fiap verstehenden deutschen Hüttenleute recht viel Gold aus Kupfer- und Silbererzen im Laufe uer Zeit gewonnen, wie vor allem bei Mansfeld, im Erzgebirge und schon in recht früher Zeit bei Frankenberg In Hessen.
Geologisch steht das goldführende Gebirge von Frankenberg in Ber- bindung mit dem des jüngst in der Presse viel genannten, zu Waldeck gehörenden Edertales. Jahrhundertelang ist in diesem schon Gold gewaschen, ohne daß man seinen Ursprung ermitteln konnte. Das ist-nun aber einem Siegener Gewerken mit Unterstützung eines namhaften deutschen Geologen gelungen. Dieser glaubt den Wert des in dem Hauptgangzug des „Eisenberges" abgesetzten Goldes im Werte auf mehr als zwanzig Millionen Mark anschlagen zu können, und nun hat sich die „Preußag" entschlossen, die Ausbeutung dieser Lagerstätte mit den er- forderlichen Geldmitteln in die Hand zu nehmen.
Besuch am Gotthard.
Von Hermann Hesse.
So oft ich schon in den Bergen war, so habe ich doch bis heute nur viermal einen Steinadler gesehen. Das erstemal, da war ich noch fast ein Knabe, und als ich hoch in silbernen Lüften den sicheren, schönen Vogenflug des großen Vogels wahrnahm und als man mir sagte, das sei ein Adler, da schlug mir das Herz, und ich sah in dem königlich Schwebenden ein Lied und ein Sinnbild, folgte ihm mit durstendem Blick und behielt ihn für immer im Gedächtnis. Seither besuchte ich die Berge nie ohne eine stille Sehnsucht, ihn wieder zu sehen, und hundertmal hob ich auf Höhenwegen die Augen in halber Hoffnung. Selten hat sie sich erfüllt und sie blieb unvermindert in mir lebendig. Es gibt Dinge und Wünsche, an die ich alle atemlose Lebenslust und die Vorstellung der sehnlichsten Erdenwonne knüpfte; zu diesen gehören vor allen anderen die drei: eine sternklare Winternacht im Hochgebirge, eine abendliche Barkenfahrt auf der Lagune vor Venedig und dann das Erspähen eines Adlers über den Bergen. So oft Enttäuschung und Sorge mich müde macht, so oft ein leerer und unschöner Tag mich verdrießt und lähmt, flüchte ich zu diesen Bildern, und wenn sie auch zumeist Wünsche und unerfüllbar bleiben, so hat doch mein Verlangen darin ein festes und reines Ziel gefunden, und das ist schon halbe Genesung.
Kürzlich war ich eine Woche in Zürich, um den langen Winter zu unterbrechen und einmal wieder Kultur zu atmen, Menschen zu sehen und mich als Zeitgenossen zu fühlen. Es waren schöne, ausgesüllte Tage; ich sah neue Bilder, hörte Beethoven, Mozart und Hugo Wolf, verkehrte mit befreundeten Malern, sah bevölkerte Straßen, rasche Wagen und schon gekleidete Frauen, trank nachts meinen Wein bei lebhaften Gesprächen. Ich genoß das Vergnügen, in guten Läden gut bedient zu werden, ließ mich wieder einmal bequem und fein rasieren, nahm ein köstliches Dampfbad und saß gegen Abend in einem viel besuchten Cafe, wo es französische und italienische Journale, elegante Gäste, eifrige Kellner und gute Villards gab. Zugleich war ich mir mit Vergnügen bewußt, das alles herzlich und innig zu genießen, was den Stadtleuten längst schal und alltäglich war, und wahrscheinlich bin ich in diesen Tagen der zufriedenste Mensch in der ganzen Stadt gewesen.
Am Ende der Woche wollte es mir scheinen, es sei nun für diesmal genug und es wäre jetzt gut, wieder daheim zwischen Wald und See zu sitzen, im gewohnten Bett zu schlafen und auch wieder ans Arbeiten zu denken. Die Menschen fingen an, mir weniger zu imponieren, mir weniger lebendig und geistreich vorzukommen, auch fühlte ich ein Bedürfnis, die täglichen Kunstgenüsse nun in Ruhe nachzugenießen, denn sie begannen schon sich ein wenig zu verwirren und ein wenig blaß zu werden. Also nach Hause!
Aber nun hatte ich acht Tage lang über den Zürichsee hinweg die bleichen, stillen Alpen gesehen, und mit dem allmählichen Mlldewerden und Sattwerden war das lang nicht mehr gehörte Lied vom Steinadler und von der Winternacht im Hochgebirge mächtig in mir aufgewacht. Mein Reisegeld reichte noch für zwei, drei Tage aus, und ich beschloß, noch eine rasche Fahrt an den Gotthard zu tun, den ich im Winter noch nie gesehen hatte, außer im eiligen Durchreisen. Schneegernaschen und das übrige Winterzeug hatte ich bei mir, so brauchte ich nur noch ein Billett zu kaufen und einzusteigen.
