Statuen nicht zerschlug. Die Kirchen wurden in Tempel der Vernunft verwandelt, die überflüssigen geschlossen und als Nationaleigentum zum Berkaus ausgeschrieben. *

Es war nur folgerichtig, daß man am S.Oktober di« christliche Zeit- rechnuna durch die republikanische ersetzte; das republikanische Jahr hatte man schon. Der Sonntag wurde abgeschafft, dafür am Ende der zehn- täaiaen Woche, der Dekade, ein Feiertag, die Sansoulottide, eingefuhrt. Die blumigen Namen der Monate gingen auf den Schauspieler Fabre d'Eglantm« zurück, der auch ein Poet war.

Der 22. September 1792 war der I. Bendemiaire des Jahres L Dieser Kalender, berechnet nach dem Meridian von Paris und dem Evan­gelium Jean Jacques', wie Carlyle es hübsch ausdruckt, blieb bis zum 31 Dezember 1805 in Kraft. Die drei Herbstmonate hießen Vendemiaye, Brumaire, Frimaire. Die drei Wintermonate: Nivöse. Pluviose. Ventose. Die drei Frühlingsmonate: Germinal, Floreal, Prainal. Dl« drei Som- mermonate: Messidor, Thermidor, Fructidor. Das De zi Ma l si) st em führte man nicht nur im Kalender, sondern auch sür Maße und Gewichte ein.

Ungläubig im Sinne der neuen Religion der Vernunft war, wer em schlechter Bürger war wer die Tugend in den Wind schlug. Am 8. Juni 1794 feierte der Erfinder dieser Religion im Tuilerlengarten das Fest des Etre Supreme. David hatte wieder einmal Gelegenheit, feine Attrappen von Gips und Pappe auszustellen, umine Tyrannen erbleichen zu machen."

Der Konvent verläßt seinen Saal, ein Männchen schreitet ihm voran, gekleidet in himmelblauen Rock, schwarze (oder nach anderen gelbe) Hofe, dreifarbigen Gürtel und Federhut; in der Hand halt er einen Strauß von Aehren und Blumen.

Er [d)reitet voraus, beinahe ist er ein kleiner Buonaparte. Den Weg säumen Embleme der Untugend, Pappstatuen der Anarchie, des Atheis­mus und anderer Laster. Das Männchen laßt ßch eine Fackel geben und steckt die Laster in Brand, worauf die Statue der Weisheit zum Vorschein kommt und der Hohepriester Robespierre die Existenz des höchsten Wesens und der Seele dekretiert.

Das ist etwas, worauf Danton nie verfallen wäre, das ist echter I Robespierre. Was sagt die öffentliche Meinung? Einige spotten Die Brasse die kleinen Leuten, die Armen im Geist, jubeln. Biele halten sich nicht an den Ersatz, den ihnen Robespierre für die Religion b>«tet,daer insgeheim den höchsten Ehrgeiz hat, den es geben kann, Relig,onsst,ster zu fein, sondern an die Abschaffung der alten Einrichtungen - «nf^er gefugt an die Zertrümmerung der Kirchen, für die «der patriotische Vor- wand nicht fehlt.

föchte.

Die Dämonie Robespierres, könnte man sagen, bestand darin, daß niemand seinem Fanatismus für Sittenstrenge folgen konnte: das gab ihm die Ueberlegenheit. Anders als der Proletarier Marat und der Plebejer Danton kam er vom Geistigen her: das erklärt, daß ihm alle anhingen die von der groben Substanz jener beiden abgestoßen wurden. Ein« große Auswahl an markanten Köpfen hatte man nicht: unter Blinden ist der Einäugige König.

Wer vom Terror die landläufige Vorstellung hat, wird zuerst nicht begreifen, daß Robespierre an dos höchste Wesen glaubte und in Gott die verkörperte Idee der Vernunft sah. Das haben Mystiker und Scho- lastiker auch gesagt. Am 21. November hielt er eine Rede: wenn Gott nicht existiere, müßte man ihn erfinden.

Er verlangte die Anerkennung des höchsten Wesens und der Un­sterblichkeit der Seele. Diesem religiösen Bedürfnis vermochte er freilich keine andere sichtbare Begründung zu geben als die der plattesten D,es- feitigtot Nichts an diesem Mann war spontan, auch nicht fein Myftt- zismuD Er alterte früh, fchon in den dreißiger Jahren.

Hegel vorwegnehmend und auch hier nur eine Karikatur, setzte er den Staat und den göttlichen Willen gleich: die Obrigkeit und die Gesetze übernehmen die Funktion, die ehemals die Priester gehabt hatten.

