SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <932 Montag, den U- April * Nummer 28
Kaiser Kriedrich III.
Letzte Fahrt: 6. Juni 1888.
Bon Theodor Fontane.
„Ich sähe wohl gern (er sprach es stumm) noch einmal die Plätze hier herum, am liebsten auf Alt-Geltow zu, — und ihr kommt mit, die Kinder und du." Das Dorf, es lag im Sonnenschein, in die stille Kirche tritt er ein, di« Wände weiß, die Fenster blank, zu beiden Seiten nur Bant an Bank, und auf der letzten — er blickt empor auf Orgel und auf Orgelchor und wendet sich und spricht: „Wie gern, vernähm' ich noch einmal „Lobe den Herrn": den Lehrer im Feld, ich mag ihn nicht stören, Biky, laß du das Lied mich hören.
Und durch die Kirche, klein und kahl, als sprächen die Himmel, erbraust der Choral, und wie die Töne sein Herz bewegen, eine Lichtgestalt tritt ihm entgegen, eine Lichtgestalt, an den Händen beiden erkennt er die Male: „Dein Los war leiden. Du lerntest dulden und entsagen, drum sollst du die Krone des Lebens tragen. Du siegtest, nichts soll dich fürder beschweren: Lobe den mächtigen König der Ehren... Die Hände gefaltet, den Kopf geneigt, so lauscht er der Stimme.
Die Orgel schweigt.
Kaiser Friedrich und Ernst von Bergmann.
Bon Dr. Kurt Hahn.
Selten ist ein Mann der Wissenschaft so aufrichtig und so allgemein betrauert worden wie Ernst von Bergmann, als er am 25. -vmrz 1907 für immer die Augen schloß. Weit über die Kreise der medizinischen Welt hinaus ging die Erschütterung, Zehntausende in allen Landern der Erde sahen in ihm ihren Erretter hinübergleiten in das Reich der Unsterblichkeit. , „ , , „ .
Bergmann war kein Bahnbrecher in dem Sinne wie etwa .Robert »och oder Lister, sein Name ist nicht oerknüpst mit einer der großen Heldentaten menschlichen Geistes, er war weder ein Meister in der Auffindung neuer Wege für die chiriirgische Technik wie sein Vorgänger an der Berliner Universität, Bernhard von Langenbeck, noch war er ein so geistvoller, ideenreicher Reformator wie sein Nachfolger Angus!. Bier. Und doch hat dieser livländische Pfarrerssohn, dessen harter baltischer Dialekt mit seinen drastischen Wirkungen niemals seine Herkunft verleugnete, eigentlich die Gritndlagen der modernen Chirurgie geschaffen, -Ran hat ihn manchmal mit Moltke verglichen, der die Ideen Napoleons und des alten Fritzen aufnahm, um aus ihrer Verschmelzung die Basis jur den Aufbau der modernen Armee zu gewinnen. Genau |o liegt Bergmanns Bedeutung in der Zusammenfassung und Systematisierung aller medizinischen Lehren. Er war der größte Organisator der Heilkunst, der jemals gelebt hat. Der Einzug des fast Unbekannten in Berlin — emer seiner Fakultätskollegen konnte nur kopfschüttelnd fragen: „Weiß der Himmel, wo den der Minister wieder aiisgegraben hat..." — war wie der L>turm- wind einer neuen Zeit. Es war der Sprung von der i)albwahryeit der Antisepsis zur neuen Wahrheit: der Asepsis, von der Bekämpfung der Krankheitserreger zu ihrer Fernhaltung in der chirurgischen Praxis, -wir wissen eg heute besser: Berginann ist nicht der Schöpfer dieser genialen neuen Methode gewesen, für den man ihn lange halten wollte. Anoere hatten ihm längst oorgearbeitet. Aber Bergmann ist es zu verdanken, daß sie ihren Siegeszug durch die Welt halten konnte. . .
oeme größte Bedeutung lag aber wohl doch noch auf einem anderen Gebiet: als Lehrer einer ganzen Generation deutscher Aerzte. Niemand verstand es wie er, seine Hörer zu schulen, sie anzuregen und zu fordern. Bon seinem Vortrag ging ein seltsames magisches Fluidum aus, dem 1 ch niemand entziehen konnte. Carl Ludwig Schleich, ber eine Zeit lang sein Assistent war, schildert ihn am plastischsten: „Welches Temperament, welche Begeisterungsfähigkeit für die gestellten Aufgaben, welche Fülle und Gegenwärtigkeit des Fachwissens, welche Beherrschung aller Hilfswissen- lchastenl Wie im Kolleg durch den Schwung seines Vortrags so begeisterte ,er im Anatomiesaal durch unermüdliche Hingabe an die Sache. Bergmani
und die Klinik in der Ziegelstraße wurden Kraftquellen, von denen aus die Chirurgie der ganzen Welt Licht und Arbeitsstoff bezog."
Wie nach Mekka die Gläubigen, so strömten aus allen fünf Erdteilen di« Hilfesuchenden nach Berlin — zu Bergmann. Und er half ihnen, wie es vordem kein anderer gekonnt hatte. Ruhig, sicher, mit der echten Bescheidenbeit eines ganz Großen und dem mitleidigen Herzen eines wirklichen Arztes.
