SieheiierZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1952

Montag, den 10. Oktober

Nummer 79

Sonnenuntergang.

Bon Friedrich Hölderlin.

Wo bist du? trunken dämmert die Seel« mir Von alter deiner Wonne; denn eben ist's, Daß ich gelauscht, wie, goldner Töne Voll, der entzückende Sonnenjüngling

Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt; Es tönten rings di« Wälder und Hügel nach, Doch fern ist er zu frommen Völkern, Di« noch ihn ehren, hinweggegangen.

Glück bei den Herden.

Von Sofie von U h d«.

Copyright 1932 by I. L. A. Wien.

Mein Mietvertrag war einfach genug:Wohna derfst umasunst, Holz derfst a nehma was brauchst, dafür schaust wer a bist! auf me. Haust, daß di« damischen Touristen net d'Fenster einischlagen und a Feuert im Heu machen. Und nachts schließt fei di« Tür ordentlich zu, die Men­schen san schlecht heuzutag. So, und jetzt b Hut di Gott auf der Alm Handschlag mit den; prächtigen alten Bauern, und seitdem bin ich mit meinem Hunde Stropp jeden Herbst Alleinherrscher in der kleinen Almhütte. #>

Hoch überm Tal, neben einem einsamen Hirtenpfad der aus Bayern nach Tirol hinaussührt, liegt dies hölzerne Palais. Die tletzten Berg­wälder rauschen vor seiner Tür, und über fein stei ab eich wertes Dach steigen die felsigen Gipfel ins klare Blau.

Die ersten Tage habe ich ja bös schleppen müssen, denn so «in Kultur­mensch braucht vielerlei, und der Weg von Bayrischzell herauf ist seh> r- wert steil. Aber nun ist es höchst gemütlich m dem verschalten Kammer­chen, neben dem von der offenen Feuerstell« schwarz gebeizten Hutten- raum. Auf dem himmelhohen Bett, das man mit einer Leiter erklimn t, türmen sich die weißen Kissen; Bilder sind an den Aiandeii und Sudler. Schreibzeug ist da und Zigaretten. Und überm Tisch leuchtet freunbhd;, unter buntem Schirm, di« Petroleumlampe.

Wundervoll einsam ist es hier oben. Zuweilen lade ich mir wohl einen bevorzugten Freund ein; aber da männliche Wesen soscrn s fL1) Dichter, an das Tal und seine Einrichtungen gebunden sind und Frauen sich für so ein alpines Dasein selten eignen, bin ich d)

hab« einen doppelten Schutz: Stropp, der leden zu verschlinge , den steilen Paßpfad erklimmt, und «inen wahrhast vorsintflutlichen Hinterlader, einen vollendeten Hohn auf unser Zeitalter der Technik. Meistens geht er überhaupt nicht los. Tut er <s aber, bann nut. einer Detonation, di« in gar keinem Verhältnis zur Wirkung iniw ,) bestcht. Trotzdem liebe ich ihn sehr. Und außerdem ist er fabelhaft deko­rativ und wildwestmäßig.

Das Leben hier bietet allerhand aparte Freuden Mit dem ersten keuschen Morgenlicht springen wir aus den Federn Stropp

macht natürlich alles mit - und hinein in den rauschende" ®rtnrgsbaj neben der Hütte, in dessen tiefen, klaren Gumpen di« sepunkteten F°- rollen stehen. Aber das ist höllisch kalt, und «ms, zwei, drei geht sm d, Kleider und hinunter in die Morgensonne über bi« betauten Slmwies ZU den Niederlegern, auf denen noch Vieh isst und wo «s Milch un »Utter und Käse gibt, und eine kleine Ansprache mit den Sennen. Und 'bann wieder hinauf, schwer bepackt.

Das Feueranmachen würde ich ja gerne andern ^eAassen. Die ganz« Hütte füllt sich mit dickem Qualm. Stropp flieht nch lchlleßlich auch, 'b-s endlich die Flamme ruhig durch den Kamm abzieht und«tn wunder Nolles Frühstück auf der sonnigen Bank vor der Hutt« mit «. 1

Dann kommt die große Frage: was freut«? ®teig?n mir Mtorüis auf die Höhen und schauen von sturmumsungenen Gipfeln über da l b , heimatliche Land? Oder lauschen wir m den gotbenen ffia(bern, m^uns her Herbst auf seiner Flöte spielt? Legen wir uns s (

uud blauen Enzian, ober sind wir tätig und laufen ms Tal, P°s^-u holen und neue Lebensmittel? Die Tage sind 1-a vie r Z^ Wetter [ur alle die Attraktionen, die sie bieten. Denn mich J (Areibt

m es unterhaltsam. Dann sitzt man IM gemütlichen Kammerche . llyre ^der liest, und schaut aus kleinen, regennassen Scheiben zu $en dunkeldrohenden Bergen die zerriisenen Wolken lagen, und

wird opulent 'gekocht, wozu bei schönem Wetter keine Zeit ist. Stropp pflegt mir dabei nachdenklich zuzusehen, als zöge er schwermütige Ver­gleiche zwischen der anständigen Küche des Tages und den merkwürdigen Gerichten, die ich bereite. Nun ja, kochen ist nicht meine stärkste Seite!

