Nummer 44

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Oie Nachtigall.

Von Theodor Storm.

Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen;

da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen.

Sie war doch sonst ein wildes Blut, nun geht sie tief in Sinnen, trägt in der Hand den Sommerhut und duldet still der Sonne Glut, und weiß nicht, was beginnen.

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Tage von Trianon.

Von Hans H ä r.

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zueilen, wollte ihn um die Hüfte fassen, ihm in die Augen sehen und fragen:Aber mein Kind, was habe ich dir getan?" Da verließ sie ihre Kraft, sie sank in die Arme der schlanken, schwarzen Provencalin, ihrer Hosdame, und hörte nur noch eine besorgte Stimme:Majestät sind über­anstrengt, Majestät müssen sich ausruhen."

Seit dieser Stunde schien ihr Feindschaft aus allen Worten und Ge­sichtern entgegenzuspringen. Sie atmete auf, so ost.die Etikette des Hofes sie entließ, so oft sie dem Widerhall der trüben Botschaften, die seit Wochen in Versailles einliefen, entrinnen, ihren Kindern und sich selbst gehören konnte.

Aus der beängstigenden Atmosphäre des Versailler Schlosses floh sie immer wieder nach Klein-Trianon, zu dem Schlößchen und dem viel­farbigen Park, der ihr ureigenes Geschöpf war. Sie selbst hatte diese idyllische künstliche Waldwildnis mitten in der gepflegten Umgebung des Königssitzes schaffen lassen. Zuerst waren sie nur Launen der queck­silbrigen Achtzehnjährigen, der Tochter der Maria Theresia der eng­lische Park, der See, die Grotte, der Pavillon, das kleine Theater, der Schweizerhof mit Stall und Küche, die großen Spielzeuge, die sie hier von Architekten, Gärtnern und Landleuten planen, bauen und beleben ließ. Später indes wuchsen sie ihr ans Herz, wurden ihr Erholung, Zu­flucht, Trost. Und in diesem schicksalsvollen Jahre wurde ihr Klein- Trianon noch inniger vertraut. Jede freie Stunde brachte sie in dem stillen Parke zu, der fünfzehn Jahre lang Zeuge ihres Glückes, ihrer Spiele, ihrer ersten Enttäuschungen, ihrer Reue und ihrer Reife war. Die Tage von Trianon waren die lichten Tage ihres Lebens, sie wollte ihren Nachglanz bis zur Neige genießen, denn sie spürte die Heim­suchung, die Übergroß, noch unfaßbar hinter ihr stand, die sie sortreißen würde von dem glücklichen Orte besonnter Stunden.

Auch heute floh sie mit ihren Kindern unb ihrer Hofdame aus der Unrast des weiten Schlosses in die Stille von Trianon. Die schwarzhaarige Begleiterin sah besorgt auf die Blässe der blonden Frau und folgte ihr schweigend zu dem See, zu der Weide, unter der sich die Königin nieder­setzte. Wie sie jetzt mit wehmütigem Lächeln in den Park sah, auf das Wasser, auf das Tannenwäldchen, auf die Grotte, glich sie einem an­mutigen, hilfesuchenden Kinde. Fern war alle herrische Gebärde. Sogar das betonte, fordernde Kinn der Habsburger, das ihre Gegner mit Aerger erwähnten, verlor sich in ihrem traurigen Lächeln.

Erinnern Sie sich noch, Madame" sagte sie zu der dunklen Be­gleiterin.Dort drüben haben wir vor vier Jahren noch Theater ge­spielt!"

Oh, ich erinnere mich. Majestät deklamierten mit einem Feuer, der den "Neid der Künstler erregte."

Und dort, dort spielten sie noch im letzten Sommer ein Quartett meines Landsmannes, des Wolfgang Amadeus Mozart. Als ich noch ein Mädchen war, habe ich ihn in Wien gesehen. Damals war er noch ein Wunderknabe am Klavier, heute hat er herrliche Opern geschaffen. Schade auch er ist gegen uns!"

Gegen uns, Majestät? Wie meinen Sie das?"

Konnte er sonstFigaros Hochzeit" komponieren? Konnte er sonst Musik schreiben, zu einem Rebellenstück, ein Schauspiel zur Oper machen, das dieser Beaumarchais, dieser Spekulant, dieser Hetzer, dieser Ge­schäftemacher schrieb?" Die Provencalin sah erstaunt, wie sich das Ge- sich der Königin rötete. Nun schob sich auch wieder die charakteristische Unterlippe vor, die den Feinden als Ausdruck ihrer Herrschsucht erschien. Doch schon beugte sich das Haupt, unsagbar demütig:Aber vielleicht ist das eine gerechte Vergeltung. Vielleicht haben wir die Künstler, die Geistigen zu sehr als Zeitvertreiber angesehen, zu wenig ihren Hunger, ihren seelischen Durst gestillt." Die Königin straffte sich wieder:Und unter dieser Weide ... wissen Sie noch?"

Ja, hier haben wirWerthers Leiden" von Goethe gelesen", sagte die "Hosdame mit träumerischem Lächeln.

