sagte er dem Major, „Sie haben recht. Hätten die Pferde einen Gott, so roar’ es ein Pferd; und hätten ihn die Löwen, so mär' es ein Löwe. Da mir nun Menschen sind, muß Gott für uns der ewige Vater sein im Himmel; denn Vater ist das Höchste, was wir Menschenkinder unter den Menschen verehren. Und es steht ja auch geschrieben: So ihr nicht werdet [ein wie die Kinder, wird das Himmelreich nicht euer! Das heißt: Wir sollen den Vater suchen!"
Der Todkranke war ermüdet. Er reichte Heinrich die Hand und sagte: „Werde diesen Gedanken nachgehen und hoffe, jetzt schlafen zu können."
Am nächsten Tag lieh der Major wieder den Geistlichen bitten, und Heinrich kam zu ihm.
„Hab' es durchdacht", begann der Major, „und fiel mir dabei ein ein Wort, was Quant;, des Königs Flötenlehrer und Kapellmeister, der große Kompostteur, über Musicam gesagt hat: Der unverdorbene Sinn ist natürlich und musikalisch! Hört nur die Kinder und die Mägde, die auf dem Felde singen bei der Arbeit! Aber dann kommen die Klügler und Tüftler und verderben natürliches Gefühl. Erst wieder die großen Meister kommen über den Umweg der Irrung empor zu einer großen Höhe, und dort oben empfinden sie neben aller ihrer Kunst, wenn sie groß sind, wieder als die Kinder. — Und nun, mein lieber Seelsorger, wollen wir versuchen, zu beten für meine arme Seele und den König!"
Es ward schlechter mit dem Major. Da bat er um die letzten Tröstungen, und Heinrich sprach mit ihm von der Unendlichkeit der Gnade Gottes, und daß einem jeden, auch falls er arg gesündigt hätte und arg gezweifelt, wenn er den Dater um Barmherzigkeit bäte, diese zuteil würde.
Während er noch sprach, öffnete sich die Tür. Heinrich ließ sich nicht stören und führte das Gebet mit dem Major zu Ende, das ihm selbst aus tiefstem Herzen kam und in dem er Gott inständig darum bat, auch diesen Sünder seiner Gnade teilhaftig werden zu lassen.
Als er aufstand, sah er hinter sich den König stehen, an der Tür einen Leibhusaren. „Er hat mich warten lassen, Pastor!" erinnerte der König und nahm Platz auf dem Stuhl, von dem sich Heinrich erhoben.
Heinrich erwiderte: „Halten zu Gnaden, Eure Majestät: Nicht ich armer Mensch habe den großen König warten lassen; es war der Herrgott, der größer ist als ein König!
Friedrich ergriff die Hand des Majors, der sich mühsam ein .wenig aufgerichtet hatte, und sagte: „Hab' gehört, wir müssen Abschied nehmen, mein lieber, alter Herzfelde. Es steht übel um Ihn, aber Er ist ja ein tapferer Mann!"
Der Major blickte auf Heinrich: „Der Mensch ist tapfer und hoffärtig, solange er stark und kräftig ist. Auf dem Schmerzenslager wird er müde und braucht Zuspruch, Trost; er muß die Gedanken abwenden vom Tun und Treiben dieser Erde."
„Hab' gehört durch Briese der Aerzte, daß Er, als ein echter Philosoph und Kavalier von Sanssouci, alles mit Gleichmut erträgt!"
„Eure Majestät wissen, daß ein echter Philosoph sich der Wahrheit nie verschließen soll. Hab' hier nun viel oernommen und erfahren. Waren Eurer Majestät verwundete Krieger mein Vorbild; und wenn ich zuvor Eure Majestät geliebt und geehrt habe — hier hab' ich gelernt, für Eure Majestät zu Gott zu beten ..
Der König hatte Tränen in den Augen und sagte: „Ich danke Ihm, mein lieber Herzfelde, für alles, was Er in meinen Diensten getan!" Und er beugte sich über den Liegenden und küßte ihn auf die Stirn.
Heinrich entfernte sich leise, warf das geistliche Gewand und die Perücke ab; war es doch seine Pflicht als Vorstand des Lazaretts, beim König Reverenz zu erweisen. Er tat es, als der König in den Saal trat, militärisch.
Der König schaute mit blanken Augen auf: „Ist Er ein Komödiant? Ich sah Ihn doch soeben als Geistlichen verkleidet, und Ihn kenne ich doch an der Narbe! Er ist doch mein Kriegskommissar Heinrich Fritsche?''
,Lu Befehl, Eure Majestät!"
„Und wie kommt Er dazu, den Geifllichen zu spielen?"
„Halten zu Gnaden, Majestät: Der Hospitalgeistliche ist schwer erkrankt, und die Sterbenden und Leidenden brauchen geistlichen Zuspruch wie liebes Brot."
