GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang M2 Montag.-en y. Juli Nummer 53
Ich stand in dunkeln Träumen ...
Von Heinrich Heine.
Ich stand in dunkeln Träumen Und starrte ihr Bildnis an, Und das geliebte Antlitz Heimlich zu leben begann.
Um ihre Lippen zog sich Ein Lächeln wunderbar. Und wie von Wehmutstränen Erglänzte ihr Augenpaar.
Auch meine Tränen flössen Mir von den Wangen herab — Und ach, ich kann es nicht glauben. Daß ich dich verloren hab'!
Zur „Wald- und Wasserfreude".
Novelle von Theodor Storm.
Im dritten Hause von der Marktecke, wo in dem Schaufenster der Tempel aus weißem Dragant mit Rosengirlanden und fliegenden Amoretten zwischen einer Garnitur von Franz-* und Sauerbrötchen prangte, wohnte derzeit Herr Hermann Tobias Zippel. Er hatte vordem in einer anderen Stadt des Landes allerlei Handelsgeschäfte getrieben, war aber, nachdem er sich solcherweise ein kleines Vermögen erworben hatte, seiner unruhigen Natur gemäß von dort verzogen, um einmal anderswo was anderes zu beginnen. In seinem jetzigen Hause hatte er eine Konditorei und eine Bäckerei errichtet, deren notwendige Verbindung dem beschrankten Geiste dieser Stadt bisher noch unentdeckt geblieben mar; nach Erbauung des weißen Dragnnttempels wurde dann auch noch eine Tapetenhandlung angelegt, d. h. was man wirklich so Tapeten nennen konnte; denn vor ihm, wie er händcreibend zu versichern pflegte, hatten die Leute sich chre Stuben nur mit einer Art von buntem Löschpapier verkleistert.
Herr Zippel war ein blasses Männchen mit vollem dunklen Haupthaar, das er, um seinem arbeitenden Gehirne Luft zu schaffen, alle Augenblicke mit seinen fünf gespreizten Fingern in die Hohe zog. Wohl zehnmal in einer Stunde, gleich einem Marionettenmännchen, erschien und verschwand er in dem Nahmen feiner allezeit offenen Haustür; und den an dem gegenüberliegenden Strahenfenfter strickenden Damen begann etwas zu fehlen, sobald das gewohnte Spiel einmal versagte.
Das einzige Kind des Hauses war eine Tochter, ein braunes, grätiges Ding mit zwei langen, schwarzen Zöpfen und damals kaum dreizehn Jahre alt. In der Taufe hatte sie den Namen „Rosalie" erhalten, und wenn Herr Zippel, sei es pathetisch oder auch nur zornig war, dann wurde sie auch so von ihm gerufen, für gewöhnlich aber nannte man sie, aus Gott weiß welchem Grunde, „Kätti". Herr Zippel j/hickte seine Tochter in di- beste Mädchenschule, aber sie war eine berufen ,chiechte Schülerin. Nur in der Geographiestunde pflegte sie mitunter aufzumerken; der Lehrer war einst in vielen Ländern herumgekommen, und seine Vortrage gewannen zuweilen den Ton der Sehnsucht in die weit, weite Welt; dann starrten ihn die schwarzen Augensterne an, und die mageren Arme des Kindes reckten sich über den Schultisch immer weiter ihm entgegen. Auch in den Klavierstunden, die ihr der Vater geben ließ, blieb sie nicht dahinter; ja sie zeigte bisweilen eine Auffassung, die über ihre Jahre hinauszugehen schien, und es konnte dann wohl geschehen, daß sie mitten im Stück aussprang und davonlief, als ob was Fremdes über sie hereingebrochen sei. . ... s. ,, . „
Aber der schwere Klaoierkasten, der so fest gegen die Wand geschoben stand, war nicht das Instrument, das ihr eigenste Natur verlangte. Ein solches, das sie bis jetzt nur in den Händen durchziehender Kustlermnen gesehen hatte, sollte ihr jetzt zuteil werden. .
Auf dem Boden des langgestreckten Hauses be,and sich nach dem tfofe Zu ein: Giebelstube, in welche unlängst bei Beginn des i-ommersemesters ein schon älterer Primaner eingezogen war. Aus irgendeinem Winkel hatte Kätti von rotbemützten jungen Herren neben vielen Buchern auq eine Gitarre hineintragen und mit verlangenden Augen hinter der suy schließenden Stubentür verschwinden sehen. Aber eines Nachmittages, da sie ihren Hausqenosien sicher in seiner Gelehrtenschule wußte, und wahrend I sie selber freilich in ihrer Mädchenschule sitzen sollte, huschte sie leise Uber den Boden und blickte durch die geöffnete Tur in die leere Stube Als sie die Gitarre gegenüber an der Wand hangen sah, schlupfte sie hinein und zog hinter sich die Tür ins Schloß.
Ebenso ging es am folgenden Nachmittage und noch ein paar Tage •»eiter; endlich kam Klage aus der Mädchenschule; Katt, hatte die letzte Woche jeden Nachmittag gefehlt. Es war kein Zweifel, sie mußte sich
* Kleine runde Brötchen aus Weizenmehl.
bis dahin zierlich durchgelogen haben; nun aber brach das Wetter über sie herein. Herr Zippel erinnerte sich plötzlich ihres Tausnamens; mit gesträubtem Haupthaar lief er im Hause umher; den Bries der Lehrerin hielt er in der einen Hand und schlug ihn mit der anderen „Rosalie!" rief er, „Rosalie! Wo hat das Unglückskind sich wieder hinverflogen!"
