Ausgabe 
12.9.1932
 
Einzelbild herunterladen

Jakob I

(Fortsetzung folgt.)

d,Cn Atter','J h^r seid verrückt!" sagte ich, einen scheuen Blick nach dem höl­zernen Weingott werfend,es ist der Schein der Kerzen der an ihm hin- und herslackert." Dennoch war mir wunderlich zu Mute, ich folgte dem 'Alten aus dem Dacchuskeller. Und war es denn auch der Schein der Kerzen war es auch Täuschung, als ich mich umfah? Nickte er mir nicht mit dem runden Köpschen, streckte er mir nicht das eine seiner Beinchen nach und schüttelte und krümmte sich vor heimlichem Lachen? Ich rannte unwillkürlich dem Alten nach und schloß mich dicht hinter ihm an.

Jetzt zu den zwölf Aposteln", sprach ich zu ihm,wie sollen uns dort die Proben munden!" . _

Er antwortete nichts; kopsschüttelnd ging er weiter. Man steigt vom Keller einige Stufen aufwärts zum kleinen Kcllerlem, zum unter­irdischen Himmelsgewölbe, zum Sitz der Seligkeit wo die Zwolse Hausen. Was seid ihr Trauergewölbe und Grüfte alter Königshäuser gegen diese Katakomben, Pslanzet Särge neben Särge, rühmet auf schwarzem ^Mar­mor die Verdienste des Mannes, der hier einerfröhlichen Urständ ent- aeaenschläst stellt einen schwatzhaften Cicerone an, in Trauermantel und florumhängtem Hute, laßt ihn die absonderliche Herrlichkeit dieses oder

jenes Staubes rühmen, laßt ihn erzählen von den trefflichen Tugenden eines Prinzen, der in der Bataille jo und so gefallen, von der holden Schönheit einer Fürstin, auf deren Sarge die jungfräuliche Myrte sich um die kaum erblühte Rosenknospe schlingt es wird euch di« Sterb­lichkeit mahnen, es wird euch vielleicht eine Trane kosten; aber kann es euch also rühren, wie der Anblick dieser Schlafkammer eines Jahrhun- detts, dieser Ruhestätte eines herrlichen Geschlechtes? Da liegen sie m ihren dunkelbraunen Särgen, schmucklos, ohne Glanz und Flitter. Kem Marmor rühmt ihr stilles Berdienst, ihre anspruchslose Tugend ihren vortrefflichen Charakter; aber welcher Mann von einigem Gefrchl für Tu aenden dieser Art fühlt sich nicht innig bewegt, wenn der alte Ratsdiener, dieser Aufwärter in den Katakomben, dieser Küster der unterirdischen Kirche die Kerzen auf die Särge stellt, wenn dann das Licht auf die er­habenen Namen der großen Toten fällt! Wie regierende Häupter fuhren auch sie keine langen Titel und Zunamen; einfach und groß stehen di« Namen auf ihren braunen Särgen geschrieben..Dort Andreas hieri Jo Hannes, in jener Ecke Judas, in dieser Petrus. Wen rührt es nicht wenn er dann hört: dort liegt der Edle von Nierenstein geboren 1718, hier der von Rüdesheim, geboren 1726. Rechts Paulus, unks Jakob, der gute

Der Herr Senator D.? Warum? Fragte er nach mir?"

"Nein er hieß mich nur die Proben herausnehmen. (

-'»Id-«- d «U. mann.

intern er anjlng. einige niedlich. Fläschchen mit langen Papi.rFr.iien an -LN lagt, mir in. ich 16.» den »ein v-n te-

aber »im 'lB.li.in *rrn »am Senat S<» d^ Herr Doktor die Zungenprobchen herausnehmen,und so w,U ich s

Ä» U>«.*« < S'a. na«: «»«. SÄU 'S ?Ä= WÄÄt SBäS » j« als wollt' er sprechen, bald nahm er die Proben vom Tische und। packte fi(> in leine weiten Taschen, bald nahm er sie zögernd wieder heraus, um au den T sch »u setzen. Es ermüdete mich.Nun, sollen wir bald gehend" rief ich voll Sehnsucht nach dem Apostelkeller,w,e lange wollt nnrh an (Euren ©löschen hier qus= unb einpacrcn.

Der ernste Ton, in welchem ich dies sagte, schien ihm Mut zu mache . Ziemlich bestimmt antwortete er:Es geht nicht, nein! heute g h "^^ataubt^hierin einen jener gewöhnlichen Kniffe zu sehen, womit Lmusverwalter Kastellane oder Kellermeister dem Fremden Geld abzu- uvacken suchen', druckte ihm ein hinlängliches Geldstuck in die Hand und nahm ihn beim Arm, ihn sortzuziehen. cr

Nein so war es nicht gemeint , entgegnnete er, inoem er das"Geldstück zurückzuschieben suchte;so nicht fremder Herr^lchwl nur aerobe heraussagen; mich bringt man nicht mehr in den Apostel- telfer9in dieser Nacht, denn wir schreiben heute den ersten September.

