keine Brücke zum Tiere gefunden fei. Und nicht anders, fo wahr und wirklich als sein Fund am Menschenschädel, stehe der Urtyp der Pflanze vor seinem Auge, sichtbar in allen Formen der Abwandlung, an jedem Gewächs zu schauen. Er griff zu Blatt und Zweig, Knospe, Blüte und Frucht vom Wegesrande, wies es den gläubigschönen Blicken, die seiner Hand, seinen Lippen, seinen aufleuchtenden Augen und auch den vor- gehnltenen Gegenständen folgten, fand lebendige Worte für das geneigte Frauenohr, das dem Wohllaute, Tonfall und Feuer seiner Sätze und auch den kühnen Gedanken nachhing, und so hob er sich, indes sein Blut verglühte, an die Inbrunst seines Geistes hingegeben — stillte sich wie immer, wenn sein Herz überzugehen drohte, an den eigenen Gesichten.
Sie gingen, und die Tepel trieb ihr geschäftiges Wesen vorbei, als müsse sie auch dieser beiden Menschen Stimmenlaut und Pulsschlag, wie all der andern Witz und Torheit, Spiel und Gefühl in eiligen Strudeln hintreiben, wo sich ihr Wasser mit der heißen Quelle mengte und anders wurde. Das Verlauten fremder Herzen, die aus dem Kreislauf des Gewohnten gesetzt. waren, gab dem Flusse und dem Tale ein besonderes Wesen. Die von den heißen Wässern aufgerührten Sinne sahen die schlichte Lieblichkeit der überwaldeten Berge anders. Auch seine und Lottes Augen hingen benommenen Blicks den Höhenzügen nach. Und beide wurden von der besänftigenden Natur umfangen, als ruhe schon in der zurückhaltenden Anmut dieses Tales ein Heimfinden, das nicht Gewohnheit ist, ein Friede, den kein Alltag bringt, ein Stillen und Lösen, nicht aus Müdigkeit erflosfen. Sie hatten wieder eine ihrer Sturzwellen durchschritten.
Aber sein Herz, da es sich ergossen hatte, schlug stetig, und das ihre, das nur empfangen hatte, hüllte sich wieder in die Schleier verheimlichenden Harrens. Als ahne ihr, die nichts von seinen Plänen wußte, was er kaum fühlt«, da er sie lebensvoll vollzog: die Trennung.
II.
Eine Woche, und es traf der Herzog mit wenigen Begleitern auf zwei Wagen gefolgt von etlichen berittenen Lakaien, unvermutet ein. Es war kein Quartier bestellt. Was zum Weimarer Hofe und dessen Kreis gehörte, fand sich zu früher Nachmittagsstunde aufgewirbelt und suchte dem jungen Herrscher gefällig zu sein. Er war vom Stadtturme aus kaum angeblasen worden, aber als er die eilig beschaffte Wohnung bezogen hatte, stellten sich die Stadtväter zur Begrüßung, und vor den Fenstern waren die Schützen aufmarschiert. Sie feuerten drei Freudensaloen in die eilig zusammengesuchte Rede des regierenden Bürgermeisters.
Für einen nächsten Tag waren auch Herder mit Gattin und Söhnchen ungesagt. Weimar wurde um Charlotte lauter und wirksamer, ihr war, als habe sie den verläßlichsten Lebensschutz gewonnen, ohne ihn weiter suchen zu müssen. Daß sie die kurzen Tage, da Goethe der einzige war, einen Schutz gesucht hatte — wie immer im feinen Spiele erwehrter Sehnsucht einer Frau, deren Körper dem abgefundenen Gatten sieben Kinder geboren hatte und verblüht war — das besing sie jetzt mit einer mädchenhaften Wollust. Sie war sehnsüchtig gewesen, daß er sie bestürme; er hatte nicht versagt. Doch sie hatte, wissend und leise dem Kräftedrang des Lebens weichend, feine edle Ungeduld nur mehr in der allerersten Zeit nach seiner Ankunft erwartet, wenn die wochenlang« Trennung und sein Verlangen, ihre Seele zu fühlen, noch wirksam waren. Auf dem kurzen Spaziergange in der Tepel-Aue war ihr das Glück geworden. Sie hatte es in zehn Jahren einer tiefbewegten Gemeinsamkeit oft, so oft mit zitterndem Herzen und schwindendem Vermögen rein erhalten: Glück ein«r Liebe, die zerschellt wäre, wenn sie auch nur ein einziges Mal hätte gesättigt sein können, einer Liebe um chres innigsten Triebes willen. In einsamen Stunden, die bitter sein konnten wie ein vergebliches Dasein, schien es ihr selbst unwahrscheinlich und Gnade. Denn nur er, Goethe, in seiner Unbeschränktheit zu empfangen und auszugeben, war der Mensch, der ihr den Rauschhauch einer Leidenschaft geben konnte, die keine Leidenschaft des Leibes werden durfte, ohne sich und sie zu vernichten. Oh, sie hatte ihre Stunden, für dieses einzig« Glück fürchten zu lernen! Nur wenn er da war, in dem alle Möglichkeiten des inbrünstigen Fühlens auch einer solchen unleiblichen Liebe zu fassen waren, und sie ihn sah, seine Stimme hörte, seine Sphäre fühlte, konnte sie an das Glück glauben.
