er viel zu lässig gewesen, das Ungeziefer unschädlich zu machen. Das hatte sich schwer gerächt. Mit seiner Bürgermeisterherrlichkeit war's nun vorbei. Zwar würden seine Anhänger gegen die Wahl Einspruch erheben. In vier, sechs Wochen, darauf konnte man rechnen, ging der Tanz von neuem los. Heber den Erfolg gab er sich keiner Täuschung hin. Im günstigsten Fülle erhielt er drei, auch vier stimmen mehr als heut. Das war gehupft wie gesprungen. Er mußte sich damit abfinden, daß er sein Amt verloren hatte. Aber doch nur sein Amt. Und das Amt verlieren hieß nicht, sich selbst verlieren Eh daß er seinen Feinden das Schauspiel bot, als geschlagener Mann im Dorf herumzulatschen, hackte er sich lieber die Zehen ab. Die mußten erst noch geboren werden, vor denen er die Flagge strich. Er, der Melcher Wallenfels! Die Pariser hatten die Zügel in Händen. Nicht zufrieden damit, würden sie ihn Tag und Nacht umlauern, ihm allen Tort anzutun. Sie mochten's nur versuchen. Sie würden ihn auf der Schanze finden. Gab die Regierung der Beschwerde seiner Freunde statt, lag ihm ob, die Amtsgeschäfte weiter zu führen, bis abermals gewählt worden war. Noch stand die Genehmigung zum Abtrieb des Röder- kopfs aus. Dahinter steckte die Forstbehörde, mit der sich das Kreisamt nicht gern in Widerspruch setzte. Gelang's ihm in der Zwischenzeit, den Beschluß des Gemeinderats zu vereiteln, so sicherte er den Betrieb der Mühle und tränkte dem neuen Bürgermeister eins ein, woran der lange zu würgen hatte. Die Schulhausfrage wurde wieder ausgerollt, und bei der Ebbe in der Gemeindekasse waren die Zänker und Stänker oben.
Ein Ausdruck der Befriedigung trat in sein Gesicht. Kotzdonner! Ins Gras zu beißen verspürte er noch gar keine Lust. Heberschaute er die nächste Zeit, gab's Arbeit für ihn in Hülle und Fülle. Hnd ruhte alles auf seinen Schultern. Die Starken waren immer allein. Das hätte die Natur so eingerichtet. Wer sollte ihm auch helfen? Etwa sein Sohn? O je! Der hatte Mühe, sich in seiner Mühle zu behaupten. Wenn er ihn nicht fallen ließ, geschah's nur vor der Welt. Die Familie mußte man hochhalten, das verstand sich von selbst.
Er streckte sich auf der Bettstatt aus. Seine Willenskraft zwang den Anfall nieder, das Stechen im Hinterkopf ließ nach. Bequem legte er sich auf die rechte Seite und fiel in einen tiefen Schlaf.--
In dieser Nacht kämpfte Hannbalzer, der Nachtwächter, einen schweren Kampf. Kaum, daß ihn die müden Knochen noch trugen. Sollte er’s, wie seine Gepflogenheit war, bei dem Hornruf auf dem Kirchenplah bewenden lassen, oder sollte er, wie die Vorschrift lautete, allstündlich seinen Rundgang machen? Er entschied sich für das Letztere. Mit großen Herren mar' nicht zu spaßen, und man wußte nicht, wessen man sich vom neuen Bürgermeister zu versehen hatte. Aechzend trottete er straßauf, straßab. Um Mitternacht war er auf dem Sandplatz angelangt zwischen „Krone" und „Lamm". Pslichlmäßig blies er in sein Horn und setzte einen Spruch darauf:
„Zwölf ist's. Nun scheidet sich die Zeit, Richt auf den Herrn dein Sinnen, Es kommt der Herr der Herrlichkeit Und führet dich von hinnen.
Tut auf das Herz, laßt ihn hinein, Der Herr will euer Führer fein."
Aus beiden Wirtshäusern drang ein Heidenlärm.
„Da saufen sie sich die Kutt' voll", dachte der Hannbalzer, „und unsereins hat nix devon. So'n Wuppdich könnt' mir auch nix schaden."
Er hob die Laterne.
„Sapperment! Der nau’* Bürgermeister!"