„Na — bann verwandle Er sich mit Gottes Hilfe immer hin und her, wenn's not tut! Ich werde Sein Ihm wohlaf-fektionierter König bleiben. Hat Er einen Wunsch, soll Er ihn mir sagen — er wird erfüllt werden!"
*
Eine Freude kommt nie allein. Am Abend des Tages, an dem Heinrich mit dem König gesprochen, kam ein Frelkorpssoldat in das Lazarett, begehrte den Herrn Kriegskommissar zu sprechen, und bat um Quittung über fünfundzwanzig Louisdors, indem er ein Schreiben überreichte.
Da fand denn nun Heinrich geschrieben eine' Bitte des Kapitäns Friedrich Wichclm Fritsche, die fünfundzwanzig Louisdors an seine alte Mutter in Solberg gütigst zu übermachen. Heinrich quittierte lachend und schrieb dem Bruder: Da er doch in der Nähe sei, möge er bei ihm vorsprechen.
Und wirklich: Zwei Tage danach kam zu Pferde der riefenlange Kapitän und traf Heinrich durch Zufall auf dem Marktplatz von Freiberg. Das war nun freilich eine Freude. Beide gingen sie in die „Krone'', setzten sich nieder bei einer Flasche Ungarwein, und es gab ein Erzählen hin und her.
„Wie ich's zum Kapitän gebracht habe?" wiederholte Friedrich Wilhelm Heinrichs Frage. „Weil's der liebe Gott und der König so gewollt! Das war bei Leuth en, wo -rotr’s mit zweiunddreißigtausend gegen achtzig- tausend geschafft haben. Sie haben uns als .preußische Wachtparade' verhöhnt, aber wir haben ihnen alle Geschütze abgenommen und bas Heer so demoliert, daß die Hälfte tot, gefangen ober verwundet war.
Die Garde stand vor dem Kirchhof von Leuthen — drin hatten sich die ungarischen Grenadiere festgesetzt —, und den mußten wir stürmen. Der junge Kapitän Möllendorf kommandierte unsere Kompanie. Als wir in den Kirchhof einbrachen, sah ich die feindliche Fahne und dacht' mir: Die mußt du holen — die ist der Preis! Und kam auch nahe heran. Wollt' ihm das Bajonett in den Leib rennen — zerschmettert mir ein ungarischer
Grenadier mein Gewehr in zwei Stücke mit dem Kolben, und der Hauptmann 'baut mir eins über die Blechmütze, daß mir die Ohren summten und das Blut aus der Stirn fprang. Da packte mich die Wut — lief ihn mit den Fäusten an, stieß ihm die Linke In den Mund, baß die Zähne herausflogen; mit der Rechten brach ich 'den Säbel ihm aus der Faust. Ging schneller, als ich's dir erzählen kann.
Blitzten um mich die Bajonette, aber ich schwang den Säbel wie ein Rad: Drauf «uf den Faliuenträger — nahm ihm die Fahne und brüllte .Hurra!', als ob Ich am Spieß stäke. Die Kameraden nach, und ich schreie: rffab’ die Fahne! Wir haben gesiegt!'
Und wir behielten die Fahne unb haben gesiegt! Wer nicht von ben Ungarn um Pardon bat, dem schlugen wir den Schädel ein.
Ich blutete stark. Der Feldscher riß dem ungarischen Hauptmann die schwarzseidene Halsbinde ab und verband mich damit. Und es war falt. Jetzt erst merkte ich das Fieber, das mich anpackte. Die Kameraden nahmen zerbrochene Flintenschäfte und Teile von österreichischen Wagen und machten ein großes Feuer. Unb wie ich so in die Flammen schaues kommt ber König zur Garbe geritten. Alle Grenadiere springen auf und stehen stramm, ohne das Gewehr in die Hand nehmen zu können.
Und der König kommt zu uns heran und sagt sehr freundlich: .Kinder, es war ein stolzer Ehrentag für die preußische Garde! Nach hundert Jahren werden sie davon noch sagen!' Und da fällt fein Auge auf mich: Ich stund da mit verbundenem Kops, in der Hand die österreichische Fahne und in der andern den schweren Säbel. .Was soll das?' fragt der König. .Halten Eure Majestät zu Gnaden: Ich habe heute beides in ber Bataille auf dem Kirchhof zu Leuthen erbeutet unb mir dabei bie Blessur geholt!'
Da tritt 'ber Kapitän Möllendorff hinzu unb meldet: .Der Korporal hat sich sehr dabei ausgezeichnet! Er ist der Erste gewesen, ber in den Kirchhof einbrangl'
Sagt der König: .Wie heißt Er? Sein Gesicht kenne ich doch!'
.Halten Eure Majestät zu Gnaden: Ich bin der gewesene Förster, mit dem Eure Majestät zu Dresden im Monat April zu sprechen geruhten!'
