„Aber ich bin nicht für den Laden, Herr Zippel!
Er stieb die dicke Magd zur Seite und rannte scheltend über den Boden in das Unterhaus hinab. Die Magd sah ihm ruhig nach und watschelte dann langsam hinterdrein.
Kätti war allein. Sie setzte sich ans Fenster, hauchte aus ihre Finger- chcn stützte dann ihr Köpfchen an den Hals der Gitarre und blickte nachdenklich in das Gezweigs des großen, im Hofe stehenden Walnußbaumes, wo ihr grauer Kater „Nickebold" sich mit der Sperlingsiagd beschäftigte. Was half das alles! Das häusliche Ungewitter war zwar vorubergezogen; aber in die dumme Schule muhte sie ja nun doch wieder jeden Nachmittag; und außer den Schulstunden — wann war sie da vor dem Ueberfülle des Primaners sicher? — Plötzlich trat ein entschlossener Zug um ihren hübschen Mund; aber da sie eben wie zur Ermutigung einen nach dem anderen ihrer eingelernten Akkorde griff, schallten junge Männerstimmen von unten und jetzt schon aus dem Treppenhaus hinauf.
Im Nu hing die Gitarre an der Wand, und Kätti war wie fortgeblasen. *
Ein paar Stunden später saß der hübsche Primaner — Wulf Fedders hieß er — in voller Arbeitstätigkeit an seinem Tische. Bor sich hatte er die Tür nach dem weiten Boden offen stehen; vermutlich nur weil der geschlossene Stubenraum ihm seinen Geist beengte; denn er blickte nicht hinaus, sondern war emsig bemüht, für seinen deutschen Aufsatz eine Kette von Satzfolgen zu Papier zu bringen, welche er eben auf einem Spaziergange in Gedanken sich zurechtgelegt hatte. Anmutig schwebte ihm bei seiner Arbeit das sonst so griesgrämige Gesicht des alten Rektors vor; er hatte ihm heute bei seiner Berdeutschung des Thukydides so wohlgefällig zugenickt; Wulf Fedders sah schon deutlich dasselbe Nicken bei Rückgabe dieses Aufsatzes. Und die Feder des jungen Primaners arbeitete behaglich weiter. . .......
Als er aufblickte, stand Kätti ihm gegenüber; es war chr eigen, plötzlich da zu [ein, ohne daß man sie hatte kommen hören.
„Du!" rief er. „Bist du schon lange da?"
Sie nickte. ,,
„Was willst du, Kind?" sagte er und betrachtete das braune Köpfchen, das er bisher nur ein paarmal flüchtig hatte vorüberhuschen sehen.
Kätti zeigte auf das vor ihm liegende Papier und sagte: „Haben Sie noch mehr darauf zu schreiben?"
Er schüttelte sein blondes Haar aus der Stirn und lachte. „Noch ein paar Sätze; bann ist's vorläufig genug."
„Darf ich solang hierbleiben?"
„Weshalb nicht? Setz' dich!" sagte er, indem er schon wieder weiter schrieb.
Sie setzte sich auf den Stuhl am Fenster; aber ihre Augen ruhten unablässig auf dem Antlitze des Schreibenden, als wolle sie erwägen, was hinter den gesenkten Lidern sich verbergen möge. Als er dann die Feder wegwarf, schrak sie fast zusammen. „Fertig!" rief er. „Nun, Kätti? — Du heißl doch Kätti?"
„Ja, Kätti."
„Nun, so komm her und sprich, was du auf dem Herzen hast!"
Sie war zögernd wieder vor den Tisch getreten. „Wollen Sie auch nicht böse werden?"
„Das werd' ich nicht so leicht; aber ich kann's dir doch im voraus nicht versprechen."
Sie besann sich eine Weile. „Dann mögen Sie auch böse werden", sagte sie und zeigte nach der Wand; „ich habe alle Nachmittag auf Ihrer Gitarre da gespielt."
„Und weshalb erzählst du mir das jetzt? Nur weil es die Wahrheit ist?"
Sie schüttelte heftig mit dem Kopfe.
„Nein? Aber weshalb denn?"
„Ich möcht' es lernen", sagte sie leise; „ober es ist hier keiner, der darin Stunden gibt."
„Ja so! — Nun, Fräulein Kätti, was ich davon verstehe, ist zu Diensten!"
