Jahrgang (952
Montag, den 12. September
Nummer i
GichenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Oer König in Thule.
Bon 3. W. von Goethe. Es war ein König in Thule Gar treu bis an das Grab, Dem sterbend seine Buhle Einen goldnen Becher gab. Es ging ihm nichts darüber. Er leert ihn jeden Schmaus: Die Augen gingen ihm über. So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben. Zählt er seine Stadt im Reich, Gönnt alles seinem Erben, Den Becher nicht zugleich
Er saß beim Königsmahle, Die Ritter um ihn her. Auf hohem Vätersaale
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher, Trank letzte Lebensglut Und warf den Heilgen Becher Hinunter in die Flui.
Er sah ihn stürzen, trinken Und sinken tief ins Meer.
Die Augen täten ihm sinken: Trank nie einen Tropfen mehr.
Phantasien im Bremer Ratskeller.
Von Wilhelm Hauff.
„Mit dem Menschen ist nicht auszukommen", sagten sie, als sie in meinem Gasthof die Treppe hinabstiegen, und ich konnte es noch deutlich i)ören. .Letzt will er wieder schlafen von neun Uhr an und leben wie ein Murmeltier: wer hätte das gedacht vor vier Jahren."
Sie hatten nicht unrecht, die Freunde, daß sie mich in Unmut verließen. Gab es ja doch heute abend eines der glänzendsten musikalischen, tanzenden und deklamierenden Butterbrote in der Stadt, und hatten sie sich nicht alle mögliche Mühe gegeben, mir, dem Landfremden, einen angenehmen Abend dort zu' verschaffen? Aber es war wahrhaftig unmöglich: ich konnte nicht gehen. Warum sollte ich einen tanzenden Tee "besuchen, wo sie nicht tanzte, warum ein singendes Butterbrot, wo ich (ich mußte es zum voraus) hätte singen müssen, ohne von ihr gehört zu Werden: warum einen trauten Kreis von Freunden durch Trübsinn und sinsteres Wesen stören, das ich nun heute nicht verbannen konnte. D Gott! ach wollte ja lieber, daß sie mir auf der Treppe einige Sekunden fluchten, •als daß sie sich von neun Uhr bis dreizehn Uhr langweilten, wenn sie mur mit meinem Körper sich unterhielten und bei der Seele umsonst an- irogten, die einige Straßen weiter auf Unserer-Lieben--Frauen-Kirchhof «nachtwandelte. . ... . m
Aber das tat mir wehe, daß mich die guten Gesellen sur ein Murmel- ^>er hielten und dem Drang nach Schlafe zuschrieben, was aus Freude Qm Wachen geschah. O, nur du, ehrlicher Hermann, wußtest es mehr zu «würdigen. Hörte ich denn nicht, wie du unten auf dem Domhof sagtest. -.Schlaf ist es nicht, denn seine Augen leuchten. 'Aber entweder hat er wieder zu viel oder zu wenig Wein getrunken, das heißt, er trinkt noch «welchen und — alleine." ,
Wer verlieh dir denn dies« prophetische Kraft? Oder konntest du Änen, daß meine Augen wacker waren, weil sie heute nacht alten vtheinwein schauen sollten, konntest du wissen, daß ich gerade heute von
Patent und Erlaubnisschein, vom Rate auf meine Person ausgestellt, Gebrauch machen werde um di« Rose und eure zwölf Apostel zu ve- Mußen? Und überdies, war denn heute nicht mein Schalttag?
Meines Erachtens ist es reine üble Gewohnheit, die ich von meinem Großvater angenommen, nämlich hie und da Einschnitte zu machen in 86,1 Baum des Jahres und sinnend dabei zu verweilen. Wenn der Mensch «Ur Neujahr und Ostern, nur Christfest oder Pfingsten feiert, so kommen h'n endlich diese Ruhepunkte in der Geschichte seines Lebens so alltäglich
daß er darüber hinweqgleitet ohne Erinnerung. Und doch ist es gut, «enn di« Seele, sonst immer nach außen gerichtet, auch einmal aus em *tiar Stunden einkehrt im eigenen Gasthof ihrer Brust, sich bewirtet an
der langen Table ü'hote der Erinnerung und nachher gewissenhaft die Rechnung ad notam schreibt. Der Großvater nannte solche Tage seine Schalttage. Richt daß er etwa ein Bankett veranstaltete mit seinen Freunden, oder den Tag lustig und in Freuden lebte, in Saus und Braus: nein, er kehrte ein bei sich, und seine Seele schmauste in der Kammer, die sie seit fünfundsiebzig Jahren kannte. Roch jetzt, da er längst im kühlen Friedhof ruht, noch jetzt kann ich es seinem holländischen Horaz ansehen, welche Stellen er an solchen Tagen gelesen: noch jetzt, als wäre es gestern geschehen, sehe ich sein großes, blaues Auge sinnend auf den vergelbten Blättern feines Stammbuchs weilen: und wie deutlich sehe ich, wie dieses Auge nach unb nach sich füllt wie eine Träne in den grauen Wimpern zittert, wie der gebietende Mund sich zusammenpreßt, wie der alte Herr langsam und zögernd die Feder ergreift und „einem seiner Brüder, -er geschieden", das schwarze Kreuz unter den Namen malt.