In der Tat war's der Spechtskarl, der unter dem Vorgeben, feine Bläß habe das wild' Werk**, früher als die andern aufgebrochen war.
„Gu'n Abend, Hannbalzer!"
„Gu'n Abend, Burgemeifter! Wünsch' Euch viel Glück zum Amt!" „Großen Dank!"
„Wir bleiben doch gute Freund'?"
„Warum dann net?"
„Das hör' ich gern."
„Heut Nacht is Polen auf."
„Das is efo, Burgemeifter."
„Mach's gut."
„Ihr auch."
Der Spechtskarl schritt die Sandgasse hinunter. Der Nachtwächter ließ sich auf einem Holstein nieder. Vielleicht, daß sich doch noch einer erbarmte und ihm den ersehnten Wuppdich brachte.
Was war das? Da drückte sich einer vor dem „Lamm" herum, zog einen Fetzen Papier hervor und heftete ihn an.
Kreuzgewitter, das war das Schultesemännche!
Just kam der Buschur heraus und faßte den Schlicher ab. „Dreckdeubel, was machst du da?"
Das Schultesemännche fuhr zusammen und stotterte:
„Das sein meine Sachen."
Flugs zündete der Buschur ein Schwefelholz an, beleuchtete das Papier und las:
„Das Glück ist eine blinde Kuh, Es läuft den dümmsten Ochsen zu."
Flatsch! hatte das Schultesemännche eine Ohrfeige weg.
„Feuer und Mord!"
Hüben und drüben wurden die Fenster geöffnet.
„Was is los?"
„Ebei, ebei!"
* neue.
* * Eine Krankheit der Kühe, wobei sie keine Milch geben.
Die Pariser waren schnell wie der Wind zur Stelle.
„Hier lest emat!" rief der Buschur. „Ein Gewitter muß die Hunde verschmeißen!"
Nun traten auch die Wallenfelsianer auf den Plan. Schimpfwörter flogen hin und her. Schon hatten sich zwei beim Kragen.
„Uff sei" hetzte der Krachköhler.
Das war das Signal zur allgemeinen Prügelei. Wie die Hämmer fausten die Fäuste nieder. Dabei erscholl ein wildes Geschrei.
Der Nachtwächter humpelte fort und holte den Ortsdiener herbei. Der war heut ausnahmsweise nüchtern. Ohne sich lang zu besinnen, zog er vom Leder und hieb auf den Menschenknäuel ein. Die Wucht seiner Klinge und mehr vielleicht noch das allgemeine Staunen, den ewig betneipten Rundbrenner so energisch die Polizeigewalt ausüben zu sehen, trieb die Raufenden auseinander. Blutend, mit zerfetzten Kleidern rückten sie in ihre Standquartiere.
Der Rundbrenner blieb auf der Wahlstatt zurück, steckte das Schwert in die Scheide und sprach:
„Der alt' Burgemeifter is gepurzelt, der neue hat noch nix zu be« deuten. Alleweil sein ich der erste Mann im Ort!"
XI.
Mehr denn eine Woche hatte die Annegret verstreichen lassen, ohne auch nur einen Schritt über den väterlichen Hof hinaus zu tun. Endlich machte sie sich auf, ihren Freund, den Mandlersfranz, zu besuchen. Aus der Straße folgten ihr mitleidvolle Blicke. Schien es doch, als habe sie eine lange Krankheit überstanden. Ihr Gesicht war blaß und schmal, um ihre Augen zirkelten sich duntte Ringe. Fröstelnd zog sie ihr Halstuch fester zusammen, der Gang zum Ziegenpfad wurde ihr schwer.
Als sie sich dem Häuschen des Blinden näherte, hörte sie Geigentöne. Lauschend blieb sie an der Türe stehen. Eine wundersame Weise war's, die ihr da entgegenklang. Aus der liefe kom's, wie Klageruf, strömte in breiten Strichen hin und schwang sich zu ruhiger Klarheit hinauf. Zuletzt gingen zwei Stimmen nebeneinander und endeten in einem sanften Akkord
Die Harmonien drangen der Annegret durch die Seele. Hnd es war ihr, als träufle jemand Balsam in ihre Wunde, als richte eine liebende Hand sie auf. Ihr starrer Schmerz löste sich, und ihre Augen süllten sich mit befreienden Tränen.
