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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang (952
Freitag, den November
Nummer 88
Liebesbriefe, vergilbt.
Von Hans Thyriot.
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Bündelchen Papier, mit dem verblaßten blauen Seidenbande übers Kreuz gebunden: ganz betroffen hast du es gefunden, längst Vergeßnes, im bemalten Kasten, Dessen Fächer schon seit vielen Jahren im verwehten Duft gepreßter Blüten mit den Bildern, Locken, Fingerhüten Jugend und Erinnerung dir bewahren.
Hältst sie schmerzlich lächelnd in den Händen, wiegst und wendest sie, die leichte Last, die du mit dem Kreuz gezeichnet hast, als du fühltest: morgen wird es enden.
Samt der armen Erbschaft toter Dinge ist dies Bündelchen dir noch geblieben. Liebesworte, einst von dir geschrieben, sind nun deines Herzens Jahresringe. Und dann legst du alles in die Flammen, siehst die blasse Schrift noch einmal glühen, Funken aus der alten Liebe sprühen ... und dann sinkt das Bündelchen zusammen.
Napoleons Liebesbriefe.
Von Wilhelm Hausenstein.
Sie gehören vor allem, ja eigentlich säst nur, einer einzigen Frau, der entzückenden und gefährlichen Jossphine.
Jospephine Toscher de la Pagerie wurde 1779 d>e Gattin des Bicomte Alexandre de Beauharnais. Sie gebar ihm zwei Kinder: Eugen und
Josöphine war keine reine Europäerin. Sie war Kreolin — und dies aussagen, heißt schon einen Teil ihres erhitzenden Zaubers anbeuten Im übrigen weiß man von vielen Bildern daß sie groß und schenk gewesen ist und über eine seltene Grazie verfugte. Mit einem heroischen Format verband sie Anmut, Leichtigkeit, Geschmeidigkeit - und eben jene Liebenswürdigkeit, die noch in dem Totenmal ihres Sohnes fühlbar ist. Daß sie eine große Künstlerin der Liebe gewesen ist, eine Liebes- tünftterin im französischen Sinne des Wortes eine Meister,n der Zart lichkeit (wenn sie wollte), ist gewiß. Ihre Art zu lieben war gesttre.ch witzig, unterhaltend) ihr Antlitz tragt Kennzeichen einer ungemeinen
Napoleon °war sechsundzwanzig Jahre alt, als er 'drverfielUndum es sogleich zu sagen: er verfiel ihr ganz und gar, so daß sie ihrer st-ache auf lange hinaus sicher sein durfte. Sie konnte es wagen, ihn nicht zu verwöhnen, ja, ihn darben zu lassen.
Er hat keine wüste Jugend gehabt. Dieser Imperator bereitete seine einzigartige Zukunst in Jünglings- und Jungmannsjahren vor die man kann es nicht anders sagen — in eine säst mönchische Keuschheit gefaßt waren. Man weiß von einer Idylle des jungen Napoleon mit einer Sechzehnjährigen in Marseille; man weiß, bafe; ein $an(er SKab- chen sich auf der Straße einmal an den jungen Offizier gehängt hat. Aber im großen ganzen ist das Bild dieser Jugend von einer ungewöhnlichen Enthaltsamkeit. Man muß daran denken, daß der lunge Bonaparte unter dem Einfluß von Rousseau steht, daß er alfo. naturfi*^«J«t liebt daß er — wagen wir das Wort getrost — em „Sentimentaler ist, ein Empfindsamer nach der Art des ausgehenden 18 Jahrhunderts, freilich im großen Stil. Der junge jBonaparte besitzt neben dem Ehr* geiz, der ihn früh ergreift, ausgesprochen lyrische Instinkte, joZuge einer schwärmerisch-großartigen Unschuld. Und man dars s ch . ) wundern, wenn die Natur diese Zwei Zuge ,neinanderflichtdeneinen im anderen haltend. Es wäre eine durchaus törichte Vorstellung z meinen, ein Imperator müsse auch ein Don Giovanni sein.
Dies ist etwa der Bonaparte, den das Schicksal °n Josephine binde. Freilich muß auch hinzugesügt werden: dieser Bonaparte gerade a) seine Laufbahn als Soldat und Politiker angesangen. Der ™en^ hauptmann Bonaparte hat Ende 1793 d.e Engländer durch überlegne Manöver aus der französischen Seefestung Toulon hin ß...
im Herbst 1795 hat er sich, als Vertrauensmann des gemäßigten Kon
vents, als Offizier der Ueberwinder des robespierreschen Schreckens an die Spitze der Ordnungstruppen gestellt.