„Der Herr hält seinen Schalttag", pflegten die Diener uns zuzu- wispern, wenn wir Enkel laut und fröhlich, wie gewöhnlich, die Treppe hinanstürmten: ,cher Großvater hält seinen Schalttag", flüsterten wir uns zu und glaubten nicht anders, als er beschere sich selbst den heiligen Christ, weil er ja doch niemand habe, der ihm den Christbaum anzünde. Und war es nicht so, wie wir in kindischer Einfalt glaubten? Zündete er nicht den Christbaum seiner Erinnerung an, flammten nicht tausend flimmernde Kerzen auf, di« Lieblingsstunden eines langen Lebens, und schien er nicht, wenn er am Abend des Schalttags still und ruhig im Sessel saß, sich kindlich zu freuen an den Gaben der Vergangenheit?
Es war sein Schalttag wieder eingetreten, als sie ihn hinaustrugen. Ich mußte meinen, als ich dachte, daß der alte Mann seit langer Zeit zum erstenmal wieder in die freie Luft komme. Sie führten ihn den Weg, auf dem ich so oft an seiner Seite gegangen war. Aber nicht lange, so beugten sie über die schwarze Brücke und legten ihn tief in die Erde. „Run hält er seinen rechten Schalttag", dachte ich. „aber wundern soll es mich doch, wie der alte Herr wieder da heraufkommen will, denn sie haben doch viele Steine und Rasen auf ihn hinabgeworfen." Er kam nicht wieder. Aber fein Bild blieb in meinem Gedächtnis, und als ich heran- gewachsen war, gehörte es zu meinen liebsten Beschäftigungen, feine feine, offene Stirne, das klare Auge, den gebietenden und doch so freundlichen Mund mir vorzumalen. Mit seinem Bilde stiegen tausend Erinnerungen auf, und seine Schalttage waren mir die Lieblingsstücke in der langen Bildergalerie
Und ist denn heute nicht der erste September, den auch ich mir zum Schalttag erwählt«? Und ich sollte Butterbrot verzehren in feiner Gesellschaft und allerlei Arien absingen hören mit beigefügtem Applaus unb Gezwitscher? Nein! Heraus mit dir, köstliches Rezept, das kein Arzt der Erde so köstlich mischt! Hinab zu dir, alte, wahrhaftige Apotheke, um „nach Borschrift jedesmal einen Römer voll zu nehmen".
Es schlug zehn Uhr, als ich die breiten Stufen des Ratskellers hinabstieg: ich durste hoffen, keinen Zecher mehr zu finden, denn es war Werktag bei andern Leuten und draußen heult« der Sturm, di« Windfahnen stimmten sonderbare Weisen an, und der Regen rauschte auf das Pflaster des Domhoss. Aber der Ratsdiener maß mich mit fragenden Blicken vom Kopf bis zum Fuß, als ich ihm die Anweifung auf einigen Wein darreichte.
„So spät noch, und heute, in dieser Nacht?" rief er.
„Mir ist es vor 24 Uhr nie zu spät", entgegnete ich, „unb nachher ist es wohl frühe genug am Tage."
„Aber muß es denn —" wollte er eben fragen, doch Sigill und Handschrift seiner Obern fiel ihm wieder ins Auge, und schweigend, aber nicht ohne Zögern schritt er voraus durch die Hallen. Welch herzerquickender Anblick, wenn sein Windlicht über die lange Reihe der Fässer hinstreiste, welch sonderbare Formen und Schatten, wenn es an den Schwibbogen des Kellers zitterte und die Säulen im dunklen Hintergründe wie geschäftige Rüper um die Fässer schwebten! Er wollte mir eines jener kleineren Gemächer aufschließen, wo höchstens sechs bis acht Freunde, eng zusammengerückt, den Becher kreisen lassen können. Doch, mit trauten Gesellen liebe ich ein solches heimliches Plätzchen: der enge Raum drängt Mann an Mann, unb die Töne, die hier nicht verhallen können, klingen traulicher: aber allein unb einsam liebe ich freiere Räume, wo ber Gedanke, gleich den Atemzügen, sich freier ausdehnt. Ich wählte einen alten gewölbten Saal, den größten in diesen unterirdischen Räumen, zu meinem einsamen Gelage.
„Erwarten Sie Gesellschaft?" fragte ber Mann an meiner Seite.
„Ich bin allein,"
„Sie könnten ungebeten welche haben", setzte et hinzu, indem er sich scheu nach den Schatten umsah, die feine Lampe warf.
„Wie meint Ihr das?" fragte ich verwundert.
„Ich meinte nur so", antwortete er, indem er einige Kerzen anzündete und einen großen Römer vor mich hinsetzte. „Man spricht mancherlei vom ersten September, der Herr Senator V. waren übrigens schon vor zwei Stunden da, und ich erwartete Sie nicht mehr."


