fischlein. In Butter gewälzt, in Salbeiblätter gepackt, in der heißen I ^Unb^bic Abendnebel kommen und unheimlich wirb ber Fluß unb aleitet schwarz wie ber Styx vorüber an unserem Zelt, und du denkst daran, wie es wäre, wenn er nächtlings über die Ufer käme in unser schönes sauberes und warmes Zelt.

Unb Jupiter oben hat feine große Blenblaterne angezunbet unb Areturus leuchtet und die blaue Spiea, die den wandernden Leuten wohlgesinnt sind. Unb voll heimlicher Geräusche ist die Nacht, und ge­stohlenes Biwakholz brennt immer am besten, und ich erzählte bir der- | weil liebe kleine Räubergeschichten.

Wie es ist wenn man Europa hinter sich hat und das Schiff geht unaufhaltsam weiter vor dem Nordostpasfat und es versinken die alten Sternbilder, die einst über den behüteten Gärten unserer Kindheit standen Und der große Wagen steht jämmerlich dicht über dem Horizont unb UM ganz unb gar verkehrt, unb ber Schwan unb Kassiopeia sind nur och ein blutloses mattes Leuchten, wie ber flüchtige Gruß einer fernen Geliebten. .

Ober ich erzähle dir, wie es ist, wenn im Dschungel von Kenia arme kleine Tommys am Fieber sterben müssen und im Delirium noch ihre Sünden beichten. Oder wie es ist, wenn einen drüben, bei funsundvierzig im Schatten ber Tropenkoller packt unb man streicht (einen Foxterrier Blnky" pesserrninzschnapsgrün ober bleu picasso an unb beginnt im Spleen allerlei Dummheiten zu machen unb schickt aus Morogoro am Kilimanktzcharo mit bezahlter Rückantwort in bie Heimat folgenbes Telegramm: _ . . ... _ .

Se hohen Exzellenz, bem kaiserlich russischen Knegsmnnster Suchom- linow. Felbmoching bet München.

Rückbrahtet sofort, ob Dostojewskij als Fähnrich bie Schügenschnüre aehabt hat, eventuell welche Schiehklasse. R e ck - M a 11 e c z e w e n.

Siehst du, so kommt es, wenn man Tropenkoller hat. Unb wenn bir bas nicht genug ist, bann erzähle ich dir, von allen Herrlichkeiten,

Kolospa.

(Eine heitere Pfingst-Spargelgeschichte.

Bon Carry Brachvogel.

Auf dem Matthiesschen Gut, in einer gesegneten Spargelgegend ge­legen ging es in den Monaten Mai/Juni immer hoch her, und das Haus' wurde nicht leer von Gästen und Dauerbesuchern, denn die Mat­thiesschen Spargelpartien und Psingstschmause genossen der «anzen Umgegend berechtigtes Ansehen. Das nahm niemand Wunder, denn Herr Georg Matthies war nicht nur auf rein agrarischem ®ebiet eine . Kapazität, mästete nicht nur Hühner, Enten und Ganse auf ebenso humane wie treffliche Art, fonbern galt auch als ein Gemüsezüchter von Slang ber es befonbers in ber Spargelkultur zu bemerkenswerten Er- | folgen gebracht hatte. Er war ältlich, unverheiratet, von kratzigem Jung^ aefeUenbumor, feinschmeckerisch unb mit einer angenehmen Gabe bi Junggesellen nicht immer eigen ist: er sah von selbst wo andre Leute b Schuh brückt, unb verstanb ihn bequemer zu machen .. - Darum be> sanden sich unter seinen Logiergästen stets etliche Maler, die m dieser den Künsten so unholden Zeit hier sorgenloie, srohliche Wochen ge- nassen unb obenbrein vom Hausherrn Auftrage bekamen, denn bas Gutshaus bot noch Raum für viele Silber unb die leeren Wände des neuen Speisesaales schrien geradezu nach ihnen. Doch seltsam! Georg Matthies hatte dies Jahr keinen Gedanken übrig für Gemälde denn e dachte immerfort nur an Kolofpa, deren Bild und Verheißungen ihn^ verlockt und die ihn, wie es schien, schmählich hinters Licht g«

