Gräsin,
machen zeigen, sich zu
Eine wichtige Aufgabe der Geschichtsschreibung ist es, Unrecht an Persönlichkeiten wieder gutzumachen, die von Mit- und Nachwelt in ver- zcrrter und gehässiger Weise beurteilt wurden. Solche „Ehrenrettungen" sind seit Lessing häufig unternommen worden. Doch manche bedeutende Persönlichkeit wartet noch immer aus solche Reinigung ihres Bildes von falscher Verdächtigung. Es sind meist komplizierte Naturen, deren tiefere Beweggründe schwer zu entschleiern sind, allzu freimütige Bekenner, die die öffentliche Meinung verachten, vielleicht sogar gern die Maske der Verruchtheit vornehmen und ihre dämonische Wirkung absichtlich unter« treichcn. Zu diesen schillernden Gestalten, deren Prozeß vor dem Richter- tuhl der Geschichte revidiert werden muß, gehört G e n ß, der geniale wlitische Schriftsteller und Diplomat. Die liberalen Kreise, die nach seinem
Dieser Mann ist trotz vielsacher Bemühungen um das schwierige Charakterproblem noch nicht erstanden. Wohl besitzen wir einige feine psychologische Studien, die tiefer und gerechter in die labyrinthischen Hinter- gründe seiner Eigenart hineinleuchten, einige unvollendete Ansätze zu einer Biographie, 'die Gentz' Stellung in der deutschen Geistesgeschichte bestimmen muß, aber noch immer lebt in der allgemeinen Vorstellung der leidenschaftliche Vorkämpfer für Europa und gegen Napoleon, an dem Ranke nur Ernst und Fleiß entdeckte und dem einer seiner Beurteiler „heroische und antike Größe" nachrühmt, als ein lüsterner Weiberheld, Bonvivant und Hintertreppen-Intrigant, wenn nicht gar als der „Sardanapal der liederlichen Genialität". Das beruht zum großen Teil darauf, daß Gcntz' politische und amtliche Tätigkeit sich hauptsächlich hinter den Kulissen abspielte, daß seine schriftstellerische Arbeit den Fragen des Tages diente, daß seine historischen Werke keine neuen Ideen enthalten und trotz ihrer mcisterhasten Form nur noch als Quellen der gelehrten Forschung dienen. Seine Persönlichkeit aber spiegelt sich in vielen Reflexen in der Gesellschaft seiner Zeit, in den Briesen und Aeußerungen aller bedeutenden Geister, mit denen er in Beziehung stand, tritt aus seinen eigenen intimen Bekenntnissen, besonders seinen Tagebüchern, in ungeschminkter Nähe hervor. Die menschlichen, mehr anekdotischen Züge, die den hinreißenden Plauderer im Berliner Salon der R a h e l und in den vornehmen Wiener Zirkeln der Kongreß-Zeit zeigen, den eleganten Mann als Freund berühmter Schönheiten, noch den Greis als den glücklichen Geliebten der anmutigsten Frau der Epoche, der Tänzerin Fanny Elßler, haben seine Erscheinung lebendig erhalten, und in einem tieferen Sinn führt dieser saszinierende Zauber des Salon Löwen, der sich „an die Weiber hielt", in das innere Zentrum seiner Natur und seiner Wirkung, denn das Erotische hat seinem Talent den höchsten Aufschwung verliehen und seine Tätigkeit konnte sich nur im Gesellschaftlichen ganz entfalten, das damals noch in einem viel höheren Maße als heute die
(Grundlage aller Politik war.
letzten Tag von Trianon.
Sie pflückte eine einzige Blume aus dem weiten Park, ein einziges zartes Andenken, warf noch einen Blick auf die Grotte, auf die Weide, auf den See. Dann schritt sie aufrecht zu der Kalesche, die sie von dem Frieden Klein-Trianons zu Dem bedrohten Hofe trug. Vom süßen Sinnen zur herben Prüfung. Vom Spiel zum Kreuzweg, zur Guillotine, zur Ueberwindung alles Leides.
Friedrich von Gentz, Diplomat und Grandseigneur.
Zu seinem 10 0.Todeslage.
Von Dr. Paul Landau.
Lode die Formel für sein Wesen prägten, erblickten in ihm den bezeichnendsten Vertreter der reaktionären, selbstsüchtigen, ausschweifenden und verlogenen Restaurations-Epoche, nannten ihn „das verkörperte Prinzip der Genußsucht" und nahmen den Vorwurf der Käuflichkeit, den Napo- Icon gegen ihn geschleudert hatte, eben weil er ihn nicht kaufen konnte, für erwiesen an. Aber schon 1857 fragte Hebbel: „Ob der Prozeß gegen unser vielleicht größtes politisches Talent wirklich unparteiisch entschieden ist? Ein Berufenerer als ich nehme die Revision auf; hat Deutschland einen Publizisten, der sich auf mehr versteht als aufs Fluchen und Segnen, hier kann er sich zeigen."
