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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1932 Zreitag. den 15. Mai Nummer 57
pfingstlied.
Bon A. H. Hoffmann von Fallers lebe n.
Wieder ist das Fest der Pfingsten, Wieder naht der Liebe Geist, Der dem Aermften, dem Geringsten, Allen tröstend sich erweist,
Blumen blühen allerorten, Und den holden Blumen gleich Kündet mit der Liebe Worten Er das neue Himmelreich.
Laßt uns Mai'n imb Sträuße pflücken Nach der Väter schönem Brauch!
Laßt uns Haus und Türen schmücken, Aber unsere Herzen auch!
Denn der Geist der Liebe kehret Nur in reine Herzen ein. Da nur weilet er und lehret, Gottes Kinder hier zu sein.
• Pfingsten 1896.
Von Franz Hessel.
Alle Rechte im Rowohlt-Verlag.
Das Schönste war die Erwartung. Sekundaner war ich und in festlicher Stimmung, nicht nur wegen der Feier- und Ferientage. Ich hatte das Pfingstkapitel der Apostelgeschichte zum erstenmal griechisch gele en und das wunderbare Wort „in Zungen reden mit lunger Innigkeit
^Auch im Hause bereitete das Fest sich vor. Unser Mädchen, die kräftige, muntere Toni, deren Nähe mich oft mehr belchaftigte, als ich mir em- zugestehen wagte — denn mit Bewußtsein liebte ich ein zartes Fraukm unseres Kreises verehrerisch von fern« — die Toni also hatte ihre neuen weißleinenen Schnürschuhe mit einer kreidigen Masse eingerieben und ms sonnenostene Küchensenster gestellt. Die wollte sie äu P mgs en tragen, ivenn sie mit ihrein Schatz ausging. Hossentlich bekam er Ur a • bei der Marine, mußte von Kiel Herkommen nach Berlin es konnte atter^ Hand Hindernisse geben. Aber wenn er kam, dann wurde sie m d>e,en schönen, damals modernen Schuhen mit ihm ausgehen und d z großen neuen Strohhut aufsetzen. 9 nn
Ich aber, wenn alles nach Wunlch ging, hatte
Ausflug befreundeter Familien teilzunehmen, den auch i , .
ehrte, wahrscheinlich mitmachen würde. Es war noch nicht entichleden, ab eine Kremiervartie nach Tegel oder eine spreedampserfahr nach Grünau oder nach der Waltersdorfer Schleuse ^macht werden sollte. Ich malte mir für beide Fälle meine Chancen aus.M Kremser: |afc man nut all den andern io dicht Zusammen, da konnte ich nicht gut mit ihr reoen. Wem7aber dünn im Tegeler Park das Picknick ausgebreitet wurde und die andern sich gierig aus das Futter stürzten, wurde s e i ch ^w ß abseits halten und dann konnte ich mich gut 'hr g° eUen. Auf dem ^precbciinvfcr binucocn n>ar mehr opicltflutn. B L . B. <
nah um die Musik herum, so war Aussicht daß Bartha gelegentlich an Heck ging oder auf die Kommandobrücke. Ich hatte hw I iiber das vielleicht würde ich es fertig bringen,,ihr S°r meine Gedankenuber^da Zungenreden mitzuteileir. Es gab da (o verfuhrerttche g ch - nicht aiich die Liebe über uns wie die pfmgstlichen»euerzungen d e sich auf die Häupter der Erwählten fetzten? Ist sie nicht auch dief und gemeinsame Sprache, in der man einander veis i)
war voll beinüiiger und eitler Gedanken. ? ( n cnree,
Psingstsonntaqmorgen war strahlendes Wetter. J '«etter Edgar dampfer, aber beständig saß mein erwachsener und wißiger Vetter C^ar neben Martha. Mich beachtete sie kaum. Gleich hinterder Jannowtz^ brücke hatte er sich zu ihr gesellt. Und als die Kapelle Zu s z begann, reichte er ihr einen Kalmusstengel zum Blasen ) einen an die Lippen. Be. ihm war's mir gleichgültig d^/'die Backen aufblies. Aber Martha, die doch sonst »Wangen und keine Lacke hatte, konnte ich nun, als sie blies, nicht ansehen .sonst bekam sie auch Backen. Sie beiden waren sehr miteinander befrfMtigt uni) Men voriibergleitenden Ufer. Nur manchmal, wenn secertagttche
v°m Lande dem Dampfer zuwinkten, winkten Edgar und Martha aucy ein bißchen. Sie mit seidenem Tüchlein. Unb dann muß e
einen Spaß von Edgar lachen.
Aber auf der Heimfahrt rückte sie auf einmal von ihm weg. Sie hatte! sich über ihn geärgert. Er sah an allem nur das Komische, und sie wurde gegen Abend wohl gern etwas gefühlvoll. Ich kam gerade vorbei, als ets sagte: „Ja, ja, wir Berliner lieben die Natur. Ich habe 'ne Tante, dis kam aus der Schweiz zurück und sagte: „Rein, diese Berge! Wenn man, die so von seinem Balkon in der Potsdamer Straße vor sich hätte!" —< Da stand sie auf, nahm mich am Arm und fetzte sich mit mir abseits von! den andern nieder. Mir wurden die abendlichen Ufer mit ihren magere» Kiefernwäldern zur tropischen Landschaft. Unablässig hingen Marthas, Blicke an der gleitenden Ferne. Und ich saß schweigsam neben ihr, aber? meine Augen folgten den ihren und ich meinte in pfingstlicher Eintracht: ihre Gedanken zu denken. Manchmal sah ich verstohlen an ihr entlang und auf ihre Hände, die, leicht um das seidene Tuch gefaltet, im Schoß lagen, und da war mir, als wäre mein Schicksal ebenso in diese geliebten Finger eingetan und würde von ihnen gehegt und gefaltet.