Es mar ein grauer Tag, vom Wagenfenster aus konnte man außer den zunächst stehenden Bäumen, Hügeln und Häusern nichts unterscheiden, alles zerrann in blassem Nebelbrodem. Mit Ungeduld wartete ich auf ein Zeichen von Sonne und auf das Reißen der Nebel. In Arth, in Brunnen, in Flüelen erwartete ich es, und als wir Erstfeld passiert hatten — es ging schon gegen Mittag — und noch immer in Wolken und Dämmerung dahinfuhren, begann ich den Glauben zu verlieren und machte mich enttäuscht darauf gefaßt, oben Schneefall und Trübe anzutreffen. Selten bin ich mit so gespannter Aufmerksamkeit die wundervolle Gotthardbahn hinaufgesahren, aber Amsteg lag im Nebel, Gurtnellen lag im Nebel, die kühnen Reußbrücken lagen im Nebel, und als ich durch Maßen fuhr und auch dort noch keine Sonne antraf, gab ich die Hoffnung auf und sank in die Bank zurück. Die Berge sind ja Immer schön, und auch den Nebel genieße ich zu Zeiten gern, aber wenn man weiß, wie ein Sonnentag in den Alpen aussieht, und wenn man nur zwei bis drei Tage übrig hat, tut es immerhin weh, vergebens auf blauen Himmel zu warten.
Während ich schon anfing zu überlegen, ob mein Ausflug nicht eine recht übereilte Geldvergeudung sei, fuhr der Zug überhalb Waßen aus dem Kehrtunnel, und in dem Dunst und grauweißen Schneelicht glaubte ich plötzlich eine Ahnung von Bläue und Sonne zu spüren. Eilig sprang ich auf, öffnete das Fenster und späbte himmelwärts. Da drang langsam und unsicher eine hohe Felsenschrofse mit schrägen Schneeritzen rötlich aus dem Gewölk und wurde klarer und kam näher, und hinter ihr noch eine und darüber eine dritte; ein schwerer Windstoß fegte aus der Höhe herab, Wolkenfetzen zerstoben dünn und geisterhasi, und in wenigen
Augenblicken entschleierte sich das ganze Bergland, lag lachend und sonnenglänzend in einer duichstchtigen milden Luft und hatte einen reinen, stillen, fast veilchenblauen Himmel über sich. Ein tiefes Lustgefühl tarn über mich, hundert ähnliche Bergwintertage wachten in meiner Erinnerung auf, golden und strahlend und jeder ein Kleinod. Nun dachte ich nicht an den Adler und nicht an die Mondnacht mehr; leicht wie ein Knabe sprang ich In Göschenen aus dem Wagen und lief in die blaue Herrlichkeit hinein.
Alle Grate und Gipfel standen so wunderlich klar und nah, wie man sie nur an auserlesenen Wintertagen sehen kann, mit langen, violetten Schatten und gleißenden Schneefeldern. Es ging ein mäßiger Föhn, und die durchsonnte Lust war frühlingshaft warm. Wieder wie an manchen früheren Wandertagen stand ich häufig still und hatte im Umherblicken ein Gefühl, als sei alles ein Zauber und konnte plötzlich verschwinden. Und wieder hatte ich das seltsam selige, fast bange Wan- dergesühl: so verklärt siehst du die Erde nicht wieder! Aus der von Holzschlitten aufgewühlten, vom Wind bald blank gefegten, bald ganz zugewehten, mit etwa meterhohem, gefrorenem Schnee bedeckten Straße stieg ich langsam gegen den brausenden Wind bergan, der Schollenen und der Teufelsbrücke entgegen. Die berühmte, herrliche Straße und dieser ganze Teil des wilden Reußtales find im Winter noch schöner, als ich sie im Sommer sah. Und wie ein Märchen ist die junge, tosende Reuß, die in ihrer verschneiten Klamm unter bläulichen, häufig durch- brochenen Eisrinden hinabrollt, das einzige Leben in der weißen Todes- stille. Der kleine Wasserfall oberhalb der Teufelsbrücke war von einem scheinbar freischwebenden, aus dem Sprühstaub entstandenen Eis- baldachin mit hundert grotesken Spitzen überwölbt.