Ueberrafchungen dieser Derborgenheitl Wie schmeichelte er ihrer Anmut! Aber hatte er sie nicht auch gewarnt, nannte er sie nicht „eine kleine Verschwenderin"? Mahnte er sie nicht, ihren Ruf zu hüten? Nun waren sie alle ferne oder tot ... Oesterreich, Wien, die Mutter, die Heimat.
Da stand auch noch der Meierhof, in dem sie einst die Schweizerbäuerin spielte, Kühe molk, Butter und Käse machte. Es war gewiß ein kurioser Einfall, aber war er so verdammenswert? Sie war doch noch ein Kind, als sie die Braut des Dauphins wurde, als Ludwig ihr diesen Park sche'nkte! Was sollte sie mit den steisen-Taxushecken, mit den Treibhäusern, die sie damals hier vorfandI Ein Fleckchen gesunder Natur, wilde Rosen und Veilchen wollte sie sehen. Darum hatte sie diesen Platz schaffen lassen. Auch das haben sie ihr verübelt, auch darüber fingen sie ihre Spottverse. ,
Sie würden ihr alles verübeln, sie würde es ihnen nie recht können, sie — die Oesterreicherin. Nun galt es, den Feinden zu daß die befehdete Frau Mut hatte. Nun galt es stark zu sein, behaupten ober ungebeugt zu dulden.
Marie Antoinette war ruhiger geworden. Sie rief nach der . . nach den Kindern, aber sie bekam keine Antwort. Sie rief abermals und nun hörte sie Schritte. Doch statt der erwarteten Provencalin stand plötzlich schwer atmend und blaß ein Kurier vor ihr, der sich schüchtern verneigte und einen Bries Überreichte. Rasch erbrach sie bas Siegel bes Ministers und las: „Die Königin wird untertänigft gebeten, ins Schloß zurückzukehren. Sie wird dort Seine Maseftät sinden. Die Sektionen von Paris sind nach Versailles unterwegs."
Am Himmel zeigte sich ein rötlicher Streifen, die Königin sah ihn gebannt. Er war ihr wie ein Fanal, wie ein prophetisches Zeichen. Während die Pariser Sektionen mit Kanonen und Sensen und sanati- fierten Frauen nach Versailles marschierten, um Ludwig und die Königin mit Gewalt in die Hauptstadt zu holen, um sie dort festzuhalten und die alten Gewalten zu erdrosseln, nahm Marie Antoinette Abschied von dem
Aus dieser glänzenden Oberfläche kann aber die Eigenart seiner seit- sam gemischten Natur nicht erkannt werden. Seine Lebenssreundin Rahel, die so ganz anders, so viel innerlicher und echter war, die ihn so aus der Nähe gesehen wie kaum jemand anders und viel an ihm auszusetzen hatte, schrieb doch nach seinem Tode: „Seine Perfidien find anders als der andern ihre; er gleitete wie in einem Glücksschlitten sliegend auf einer Bahn, auf der er allein war; und niemand darf sich ihm vergleichen. Hatte er Schmerz, litt er Widerspruch, dann war er nicht mehr auf dieser Bahn und bann verlangte er Hilfe unb Trost, die er nie gab ... Viele Menschen muß man Stück für Stück loben und sie gehen nicht in unser Herz mit Liebe ein; andere kann man viel tadeln, aber sie öffnen immer unser Herz, bewegen es zur Liebe. Das tat Gentz für mich, und nie wird er bei mir sterben." Seine Selbstsucht wurde überstrahlt durch die geniale Hingabe seines Persönlichsten. Er ist immer ein „großes Kind" geblieben, unschuldig bei aller Verderbtheit, naiv bei allem Raffinement, offen bei aller Lüge, zu der ihn feine lebhafte Einbildungskraft verleitete ... Wie man fein Aeußeres häßlich und schön genannt hat, [o war auch (ein Inneres voll großer guten Eigenschaften unb voll kleiner Fehler, die aber menschlich allzumenschliche Resonanz dem Pathos seines Austretens erst Glut unb Fülle verliehen. Gentz steht als geistesgeschichtliche Erscheinung zwischen ben Zeitaltern der Ausklärung, des Klassizismus unb der Romantik mitten inne. Seine Weltanschauung und Bildung ist rationalistisch, durch seinen Lehrer Kant bestimmt; feine Haltung ist klassizistisch in ihrer beherrschten Würde, besonders an Schiller geschult. Aber der Feind des Mittelalters, der feinen stärksten Einfluß auf Romantiker aus- übte hatte doch auch romantische Elemente in sich, eine schwärmerische Weichheit, eine dunkle angstvolle Ahnung der Nachtseiten des Lebens. Genf; ist nie ein Don Juan gewesen, trotz seiner vielen Liebesverhältnisse. Wenn er auch nach seiner Verpslanzung aus der preußischen Beamten- Sphäre in bas Wiener „Capua bes Geistes" der allgemeinen Frivolität sich mehr hingab unb sie in seiner Sucht bes Seldst-Erkennens unb -Bekennens unterstrich, so blieb er doch der sinnlich-übersinnliche Freier, der immer wieder im Rausch der Schwärmerei seine höchsten Erlebnisse sand. In diesen