I 'l^ffieatroar~Kolospa? Irgendeine fremdländische Schöne, an deren s Glutaugen der ältliche Junggeselle Feuer gefangen und die ihn zum. Narren gehalten hatte ober noch hielt? Solche Vermutung läge nah . ginge aber in bie Irre, benn Kolospa war nur bie hochmoberne Zu­sammenziehung zweier Worte in eines, bedeuteteKolosfal-Spargel unb war ein neues Spargel-Düngemittel, das, wenn man (einer An­preisung unb ben Reklamebilbern glauben durste, Spargel oon einer Größe erzielte, wie bie Welt sie noch nicht gesehen hatte Don allem was aus feinem Gut gemästet, gezüchtet unb geerntet mürbe, lag Matthies nichts fo sehr am Herzen wie seine Spargelkultur, und darum hatte ec 1 eifrig unb gläubig nach Kolospa gegriffen die ,hn nun bitter ent­täuschte, denn so zahlreich bie Beete auch mit dem neuen Mittel gebungi würben, wollte sich doch kein einziger Spargel-Goliath aeigen, und | Matthies Miene verdüsterte sich von Tag zu Tag worüber besonders b« Maler besorgt wurden, denn sie begriffen, daß ein schlecht gelaunt« Mäeen keine Aufträge vergibtz ganz besonders nicht wenn er vor Kunst so wenig versteht, wie Georg Matthies. Nur Stilleben, bie (SB bares barfteUten, hatten für ihn Berechtigung unb auch an ihnen mäkelte er noch reichlich herum, selbst wenn sie von allen Meistem herrührten. Da war ber tote Hase anatomisch falsch gezeichnet, bie an, geschnittene Melone zu rot ober zu gelb, bie Iraube jo leblos unb e ber Spargel ja, wenn er auf alten Hollanbern bie dicken Spargei. bünbel erblickte, konnte er furios werben unb bie gesamte Malergn^ für Pfuscher" erklären. Unb mit seinem kratzigen Junggesellenhume, unb 'feiner etwas heiseren Stimme schrie er bann zwischen Ernst uw ]

I Scherz zu ben Malern hin: h

Na ja Menschen unb Viehzeug, bas könnt ihr vielleicht! Unb Land fchasten meinetwegen, weil sich bie nicht wehren können. Ader so w°- ganz Feines ... so was, was wächst, was gepflegt unb gehätschelt wer ben mufe ... ba setzfs aus bei euch ... ba feib ihr allesamt Nicht- tönner1" Unb ausführlich legte er ihnen bar, wie ein echter Spargel aus sähe unb baliege unb wie himmelweit berPfuscher" sich von seinem er habenen Vorbilb entfernt habe ... , , . ...

Lachenb ocrtcibigten bie Maler sich unb alle lebenbigcn unb to«1 i Kollegen, boch ber kratzige Junggeselle lieh sich nicht belehren und ai Jakob Golling (er war nach Ansicht feiner Kamerabenekelhaft fl«- bilbet"!) mit ber uralten Schulanekbote anruckte von ben gemalte . Trauben, an benen Vögel pickten, brach Matthies in beleibigenbes w

i !°d)tDa5QUfoUte für bie Kupft bes ollen Griechen mit bem .vertrackte^

, | Namen sprechen?! Lachhaft! Es spricht nur für bie Dummheit unb

Ober säßest bu lieber in der Matrazengrust dieser armm Autos die den 'girier Bera binauffeudyen ... ließest dich lieber ohne Erleben von einer Ka awims rei ur anderen karren? ^ioh, die Menschen ba bnnner. mögen w lehr elegant ein und sich auch (abelhast überlegen vorkommen: arme Schlucker sind's, die im Grunde nichts erleben unb nichts "sitzen, wie es ut m»nn man fein eigenes luftiges Zell baut unb Nichts Witzen von ber

©Seit ber üajerfmcrin ben großen Dschungeln ber Strom­user unb nicht wissen, wie es ist, wenn in Herbstnachten zum ersten Male ber Orion nieberscheint auf unsere einsame Beiwacht.