An diesem Punkt stoßen die irrationale und die rationale Komponente im Wesen Robespierres zusammen. Die Landfchast um den Schnittpunkt ist dürr entsprechend ber impotenten und negativen Natur des Führers. Aber sie ist, grundsätzlich gesehen, zugleich das Gelände, dem der fran­zösische Geist zustrebte, ein vom Lichte des Logos überschüttetes Gelände.

Eben deswegen wurde m Robespierre feder der Advokaten und Poli­tiker vorweggenommen, die seither bi« Republik durch alle Fährnisse steuerten, und das ist die positive Wirkung, die von ihm ausging.

Auf den Altären des Vaterlandes brannte darum allenthalben die Flamme der Wahrheit. Auch Heilige waren in dieser Mythologie be­kannt die Götttnnen der Freiheit, in Paris von Schauspielerinnen dar- gestellt, in der Provinz von den schönsten Bürgermädchen. Die Heiligen der alten Religion bekamen Freiheitsmützen ausgesetzt, wenn man die

Robespierre.

Eine Charakteristtk von Otto Flake.

Eine neue Darstellung derFranzösischen Revo - I lution 1789 bis 1799" veröffentlicht Otto F l a k e bei Hesse & Becker in Leipzig. Als Probe geben wir hier ein Portrat von Robespierre wieder.

Die Beliebtheit Marats und Dantons läßt sich verstehen weniger die Robespierres. Er war alles andere als ein guter Redner, ohne I unmittelbares Temperament; mit bünner Stimme hielt ^das unscheinbare Männchen mit den grünlichen Augen und gelben Gesicht die em onigsten Vorträge. Sehr zum Unterschied von dem schmierigen Marat unb dem saloppen Danton war er gepflegt, stets gut gekleidet und wohlsnsiert wie eine frömmelnde Kokette.

Bei Anbruch öer Revolution Advokat und Schriftsteller.Rouffeaufcher Richtung erntete er in der ersten Nationalversammlung zunächst durch­aus keine Triumphe, und als er mit der dritten zurückkehrte, arbeitete er sich durch Zähigkeit in die vorderste Reche. Von Louvet der Teilnahme an den Septembermorden beschuldigt, hielt er rm November 1792 eine Verteidigungsrede, in der er nicht sagte, daß er sich damals versteckt ge­halten hatte.

An diesem Tage fiel den Beobachtern die große Zahl von Frauen auf, die auf der Galerie ihrem Maximilien zuhorten. Das weibliche Element schwärmte bis in die Salons hinein für den Mann der sich ^mer Tugend rühmte. Die Girondisten führten das genußsüchtige Leben des Abge­ordneten, der alles mitnimmt, was Paris bietet. Robespierre war anders I und legte großen Wert darauf, anders zu sein. Die Frauen als Geschlecht bedeuteten ihm nichts. Er befaß die trockene Seele eines jener Staats­anwälte, bie den Einfchlag des Inquisitors haben.

Der Gegentypus des Don Juan macht unter Umständen ebensoviel Eindruck auf die Frauen, wenn auch nicht gerade aus die jungen unb gefunden. Eine feiner Schwestern hing sehr an ihm, fah aber zwischen sich unb den Bruder die Hauswirtin eingeschoben, die den Diktator mit den infantilen Zügen betreute. Charlotte Robespierre fchr-eb in ihren Memoieren:Er ließ sich von Madame Duplay leiten, wie sie wollte. Dieser an der Spitze der Regierung so unbeugsame Mann hatte in seinem Privatleben nicht mehr eigenen Willen, als ihm sozusagen suggeriert wurde."

Sie war wohl ebenso frigid wie er. Die Belastung mag auf den Vater zurückgehn, der seine Anwaltspraxis nach bem Tod der grau im Stich tteß in die Weite strebte und verschollen ist. Die Neigung zur Isolierung kehrt bei dem Sohne wieder. Im Pathos der Distanz pflegt sich ja Schwäche zu verbergen. Verschiedene Besucher Robespierres erwähnen die Verblüffung, mit der sie die Wände des Zimmers betrachteten: überall schaute ihnen Robespierre entgegen. Aber diese Form der Seibstbespiege- lung dürste eher auf jene Madame Duplay und ihre Tochter zuruckgehen.