Und welche Torheit wollt Ihr daraus folgern ? ..

"Nun in Gottes Namen, Sie können denken davon, was Sie wollen, es ist dort nicht geheuer in dieser Nacht, das macht, es ist der Jahrestag ^dHadite daß die Halle dröhnte.Nein! in meinem Leben habe ich doch Io manchen Spuk erzählen gehört, ober einen Weinspuk nie! Schämt Ihr Euch nicht mit Cuern weihen Haaren, noch solches Zeug zu schwatzen. Doch hier ist nicht lange zu spaßen. Hier ist die Dollmach des Senats, hn Keller darf ich trinken heut« nacht, ohne nach Zeit und Raum zu fragen. Darum im Namen des Rates heiß' ich Euch folgen. Schließe den ^^Dies? wütte^ unwillig, aber ohne etwas zu entgegnen nahm er die Kerzen und winkte mir, zu folgen. Es ging zuerst wieder durch den aroßen Keller dann durch kleinere, bis der Weg in einem engem schmalen ^ana zusammenlief. Dumpf tönten unser« Schritt« in diesem Hohlweg, unb unsere Atemzüge tönten, wenn sie an den Mauern sich brachen, wie fernes Geflüster Endlich standen wir vor einer Tur, die Schlussel raffel­ten sie gähnte ächzend aus, der Schein der Lichter fiel in das Gewölbe, mir aeaenüber saß Freund Bacchus auf einem mächtigen Weinfaß. Er­quickender Anblick! Sie hatten ihn nicht zart und sein dargestellt, die a en Bremer Künstler, nicht zierlich als einen griechischen Jüngling, sie hatten ihn nicht alt und trunken sich gedacht, mit gräßlichem Bauch, verdrehten Auaen und hängender Zunge, wi« ihn die gemein gewordene Mythe hin und wieder gotteslästerlich abkonterseit. Schmählicher Anthropomorphis­mus blinde Torheit des Menschen! weil einige fetnerim Dienst ergrauten Priester einhergehen, weil ihnen voll guten Mutes der Leib an- schwoll di« Nase von dem brennenden Widerschein der dunkelroten Flut sich färbte das in stummer Wonne auswärts gerichtete Auge stehen blieb, so legten sie dem Gott bei, was seine Diener schmückt!

Anders die Männer von Bremen. Wie fröhlich und munter redet der alte Knabe auf dem Faß! das runde, blühende Gesicht, di« kleinen mun­tern Weinäuglein, die so klug und neckend herabsehen, der breite, lächelnde Mund der sich an mancher Kanne schon versuchte; der.kurze, kräftige Hals das ganze Körperchen von behaglichem, gutemLeben strotzend. Ganz besondere Kunst hat aber der Meister, der dich geschaffen auf Arme und Beinchen gelegt Meint man nicht, dein kräftiges Aermlein wmde sich bewegen, du werdest mit den runden Fingerchen ein Schnippchen schlagen und der breite, lächelnde Mund werde sich austun zu einem munteren Juheisa, Heisa, He! Ist man nicht versucht zu glauben, du werdest im tollen Weinmut die runden Kni« beugen, den Waden anlegen, mit den Fersen stauchen und das alte Mutterfaß in Galopp setzen daß alle Rosen, Apostel und andere gemeinere Fässer mit Hussa und Hallo dir nachjaqen durch den Keller? . ,

V^rr des Himmels!" rief der Ratsdiener, indem er sich an m,r sest- klammerte,seht Ihr nicht, wie er die Augen verdreht und mit dem Futz-

Berühmte Unbekannte in unserer Sprache.

Bon Dr. Max Kemmerich, München.

Wollte das klassische Altertum einem Menschen unsterblichen Nachruhm sichern, dann versetzte es ihn an den Sternenhimmel So stahlen noch heute die Haare der B e r e n i k e" vom Firmament. Sie war die Gattin Piolernäos' III. von Aegypten und wurde wegen langst vergessener Der- bienfte ober aus Servilismus des Hosastronomen dieser Ehre gewürdigt. Das Gestirn aber bereichert bis heute unseren Sprachschatz.