„Wie arm bist du gegen den da drin", dachte sie. „Dem hat's unser Herrgott gegeben, daß er sich alles vom Herz herunterspielen kann."
Diesen Gedanken spann sie weiter, als sie danach dem Freund gegen« Übersaß.
„Sellemal", erwiderte ihr der Franz, „wie mir mein Lehrer in der Anstalt die Geig' geschenkt hat, sagt' er: .Mandler, du hast was gelernt und kannst dich hören lassen. Daß du jetzt als Musikant herumziehst, mücht' ich nicht erleben. Spiel' für dich und halt dein Handwerk in Ehren!' Das war mir aus der Seel’ gesprochen. Seit dere Zeit hält' ich schon viel Geld mit meiner Geig' verdienen können, aber ich wollt' net. Die Leut schwätzen, ich wär' kreuzdumm. Ich lass' sie schwätzen. Ich will dir emal auseinanderlegen, was mir so im Kopf erum geht bei meinem Spiel. Das soll sonst keins wissen. Etz vor dir versteckel’ ich mich net. Guck, Annegret, wann die Bauersleut im Frühjahr aus'm Feld sind, schauen sie net viel um sich. Das is natürlich. Dann die Arbeit will getan fein. Nu kommt der Sonntag. Da is alles geruhig. Hnd 's is net nur das saubere Hemd, das man antut, ’s is auch, daß man andere Gedanken kriegt. Da geht einer auf fein’ Acker enaus und sieht, wie die Frucht steht. Hnd nimmt auch emal eine Blum’ in die Hand oder ein Blatt. Hnd betracht' sich das. Ja, das find viele taufig Blumen und Blätter. Hnd haben ihre besondere Färb' und Form. Hnd sind in ihre Ordnung eingestellt, unterschiedlich und doch verwandt. Wann man's genau untersucht, is es zuletzt gar wink*, wodraus unser Herrgott das all geschaffen hat. Akkurat so is es mit der Musik. Da sind nur zwölf Tön'. Dadrauf baut sich alles auf. Die Lieder, die du singst. Hnd was der Lehrer auf der Orgel spielt. Hnd noch viel mehr, was du net kennst. Ich hab' in der Anstalt Sachen gehört, dadebei hab' ich während denken müssen, das kann kein Menschenwerk fein, das hat unser Herrgott so einem Tonmeister bloß gelehnt**. Hnd trag eine Ahnung devon, wie das all im Himmel droben wunderherrlich zusammenklingen muß. Guck, Slnnegret, ich mach' ja gewiß net viel aus meinem Spiel. Ader was mir dademit für eine Wohltat geschieht, das kann ich dir gar net beschreiben. Man kann seinen Frieden Haden im Gemüt und kommt doch emal eine Stund’, roo’s in einem rumort und wo man die Flügel hängen läßt. Etz babegegen Hilst bie Musik. Die treibt bas Griesgrämige eraus unb macht, baß man still wirb unb getrost. Bulben und Leiden ist Menschenlos, aber Hosfnung hat einen tiefen Grund. Manchmal, wann ich so meine Geig' am Hals hab', is mir's gerad', als hält' ich wieder mein Augenlicht. Unb seh' bie gidjelroief, wo wir beibfammen gespielt haben, unb ben Hesselbach unb brüber bie Wolken. Unb seh' noch mehr. Himmelhohe Berg' unb bas Meer unb große Stäbt’ mit vielen Menschen. Unb flieg’ so über bie Welt. Unb wirb mir warm unb wohl. Guck, Annegret, bas gibt mir meine Musik. Unb müßt' mich vor mir selber schämen, wann ich bas unter bie Leut' tragen wollt'. So was kann man nur einem weisen, bem man von Grunb aus gut is."
Tief Atem holend hielt er inne. Noch immer hatte er die Geige in der Hand. Die legte er nun mitsamt bem Bogen behutsam in ben Kasten und breitete ein Tüchlein darüber hin.
Andächtig hörte bie Annegret zu. Ihr war's, als weite sich bie niebere Hütte unb wachse zur hohen Kirche empor.
(Fortsetzung folgt.)
* wenig.
** geliehen.
Deran^wortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Berlag:Brühl’sche Universitäts-Buch» und Steinbruckerei, A. Lange, Gießen.