Die Wetterscheide von Andermatt war ein Erlebnis. Aus der wilden, rauhen, vom Winde durchpfiffenen Schlucht trat ich durch den kurzen Tunnel, der dort die Straße deckt, in ein weißes, blendendes Sonnenland Das breite Hochtal glänzte warm, die abschließende Höhenwand war bläulich verfchattet, das stille Hospenthal mit dem schwarzen Langobardenturm schlief klein und dunkel zwischen hohen Schneemauern, links suchte mein Auge die verwehte und für Monate vom Schnee gesperrte Furkastraße. In der „ft'rone4 trank ich einen Kaffee und wärmte mich i auf dem steinernen Sitzofen, den vor etwa siebzig Jahren der damalige I Besitzer Kolumban Camenzind erbaut hat. Sein und seiner Frau Namen stehen in altmodischer Schrift auf der mittleren Platte.
s Es ging gegen Abend, und der Schnee begann rötlich zu scheinen, da i kehrte ich um, und da geschah es, daß ich hoch am Berge noch über der : obersten Windung der Oberalpstraße einen Vogelflug vernahm. Es war ; ein großer, still und langsam kreisender Steinadler, und ich blieb stehen und sah ihm lange zu, seltsam von dieser Erfüllung meines fast vergessenen Wunsches betroffen. Und nun wußte ich, daß mir auch eine klare Mondnacht nicht fehlen würde, denn der Föhn hielt in mäßiger Starke noch immer an, und gegen Süden war der Himmel so rein blau, wie der offene Kelch des Frühlingsenzians.
I Der Rückweg talabwärts nach Göschenen war keine Arbeit mehr. ■ Im „Rößli" ließ ich mir Wein und Essen geben und ruhte eine Weile, ! bis nachts gegen 1 Uhr über den steilen Grad der fast noch völlige Mond ! herauskam. Da band ich die Gamaschen um, zog Fausthandschuhe an und wanderte durch das schlummernde Dorf und an dem alten Frutt- kirchlein vorüber den wunderbar stillen Weg durch das enge Seitental, dem Dammagletscher und der Göschenenalp entgegen. Ich schritt ohne Ziel und ohne Mühe, soweit der Pfad es erlaubte, und kehrte, als ich müde ward, langsam wieder um. Auf dem weichen Schneeweg hörte ich meine Schritte nicht, und auch sonst war kein Ton zu hären, in her : Höhe gegen den nachtblauen Himmel glänzte matt der überschneite ! Gletscher, das weiße Mondlicht erfüllte das Tal und war so hell, daß ich bei der Furtt die knapp aus dem Schnee ragende Tafel lesen konnte, ’ die man einem dort von der Lawine erschlagenen 16jährigen Knaben gesetzt hat. Groß und flimmernd standen viele Sterne in der Nacht, und ihr Leuchten und das weißschimmernde Mondlaub und das Schweigen der matten Gipfel will ich nie vergessen.
Als ich morgens nach mehreren Stunden eines tiefen Schlafes auf« stand und ans Fenster lief, war am oberen Rande des Gletschers schon wieder Sonne. Ins Tal kam sie freilich nicht, die Häuser der Fruti und die letzten diesseitigen Höfe von Göschenen haben von Ende Oktober bis Ende Februar keinen Sonnenstrahl. Aber vorne im Dorfe und im Reuß- tal abwärts mußte cs noch vor Mittag sonnig werden. Ich beschloß, einen Teil der Heimfahrt auf dem Bergschlitten zurückzulegen. Zwar hätte ich diesen Tag noch hier oben bleiben können, aber es sah aus, als würde sich morgen das Wetter ändern, und ich hatte keine Lust, diese beiden Glanztage mit einem trüben Abschied abzuschließen. So machte ich nur noch einen Schlendergang an die Schöllenen und zurück, nahm bann gegen Mittag Abschied und entlehnte einen kräftigen Bergschlitten, den ich per BahiF zurückzuschicken versprach.
Gleich jenseits der Bahnschenen konnte ich aufsitzen und laufen lasten, und sauste oberhalb der Reußschluchi bis Maßen hinunter. Vor und durch Maßen stieg der Weg eine Weile, dann ging es die wundervolle Strecke bis Gurtnellen, und über die märchenhafte Brücke fast ohne Halt im eiligsten Lause abwärts. Es gibt, außer einer flotten Segeloder Schneeschuhfahrt, nichts Packenderes und Sprühenderes, als so eine sausend glatte Talfahrt auf niederem Schlitten, durch pfeifende Luft und an Schneemauern vorüber, die Wintersonne, im Nacken und vor sich die mächtigen Berggipfel, kühn und kühl im warmen blauen Himmel ruhend
Meine Fahrt war zu Ende. Ich kam eben noch recht, um meinen Schlitten aufzugeben und in den Zug zu springen.
s Vor anderthalb Tagen, als ich herfuhr, war das Reußtal noch im Schnee gelegen. Der Föhn, der den Schneemassen auf der Hohe noch nichts anhaben konnte, hatte hier unten inzwischen mächtig gearbeitet. Je weiter wir talwärts fuhren, desto dünner lag der hier schon wässerige Schnee, und in Altdorf und Flüelen standen schon alle Matten feucht und graugrün in der fallen Mittagslust.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univerfitäts-Vuch. und Sleindruckerei, R. Lange, Giehen.