Freudenrot und zitternd folgte das Kind mit feinen dunklen Augen, wie er jetzt die Bücher fortschob und die Gitarre von der Wand herunterlangte.
Und somit wurde das erste Ringlein fertig als Glied zu einer feinen, unsichtbaren Kette.
Wie von selbst waren die Stunden herausgefunden, in denen der kleine musikalische Verkehr sich ungestört entfalten konnte; Kätti säumte nicht zu kommen, und auch Wulf Fedders blickte mitunter über feine Bücher nach der halb offenen Stubentür, ob denn das braune Köpfchen noch nicht durch die Spalte gucke. Wenn sie dann eintrat, hatte er oftmals Mühe, seine bewundernden Augen abzuwenden, damit — so warnte er sich selber — das Kind nicht eitel werde. Er hatte freilich nicht gesehen, wie sie kurz zuvor an ihrem aufgezogenen Schubfache kniete, um ein bestes Krägelchen ober ein anberes Putzstück baraus hervorzukramen; hatte er doch nicht einmal bemerkt, baß erst feit ein paar Tagen eine rote Seidenschieise gleich einem angeflogenen Schmetterling auf ihrem schwarzen Haare saß.
Uebrigens waren Kättis musikalische Fortschritte unverkennbar; was der junge Lehrer an Griffen unb Fingersatz ihr beizubringen wußte, war alles rasch erlernt worben. Dagegen kam eines Tages roieber Klage aus ber Mädchenschule; als Wulf Febbers nach ber Klasse in bas Haus trat, zog Herr Zippel ihn in bie Stube unb rief ihn gegen bas ungelehrige Kind zu Hilfe. Und ber blonbe Primaner, unter dessen Scheitel sich neben anderem auch ein Ouintchen Altklugheit versteckte, redete zu Herrn Zippels Entzücken in das arme Ding hinein, daß sie schier Verblasen dastand und in den nächsten Tagen brennend fleißig war.
Ganz anders freilich geschah es, wenn sie oben in der Giebelstube saßen, wo die grünen Zweige des Nußbaumes in das offene Fenster nickten unb wo von solchen heiklen Dingen nie bie Rebe war. Zwar hatte bei Wulf Febbers bie Gitarre keine weitere Bebeutung als bas Vögelsingen, wenn
es Frühling ist; dennoch hörte es sich anmutig, wenn er mit feinem weichen «Bariton aus seinem Liederschatz zum besten gab.
Ein Vöglein singt so süße Vor mir von Ort zu Ort!
Wenn er bas onhub, saß Kätti gewiß auf ein paar übereinandergepackten Büchern zu seinen Füßen, und wenn er geendet hatte, sprach er es nach einmal. Der Worte dieses Liedes wurde sie sich kaum bewußt, es war ihr nur die Melodie zu der sich dunkel regenden Empfindung mit der sie in bas hübsche Jünglingsantlitz blickte. (Fortsetzung folgt.)
Schwarzschattende Kastanie.
Don Eonrab Ferbinanb Meyer.
. Schwarzschattenbe Kastanie,
mein roinbgeregtes Sommerzeit, bu senkst zur Flut bein weit Geäst, bein Laub, es bürstet unb es trinkt, schwarzschattenbe Kastanie!
Im Porte babet junge Brut mit Haber ober Lustgeschrei, unb Kinber schwimmen leuchtenb weiß im Gitter deines Blätterwerks, schwarzschattenbe Kastanie!
Unb hämmern See unb Ufer ein unb rauscht vorbei bas Abenbboot, so zuckt aus roter Schiffslatem' ein Blitz unb roanbert auf bem Schwung ber Flut, gebrochnen Settern gleich, bis unter beinern Laub erlischt bie rätselhafte Flammenschrift, schwarzschattenbe Kastanie!
Der Zauber der deutschen Landschaft.
Van Dr. Anton Mayer.