Sieh sie denken, man könne bas Leben betrugen unb den ®eschrvmdig' teitsraujd bes Maschinenmenschen sich versessen, ohne Schaden zu neh. men an einer Seele ... ja, sie kennen nicht bas erste unb primitivste Geheimnis des Reisens: baß vor ben Genuß die Gotter das Mühsal gesetzt haben ünb daß man die Landschaft sich nur erobert durch das

*>Jn°JnnÄ>ruck aber, auf dem weihen Sande von H°"ing da trocknet uns wieder bie Sonne unb wir machen uns ,lanbfein. Unb immer uber- fommt ben Wasserwanderer, ber sich entleibet für eine an seinen rauhen üßeqen liegende Stabt etwas von dem Taumel des Seglermatrosen, der zum ersten Male wieder nach St. Pauli kommt:

unb was nützt benn bem Seemann sein Geld, Wenn er damit ins Wasser fällt? ...

So ungefähr! Sechs Tage als rauher Nomade im Biwak ... am siebenten als strahlender Kavalier hier auf ber Maria-Theresienstrahe, ober unten in Braunau auf ber unvergeßlichen Feftungsbastion, wo man -u unvergeßlichen Forellen unb unvergeßlichem Gumboldskirchner bie ganze heroische Landschaft ber Inn-Ebene überschaut.

Da aber willst ben Pfingstfamstag entweihen, tnbem bu bir Zei­tungen kaufst und Witzen willst,was in ber Welt vor sich .

feit wir beibe Walzbrüber geworben sinb, wozu willst bu eigentlich wissen, was berweil in ber Welt vorgefallen ist? Lies also in Gottes Namen beine Gazetten unb laß berweil m.ch zum Brandloch hinaus- fchauend und zum Haselekar, den toten Bergsreunden, eine stille An- ^'Wock'von'Clanvell, am 8.Mai 1905 abgestürzt im Hochschwab.

(Emil Spöttel und Melzer, abgestürzt in der Praxmarerkar-Norbwand.

Rochus Gras H., in San Franzisko verdorben in einem Opiumkeller.

Emil Pätzel, wollte fosort am ersten Kriegstage mit einem einzigen Schlage alle Feinde Habsburgs erlegen, verließ sabelschwingend die Deckung und fiel als erster Oesterreicher in Galizien.

Requiescant in pace! Manchmal weht ein eisiger Wind von der Bühne und einer von den Akteuren nach dem anderen tritt ab unb immer heißer sehnt man vom Schicksal sich dieses eine: daß man nicht gerade als der letzte stille Gast muh sitzen bleiben an ben mählich ver- öbeten Festtafeln ber Jugend. Ja, fo ist das

Hall unb die graue Götterburg des Bettelwurf ... Schwaz mit bem Keinen gotischen Mortuarium unb Schloß Trazberg, wo,auf ben Gangen gespenstische Gepanzerte umherwandeln in der Nacht. Und kühl wird s auf dem Wasser und auf bem Karwenbel liegen schon schwere Schlag­schatten, und ganz in ber Ferne sinb (chon zu sehn die Turme von Rattenberg, wo, genau wie in Regensburg, ein schlimmer Strubel strenges Gericht hält über pctzsierenbe Frauensleute: nimm bich in

bie bu (eben wirst auf unserer weiten, weiten Fahtt. Bon der grafeen RAirife mit ber ber majestätische Strom bie Stabt Wasserburg umfahrt, 2 ben bunten Eisvögel, an seinen Ufern unb den Reihern und den melancholifchen Kormoranen an der unteren Donau ...

Bon» den schlimmen Katarakten der oberen Salzach und von der brüllenden Enns und der kleinen gotischen Kirche m Ssi. M chael und bem romanischen Mortuarium in Dürnstein und den maiestatischen Pro- iptf$on^den^groh^ii'Einsamkeiten der Puhta, und wie es ist, wenn im Abendsonnenschein Ochsenherden mit gewundenen Hornern den grohen

SAlaTfAlaf'..., behüten dich alle Hunde die rings in f«nen Dor- fern bellen alle Sterne, die auf unser Zelt scheinen. Schlaf, schlaf ...

ML. w »ir °°. -

den Vers eines alten Psingstliedes sagen:

Run her, mein liebstes Vögelein, Wir wollen nicht die faulsten sein, Und schlasend liegen bleiben.

Vielmehr bis daß die Morgenrot (Erfreuet dieser Wälder Oed' In Gottes Lob vertreiben ...

Morgenbad im eisigen Strom. Den Stoppelbart heruntergekratzt. Feuer angezunden. Ein Frühstück, ein liebes, nettes kleines Frühstück. Frugal aber nett.

Schön, süße Lady, ist das Leben ...