Es war umhegt, ihr Glück, und da sie es hütete, war sie langsam und heilsam von dem ersten Traume zurückgewichen, den er aus dem Feuer seines Wesens um ihr Herz hatte lodern lassen. Er war, ehe er kam, an andern Frauen gewiß geworden, daß er geliebt oder geflohen sein mußte, wenn sein Verlangen wach geworden war, und er war doch ungestillten Herzens gekommen. Da brannte alles rings um sie auf, wohin sein Atem fiel. Gott half ihr, und es stand ihr das Weimar ihrer Kindheit, ihrer Eltern, des Hofes bei, mochte er es auch durchfiebern und wie toll werden lassen. Der Frankfurter Bürgersohn gab sein Genie, er hatte noch die ungekränkten Kräfte jenes jungen Blutes. Sie aber — Seligkeit, an die sich kaum ihre Sehnsucht gewagt hätte — vermochte den edlen Quell zu fassen und in ihre Hände zu schöpfen, die vordem leer geblieben waren, io oft sie sie verlangend zur Schale gerundet hatte. Nicht ohne Opfer war es ihr geworden, mehr wehren hatte sie müssen, als empfangen können, und so war Goethe, je weiter er an Form und Vollendung gewann, stiller geworden. Aus der heißen Quelle ein See, der die Ereignisse seines Ufers spiegelte und seltener, so selten, in seiner wilden Herrlichkeit zur Wallung kam. Sie ahnte, fühlte, wußte mehr und mehr: auch sie stand nur am Ufer. Allein so lebte die Möglichkeit.
Mit der Ankunft des Herzogs waren die Tage hin, in denen Goethe die geliebte Frau noch einmal vor der Trennung, deren Ende er nicht absehen wollte, ganz in sich hätte aufnehmen können. Fern von den leisen Trübungen, di« das Weimar der letzten Zeit zwischen sie warf: Krankheit des Sohnes, die häufige Anwesenheit des guten, geistesplatten Stein und feine hausoäterlichen Gewohnheiten — fern davon, in diesem
ihnen beiden stillvertrauten Thermentale hätte er sie'nach den gemeininnt t erfüllten Kurpflichten in sein Arbeitszimmer gewünscht, mährend er Vogel i das Manuskript für Göschen diktierte, von ihr beraten, von ihr ermutigt; s und er hatte an Mahlzeiten auf seinem oder ihrem Logis gedacht uabg dann, wenn der Tag müde wurde, an jene förderlich-erquickenden Gespräch! I (sie waren in den letzten Monaten so selten geworden), aus denen sich i)ie L Umrisse weiter Pläne hoben, die manches in ihm, was feinen Trieb noch l mit Wirrfal füllte, zu Gestalt brachten. Da hätte er dann für eine um-1 fchleierte Zukunft, die wie ein Abenteuer feine Seele entspannen un&, erfüllen sollte, etwas von den heimischen Kräften des Nordens mit in I den Süden getragen, dessen Sinnlichkeit nicht mir lösend, sondern auch | auflösend wirken konnte!
Er wollte ja auch dort stets mit ihr sein, für sie ein Tagebuch führen, l für sie, was ihm bemerkenswert erschiene und nicht durch Worte zu geb!« I wäre, mit raschem Griffel festhalten, um dann — wenn er zurückkehrte - die sinnfälligen Anhaltspunkte seiner Berichte zur Hand zu haben.
Wenn er riickkehrte! Das war es. Er fühlte diese Frage drängender I um sein Herz gelegt. Es trieb ihn leidenschaftlich fort, denn er hatte mehr | Raum in sich, als Weimar bot. Würde es ihm gelingen, diesen Drang; nach Erfüllung so innig zu bändigen und zu verwesentlichen, daß er di« । eigene Weite, auf ihren innersten Gehalts ihre Essenz gebracht, beruhigt | wieder in den Kreis seines Weimar schlietzen konnte? — Auch diese Kraft • der Stetigkeit, der Wiederkehr, der Treue zu stärken, hatte er sich nach dm ? Karlsbader Tagen allein mit Lotten gesehnt. Und sie, deren Liebe sein - Segen gewesen war, sollte gerade aus ihrer Ahnungslosigkeit ihm dm wirksamsten Schutz für eine nächste Zukunft spenden. Aber seußzend gewahrte er, daß er auch jetzt, wie stets, zu viel gewollt habe. Karlsbad, i nicht nur der Kurgebrauch, auch alle jene freundlichen Ablenkungen und ■ Begegnungen, die «s mit sich brachte und denen sich seine Sinne nichl 1 entziehen konnten, die Arbeit für den Verleger, der allzukarge Zeit bei- | gemessen war, und vor allem Charlottes nervenzartes, leichtgehemmtes Wesen, dessen scheue Selbstbedachtheit er immer erst begriff, wenn sie ihm leibhaft vor Augen stand, machten diesen alten, oftgehegten Traum seines häuslichen Herzens zunichte. Hier in Karlsbad, so hatte er geglaubt, wäre er erfüllbar gewesen und hätte ihm ein Talisman werden können.