Beziehungen zu angebeteten Frauen entzündeten sich seine Geisteskräfte, vor allem seine Beredsamkeit, durch die er nicht nur weibliche Herzen, sondern auch Staatsmänner und ganze Nationen verführte. Die Wundergabe des Gespräches, der Wohllaut feiner Stimme, das Feuer und der Takt seiner Rede öffneten ihm die sonst dem einfachen Schriftsteller und Beamten verschlossenen Kreise der höchsten Gesellschaft, unb in der intimen Unterhaltung hat er am stärksten gewirkt, hat auch in seinen Schriften durch den bestrickenden Ton der Ueberrebung bie Geister in seinen Bann gezwungen. Er war kein Volksrebner, kein Mann ber großen Masse. Als Grandseigneur trat er auf, und dazu gehörte die ihm oft vorgeworfene Verschwendung, die ihm zur Erhöhung seines Ansehens diente. Er war ebenso berühmt wegen seiner Riesen-Trinkgelder wie wegen seiner luxuriösen Gesellschaften. Großzügig war er stets im Geben, wozu ihn seine „dämonische Gutmütigkeit" trieb. Freilich nicht weniger großzügig im Nehmen. Dafür, daß er sich bestechen ließ, ist auch nicht der Schatten eines Beweises erbracht worden. Seine Uederzegung hat er nie verleugnet, seine Anschauungen nie um äußeren Vorteils willen gewandelt. Aber, daß ber Mann, ber die Seele des Kampfes gegen Napoleon, der die stärkste geistige Stütze der Throne und der Wiederherstellung der alten Ordnung war, sich dafür fürstlich belohnen liefe, war selbstverständlich, und man gab dem ewig Geldbedürstigen gern unb reichlich, Denn er war „ein sehr vornehmer, vielfach verwöhnter und bedürfnis- reicher Bettler", wie ein preußischer Minister bei der Aussetzung einer Dotation bemerkte.
Mit dieser so reich entwickelten Gefühlsseite verband sich bei Gentz eine Klarheit und Schärfe des Verstandes, wie sie bei so sensiblen, zarten Naturen selten zu finden ist. In allen (einen Aeußerungen ist das Vorherrschende kühle Besonnenheit, nüchterne Vernunst, das Erbe der Auf- tlärung. Er besitzt ben burchbringenden Blick bes Staatsmannes, der verworrene Chaos der Verhältnisse als das Walten weniger Grundkräfte erkennt und meistert. Nach einer kurzen Periode der Bewunderung der französischen Revolution, die er mit vielen der Besten teilte, gewinnt er seinen festen Standpunkt als entschiedenster Gegner alles Revolutionären; er fühlt sich „vermöge der Anlagen und Mittel, die die Natur in mich gelegt, zu einem Verteidiger des Alten und zu einem Gegner der Neuerungen berufen". Als Verfechter der Tradition, der historisch bedingten, gesetzmäfeigen Entwicklung tritt er ganz natürlich auf die Seite Oesterreichs im Kampf gegen ben „Sohn der Revolution" Napoleon unb wird der Repräsentant des englischen Einslusses auf dem Kontinent. Er drängt zu der Verbündung Preußens mit Oesterreichs, weniger aus nationalen Gründen, mehr als „guter Europäer", der den Störenfried des Gleichgewichtes, der Ruhe und des Friedens vernichten will. So wird Gentz durch die'zähe Kraft feines Wollens, durch den uiierfchülterlichen Glauben an den Sieg der Ordnung und des Rechtes neben Fichte zum leidenschaftlichsten und geistesmächtigsten Träger der Besreiungsidee, zum ^getreuen Ekkart" Deutschlands, der ihm in seiner Verzweiflung neuen Mut und Vertrauen einflößt, in den schwierigsten Lagen Rat unb Hilfe weift und mit unerschrockener Tapferkeit gegen den französischen Weltbeherr- scher auftritt. In dieser Zeit von 1802 bis 1809 zeigt der als „feiger Geniißling" verschriene Mann bewunderungswürdigen Heroismus und eine flammende Begeisterung, die etwa in seinem Strafgericht über bei abtrünnigen Freund, ben Historiker Joh. v. Müller, ergreifenb znm Ausbruck kommt. Seine sonore, männlich feste, babei so überjeugenbe und fortreißende Stimme tönt ans den österreichischen Kriegsmanifesten von 1809 unb 1813, aus der Achterklärung des aus Elba entflohenen Napoleon. Nun wird Gentz durch zwanzig Jahre bis zu feinem Tode die „rechte Hand" Metternichs, und mancher fand, daß in diesem Falle „dtt Hand mehr wert sei als der Körper". Er ist der ständige Protokollführer aller europäischen Kongresse, ber berounberte Meister bes diplomatischer . Stils, ber den größten Einfluß aus die Neueinrichtung Europas halte.
Größer aber ist er als freier politischer Schriftsteller, als einer ber Haft ■ fischen deutschen Publizisten, am größten als einzigartige, in allen ihren. | Vorzügen unb Fehlern einheitlich starke, bärnonische, faszinierenbe Persönlichkeit.