Da war ber König sehr freundlich und sagte: Ja, so? Hätt' Ihn kaum wiedererkannt mit der Binde, Korporal! Freu' mich doppelt, daß Er's grat) ist, ber sich hervorgetan hat! Da Er schon einen Qssiziersdegen in ber Hand hält, so will ich Ihn zur Belohnung für feine Konduite und seine Courage gleich zum Leutnant ernennen unb Ihm aus meiner Schatulle fünfzig Dukaten zu feiner Ausrüstung bewilligen. Aber Er ist nicht vom Abel, und darum muß Er fort aus ber Garbe. Er soll sich beim Freibataillon melden, das der Major von Wunsch jetzt errichtet! Also adieu, Leutnant — halt' Er sich fernerhin brav!'
Das Freibataillon war nun eine andere Kohorte als bie Garbetruppe; bie Offiziers hatten in aller Herren Ländern gebient. Obgleich es bei Strafe der Kassation vom König verboten ist, hab' ich dreimal zum Zweikampf antreten müssen. Nun, zum Glück schieße ich gut, und wenn ich meine Prim schlage, hilft «keine Parade — ich haue sie durch.
Unb nun die Truppe, sage ich bir! Ohne Pistolen in ber Schärpe kann ich mich vor ben Leuten kaum sehen lassen, wenn sie auch meine Fäuste fürchten; alle Taugenichtse, Landstreicher unb Deserteure aus ganz Europa werben ohne Bedenken bei uns angenommen. Ja, wir rekrutieren sogar aus Zuchthäusern und Gefängnissen. Der Benedix, der dir den Brief überbracht hat, ist wenigstens ein ehrlicher Verbrecher. Er hat nur seinem Herrn, ber ihm die Tochter verführen wollte, ein- wenig ben Schübe! eingeschlagen. Ich hab' ihn vom Galgen losgekauft, unb nun ist er mir treu wie ein Schäferhund.
Die Zuverlässigen von meinen Leuten habe ich mit Pirschbüchsen nach Jägerweise ausgebildet. Das war in ben Wäldern von Oberschlefien besonders einträglich. Wir haben Transporte abgefangen, die von zweihundert unb mehr Leuten begleitet wurden, weil wir ihnen erst sauber die Offiziers wegputzten unb die Leute solä)e Angst vor unserer Treffsicherheit hatten, daß sie alles stehen- und liegenließen. 1759 im Sommer wurde Ich Promierleutnant und erhielt eine eigene Kompanie und war bann 1760 schon Stabskapitän. Das Avancement bei uns ist rasch, denn der König schont uns nicht, und die Offiziers, wenn sie sich nicht oorsehen, fallen wie die Fliegen im Spätherbst.
Am Abend vor der Schlacht bei Liegnitz am 15. August scharmutzierten wir Freibataillone mit den Feinden umher, wie es Gewohnheit ist. Da seh' ich plötzlich einen österreichischen Deserteur, den die Kroaten verfolgen. Der Mensch kommt im vollem Lauf auf uns zugerannt, so schnell ihn feine Füße nur tragen können. Ein Kroatenoffizier auf einem schönen Pferd sprengt hinter dem Kerl drein und hat ihn schon fast eingeholt. Da ließ ich mir eine Büchse geben, zielte und schoß dem Kroatenoffizier durch die Brust, daß er gleich vom Pferd plauzte.
Nun verhörten wir ben Deserteur. Er war ein geborener Preuße unb von den Oesterreichern zwei Jahre zuvor zwangsweise unter ihre Regimenter gesteckt worben. Er war mit Lebensgefahr entwichen, um dem König bie wichtige Nachricht zu bringen, baß der General Loudon am andern Morgen in aller Frühe das Lager bei Liegnitz angreifen wolle.
Ich brachte ben Kerl zum König, der ihn eindringlich befragte unb bann seinen Plan faßte. Die Tambours, bie Kranken und maroden Leute mußten im Lager zurückbleiben und einen Spektakel machen, als wenn alle Truppen versammelt wären. Der König aber marschierte mit uns anderen in der Dunkelheit ab unb legte sich im Hinterhalt auf bie Höhe über ber Straße, wo ber General Laubon mit seinen Truppen vorbei mußte.
So schlau ber alte Fuchs Laudon war — diesmal ging er uns doch in die Falle: Die Sonne war noch nicht aufgegangen — es war eine gelbe Dämmerung mit Nebel —, da griffen mir unversehens die unbesorgt einhermarschierenden Feinde von allen Seiten an. Um sechs Uhr morgens hatten wir schon die Oesterreicher total geschlagen und viel Beute, Kanonen und Gefangene, ihnen abgenommen.
(Fortsetzung folgt.)
verantwortlich: vr. Hans Thhridl. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buck- und Eleindruckerei, D. Lange, Giesten.