Und nun ist es ein fabelhaftes Bild in des Wortes nächster Bedeutung, zu sehen, wie die erste Liebe und der erste Feldherrnruhm sich in dem nämlichen Augenblick begeisterten Aufschwungs verbinden. Bonaparte wird von der republikanischen Regierung nach Italien geschickt/ um dort die alten Mächte, besonders das nach Oberitalien vorgestreckte Oesterreich und seine Bundesgenossen, zu bekämpfen. Napoleon geht; doch Liebesbriefe an die soeben angetraute Josäphine und Schlachtpläne, kriegerische Handlungen weltgeschichtlichen Formats kommen nun aus ein und derselben Seelenregung, aus ein und demselben Atemzug, aus ein und derselben Begierde des Mannes. Bonaparte bringt vor, erobert Savoyen, Nizza für Frankreich, erficht die Siege von Millesimo und Mondovi, trägt die Fahne voran mit der Linken, mit der Rechten das Schwert, und die langen, strähnigen Haare des Generals der republikanischen Freiheit hangen an den noch mageren Wangen eines Feldherrn herab, der noch weit von den Dreißig ist; das Auge glüht — es glüht dem Ruhm, es glüht — was dasselbe ist — der Geliebten, die als Muse des Ruhms im Hintergrund steht. Man hat die Siege der Jahre 1796 und 1797, den Sieg an der Äddabrllcke von Lodi, die Siege von Arcole und Rivoli, die Eroberung Mailands und Mantuas, die Eroberung der Lombardei und Venedigs nicht verstanden, wenn man nicht verstanden hat, daß dies die Siege nicht bloß des Mars, sondern auch des Eros sind.
Die Briefe an Josephine, die in dieser Zeit, zwischen je zwei Schlachten, aus Italien zu ihr fliegen, sind mehr als Beweis.
Man zweifelt, ob Napoleon ein „Verführer" gewesen ist. Verführer sind geschickt; aber diese napoleonischen Liebesbriefe haben eigentlich keine Spur erotischer Diplomatie! Wie gibt er sich preis! Wie deckt er seine Karten auf! Rein, er ist nicht Verführer. Aber er hat die Großartigkeit einer vollendeten Leidenschaft, die sich mit ganzen Gewalt, mit ganzer Freigebigkeit dem geliebten Wesen zu Füßen schleudert. Das „Dynamische" an diesem Liebhaber entzückt, nicht die Kunst; er besitzt keine Verführerkünste; er besitzt nur die Macht feines entzückenden Temperaments. Und allerdings: er besitzt eine Kunst des Liebenden — er besitzt die höchste Kunst der zärtlichen Sprache. Er besitzt sie, wie nur ein geniales Gemüt sie besitzt — und ich wage zu behaupten, daß die Genialität dieser Liebesbriefe nicht geringer ist, als die Genialität des musikalischen Gefühls und der musikalischen Sprache bei jenem Beethoven, der die Synfonia Eroica geschrieben hat
Wie redet er zu der „sanften" Josephine! O, sie ist gar nicht sanft — aber man meint, unter der Anrede Bonapartes müsse sie schmelzen und es werden. Die Urlaute des Italieners „Buonaparte" brechen hervor: im Augenblick der Entzückung kommen ihm die Worte der Muttersprache auf die Sippen, und er stammelt: mio dolce amor (meine süße Liebe). Er sagt die Küsse, die er gibt — sagt sie bloß: aber man begreift nicht, daß diese geschriebenen Küsse die Empfängerin nicht verbrannt haben. Man begreift nicht, daß sie die (Empfängerin nicht getötet haben — so großartig ist der Klang und Sinn der Worte: „Einen Kuß, tiefer tiefer als die Brust". Das Herz selbst wird hier geküßt, — die ganze Frau.
Sie, Josephine, hält zurück. Sie freilich, sie besitzt, was er, der Verschwender genialen Gefühls, nicht besitzt; erotische Diplomatie. Sie antwortet kaum; sie läßt den Liebhaber und Gatten in dem Glauben, sie sei mit Verehrern beschäftigt (und übrigens ist der Verdacht Napoleons wahrscheinlich unberechtigt). Da rast er nun vor Eifersucht, und vielleicht hat die Eifersucht nie oder nur selten eine heftigere Beredsamkeit gesunden. Josephine hat den Gatten in einem Brief mit „Sie" angeredet — mit der Anrede der ehelichen Höflichkeit. Er ist außer sich. „Sie"! Und schreibt:
„... und dennoch nennst Du mich ,Sie' in Deinem Brief vom 23., vom 26. des Windmonats! .Sie' — Du selbst! Ach! Schlechte, wie hast Du diesen Brief schreiben können! Wie kalt er ist! Und dann — vom 23. zum 26. sind es vier ganze Tage! Was hast Du gemacht, da Du Deinem Gatten nicht geschrieben hast? ... Ach, meine Freundin, dies .Sie' und diese vier Tage heißen mich den Verlust meines alten Gleichmuts beklagen ... Unglück über den, der die Ursache sein kann! ... Die Hölle hat keine Schrecken, die Furie keine Schlangen — aber dies /sie'! Ach, was wird erst in vierzehn Tagen sein .. Meine Seele ist traurig, mein Herz geknechtet; meine Phantasie erschreckt mich. Du liebst mich nicht mehr so sehr. Du wirst Dich trösten ..."
Zuweilen versucht der Liebende, seine Stellung zu verbessern mit einem Wort des Stolzes; aber dies Wort des Stolzes, von einem der stolzesten Männer der Weltgeschichte gesprochen, ist nicht gegen die Ueber- macht seiner hingegebenen Liebesworte.
Es hat den Anschein, als trüge Josephine ein Kind. Napoleon ist außer sich; der Liebhaber und der hoffende Vater werden eins; er kann sich nicht genug tun mit der Vorstellung, wie schön Josephine die edle