Hinterher geht es hinunter zu den Niederlegern in die Geselligkeit. Wir haben gute Freunde hier: Maxl, den Almstier, der oft zu uns her­ausweidet, unter entsetzlichem Brummen den Kopf senkt und zwischen den Hörnern gestreichelt sein will. Habe ist das, nicht ohne allerhand Respekt, getan, so lauft er gutmütig nebenher, und ist er bet einem besonders saftigen Grasbüschel zurückgeblieben, bann kommt er nachgebraust, daß uns heiß und kalt wird. Würde uns das schwarze Ungetüm überrennen, so wären wir nicht viel mehr als Mus. Aber er stoppt mit allen Vieren, einen Schritt vor mir; brummt und schaut mich aus kleinen, dunklen Augen freundlich an, worauf ich ihm voll Freude über das gerettete Leben die Arme um den Hals lege, was er sich wie ein alter Onkel gefallen laßt. Wir verstehen uns sehr gut, Maxi und ich.

Außerdem ist da Marianne, das klein« Schwein der alten Sennerin Marie. Rosig und licht, bietet es einen pikanten Gegensatz zu Maxl finsterer Gewalt. Marianne treibt sich Stunden mit mir auf den Almen herum, wobei eifersüchtig daraus gewacht wird, daß Stropp seinen Platz links von mir behält und das Schweinchen rechts bleibt. Aber es ver­läßt mich augenblicklich und ziemlich fluchtartig, wenn der furchtbare Maxi angeb rau ft kommt. Ich versäume selten, ihr eine dampfende Abend­suppe aus Kälbermehl und am Bach geholten Brenne Hein zu bringen, die sie leidenschaftlich liebt. Dafür läuft sie, anhänglich grunzend, neben mir her auf ihren kurzen Beinchen, sehr zum Kummer von Mari«, die roh meint, daßbei dem saudummen U m a n an de r f la nieren dös Marianndl nienialen nöt fett wird".

Sonst schätzen Marie und die Sennen mich sehr. Sehen sie mich irgendwo über die Almen laufen, fordern sie mit schallenden Jodlern auf, ein wenig bei ihnen emzukehren. Die alte Marie, die sich meinen Namen nicht merken kann, aber auf Umgangsformen hält, ruft gebildet:Frau von, kimm nur grab gschwing! und dann muß ich honny soit, qui mal y pense eine Kuh halten, weil Maxi feine Pflichten erfüllen soll, oder ich muß bei der Geburt eines Kälbchens affigieren; wichtige Ereig­nisse, die in ernsten Gesprächen, an denen ich mich mit Sachkenntnis beteilige, erörtert werden. Und es beleidigt mich keineswegs, wenn die junge Kuh, von Maxl Ungestüm erschreckt, mir auf und davon geht, und Marie, alle Feinheit vergessend, empört schreit:Sauderndl, hast es aus- laffn! Dös kann i selm!" Gern nützen sie auch meine jüngeren Beine für ihr« Zwecke aus. Wenn sie mich mit den Worten begrüßen:Was is, magst an Wecken Butter, an ganz frischen?" dann weiß ich schon, was es geschlagen hat. Dann steht Jungvieh oben in den Wänden und kommt nicht heim, oder die Leitkuh hat, Gott weiß wo, ihre wertvoll« große Glock« verloren. Nun, ich bin immer bereit, werde mit einem Hirtenstab und Segenswünschen ausgerüstet und machte mich mit Stropp auf die Suche.

Welche Freude, wenn ich dann mit dem bekränzten Kälbchen oder der gefundenen Glocke wiederkomme!Ja, hab nur grab an schönen Dan kl A sakrisch Dernbl bist, a morbsmäßigs! Bergelt's Gott taufenbmal!" So eine Anerkennung erbaut das Herz. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals von meinem Verleger so angesprochen worden zu fein, und auch von dieser Seite tut doch Lob so wohl!

Dann klettern Stropp und ich mit den wohlverdienten, goldgelben Butterwecken wieder in unsere Höhe hinauf, die schon im letzten Abend­lichte liegt, lieber den Wipfeln der Wälder ist «s unendlich still geworden, Das Hüttchen, eine Oase des Friedens, lehnt dunkel unter den verlöschen- ben Bergspitzen, lieber ben Graten blitzt der erste Schein der fernen Welten auf.

Oh, diese Nächte, silbern unb still unb nahe bei Gott! Dieses atem­lose Lauschen hinter verdunkeltem Fenster, wenn bie Hirsche, von der besseren Aesung angelockt, im Almgarten stehen, unb ihre Schatten mit ben mächtig bewehrten Häuptern sich sagenhaft groß vom helleren Him­mel abfreben! Dann zittert Stropp vom dunklen Urtrieb des Jagens.

Und später, wenn auch die Niederleger schon verlassen sind, unb ich allein mit dem Herbststurm hier oben hause, wie erbebt das Herz, wenn die brünstigen Schreie der Hirsche durch die einsamen Nächte dröhnen!

Langsam versinkt man in die primitive Größe längst untergegangener Zeiten; die moderne Stadt mit Lärm und Hast und Surren der Ma­schinen wird frier zur Sage, und Leben ist nur noch, was mich umgibt: der brausende Sturm auf den besonnten Bergen, durch den ich, den Hund an der Seite, wandere, allein unb über alle Begriffe frei, der Raubvogel, der aus durchsichtig klarer Lust auf seine Beute frerabstößt, unb ber rauhe Schrei der Liebe, der gewaltig durch die nächtlichen Wälder fährt.