Die Not ber Zeit, bie Verorbnungen ber Not, ber schmal geworbene Gelbbeutel zwingen heute bie Reiselustigen, ferne Oegenben zu meiben, auf bie gewaltigen Eindrücke des Meeres oder des Hochgebirges zu verzichten unb anspruchslosere Lanbschaften aufzusuchen, bie in leicht erreichbarer Nähe ihres Heimatortes liegen — wenn es sich nicht um Die immerhin verhältnismäßig Wenigen hanbelt, bie an ber Waterkant ober im Gebirge zu Hause sinb. Das bebeutet einen Zustanb, ber für viele Menschen recht lehrreich unb, wie sich vielleicht zu ihrem eigenen Erstaunen Herausstellen würbe, auch voller Genuß sein bürste; benn gar oft wirb es geschehen, daß bie, welche im letzten Grunbe nur bie „großartige" Natur kennen, bie verblüffendsten Entdeckungen in ber einfachen unb bis bahin etwas verachteten „Felb-, Walb- unb Wiesen"-Lanbschast machen werden. Es vollzieht sich hiermit wieder ein Wechsel in ber Naturbetrachtung und -auffassung. Wie die ältere Lanbschaftsmalerei, bie Kunst bes 15., 16. unb Ik.Jahrhunberts zeigt, würben nicht bie gigantischen Erscheinungen, wie bas Hochgebirge, bevorzugt, sonbern stille Fluß- unb Parklandschaften, Wiesengrünbe, weite Ebenen, unb „romantische" Gebilde, wie Wasserfälle, Mühlen, Burgen; wo, wie bei einigen Niederländern, das Gebirge, Felsen- bilbungen unb steile Höhen bargestellt werben, wirb bas immer mit einer gewissen Scheu, einer Abwehr vor ber düsteren Größe ber bergigen (Segenben getan. Im Süden, in Italien wurden die „heroischen" Landschaften mehr ober weniger als ibeale Phantasiegebilbe gemalt, bie eine Verklärung ber Wirklichkeit geben wollten; bie Natur in ihren gewaltigsten Steuerungen ber Gletscherwelt unb bes sturmbewegten offenen Meeres blieb lange Zeit ein Gegenstand des Grauens, den man vielleicht beraum bette, aber auch fürchtete. Wit müssen immer bebenten, daß bis zum Ende des 18. Jahrhunderts kein Mensch zum Vergnügen oder zur Er- bolung in die Alpen ging, sondern jeder recht froh war, wenn er sie auf Jtalienreifen möglichst schnell passiert hatte.
Das änderte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts gründlich; die Alpen wurden die große Mode, die Hochtouristik entriß den Bergen ihre Schrecken, und manche schweizer oder tiroler Gegenden gewannen den Ruhm, zu den schönsten Plätzen ber Erbe zu gehören. Erst nachdem der Reiz der Schneeberge und Felsabstürze, ber Hochtäler unb engen Felsschluchten |o ziemlich Allgemeingut geworden war, begannen in der zweiten Hälft- des 19. Jahrhunderts bie Vorzüge einer ganz anbers gearteten Natur entberft zu werben: Fontane schrieb seine „Wanberungen in der Mark" unb begriff bie Wichtigkeit ber Stimmung, welche einer Landschaft das Gepräge gibt. Noch später, um bie Jahrhundertwende wurden Künstler zu Kündern einer bis bahin im ästhetischen Sinne noch ganz unerschlossenen Gegenb: bie Mitglieber der Worpsweder Malerkolonie schilderten auf ihren Werken das Marschland und die Heide des friesischen Bodens. Immer aber blieb die begreifliche Sehnsucht nach lockender Sllpen« größe in den Reisenden vorherrschend — und wenn sie auch mit Recht niemals verschwinden wird, so wäre es doch möglich, daß ein erzwungener Aufenthalt in unberühmten Landen den Sinn für feinere Nüancen, für subtilere Genüsse auszubilden vermöchte.
Man mißverstehe mich nicht: ich will keineswegs einer Bescheidenheit im Sinne Leberecht Hühnchens, die in jedem Maulwurfhaufen einen Chimborasso sieht, bas Wort reden: im Gegenteil, es sollen gerade an die einfachen Landschaften ohne Berge, große Seen unb weithinreichende Wälber recht große Anforberungen gestellt werben. Nur müssen wir uns bei ber Betrachtung solcher Oegenben von ber im Grunbe etwas primitiven Vorstellung frei machen, baß die Form der Landschaft in erster Linie zu werten sei. Niemand wird allerdings deren Wichtigkeit bestreiten — wo sie hingehört, nämlich nur im Gebirge, da die rhythmischen Verhältnisse, die Schwingung der Linien, die Ueberschneidungen der Serg« formen bestimmend für die analytische Beobachtungsweise eines in sich abgeschlossenen Nalurkomplexes sind. Es ist eine alte Erfahrung, daß eine synthetische, zusammenfassende Betrachtung im Gebirge sehr schwer


