Oer Kriegskommissar des Königs.
Roman von Friedrich F r e k f a.
Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H., Berlin.
(Fortsetzung.)
Nachher durfte Heinrich mit der Familie zum Gottesdienst gehen, und während sie in der dunkel schattenden Kirche nebeneinandersaßen und die Orgel brauste, fand seine Hand die seiner Emma, und er hörte, wie das Mädchen ihm ins Ohr flüsterte, sie wolle ihm immerdar treu bleiben. Da erst war er ganz glücklich und dankte Gott für die Gnade, daß er ihm eine Braut geschenkt hatte.
Es war Großes, was er sich vorgenommen; denn vor sechs oder acht Jahren war nicht daran zu denken, daß er eine Pfarrstelle erhielte. Er mußte sich damit trösten, daß es den meisten jungen Theologen nicht anders ging, und auch die Mutter erzählte ihm, wie sie zehn Jahre auf ihren geliebten Eheherrn, den Pfarrer Mahlmann, hatte warten müssen.
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So hatte Heinrich drei Jahre in Halle studiert und rüstete sich, sein theologisches Examen zu bestehen. Er war seiner Sache sicher und voller Zuversicht. Die Frau Pastorin, die sich von ihrer Jugendzeit her in Examensnöten auskannte, gab ihm gute Ratschläge, sich nicht überzustudieren, sondern den Kopf klarzuhalten und abends Spaziergänge zu machen.
Emma durfte ihn, da sie seine Braut war, allein begleiten, und mit ihr spazierte er eines schönen Abends nach dem Giebichenstein. Da trafen sie auf einen Haufen arg betrunkener Studenten von einer Landsmannschaft, die sich durch ihre Roheit und Renommisterei einen besonders berüchtigten Namen erworben hatte. Es war unmöglich, diesem Trupp auszuweichen; sie mußten mitten durch die Lärmenden und Singenden hindurch. Die höhnten den Theologen und riefen ihm Schimpfworte zu, doch berührte ihn das nicht weiter, bis ein baumlanger Westfale plötzlich vortrat, Emma um die Mitte griff und auf den Mund küßte. Da übermannte es Heinrich, und er hieb dem Frechling mit dem Spazierstock so heftig über den Kopf, daß das Blut aus Mund und Nase stürzte. Der ganze Haufe wollte über ihn her; aber er verteidigte sich, so gut es ging, bis mittlerweile einige Halloren, die ihn kannten, zur Hilfe kamen und die Trunkenbolde verjagten. Emma weinte; sie konnte es nicht fassen, daß Menschen so roh und brutal sein konnten. Die Lust an dem schönen Sommerabend war beiden zerstört.
Am nächsten Morgen kamen zwei Burschen der Landsmannschaft auf Heinrichs Zimmer und meldeten, der Westfale fordere ihn auf scharfe Hiebe. Heinrich, in dem noch die Erbitterung saß, nahm an. Er traute eS sich schon zu, seinen Mann zu stehen, und suchte unter seinen Kommilitonen einen tüchtigen Sekundanten.
Er hatte keine Furcht, ging ruhig auf den Fechtboden, wunderte sich über die Gebräuche dort, vertraute aber feiner Kraft und seiner Geschicklichkeit. Bald merkte er, daß der Lange ihm weit überlegen war. Doch er war nüchtern, und der Westfale hatte getrunken. So blieb ihm die Ruhe, und endlich glückte es: Sein Hieber fuhr dem Langen in die Brust. Doch dieser Ausfall gab ihm eine Blöße: Das Eisen des andern durchschlug ihm die rechte Wange. Der Ehre war genug getan, und als Fechter stand er sogar als Sieger da. Aber als er vor dem Spiegel die gespaltene Wange sah, wuxde es ihm klar, daß dieser Hieb feiner Laufbahn als Theologe ein Ende gesetzt hätte. Mit solcher Narbe im Gesicht, die einen Fechter und Raufer verriet, würde niemals eine Gemeinde ihn zu ihrem Hirten annehmen, der den Frieden predigen sollte und nicht den Krieg.
Er wagte cs nicht, auszugehen, fürchtete die Vorwürfe der Pfarrerin und die Frage der ihm bekannten Pastoren. Endlich suchte die Pfarrerin ihn selbst auf und lobte ihn, daß er für die Ehre seiner Tochter fo wacker eingetreten sei. Er dankte ihr weinend.
Nun folgte Schlag auf Schlag. Das Duell war bekannt geworden: Das Kuratorium entzog ihm das Stipendium; alle Theologen wandten sich von ihm ab. Er selbst machte sich die heftigsten Vorwürfe, ohne Ueberlegen gehandelt zu haben; aber wenn er sich hinsetzte und versuchte, einen Brief an seine Mutter zu schreiben, war es ihm klar, daß sein Schicksal unausweichlich gewesen.
