SiehenerKmiilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <952 Zreitag. den 12. August Nummer 62

Abendlied.

Von Matthias Claudias.

Der Mond ist aufgegangen. Die gotdnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar;

Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget Der weihe Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold!

Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt. Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen Und ist doch rund und schön!

So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen. Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel. Gott, lah uns dein Heil schauen, Auf nichts Vergänglich's trauen. Nicht Eitelkeit uns freu'n! Lah uns einfältig werden Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich fein. Wollft endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod!

Und wenn du uns genommen, Lah uns in Himmel kommen. Du unser Herr und unser Gott! So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder;

Kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott, mit Strafen Und lah uns ruhig schlafen!

Und unfern kranken Nachbar auch!

Aufstieg an der Furchetta.

Von Luis Trenker.

Der Verfasser ist dem Gießener Publikum aus zahlreichen Berg-, Kriegs- und Skifilmen bekannt.

Endlich stehe ich am Gipfel, neben dem Steinmann, die Kletterei war gar nicht leicht gewesen. Unten im Schatten d^t lur mch unsichtbar Pescosta und wartet. Ich setze mich nieder packe Wurst, Brot und eine kleine freundliche Flasche Wein aus dem Rucksack und beginne zu eßen, denn mein Hunger ist groß. _. , . ..

Naaachkooommmeeen!" rufe ich laut in den Gipfelriß h Sofort. Ist der Riß schwer?" tönt es heraus.

"UnVmiTroeVt ist es denn noch bis zum dreimal verhüllten Gipfel?" klang es aus der Tiefe. ,.. .

Das kann ich dir von hier aus unmöglich lagen.

I. .1.1* M *

Zwei Minuten Später landet der tapfere Seilgenosse neben mir ift eine Sekunde lang verblüfft und meint dann: LH. du verdammter Hund, hat im selben Augenblick aber schon |o viel Wurst und Brot im J un , daß die anderen Worte unverständlich werden... , ... Dolo-

. Eine Rast aus der Furchetta folgt, nut weitesAus sicht über.alle Dow witentürrne von Cortina drüben bis zur Pala hEate^, Wz^er Wolken, mit einer Pfeife Tabak und Faulenzen. Taler, Wiesen W 10*., Kirchen, Bauernhöfe liegen weit unter uns. Kein Laut b b stad, wenn auch nicht gerade im Himmel, |o doch in feiner Nahe.

Wir wissen, daß die Nordwand dieses Berges noch nicht erstiegen ist. Wir wissen, daß viele es versucht haben, aber abgeblitzt sind. Hansl und ich find ja nur über den Südgrat heraufgeklettert, um uns die Nordwand einmal von oben aus anzufchauen.

Aus dem Bauche kriechen wir vor, bis der Kops weit über die Kante des Plateaus hinausragt. Wir sehen tausend Meter tief hinunter. Die steilen Schutthalden am Fuße der Wand wirken in der Verkürzung flach. Bon der Nordwand selbst sehen wir nur einen einzigen rippenartigen Vorsprung, sonst nichts. Sie fällt zu steil ab. Diese Tiefe wirkt. Da ist nichts zu wollen. Die Wand ist wirklich unersteigbar.

Wenn es gelänge, bis auf die Rippe da unten zu kommen?

Leer und stumm starrt die tote Felswildnis heraus und schließlich kriechen wir zurück zu unseren Rucksäcken, zur Wurst und zum Brot. Vielleicht käme man doch durch?"

Wir nahmen uns vor, die Wand im Winter einmal bei Neuschnee anzusehen. Wo Schnee liegen bleibt, finden Hände und Füße auch Halt..«

*

Einige Tage später treffe ich mit einem Wiener Alpinisten auf der Regensburger Hütte zusammen und erzähle ihm von der Furchetta, schildere ihm die Wand. Sie sei glatt, teilweise gang senkrecht. Dibona und Mayer seien im vorigen Jahr schon im unteren Drittel umgekehrt. Und wo Dibona umkehrte, dort fei nichts mehr zu holen, ganz gewiß nicht.

