Apartes, nichts Großes, fo wie immer. Dein Sarostro."
(Forts, folgt.)
«eher UN manierlicher Mensch, der, weil wir selber ganz Nein ange- fongen haben, am besten weih, daß es nicht jeder S.um Wegschmechen bat. Un sehen Sie, danach präsentiert er auch, und oaucieren, dw mch seststehn un immer hin und her rutschen, die nimmt er gar nich. Un wenn Polzin schon eine einzige Plüschtaille verdorben hat, s° w'll ich sterben Un ebenso galant un manierlich >s er aricy bew MUnehmen. Er is mein Mann, aber das muh ich sagen, er hat was Fernes un Bescheidenes un überhaupt so was, was die andern nich haben. Ja, das muß ich ihn lassen. Un da reichen nich hundertmal, daß er mir gesagt hat: Emilie heut hab ich mir mal wieder über meine Kollegen geschämt. Natürlich war es wieder der mit'n Plattfuß aus der Eharrtestraße. Glaubst du, daß er sich auch bloß geniert un ein ganz klein bißchen für Schein und Anstand gesorgt hätte? I Gott bewahre. Ganz dreiste weg, als ob er sagen wollte: Ja, meine Herrschaften, da steht der Rotwein, un ml nehm ich ihn mit nach Hause'."
*
So waren die Polzins, an deren Flurtür, trotz einer daneben befindlichen Klingel, die Pittelkow jetzt klopfte, zum Zeichen (so hatte man abgemacht), daß es bloß „Freundschaft" sei, was zu Besuch tarne. Und gleich danach erschien denn auch Frau Polzin und öffnete. Die nur Brei Stuben zählende Polzinsche Wohnung erfreute sich des Vorzugs eines Korridors, der aber freilich nicht größer war als ein aufgeklappter Spieltisch und augenscheinlich nur den Zweck hatte, drei auf ihn ausmündende Türen zu zeigen, von denen die links gelegene zu der verwitweten Prwat- lekretär Kahlbaum, die mittlere zu Polzins selbst, die rechts gelegene zu Stine führte. Diese hatte das beste Zimmer der Wohnung, hell und freundlich, mit dem Blick auf die Straße, während sich die Kahlbaum mit etwas Beleuchtung vom Hof her und die Polzinschen Eheleute mit einem schrägen Dachlicht begnügen mutzten, das, wie bei photographischen Ateliers, von oben her einfiel.
„Liebe Polzin", sagte die Pittelkow, als beide Frauen sich oberflächlich begrüßt hatten, „es riecht wieder so sehr nach Petroleum bei Ihnen. Warum nehmen Sie nich Koks? Sie werden sich mit Ihrem ewigen Petroleumkocher noch alle Mieter aus der Wohnung kochen. Und Ihr lieber Mann! Was sagt denn der eigentlich dazu? Der muß doch nachgerade bei Puten un Fasanen eine feine Nase gekriegt haben. Und ich weiß nicht, wenn ich ein herrschaftlicher Lohndiener wäre, so was litt ich nich. In Gesellschaften immer was Delikates, un zu Hause so. Na, meinetwegen. Is denn Stine drin?"
„Ich denke doch, ich habe sie nicht weggehen hören. Und denn wissen Sie ja, liebe Pittelkow, wir sehen nichts un hören nichts."
„Versteht sich, versteht sich", lachte die Pittelkow, „sehen nichts un hören nichts. Und das ist auch immer das Beste."
Berthold Auerbach.
Der Dichter der „Schwarzwälder Dorfgeschichten".
Von Dr. Paul Landau.
Ms Auerbach starb, da trauerte um ihn ganz Deutschland, sa die Welt. Sein Begräbnis in seinem Geburtsort Nordstetten, dem feiner ersten und besten Dorfgeschichten, vereinte die Würdenträger des württembergischen Staates mit Burschenschaftern und dem dankbaren Bauernvolk auf dem kleinen jüdischen GotteLacker und se n Lebens- fieund Friedrich Theodor Pischer, der große Aesthetiker, rief ihm tn= offene Grab nach: „In fernen Tagen wird Dein Name über mariche pinnen aelien die in warmem Gespräch Dich nennen, ehren unö ruijmen. Du ^bist sterbend nicht gestorben. Lebe wohl, Toter! Sei gegrüßt, Leden- biücrl'4
Diese Voraussage hat sich nicht erfüllt. Auerbach wird heute nut wenig gelesen. Selbst die zwanzig Jahre, die feit dem Freiwerden seiner Werte verflossen sind, haben ihn nicht wieder zu dem VolksschriftsteUer machen können der er einst war. Er steht im Schatten eines Größeren, Ben ^er bei Lebzeiten verdunkelt und der ihn nun überragt: Jeremias Go11helf. Aber als Vertreter einer Epoche deutscher Kuttm, als eigenartige, weithin wirkende Persönlichkeit wird er stets Beachtung verdienen und die besten seiner Geschichten werden nicht ganz "Ergehen. Es aab eine Zeit, da warf man dem Klafsiker der Dorfgeschichte, den man^später als zu schönfärberisch empfand, feinen .'Naturalismus oor. Man fand um die Mitte des 19. Jahrhunderts, daß es Auerbach nicht gelungen sei, die poetische Auffassung in seinen Gemälden zur vollen Geltung zu bringen. Der ftinsiinnige Aesthetiker Joseph *11 e spricht von der „niederen Proletariatssphare , an die die Dorfge chichten streifen. Jeremias Gotthelf galt damals vielen für einen »Schmutzmaler von wahrhaft haarsttäubender Realistik". An »hm gemessen, erscheln uns Auerbach nur als ein begrenztes Talent, dessen Werke formal gepflegter sind, „schön gerundet und gearbeitet, em festtägliches Weißbrot sur das Volk", wie Gottsried Keller sagte, aber ohne die elementare Urwüchsigkeit der Phantasie, die gewaltige Gestaltungskraft des Pfarrers von Lützelflüh. Die Bedeutung des Auerbachschen Werkes ift heute nur noch historisch zu werten. . .