In dieser Not redete ihm einer seiner Schüler, ein wohlhabender Leipziger Buchhändlerssohn, zu, an die Pleiße überzusiedeln; sein Vater würde ihn sicherlich als Korrektor in seinen Geschäften verwenden. Heinrich nahm das als einen Wink des Schicksals. Philologie war ihm seit langem lieber als Theologie. So nahm er Abschied von seiner Braut; war es doch auch von Leipzig nach Halle nicht zu weit, um nicht alle Woche hinüberlaufen zu können.
In Leipzig erfuhr Heinrich, was eine große, gesellige Stadt einem Menschen zu bieten vermochte. Der Buchhändler, dem er die Korrekturen las, bemerkte das Gedächtnis Heinrichs für die moderne Literatur, und empfahl ihn weiter an eine Bankierfamilie, deren gebildete Töchter auf dem laufenden fein wollten, was der Buchhandel Neues an schöngeistiger Literatur zeitigte. Hier nun hielt der junge Philologe mit der interessanten Narbe im Gesicht jede Woche einen Vortrag. Dabei ergab es sich von selbst, daß er des berühmten Stadtdichters, des Herrn Professor Gellert, Fabel zitierte, und der Bankier stellte mit Staunen fest, daß der junge Mann alle diese Fabeln auswendig wußte. Er hatte Verbindung mit dem berühmten Professor, sprach mit ihm über den jungen Menschen in seinem Hause. So ließ der Herr Professor Gellert den Studiosus aufsordern, bei ihm Besuch zu machen.
Er fand in dem berühmten Manne einen stillen, freundlichen Menschen, der aber leider durch eine Leber- und Gallenkrankheit geplagt wurde, die zu heilen er, wenn es ihm seine Mittel erlaubten, nach Karlsbad ins Böhmische fuhr. Heinrich vergalt- dem Professor seine Freundlichkeit, indem er sich wie ein Famulus um ihn bemühte, und der stille Herr liebte es, nun mit ihm des Abends Spaziergänge zu machen ms Rosental und in die weitere Umgebung.
Aber er lernte auch die Nachtsetten hn Leben dieses bedeutenden Mannes kennen. Manchmal, wenn er ins Arbeitszimmer trat, fand er den Gelehrten am Tische sitzen und vor sich hinstarren. Nichts konnte ihn bewegen, von seiner Melancholie abzulassen; ja, er wurde sogar ärgerlich, wenn Heinrich ihm gut zusprach. Das ging tagelang, bis die üblen Einflüsse gewichen waren und diesen schwarzen Stunden eine gewisse Heiterkeit folgte.
Immerhin, der Professor sagte, Heinrich wäre sein guter Geist, und wenn es auf ihn ankäme, sollte er sich niemals mehr von ihm trennen. Er bewies feine wahre Güte; denn als sich ein Baron von Bielfeld, der aus dem Hamburgischen stammte, an Gellert wandte, er möge ihm zur Ordnung seiner Bibliothek und für tägliche Dienste einen tüchtigen Philologen als Sekretarius senden, da dachte Gellert sofort an seinen guten Geist und empfahl ihn an den Baron, der unweit Altenburg eine fchöne Herrschaft besah, die ihm seine Gattin zugebracht hatte.
Es war gerade Ostermesse, und Heinrich fand sich in dem Gasthof ein, in dem der Baron verweilte. Der lud ihn zum Frühstück und sprach mit ihm deutsch, französisch und italienisch. Dabei befragte er ihn über die Neuerscheinungen in jeder Literatur. Es war wie ein kleines Examen und erinnerte Heinrich an jene Stunde, da er mit seinem alten Rektor in Stettin zum ersten Male gesprochen. Er gefiel dem Baron, der ihm freie Station und 150 Taler jährlich Gehalt bot. Er empfand es als doppeltes Glück; denn durch den Professor Gellert wußte er, daß der Baron in Preußen Verbindungen am königlichen Hofe besaß, und er dachte sich, wenn er seinem neuen Herrn ehrlich diene, könne der ihm eine passende Stelle am Gymnasium oder an der Universität verschaffen.
Da Heinrich noch fast vier Wochen Zeit hatte, bevor er sein neues Amt antrat, plagte ihn Sehnsucht, Mutter und Braut aufzusuchen. Freilich, nach Halle war er regelmäßig hinübergekommen, hatte dort aus dem Sofa eines Kommilitonen übernachtet und den Sonntag mit der Geliebten zugebracht. Aber anders war es doch, einige Tage mit ihr zusammen zu sein. Diese Vergünstigung ward ihm durch das Schicksal zuteil. Gellert, der sich seiner so treu annahm, lieh ihm auf sein künftiges Gehalt zehn Taler und verschaffte ihm auch einen Pwtz in einer Extrapostchaise, in der ein reicher Berliner Handelsherr von Leipzig über Halle nach seiner Vaterstadt zurückfuhr.