Auch diese Wand wird ihre Bezwinger finden." Weiter sagte der Herr nichts. Diese einfachen Worte machten Eindruck auf mich.

Acht Tage spater begegne ich dem besten deutschen Kletterer, der je gelebt hat.

Grüß Gott, Trenker."

Oh. Heiland, dös isch ja gar der Dülfer. Was machen Sie denn da?" .Nichts Besonderes. Aber vielleicht gehen wir mitsammen? Haben Sie Lust?"

Wohin denn?"

Das wissen Sie schon selbst."

Also die Furchettawand?"

Selbstverständlich."

Alles wird vorbereitet, Proviant: ein bißchen Speck und Brot, zwei Aepsel. Zwei Paar Kletterschuhe, zwei Seile, eine Laterne, dazu Mauer­haken und Kletterhammer.

Dülfer vertrug keinen Dag Aufschub, weil er vermutete, der Tita Piaz wolle die Durchkletterung auch versuchen und uns die Sache wegschnap- pen. So konnte ich Hans Pescosta nicht mehr verständigen, denn er war drüben in der Rosengartengruppe.

Der alte Pescosta, Hansls Vater, riet mir dringend von unserem Vor­haben ab, weil er den gefährlichen, sehr brüchigen Fels der Furchetta

Und wenn ihr etwa abends am Gipfel [erb, zündet die Laterne an, damit wir wissen, was las ist." Dies versprach ich ihm gern.

Um halb neun gingen wir schlafen. Um halb ein Uhr früh brachen mir auf. Der Weg war weit. Um fünf Uhr morgens halten mir endlich den Fuß der Nordwand erreicht. Wir rasteten, aßen ein wenig und fliegen sofort ein. Der Einfachheit halber und um uns die Mitschlepperei der Nagelschuhe zu ersparen, hatten wir nur Kletterpatschen mitgenom­men. Sonst hätten wir die schweren Schuhe über die ganze Wand im Rucksack mittragen müssen. So hatten wir nur je ein Paar dünnsohliger Reservepc.tschen mit.

Griff um Griff, Tritt um Tritt sinkt in die Tiefe. Wir steigen. Hoch oben sind wir schon, unwahrscheinlich hoch. Wir kommen gut weiter. Der weiße Fleck über uns! Von dort sind es nur mehr etwas über hundert Meter zum endgültigen Sieg. Aber es werden die schwersten hundert Meier werden. Beim Weißen Fleck ist der Schlüssel. Sorge und Ungewiß­heit treibt uns vorwärts, aufwärts. Die Zeit eilt.

Endlich find wir am Weißen Fleck. Es ist vier Uhr nachmittags. Elf Stunden find wir ohne Raft gestiegen. Aber weiter, nur weiter. Links? Rechts? hinauf geht es nicht mehr. Der Weiße Fleck ist kalt und glatt. Eine Felsnase ist da. Auf der fitze ich. Der Blick in die Tiefe ist kaum zu ertragen. Lust, nichts als Luft.

Alfa die Kante drüben. Gut sichern. Vielleicht ist hinter ihr eine Durchstiegsmöglichkeit." Dülfer probiert am doppelten Seil. Ich halte es, auf einen Sturz gefaßt, mit Schraubftockfingern. Jeden Augenblick fliegen kleine Steine ins Leere. Man hört ihren Aufschlag nicht mehr. Kein Griff hält. Sein Tritt. Ich beobachte jede kleinste Bewegung Dülsers und merke wie er das Aeußerfte wagt. Er kommt aber nicht hinüber. Morscher Dr>ck'anstatt guten Gesteins. Der Karboden lauert grau aus der Tiefe herauf. Von den dreißig Metern zur Kante hinüber hat mein Kamerad zehn hinter sich.

Es geht nicht mehr weiter. Trotz verzweifeltem Wollen, es geht nicht, es geht nichtl