„Von dem Erscheinen der Schwarzwälder Dorsgeschichten dauert eine neue Epoche unserer erzählenden Literatur. Dieser, 1860 von Robert Prutz ausgesprochene Satz behält seine Richtigkeit: einem neuen ^enre, der Dorfgeschichte, war in der Dichtung zum Siege verholen. Seine Rolle hatte der Bauer im Schrifttum seit dem mittelalterlichen »Meier Helm- brecht" gefpieU; aber zum „Helden" einer Geschichte war er höchstens als komische Person gemacht worden. Erst die Schweizer des 18. Jahrhunderts gingen auf eine künstlerische Darstellung des Sanbmannes aus, nachdem durch R o u s s e a u s Verherrlichung des Dörflers und fernes naturnahen Berufes der alte Fluch vom Bauern genommen war. Hirzel, Pestalozzi Zfchokke schufen ihre Gemälde des Bauernstandes: zu gteicher Zeit hob ich aus der phantastischen Wirrnis des I m m e r m a n n , ch e n Münchhausen" die wuchtige Gestalt des Alten vom „Oberhof heraus, auch sie vorbereitet durch die Dichter des „Sturm und Drang .angeregt durch Justus Möfers geniale Psychologie des Bauern. All diese Vorgänger waren dem sehr belesenen Auerbach nicht unbekannt, der 1846 die Grundzüge der volkstümlichen Literatur in seinem Inhalts- und ideenreichen Buch „Schrift und Volk" barfteUte. Er selbst zeigt sich in {einen Versuchen am stärksten von Hebel, vom „Oderhos und von »re n • tanos machtvoller „Gesch chte vom schönen Annerl und braven Kasperl beeinflußt. Aber keiner von diesen Dorsdichtern vor ihm war in weiten Kreisen beachtet worden. Wie kam es, daß gerade er die Dorfgeschichte zur Mode des Tages machte und ihr klassische Geltung verschaffte?
Gar oft sieht der Fremde die eigenartige Schönheit eines bestimmten Milieus stärker und wirksamer als der Einheimische. Die Maler, die das Wunder venetianischer Farbenpracht zuerst erfaßten, Giorgione, Tizian, waren vom festen Land nach der Lagunenstadt eingewandert; die Meister von Barbizon, die die Waldespracht von Fontainebleau entdeckten, tarnen aus Paris So sieht auch Auerbach, wenngleich er den Schauplatz feiner Geschichten, Nordstetten, mit Fug und Recht seine Heimat nennen kann, die Bauern und ihre Sitten doch als ein Fremder, als ein warmfuhlen- der, höchst interessierter Tourist, der sich aber der Distanz zu ihnen wohl bewußt ist. Er hat einen seinen Blick für dies „quellfrische Wesen, mit bem er sich aber nie, wie etwa Gotthelf, eins fühlt, ein fcharfes Auge für bie Besonderheiten in Tracht und Auftreten, ein gutes Ohr für dialektische Wendungen. Wie er interessante Bräuche und Sitten aufzeichnet, Volkslieder in seinem Text verwebt, das zeugt direkt von einer wissenschaftlichen Auffassung der Volkskunde. Seine ersten schriftstellerischen Arbeiten waren meilensern gewesen von dieser Freude an börslicher Schlichtheit. Er mar tief verstrickt in die dialektischen Jrrgange des jungen Deutschland, hatte in der Weisheit des Talmud und bei Spinoza Klarheit gesucht, und in seinen beiden Romanen „Spinoza" und „Dichter und Kaufmann" neben einer ansehnlichen Schilderungsgabe und lebendigen Erzöhlerkraft alle Unarten einer jeanpanlisierend formlosen Geistreichig- keit bewiesen. Aus der völlig naturfremden, spielerisch raffinierten Teetisch- und Salonliteratur suchte er Gesundung und Befreiung in einfachen Verhältnissen, in einer anmutig schlichten Erzählungskunst, und es traf sich für ihn glücklich, daß sich seine Entwicklung in gleicher Richtung bewegte, wie die Sehnsucht des Publikums, daß eine starke Kulturströmung in seinen Geschichten ihren Ausdruck gewann.
Eins tarn hinzu, um den ihm raste- und bildungsfremden Gestalten doch einen inneren Glanz, eine gemütvolle Wärme zu verleihen: das waren feine Kindheitserinnerungen, die seine Phantasie mit der trefflichsten Nahrung speisten. Auerbach, der auch als Mann und Greis stets einen kindlichen Zug behalten hat, gehörte zu den Naturen, in deren Entwicklung die Jugend die ftärtften bestimmenden Spuren hinterläßt, die ihr Geben lang von diesen frühesten Erinnerungen zehren und in einem gewissen Sinne stets Kinder bleiben. Altklug und naiv zugleich, grüblerisch sinnierend und rasch fertig in Urteil und Wort, schnell wech-
Sehr wahrscheinlich, daß sich dies Gespräch noch fortgesetzt hätte, wenn nicht in eben diesem Augenblick die Tür von rechts her aufgemacht und Stine herausgetreten wäre.
„Sott, Stine", sagte bie Pittelkow mit einem Ausdruck von Freude. „Na, das ist recht, Kind. Ein Glück, daß du da bist. Du mußt heute noch runter kommen un Helsen."
Unter diesen Worten waren die-Schwestern, während sich Frau Polzin artig, aber grienend zurückzog, in Stines Zimmer eingetreten und auf ein paar kleine Stühle zugegangen, die zu beiden Seiten des Fensters auf einem Trittbrett standen. Draußen am Fenster aber war ein Dreh- und Strahenspiegel angebracht, bei dessen Anbringung der ebenso praktische wie pfiffige Polzin vor Jahr und Tag schon zu seiner Frau gesagt hatte: „Emilie, solange der da ist, so lange vermieten wir."
Die Pittelkow setzte sich gegenüber dem Drehspiegel, der denn auch heute wieder, wie zur Bestätigung der Worte Polzins, eine Quelle herzlichen Vergnügens für die hübsche Witwe wurde, nicht aus Eitelkeit (denn sie fah sich gar nicht), sondern aus bloßer Neugier und Spielerei. Stine, die das alles schon kannte, lächelte vor sich hin; auch sie trug einen gewellten Scheitel, aber ihr Haar war flachsgelb, und die Ränder der überaus freundlichen Augen zeigten sich leicht gerötet, was, aller sonst blühenden Erscheinung und einer gewißen Aehnlichkeik mit der Pittelkow unerachtet, doch auf eine zartere Gefundheit hinzudeuten schien. Und so war es auch. Die brünette Witwe war das Pild einer südlichen Schönheit, während die jüngere Schwester als Typus einer germanischen, wenn auch freilich etwas angekränkelten Blondine gelten konnte.
Stine sah der immer noch mit dem Spiegel beschäftigten Schwester eine Weile zu, dann erhob sie sich, hielt ihr die Hand vor die Augen und sagte: „Nun hast du aber genug, Pauline. Du mußt doch nachgerade misten, wie die Jnvalidenstraße aussieht."
„Hast recht, Kind. Aber so is der Mensch; immer das Dümmste gefällt ihm un beschäftigt ihn, un wenn ich in den Spiegel kucke und all die Menschen und Pserde drin sehe, bann denk ich, es is doch woll anders als so mit bloßen Augen. Un ein bißchen anders is es auch. Ich glaube, der Spiegel verkleinert, un Verkleinern is fast ebenso gut wie Verhüb- schen. Ader du brauchst nicht kleiner zu werden, Stine, du kannst so bleiben, wie du bist. Ja, wahrhaftig. Aber, warum ich komme... Jott, man hak doch auch keine ruhige totünbe."
„Was is denn?"
„Er kommt heute wieder."
„Nu, Pauline, das is doch kein Unglück. Bedenke doch, daß er für alles sorgt! Und so gut, wie er ist und gar nich so."
„Na, ich wollt ihm auch. Un den alten Baron bringt er auch mit un noch einen."
„Und noch einen? Wen denn?"
„Lies!"
Und sie reichte Stine den eben erhaltenen Brief, und diese las nun mit halblauter Stimme: „Mein lieber schwarzer Deibel! Ich komme heute, aber nicht allein; Papageno kommt mit und ein Nesse von mir auch; natürlich noch jung und etwas blaß. .Aber bleich und blaß, ei, die Weiber lieben öas.‘ Sorge nur, baß. Wanda kommt und Stine Wein schick ich und eine Salatschüssel. Ader für alles andre mußt Du sorgen. Nichts