Drei volle Tage konnte Heinrich mit den beiden lieben Mädchen Emma und Klara schwärmen, musizieren und Lieder fingen. Emma hatte ein paar zierliche galante Gedichte komponiert. Sie nahm jetzt Orgelstunden, die ihr der Kantor an der Domkirche umsonst gab.
Heinrich freute sich ihres Talents. Die Pfarrerin nannte es eine brot; lose Kunst und pflegte zu sticheln, während sie irgendein wohlgekochtes Gericht auf den Tisch setzte. „Wenn dein künftiger Gatte, müde von Arbeit und Aerger mit seinen Scholaren heimkommt, so glaube mir: Sicher wird ihn ein guter Happen besser erquicken als ein gesungenes Verslein!" Und sie wies auf Klara hin, die tüchtig im Hause werkte und schasste.
Heinrich kam die Geschichte der Bibel von Maria und Martha in den Sinn, und da sie am Morgen Abschied nahmen vor der Post, flüsterte er seinem Mädchen, während Klara die Pferde mit Brot fütterte, ins Ohr: „Maria hat das bessere Teil erwählet — und das soll nicht von ihr genommen werden!" — Emma drückte ihm die Hand, sie hatte verstanden, was er ihr sagen wollte.
Aber diese glücklichen Stunden mußte Heinrich alsbald auf der Reise an der Seite des reichen Bankiers abbüßen. Der ließ ihn allzusehr fühlen, daß er ihn nur aus Gefälligkeit gegen den Herrn Professor Gellert mitgenommen habe, und zeigte ihm, wo er's konnte, die lieber« legenheit, die ihm sein Geld über den armen Kandidaten verlieh.
Heinrich war darum froh, daß er van Berlin nach Solberg mit dem Ränzel auf dem Rücken marschieren konnte. Die Mutter fand er dort in dem kleinen Gärtchen, um dessen Pflanzen sie sich bückend mühte. Sie erschrak schier, als er sie anrief, und hatte Tränen in den Augen, da sie ihm mit den Händen über die Wangen strich.
Dorchen kam. Sie wurde ganz rot, als sie Heinrich erblickte. Sie war größer geworden und ungelenk, wie ein junger Jagdhund. Da die Stunde des Mittags vorüber war, bestimmte die Mutter, daß Heinrich Speckeierkuchen essen solle. Dorchen ließ es sich nicht nehmen, ihre neu« erworbene Kochkunst zu zeigen.
Dann ging’s ans Erzählen. Bruder Friedrich Wilhelm befand sich wohl, als königlicher Forstbeamter in Ostpreußen; er schrieb wenig, sandte aber nahrhafte Geschenke oder Felle, die zur Fütterung für Winterkleider gute Dienste leisteten. Von Theodor war keine Nachricht da.
Joachim Nettelbeck aber war im Lande; er war jetzt Steuermann, hatte weite Reisen nach Afrika und Amerika vollbracht. Er fand sich, wie gerufen, an diesem Abend ein und brachte der Mutter einige Pfunde herrlichen indischen Rohrzuckers mit. Er begrüßte Heinrich in seiner stürmischen Art, umfing ihn an den Hüften, hob ihn empor und tanzte mit ihm im Kreise. Er ließ sich's nicht nehmen: Der Jugendfreund mußte mit hinaus in die Stadt, in den Ratskeller und mit einem guten Trunk Rheinweins das Wiederfinden begießen. Ihm hatte es Heinrich zu verdanken, daß er keinen Pfennig für irgendeine Lustbarkeit in Solberg auszugeben brauchte.
Aber diese herrlichen Ferien nahmen, wie alles Gute auf dieser Erbe, ein Ende Die Zeit war knapp geworden. So fuhr Heinrich von Solberg nach Süftrin mit der Post. Dort sand er zum guten Glück einen leerfahrenden Kärrner, der gebackene Pflaumen aus' Thüringen nach Stettin gebracht hatte; der nahm ihn für ein Trinkgeld mit nach Halle.
Einen Tag war Heinrich wieder mit der Braut zusammen Sie machten des Bormittags einen weiten Spaziergang hinaus aufs Land, aßen in einem Dorfwirtshaus und waren glücklich,'ungestört in Schweigen beieinander zu verharren. Hell schien die Sonne, die Vögel sangen, und am Ufer der Saale spazierten sie nebeneinander her.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