Inzwischen aber hatte der Himmel sich verfinstert. Gewitter grollte- Die ersten Tropfen fielen. Und der Vetter kam an und hatte eine» Schirm. Ich hatte keinen. Sie ging unter feinen. „Es war doch so schönes Wetter gewesen", sagte sie, und dann — ein bißchen dümmlich —: „Ich der Mensch denkt und Gott lenkt."
„Der Mensch denkt nicht und Gott lenkt nicht", sagte der Vetter srivöL ° und sicher und entsührte sie in die Kajüte. Ich blieb zurück in Sturm und Regen. Ich hatte einen Pelerinenmantel, in den ich mich tragisch hüllen konnte. Mochte sie lachen mit ihm und im Warmen und Trocknen hocken- Gut, daß ich ihr nichts vom Zungenreden erzählt habe. Sie konnte sich meinethalben lieber von dem Vetter etwas über Volapük, die praktische Weltsprache, erzählen lassen...
Als ich spät zu Hause auf mein Zimmer ging, kam ich an Tonis Kammer vorbei. Die Tür stand halb offen. Das Mädchen faß weinend bei der Kerze. Hatte „er" am Ende keinen Urlaub bekommen ober maf „er" schlecht zu ihr gewesen? Sie war vielleicht gerade so verlassen und enttäuscht wie ich. Teilnahmsvoll unb etwas lüstern flüsterte ich: „Warunr weinen Sie, liebe Toni?"
„Na, sehn Se boch bloß meinen neuen Hut an." — Jetzt bemerkte ich erst, daß eine zerknautschte Vogelscheuchenhaube vor ihr auf dem Tisch lag — „unb bie Schuhe" — sie zeigte auf zwei schlammige Gebilde in der Ecke. „So'n Kommißaffe darf natürlich keinen Schirm mitnehmen, Das soll ein Kavalier sein?"
Sie ist bann auch nicht mehr lange mit ihm „gegangen", wie die Bev« (iner Dienstmädchen es nennen. Mein Vetter hingegen hat bald danach die Martha geheiratet unb ganz zu seiner hanbfesten Weltanschauung bekehrt. O heilger Geist...
Znufahrt zu Pfingsten.
Von Fritz Reck-Malleczewen.
Sieh, nun ist der Himmel ein kobaltblaues Zelt, und bie Mimingev Gipfel haben weihe Firmungskleiber angelegt, und in lichten blauen Atlasbündern gleitet der Fluß durch bie Wiesen mit ihrem schmetternden Trompetengelb von Löwenzahn und Dotterblume. Schwer bepackt sü? große Fahrt ist unjer Boot mit Zelt und Schlafsäcken und den Gummtz- kossern für unseren Stadtdreß, nimmt ächzend bie wuchtigen Brecher des Flusses über, der hier mit all seinen Stromschnellen unb Wirbeln noch ein ganz ungebänbigter Lümmel ist. Du aber, meine süße Lady, fürcht« dich ja nicht, wenn vor dir bie Wasserwände sich aufbäumen unb du wie auf einer Achterbahn niedergleitest von den Gipfeln in die tiefen Wellen« täler: zwei große Freuden hat das Leben den Mannsbildern beschert, Hindernisreiten und das Parieren solch grober Brecher. Beide KünstL einander verwandt durch den Zwang, zuerst unb vor allem das zaghafte Herz über das Hindernis zu werfen. Verwandt auch durch dieses selige Hinauf und Hinab ... durch das endliche Siegesgefühl des Uebermunben- habens. Schon ist das Leben dem, der es zu leben wagt. —
Sieb, nun läuten die Glocken den Pfingstsamstag ein, unb hier ist noch nicht jenes fröhliche unb fast schon italienische Gebimmel, wie von den Barocktürmen des Unter-Jnntales. Schwer unb beinahe drohend Hingt es über die asketische Landschaft des Oberlaufes. Unten bei Hall unb Jendach — da breitete sich weit unb prächtig bas lachende Tal mit (atteren Wiesen und fetteren Böden unb reicheren Höfen. Hier, ob Innsbruck da ist alles, den bunten Wiefen zum Trotz, ein fast gotischer Ernst: die dunklen Dur-Akkorde der Kiefernwälder und die Oede des Sanb- reißes unb die ärmlichen und spärlichen Dörfer und die asketischen Gesichter der Menschen. Pfingsten ist dies wohl — aber es ist ein ernstes und beinahe schon nordisches Pfingsten...
Stams wo in der Zifterziensergruft die alten Grafen von Tirol schlafen '. Tests übergeschäftig und industrieoerdorben ... die Martins- wand endlich, wo der Strom, eingeengt auf zehn Meier Breite, wütend gegen den Fels prescht und mit riesigen Widerwellen zurückprallt und ganz und gar deinen neuen Dreß durchnäßt. Geh ... fei nicht böse druml