Diele ganze von Rousseau bestimmte Generation führte die Natur unb die Tugend im Munde; die Tugend aber keiner mit soviel Ueb«- zeuauna wie der Mann mit dem verkniffenen Zug uni den Mund. Selt­sam- wenn dieser Pedant des Aktenstaubes und der Ordnung, dieser in Abstraktionen lebendeKerl, -der nicht einmal ein Ei kochen konnte , wie Danton sich ausdrückte, im Jakobinerklub oder Konvent sein endloses und dünnes Garn spann, hörte man auf der Zuschauersette em Schluchzen. Nichtfranzofen ist er völlig ungenießbar, ja, unverständlich, ober er muß ein morbides Parfüm gehabt haben, in bem feine Anhänger emesich langsam entwickelnde Grausamkeit witterten. Er wirkt wie die westliche Stiritatur eines der russischen Mönche, deren Damome die Frauen unter»

Nebel vor Gibraltar.

Von Robert Neumann, Wien.

Die Sache widerfuhr mir am 2.August. Der Dampfer gingen bst Reede von Ceuta, um zu bunkern; die Engländer drüben in Gibraltar sind teuer geworden. Ich wollte hinüber, und der Kapitän war bereit, mir zu Liebe bis gegen Abend Station zu machen es war neun Uhr voriMkags Ich ging auf den Kai, fand aber keine dumpfer fuhr erst am Nachmittag. Dagegen liegt ein Fischerboot an der Mole das will nach Tarisa, einer kleinen Stadt, die ein wenig westlich unb jenseits ber Straße auf der andalusischen Seite liegt und nebenbei die südlichste Siedlung Europas ist. Ich habe von Tansa nicht viel gehorsi ich blicke durch bas Prismenglas hinüber, ich sehe eine morgenlandych flach gebreitete, grell weiße Siedlung mit einem mächtigen Leuchtturm davor der einem Minaret gleicht, unb mit Basttonen unb Forts, 'ch ent­schließe mich, ich handle mit einem dunkelhäutigen Kerl, der an Lano bleibt, auf Französisch den Fahrpreis aus und springe ms Boot.

Es war eine Barke, etwa acht Meter lang und schmaler gebaut, als sonst Fischerbarken zu sein pflegen, mit einem Großsegel, dessen innere Spitze jenseits des Mastes lag, so daß die beiden Raaen einander dort im Winkel berührten, und überdies ausgestattet mit einem abenteuer- lichen Dina von Außenbordmotor, ber zwei Pfevdekrafte haben mochte, wohl nur für den Notfall vorgefehen war unb bann vom Steuerplatz aus bedient werden konnte. Das Boot war grau gestrichen, hatte keinen Namen unb dafür die Nummer 491, bie ich mir merken werbe. Meine Mitpaffagiere: ein gelb häutiger Spanier, ber am Steuer faß, mit der Miene eines regierenden Fürsten offenbar ein unmittelbarer Noch- komme jenes Perez be Guzmän, ber di« Uferstriche hier zum erstenmal (unb sehr vorübergehend) den Mauren entriß; bann noch sechs ober sieben andalusische Fischer von unwahrscheinttcher Zerlumpthstt unb mit einer Gelenkigkeit des Wortes unb ber Gebärd«, wie ich sie nie unb nirgends I gesehen habe; und schließlich zwei Araber, offenbar Vater und Sohn, im Burnus, groß, hager, dunkelhäutig, ohne Bewegung wohl nicht ärmer an historischer Ahnenschaft als ber Steuermann und dabei seist vermutlich wirkliche Kombattanten der Kämpf«, dst in den mitten Bergen des Hinterlandes nun fchon feit taufend Jahren nicht einschlafen. Die sieben Fischer schreien im Boot, auf der Mole schreien, gefhfulieren ihrer zwanzig unb dreißig wir fahren.

Wir fahren um den Kopf des Wellenbrechers hinaus, mit steifem Wind halb achtern und steuerbords vom Mittelländischen Meer, Hutten scharf westnordwestlich gegen Kap Tarisa und Kap Trafalgar, unbfinC nach wenigen Minuten zwei, drei Kilometer in der Straße von Gibral­tar. Nah gegenüber, fünfzehn ober siebzehn Kilometer entfernt schwimmt der Zahn des englischen Felsens über niederem Dunst, westlich davon auf der Bucht von Algericas liegt ein flüchtiger Nebel, aber über uns ber Himmel wölbt sich makellos blau vom Mittelmeer zum Atlanttt unb von der spanischen Sierra Nevada bis zu den mächtigen, kahlen Wänden des Djebel Musa auf ber afrikanischen Seite. Di« Sonne brennt, weiße Wellen springen ben Bug an, es schaukelt sich heiter, die anou- lusifchen Fi cher werfen lachenb, schreienb, redend die Finger hoch, oer kleine Personendampfer geht von Gibraltar nach Ceuta hinüber, steh