Noch heute wird berühmten Persönlichkeiten dieselbe Ehrung 3uted. Aber weit entfernt, sie an den Himmel zu fefeen benennt man in höchst irdischer Weise nach ihnen Gegenstände des täglichen Gebrauches. Man denke etwa anBismarckheringe"! Nicht immer hat der Volksmund eine Ehrung im Sinne. Sprechen wir vomZeppelin" oder vom »Benz , dann ist es uns sicherlich mehr um Abkürzung zu tun mir haben ja so chrecklich wenig Zeit als um Glorifizierung. Und wenn damit die Sprache bereichert wird, so muß man doch fragen: auf wie lange? Denn der Name dürste kaum das Fabrikat überleben, um dann durch neuer« oerbränqt zu werden. Denn Unsterblichkeit ist selten im Reiche der Technik daheim sondern nur in dem des Gedankens. Dazu ist die Technik zu sehr erbgebunben, materiell. Don. Platon oder Goethe Ipredjen mir nie wie von Zeitgenossen, ihr Wort fällt vollgültig in die Waagschale. Wer aber kennt noch die Erfinder des Flugzeugs, des Automobils, des Radio, des Kinos? Und wir standen doch als Mitlebende Pate an deren Wiege. Das mag ein Unrecht fein, das wir den Erfindern zusugen, aber die Tatsache läßt sich nicht in Abrede stellen

Nun wollen wir eine Reihe von Sachbezeichnungen ausfuhren, die aus Eigennamen hervorgingen, ohne daß wir uns dessen noch bewutzt wären. "Vielleicht ist es nicht ohne Interesse, einiges über die ursprüng­lichen Namensträger zu erfahren. , ...

Jedermann kennt dasNikotin" des Tabaks. Wenige aber wissen, wer Jean Nicot war, noch tpie er zur Ehre kam, seinen Namen leihen zu dürfen. Als Gesandter der sranzösischen Königin Katharina von Medici vertrat Nicot ihre Politik am portugiesischen Hose, frer lernte er ben Tabak kennen unb beschaffte bie Pflanze mit Samen im.Jahre 1560 für feine Herrscherin. So wenig sich der NameKraul der Königin , w e mancher andere durchsetzen konnte, so allgemein der des darin eMhadenen AlkaloidsNikotin". Und zwar seit 1828, als seine Entdecker Po sse lt und Reimann es nach dem Franzosen benannten, eine Artigkeit, die ihm die Unsterblichkeit sicherte, die durch sein Verdienst der Einfüh­rung der Pflanze in Frankreich ganz sicherlich nicht verbürgt war.

Ganz ohne eigenes Verdienst kam der Florentiner Amerigo Ve- svuzzi zur Ehre, einen ganzen Erbteil benennen zu dürfen. An ihn denkt man sicherlich nur selten und wohl gar nicht an jenen Mann, nach dem sich einer der schönsten Gebirgszüge Europas benennt, an den fran­zösischen Geologen D o l o m i e u. Wir können uns kaum vorstellen, daß diese Namensgebung so wenig in die graue Vorzeit zuruckrelcht, daß z. B. die Erstausgabe des Brockhaus von 1815 dieDolomiten noch gar nicht kennt Dieser Dolomieu (1750-1801) publizierte zuerst auf Grund seiner Reisen in Tirol und Graubünden seine Forschungsergebnisse über das nach ihm benannte rötliche Gestein und dessen Entstehung aus Meeres- ablaqerungen. Sicherlich hatte er keine Ahnung dadurch einmal zum Taufpaten eines herrlichen, mächtigen, die Ausbreitung der Deutschen nach Süden begrenzenden Gebirgsstockes zu roerben.

Wir übersehen jene geographische Namen, die noch deullich an bi« durch sie geehrten Personen erinnern: Lüderitzbucht, nach dem I000 verstorbenen Bremer Grohkaufmann benannt, Bismarckarchipel, K a i s «r- Franz-Joseph-Land usw. Dürfen wir aber den Pri« ßn i tz - Umschlag nach dem 1851 verstorbenen Wiederbegründer der Wasser- Heilkur getauft, die Kneippkur nach dem Pfarrer in Wdrishofen die Röntgenstrahlen als Personen- oder Sachbezeichnungen gelten lassen? Hier ist die Grenze schwer ober gar nicht zu Ziehen

Hingegen denkt jedermann bei derFuchsie" nur an die schone Blume, aber sicherlich nicht an den 1566 verstorbenen großen Botaniker Leonhard Fuchs der zudem mit ihr gar nichts zu tun hatte. Denn Zuerst be­schrieb sie der Franziskaner P l u m i e r, der sie in Südamerika entdeckt hatte Er gab ihr den Namen aus Verehrung für ben deutschen Botaniker. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie in unsere Garten eingesuhrt.

Wer vonMansarde" spricht, wird wohl auch nur selten des Archi­tekten am Hofe des Sonnenkönigs, Jules Harduin-Mansar b (lb4b bis 1703), des Erbauers von Versailles, gedenken. Mansarde wurde zur reinlichen'Sachbezeichnuna wieGuillotine", eine englische Erfindung, sur die der französische Arzt Ouillotin (1738 bis 1814) aus human, aren i Gründen sich in der Nationalversammlung 1789 derart ins Zeug legte, bis man sie ihm aus politischer Gegnerschaft zuschrieb.