So hat er sich auch bewährt, als er ans Krankenbett des Kronprinzen, des späteren Kaiser Friedrich, gerufen wurde. Es war im Mai 1887, als man ihn, den berühmtesten deutschen Chirurgen, zuzog. Seine Diagnose stand nach der ersten Untersuchung fest: Kehlkopfkrebs! Es gab nur eine Rettung: sofortige Operation! Solange die Geschwulst noch klein war, konnte man mit einiger Aussicht aus Erfolg die Hoffnung hegen, der Krankheit Herr zu werden und Rückfälle zu vermeiden. Bergmann und sein Kollege, der bekannte Diagnostiker Gerhardt, waren ihrer Sache vollkommen sicher. Beide aber wünschten, noch andere Laryngologen von Ruf möchten den Befund bestätigen. Damit begann das Unheil. Zwar trat auch der Berliner Professor Tobold ihrer Auffassung bei, und der Kronprinz selbst hatte bereits [eine Zustimmung zur Operation gegeben, ats wenige Stunden vor Beginn des chirurgischen Eingriffs Morell Mackenzie aus London eintraf, dessen Zuziehung die Kronprinzessin verlangt hatte. Schon eine Stunde später hatte er seine Diagnose gestellt: im Gegensatz zu den deutschen Aerzten hielt er die Geschwulst am Stimmband für harmlos und leicht heilbar, er wischte die ernsthaften Bedenken Bergmanns und der übrigen Aerzte mit einer verächtlichen Handbewegung weg und hatte sich im Nu die Sympathie des Kranken erobert. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß er die Heilung ohne Operation in wenigen Wochen versprach.
Bergmann und seine deutschen Kollegen setzten Himmel und Hölle in Bewegung, um das drohende heraufziehende Unheil abzuwenden. Sie wandten sich direkt an den alten Kaiser, aber es nützte altes nichts. Der Kronprinz fuhr mit Mackenzie fort, zuerst nach England, um an der Küste Erholung zu finden. Im November trat dann plötzlich in San Remo die längst vorausgesehene Wendung zum Schlimmen ein. Nun verlangte auch Mackenzie die Hinzuziehung anderer Aerzte, und in einem Konsilium der bedeutendsten Fachleute Europas mußte er endlich feine These von der Gutartigkeit der Geschwulst fallen lassen. Jetzt war es aber für die Rettung zu spät. Man konnte nur noch versuchen, das Leben des Patienten möglichst lange zu erhalten. Da die Gefahr bestand, daß sich ganz plötzlich eine Schwellung einstellen könne, die einen sofortigen Eingriff erforderlich machen würde, wurde Bergmanns erster Assistent, Dr. Bramann, nach San Remo geschickt. Als sich die Geschwulst immer mehr verdickte, verlangte dieser dringend die Zuziehung Bergmanns, aber Mackenzie widersetzte sich immer noch, bis es schließlich zu spät war. In den ersten Tagen des Februar mußte Bramann selbst den Luftröhrenschnitt ausführen, um den Kronprinzen vor dem Erstickungstode zu bewahren. Sofort entsandte der alte Kaiser auch Bergmann nach San Remo. Ein häßlicher Kleinkrieg begann. Mackenzie versuchte den großen Chirurgen zu schikanieren und beiseite zu schieben, wo er immer konnte. Aber Bergmann verlor seine Ruhe nicht. Selbst die gehässigsten Angriffe, die auf Veranlassung des Engländers in einem Teil der Presse erschienen, vermochten fein äußeres Gleichgewicht kaum zu erschüttern. Genaue mikroskopische Untersuchungen hatten seine Krebsdiagnose von Neuem bestätigt, es gab keine Rettung mehr, nachdem der Kronprinz selbst die vorgeschlagene Totalexstirpation (chirurgische Entfernung) des Kehlkopfs, die — ein letzter Ausweg in höchster Not — auch nur noch geringe Aussichten auf Heilung geboten hatte, abgelehnt hatte.
Am 9. März 1888 starb Wilhelm I., zwei Tage darauf traf Kaiser Friedrich in Berlin ein, ein stummer sterbenskranker Mann. Bismarck berief Bergmann zu sich. Er hatte eine einzige Frage an ihn: wie lange es noch dauern würde... „Er wird den Sommer nicht überleben!" antwortete der Chirurg. Die Unterredung war zu Ende.
Eine kaiserliche Verfügung übertrug Mackenzie jetzt die ausschließliche Leitung der Behandlung des Kaisers. Bergmann, der anfangs noch zu den Untersuchungen zugezogen wurde, war bald gänzlich ausgeschaltet. Aber als man ihn im Augenblick höchster Gefahr wieder rief, war er sofort zur Stelle — ohne Groll half er, soweit überhaupt noch zu helfen war. Erst nach dem Tode des Kaisers machte er in jener berühmten „Amtlichen Denkschrift" seinem Herzen Lust. Wohl noch nie vorher ist ein Arzt mit seinem Fachkollegen fo erbarmungslos umgefprungen wie in diesem Falle Bergmann mit Mackenzie.
Aber auch Bergmann blieb es nicht erspart, daß feine diagnostische Sicherheit einen argen Stoß erhielt. Gerade in jenen Tagen kam ein Patient zu ihm, bei'dem die medizinische Sachlage genau die gleiche war wie beim Kaiser. Bergmann nahm natürlich die willkommene Gelegenheit wahr, seinen Studenten zu demonstrieren, wie man dem Kaiser Leben und Gesundheit hätte erhalten können, wenn sich nicht der „Engländer" eingemengt hätte. Nach einer genauen Untersuchung, die er zusammesi