Ein großes Buch, aber viele haben es nicht verstanden. Sie haben es zu wörtlich genommen. Studenten und Künstler haben Selbstmord verübt weil Werther sich tötete, weil es Mode wurde, weil es elegisch und heldisch aussah. Aber der Selbstmord ist keine Losung, kein Weg. Man muß sein Leben um jeden Preis vollenden. Wenn es sein muß bj- zum bittersten Ende!" Die Königin sagte es inbrünstig, und em tiefes Licht schimmerte aus ihren Augen. Die Gräfin war nicht ver­wundert, als die Herrin bat:Wollen Sie sich für einige Minuten der Kinder 'annehmen? Ich mochte ein Weilchen allein fein!"

2t(g die Begleiterin sich mit den Kindern entfernt hatte, verlor die blonde stolze Frau alle Fassung, die sie vor den Augen der anderen be­wahrt'hatte. Sie sank zusammen und weinte hemmungslos. Oft hatte der Park ihre Tränen ausgenommen, aber nie hatte sie den uferlosen Schmerz verspürt, der sie heute bedrängte. Wo waren die Erlebnisse von Xrianqn geblieben?

Da grünte noch der Rasen, auf dem ihr einst ihr großer Bruder im Spiele huldigte, der deutsche Kaiser Joseph II. Wie entzückten ibn die

Zauberisch schwebte die Stille in dem Park von Trianvn. Drüben wer, in dem nahen Versailles, rumorten Angst und Unruhe. Pserbege- ivppel, metallisches Klirren von Massen und Hufen erfüllte die Vorhofe 15 Schlosses. Seit Wochen zitterte hier die Erregung durch alle Sale, flure und Kabinette. Die Majestäten fanden keinen Schlaf mehr. Lud- iig XVI. ritt zwar noch manchmal zur Jagd nach Fontainebleau, ging och zu seiner Schlosserwerkstatt, wo er sich aus gequältem Königtum in ie Scheinwelt behäbigen Handwerks rettete. Ader die alte Freude stand i cht mehr auf. Wenn er früher das Schurzfell vorgebunden, mit breitem lachen vor der Esse stand, vergaß er alle Sargen und Darstellungen des hmer klagenden Finanzministers, vergaß er die Schuldenlast, das böse (tbe, das ihm seine üppig wirtschaftenden Vorgänger hinterlassen hatten, ifcer in diesem erregten Jahre 1789 warf die Gefahr ihren Schatten auch «of die Stunden der Erholung. t ,

Das Volk war aufgewühlt, hatte die Zwingburg der Bastille zerstört, ie Vorrechte des Adels und der Geistlichkeit beseitigt Die Abgeordneten i r Nationalversammlung zwangen dem Hofe eine Verfassung auf, oi i n Machtbereich des Königs beschränkte, neue Bürgerrechte und neue ürbnung der Steuer schuf. Zwei Brüder des Königs und viele Adlig taten schon ins Ausland geslohen. Paris war ein Heerlager der V> rg (erben, ber Revolutionäre. , _

Auch ber König sah ein, baß viel Unrecht gutzumachen war Aber ('ich es nicht einer ßoroine dieses Drohende, Ungeheuere a L ranroUte?^Waren bie letzten Wochen nicht nur Auftakt, Vorbereitung in grenzenlosem Schrecken? Die «ebner ber Hauptstadt waren gallige ^Pötter geworden und streuten die Saat des Aufruhrs m alle W Hie Volkslieder hatten sich in Spottstrophen verwandelt, bie bengut- r ütigen König lächerlich machten. Wilder noch, lodernder noch waren die ^chmahgejänge gegen dieOefterreicherin", die Lieder, die die 3 , (nnte Marie Antoinette mit Haß bespien. , , , <=*(>

. Der Königin galt bie leibenschaftlichste Empörung. Der betonte Stolz 1 rer blonden Schönheit forderte den Widerspruch der Franzosen h-r^ -us. Die Gegner derOesterreicherin" fühlten, daß sie fester war alsihr Gemahl, daß sie männlicher und kühler dachte als mancher der «awi- £re von Versailles. Leichtsinnige Tage ihrer Jugend, v°^chwenderische wf*e, kleine Ballabenteuer unb eine verwickelte Afsare umeinHal^ tnnb lieferten ben Stoff für bie Kehrreime, bie in allen Gatzen von k Antoine bis St. Honore, von Marseille bis Lille gesungen wurde *mer dachte daran, daß all bas, was man berSremben vorwarf "Uhre zurücklag, baß sie heute eine ernste Dame geworden war Sie m -k schon wie ehedem, biegsam und groß aber blaß und s ,~. v, m 7 Augen lagen Schatten. Zwei ihrer Kinder waren früh dem Siechtum . ' 'egen, und am Hofe war sie jetzt, nach vielen fahren noch eiMam^

°n dem Tage, da die junge österreichische PnuZesstn von den M g 'vielgeliebten Königs" eingeholt wurde Ader das erkannten iyre ^folger nicht. Sie riefen ihrNieder mit der Oesterreicherin.

Mar^Antoinette wurde fahl und spürte biefllmmerndenVorzeichsn . 'ner Ohnmacht, als ihr vor einigen Tagen solch em SpottÜed fow in

Nähe des Schlosses begegnete. Ein kleiner Atcnen nach-

j.nne bie Jungens zu allen Zeiten bie Couplets ber L »naben

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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger