SiehenerFamilieiiblätter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Hummer 12

Hreitaa, den \1. Februar

Jahrgang <932

Verweht sind alle Wege ...

Von Siegfried von Vegesack.

Verweht sind alle Wege, verweht und eingeschneit. Im Walde hallen Schläge, die Axt dröhnt dumpf und weit. Und eine schrille Säge singt in der Einsamkeit.

Kein Gott ist in der Nähe. Die Welt ist eingeschneit.

Erfroren sind die Rehe in weißen Winter-Leid.

Nur eine schwarze Krähe fliegt auf und schreit.

I

^Cin'mit einem alten Dampfkessel bepackter Lastwagen, der dröhnend und schütternd gerade des Weges kam, hinderte die unverzügliche 2lu^ führung des Befehls; kaum aber, daß der Rollwagen vaiiiber war, w

Stine.

Roman von Theodor Fontane. ErftesKapitel.

In der Änvalidenftraße sah es aus wie gewöhnlich: die Pferdebahn­wagen klingelten, und die Maschinenarbeiter gingen zu M.ttag, und wer durchaus das Merkwürdige hätte finden wollen, hätte nichts anderes aus- kundschaften können, als daß in Nummer 98e die Fenster der ersten Ginge trotzdem nicht Ostern und nicht Pfingsten und nicht einmal Samstag war mit einer Art Bravour geputzt wurden.

Und nicht zu glauben, diese-Merkwürdigkeit ward auch wirklich be­merkt, und die schräg gegenüber an der Scharnhoiststraßenecke wohnende alte Lierschen brummte vor sich hin:Ich weiß nich, was der Pittelkow'n wieder einfällt. Aber sie kehrt sich an nichts. Un was ihre Schwester is, die Stine, mit ihrem Stllbeken oben bei Polzins un ihren Sep'rat- schlüsfel, daß keiner was merkt, na, die wird grad ebenso. Schlimm genug. Aber die Pittelkow'n is schuld dran. Wie sie man bloß wieder dasteht un rackscht un radatscht! Un wenn es noch Abend wär, aber am Hellen, lichten Mittag, wo Borsig un Schwarzkoppen seine grabe die Straße runtertornmen. Is doch wahrhaftig, als ob alles Mannsvolk nach ihr 'raufkucken soll:ne Sünd unne Schänd."

So brummelte die Lierschen vor sich hin, und so wenig freundlich ihre Betrachtungen waren, so waren sie doch nicht ganz ohne Grund; denn oben auf dem Fensterbrett und kniehoch aufgeschürzt stand einejdpne, schwarze Frauensperson mit einem koketten und wohlgeps'egten Wellen­scheitel und wusch und rieb, einen Lederlappen in der Hand, die Schei­ben der einen Fensterseite, während sie den linken Arni, um sich besser zu stützen, über das andere Querholz gelegt hatte. Mitunter ginnte sie sich einen Stillstand in der Arbeit und sah bann auf bie Straße hin­unter, wo jenseits des Pferdebahngeleises ein dreirädriger, beinahe ele­ganter Kinderwagen in greller Mittagssonne hielt. Dem im Wagen sitzen­den, allem Anschein nach überaus ungebärdigen Kinde, bas ganz aristo­kratisch in weiße Spitzen gekleibet war, mar ein zehnjähriges Mädchen zur Aussicht beigegeben, das, als alles Bitten und Zureden nichts helfen wollte dem Schreihals einen tüchtigen Klaps gab. Im selben Augenblick aber schielte bie Zehnjährige, die diesen Erziehungsalt gewagt hatte, scheu nach dem Fenster hinauf, und richtig, es war alles von drüben her ge- ehen worden, und bie schöne, schwarze Person, bieKlapsen und Cr- ziehn" burchaus als ihre Sache betrachtete, drohte sofort mit dem Geber» lapven nach ber auf ihrem Uebergriff Ertappten hinüber. Auch schien em Zornausbruch in Worten trotz der weiten Entfernung folgen zu sollen; aber ein befreundeter Briefbote, ber gerabe bie Straße heraufkam, hiell einen Brief in die Höh, zum Zeichen, baß er ihr etwas bringe. Sie ver­staub es auch so, stieg sofort vom Fensterbrett auf einen nebenstehenden Stuhl unb verschwanb im Hintergründe des Zimmers, um den Brief draußen auf dem Korridor in Empfang zu nehmen. Eine Minute spater kam sie zurück und setzte sich ins Licht, um bequemer le(en zu können. Aber was sie da las, schien ihr mehr Aerger als Freude zu machen, denn ihre Stirn legte sich sofort in ein paar Verdrießlichkeitsfalten, und den Mund aufwerfend, sagte sie spöttisch:Alter Ekel. Immer verquer. Aber sie war keine Person, sich irgendwas auf lange zu Herzen zu nehmen, und so lehnte sie sich, den Bries immer noch in ber Hand haltend weit über die Fensterbrüstung hinaus und rief mit jener enrhunuerten Ack- ftimme, wie sie den unteren Volksklasscn unserer y>aupt|rabt nicht gerade zum Vorteil eigen ist, über die Straße hin:Olga!

Was beim, Mutter?" , . . , r. ,

Was denn, Mutter! Dumme Jöhre! Wenn ich bir rufe, kommste!

nahm Olga den Stoßgrifs des Kinderwagens in die Hand und fuhr, quer über den Damm hin, auf das Haus zu und mit einem Ruck in den Hausflur hinein. Hier nahm sie das Kind heraus und ging, während sie den Wagen zunächst unten stehen ließ, treppauf in die Wohnung der Mutter.

Diese hatte sich mittlerweile beruhigt, die Stirnfalte war fort, und Olga bei der Hand nehmend, sagte sie mit jenem Uebermaß von Ser- traulichkeit, das gewöhnliche Leute gerade bei Behandlung intimster Dinge zu zeigen pflegen:Olga, der Olle kommt heute wieder. Immer, wenns nicht paßt, is er da. Grad als wollt er mir einn Tort antun. Ja, so is er. Na, es hilft nu nich, un, Gott fei Dank! vor achten kommt er nich. Un nu gehst du zu Wanda und sagst ihr ... Ne, laß man ... Bestellen kannst du s doch nich, es is zu lang zum Bestellen ...Ich werb dir lieber einen Zettel schreiben."

Und mit diesen Worten trat sie, von der Tür her, wo dies Gespräch ftattgefunben, an einen überaus eleganten und eben deshalb zu Haus unb Wohnung wenig passenben Rokoko-Schreibtisch heran, auf dem eine fast noch mehr überraschende lebergepreßte Schreibmappe lag. In dieser Mappe begann jetzt die noch immer hochaufgeschürzte Frau nach einem Stück Briefpapier zu suchen, anfangs ziemlich ruhig, als sich ober nach dreimaligem Durchblättern ber roten Löschpapierbogen immer noch nichts gefunbeti hatte, brach ihre schlechte Laune wieder los und richtete sich, wie gewöhnlich, gegen Olga:Hast es wieder weggenommen un Puppen ausgeschnitten?"

Nein, Mutter, wahr un wahrhaftig nich; ich kann es dir zuschwören." Ach, geh mir mit dein ewiges Geschwüre! Haste denn gar nichts?" Ja, mein Schreibebuch."

Unb Olga lief, fo rasch es ging, in das Neben- und Hinterzimmer unb kam bann mit einem blauen Schreibhefte zurück. Die Mutier riß ohne weiteres die letzte Seite heraus, auf deren oberster Zeile lauter ch standen, und kritzelte nun mit verhältnismäßiger Schnelligkeit einen Brief fertig, faltete das Blatt zweimal und verklebte die noch offene Stelle mit Briefmarkenstreifen, von denen sie die gummireichsten immer mit dem Bemerkenis besser als englisch Pflaster" auszuheben pflegte.So, Olgachen. Nun gehst du zu Wanda un gibst ihr das! Un wenn sie nich da is, gibst du's an den alten Schlichting. Aber nich an feine Frau un auch nich an die Flora, die kuckt immer rein unb braucht nicht alles zu wissen. Un wenn du zurllckkommst, bann gehste mit zu Bolzanin ran und bestelltne Torte."

Was für eine?" fragte Olga, deren Gesicht sich plötzlich verklärte.

Appelsine ... Un bezahlst sie gleich. Un wenn du sie bezahlt hast, sagste baß er nichts brauflegen soll, auch keine Appelsinenstücke, bie boch bloß Pelle un Steine finb ... unb nun geh, Olgachen, un mach flink, unb wenn bu roieber ba bist, kannst du dir drüben bei Marzahn auch fürn Sechser Gerstenbonbons taufen."

Zweites Kapitel.

Olga fäumte nicht unb ging in bie Hinterstube, um hier ihr rot- unb schwarzkariertes Umschlagetuch zu holen, das, neben einem etwas verschlissenen Schnurrenhut, ihr gewöhnliches Straßenkostüm bildete. W'twe Pittelkow in Person aber stieg, nachdem sie das immer noch schreiende Kind in eine ganz vornehm ausgestattete Himmelwiege gelegt unb ihm eine Flasche mit Saugpsropsen in den Mund gesteckt hatte, zwei Treppen höher zu Polzins hinaus, wo ihre Schwester Stine Chambre garnie wohnte.

Polzins waren gutsituierte Leute, die das mit dem Chambre garnie gar nicht nötig gehabt hätten, aber trotzdem, aus purem Geiz, alles ver­mieteten ober doch soviel wie irgenb möglich, um ihrerseits frei wohnen zu können ober, wie Frau Polzin sich ausbrückte,für umsonst einzu­sitzen" Er Polzin, war, seiner e'genen Angabe nachTeppichfabrikant" (allerdings niebrigfter Observanz) unb beschränkte sich barauf, unter ge­flissentlicher Verachtung aller Komplementärfarbengesetze, schmale, kaum fingerbreite Tuchftreifen wie Stroh ober Binsen nebeneinanber zu flechten und dies Gesiecht alsPolzinfche Teppiche" zu verkaufen.Scheu Sie", fo fch' jedes feiner Geschchtsgesvriiche,solch .Polzinscher' (er behan­delte sich dabei ganz als historische Person) wird nie olle: wenn eine Stelle weggetreten is ober ber Eßtisch m;t seinem Rollsuß ein Loch ein­gerissen hat, nehm ich ein paar alte Streifen raus un setz ein paar neue , rein, un alles is wieder propper un six un fertig. Sehen Sie, so sind die 'Polzinschen'. Ader wenn der Smyrnaer ein Loch hat, bann hat ers, unb ba hilft kein Gott mch." ,

Polzin, wie sich aus diesem Rebestück ergibt, neigte zu philosophischer Betrachtung' ein Zug, ber burch das zweite Metier, das er betrieb, noch eine ganz erhebl-che Stärkung erfuhr. Während her Aber'stunden näm­lich war er bei sich bietenden Gelegenheiten auch noch Lohndiener unb wegen feiner Vorsicht unb Geschicklichkeit beim Präsentieren in bem zwischen Inoaliben- unb Chausseestraße gelegenen Stadtteil allgemein beliebt was Frau Polzin in ihren Gesprächen mit der Pittelkow immer wieder betonte:Sehn Sie, liebe Pittelkow, mein Mann is ein orbent-