Aber auf seinem Leben lag das Vielzuviel. Er hätte jeden Tag dreifach entfalten müssen, um Räum zu finden. Vielleicht war, was er io ruhevoll als einen Weg der Klärung und Vollendung vor sich wähnte, — wie hatte er doch gelernt, feine Drangsale zu kühlen und zu schlicht ten! — doch nur die Flucht: Abstand zu finden von all« dem, was in diesem Jahrzehnt an der Seite Lottens bis auf den Grund der letzten bildnerischen Möglichkeit ausgeformt worden war, [o daß es in einem Daseinstrotze bestand und nichts mehr verlieren und gewinnen mochte, wie — wie diese Werke, an die er für Göschen die letzte Hand legte. Er begriff heute den Ruhm nicht, den sie ihm gebracht hatten, und doch waren sie da in ihren fast restlos erschöpften Möglichkeiten, daß seine Hand immer schwerer und hilfloser an ihnen wurde.
Einzig „Iphigenie" zeigte noch Anreiz und Leben. Aber der Reiz wies in eine andere, fremde Landschaft, der er zustrebte, und das Leben | wies auf eine Daseinsform, die er leibhaftig nur jenseits der Alpenwanb finden konnte. Dieses Werk führte ihn und sollte ihn begleiten, in ihm lebte er selbst noch, und auch sie, Lotte, lebte noch darin. Ein bildwerden-1 des Band also, da er von Lotte selbst ein neues Band nicht mehr erhielt! >
In diese Spannung zweier Edler, die ein seltenes Geschick für ihr Leben verbunden zu haben schien, ohne ihnen die letzte Einung zu gönnen, die nicht fo sehr das Leibesglück als die -eft nüchternste Verantwortung des Alltags bringt, fiel nun der Herzog mit seiner jugendlich-derben Praktik ein, sich der Geduld zu entledigen. Er hatte ein« noch peinlichere Wartezeit hinter sich als sein Geheimrat. Die 'Anteilnahme eines ganzen Landes an der verzögerten Entbindung und die durch bange Erwartung gesteigerte Pflicht der Ritterlichkeit gegen seine Gattin, deren empsindsame Zurückhaltung seiner lebhaften Gemütsart auch in gewohnten Umständen zusetzte, hatten ihn erschöpft. Er wollte nun Umtrieb und den erregenden i Verkehr mit Frauen, die neben spielerischen Galanterien und schön- j geistigen Konversationen auch einen derberen Wink und ein gewagtes i Wort, das ihnen Blut in die Wangen trieb, unter höfischer Duldsamkeit zu ertragen wußten, da ein Herzog sich immerhin herabließ. . s
An Stelle des Karlsbader .Ordinarll, eines Lohnlakaien, der den merkwürdigen Namen Demon führte und sonst Visitkarten abgab, wo man Bekanntschaft schließen wollte, ritt der Herzog am Morgen nach seiner Ankunft, umgeben von einer Suite, unter der sich auch Goethe befand, vor die Wohnungen des Adels, ließ seine Anwesenheit melden und zu einet Assemblee in den Sächsischen Saal laden.
Und es war bemerkt worden, daß der herzogliche Hofstaat nicht allzu weitläufig bestellt sei. Also folgte man einer unausgesprochenen Parole und bereitete die Abendunterhaltung aus gemeinsamen Kräften vor. Etliche Kavaliere hatten neben ihren Lieblingspserden auch ihre Hauskapelle milgebracht, sie stellten die Musikanten; «ine Mailändische Sängerin, die im Komödienhause zu hören gewesen war, wurde verpflichtet, auch ein geschickter Taschenspieler, der auf einigen Logis seine Kunstfertigkeit erwiesen hatte. Zur Bestellung des Büfetts durch den Traiteur des Saales waren die Schüsseln von den Kavalieren ä la piquenique ausgelost worden.
Der Assembleeraum, glänzend beleuchtet, war erfüllt von festlichen Menschen, als Karl August mit seinem Gefolge erschien. Er nahm die Vorstellung kurzangebunden entgegen, wandte sich unverweilt der Damenwelt zu. An diesem Abend zeichnete er die Gräfin Czinska besonders aus, eine geborene Fürstin Czartoriska, sie hatte sich in einem sehr kostbaren Perlen- und Diamantschmuck präsentiert, und ferner die Grazer Gräfin Lanthiery, deren hübscher Wuchs und lebhafte Augen seinen spähenden Blick gleich beim Eintritte in den Saal gefesselt hatten.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts»Vuch« und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.