Endlich, irgendwoher, erschien sie vor ihm; halb lauernd, halb ängstlich sah sie ihren Vater an. „Weißt du, daß du mein einziges Kind bist", sprach Herr Zippel nachdrücklich, „und daß deine Mutter in der Erde ruht?"
Kätti ließ das Köpfchen hängen, daß ihr die langen Flechten über die Brust herabsielen.
„Kannst du lesen?" fragte Herr Zippel wieder.
Sie antwortete nicht.
„Da!" sagte er und gab ihr den Brief der Lehrerin. „Versuch' es; aber es ist geschriebene Schrift! Wie kann man geschriebene Schrift lesen, wenn man nicht zur Schule geht!"
„Ich kann wohl lesen!" sagte sie trotzig und erschrak doch, als sie einen Blick hineingctan hatte. Aber sie kannte ihren Vater, sie mußte ihn ruhig austoben laßen.
Er hatte den Brief ihr aus der Hand gerissen und vollzog an diesem aufs neue seine symbolische Züchtigung; dabei sagte er seiner Tochter, sie würde seinen sauer erworbenen Ruf zugrunde richten, fein schwarzes Haar würde vor Weihnachten noch weißer als der Schnee fein, und sie selber würde am Ende ihres Lebens an einem sehr hohen Galgen hängen.
Das war denn doch zu viel; Kätti brach in bittere Tränen aus.
„Aber, Unglückskind, was haft du denn getrieben?" Herr Zippel hatte ihre Hände ergriffen und blickte zweifelnd und ratlos auf sie hin.
„Ich habe nicht gesaulenzt", sagte Kätti.
„Nicht gefaulenzt! Aber was denn sonst?"
„Ich hab' nur was anderes getan, als was sie in der Schule tun!" Und dabei zeigte sie ihrem Vater die Fingerspitzen ihrer beiden Händchen.
Herr Zippel besichtigte eine nach der anderen mit wachsendem Erstaunen. „Aber, zum Erbarmen! die sind ja alle wund, die einen noch schlimmer als die andern!"
„In", sagte Kätti, „das ist auch nicht so leicht!"
„Aber um des Himmels willen, wo hast du denn gesteckt?"
Sie schwieg einen Augenblick, dann sagte sie: ,^Zst der Primaner zu Hauses"
„Der Primaner? Nein, der ist eben fortgegangen. Aber was soll denn der Primaner?"
„Komm!" sagte sie. Und schon hatte sie ihres Vaters Hand ergriffen und zog ihn mit sich fort: die Treppe hinauf, über den Boden, dann in das Giebelstübchen.
Rasch langte sie die Gitarre von der Wand, fetzte ihr eines Füßchen auf ein dickes Lexikon, das auf dem Fußboden lag, und ein paar voll gegriffene Akkorde erklangen unter ihren Fingern.
Herr Zippel stand mit untergefchlagenen Armen und weit aufgeriffenen Augen gegen bir- Wand gelehnt. Er hatte eine Lieblingskanzonetta. „Kätti", sagte er mit vor Erwartung bebender Stimme: „Es ritten drei Reiter zum Tore hinaus!"
Kätti hatte es tausendfach von ihrem Vater fingen, pfeifen und brummen gehört; es war auch das erste gewesen, wozu sie sich die Begleitung auf dem Instrument zusammengelesen hatte. Und nun, während die kleinen Finger aufs neue das Griffbrett faßten, Hub sie an und fang mit ihrer etwas schrillen Kinderstimme: „Es ritten drei Reiter zum Tore hinaus, ade!"
„Ade!" fang Herr Zippel schüchtern und wie fragend mit.
„Und wenn es denn soll geschieden sein —"
Herr Zippel hatte sich hoch ausgerichtet; seine Augen begannen zu leuchten, bald schlug er die Hände über dem Rücken ineinander, bald fuhr er'damit durch feine aufgeregten Haare; dann aber, als der Refrain wiederkehrte, setzte er mutig mit seiner scharfen Tenorstimme ein, und bald fangen Vater und Tochter miteinander, daß es durch Haus und Boden schallte:
Ade, ade, ade!
Ja, Scheiden und Meiden tut weh!
„Rosalie! mein Kind, mein Genie!" Herr Zippel schloß das winzige Geschöpschen in seine Arme und betaute es mit seinen Tränen. „Ja, ja, die alte Schulmamsell mit ihrem Strickstrumpf, mit ihrer trockenen, gelben Jungfernnase, was weich auch die —"
Als er infolge eines Geräusches umblickte, stand die dicke Magd mit ihrem Kochlöffel in der offenen Stubentür. „Herr Zippel, vorm Laden ist ein Junge, der will für ’n Schilling Butterkringel!"
„Dec Junge soll zum Teufel gehen!"
„Aber Herr Zippel!"
„So ruf' den Burschen!"
„Herr Zippel, ich weiß nicht, wo der Bursche ist."
„Nun, so gib ihm selbst die Kringel!"


