Dann, als
Wirkung der '—......... , ,— ■ - -
dem Sanitätsrat in der Wohnung eintraf, sang er gerade die .Liebe
der Matrosen".
„Da sehen Sie das Elend", schluchzte Frau Claudius. „Man halt es nicht für möglich, wenn man es nicht gesehen hat."
Sie wankte aus dem Zimmer, aber sie kam gleich wieder herein. Sie hatte zwei Nußschalen in der flachen Hand.
„Alles tut er aus Trotz gegen mich", klagte sie. „Ich habe ihm gesagt, daß Nüsse giftig sind. Das stand in der Beilage .Die vorsichtige Hausfrau', und dies ist der Beweis! Diese Nuß hier habe ich heute Morgen in seinem Schreibtisch gefunden. Sie enthält einen reinen Giftkern."
Hier erhob sich Claudius Druse. Er nahm seiner Frau die beiden Schalen weg. Ernst erklärte er:
„Das ist kein Giftkern, das ist eine echte Perle für vierhundertsiebenundneunzig Mark. Ich suche sie seit heute Morgen." Mit der stummen Größe eines antiken Helden schritt er durch all die Zerstörung, aber in der Tür blieb er noch einmal stehen.
„Olga, du bist ein Schaf!" sagte er.
Dies war das Ende einer glücklichen Ehe
Einheit fanden. Seine Natur war Sturm und Drang, fein Symbol der Schneewind, wenn er Über die Fjorde fegt, fein Monat der April, in dem das Alte zusammenstürzt und in dräuendem Unwetter ein Neues ent- steht. Aber feine Waffen waren die des Friedens, der Schönheit, der Kultur, der Wahrheit. Als Dolkslehrer und politifcher Agitator, als Journalist und als Reformator wie als Dichter hatte er stets die gleiche Grundnote feines Wesens bejaht, die den großen Einheitszug in die vielgestaltigen Formen seines Schaffens bringt.
Wenn wir Björnfons enropäsche Bedeutung erfassen wollen, so dürfen wir diese einzigartige nationale Grundlage seines Wesens nie vergessen, die wie eine verstärkende Resonanz in all feinen Aeußerungen mittönt, aber das Werk des Politikers, des Reformators reicht im wesentlichen nicht über die Grenzen seines Vaterlandes oder doch der fkandinav.fchen Länder hinaus. Dieser mutige Vorkämpfer für eine echt nordische Weltanschauung wäre eine Lokalgröße geblieben, wenn er sich nicht allmählich von dem engen Gesichtswinkel, unter dem er ausgewachsen, befreit und als Dichter allgemeine, weltbewegende Probleme dargestellt hätte. Die Wiederbelebung der altnord'schen Vergangenheit, die er herausbeschwor, indem er „die Bauern im Lichte der aitcn Sage und die Sage im Lichte feiner Bauern fah", die lakonisch knappe Kraft des Skaldenstils, die er dem fchönrednerischen Pathos der Romantik entgegenstellte, sie sind heute längst historisch. Was in ihnen schön und sortreißend erscheint, die jugendliche Naivität anschaulicher Erzählung, die weiche lyrische Beseelung von Natur und Menschen, das hätte nicht genügt, um diesen Dichtungen eine internationale Wirkung zu verleihen. Erst die Erscheinung des fpäteren Björnson wirft auch aus bieje Schöpfungen ein Helles Licht zurück In den Dramen, besonders in denen, die sich um die Gestalt des genialen Bauernfreundes Königs Sverre und um die Heldenfigur Sigurds gruppieren, lebten sich Björnfons eigene Träume des Herrscherbewußtfeins und der Bolksbeglückung aus. In ihm wohnte ein tiefes Bedürfnis, wie folch ein Häuptling der Vorzeit sein Volk zu befreien, zu erretten, emporzuheben; fein Ehrgeiz drängte ihn zu Taten, und eine tiefe Liebe ließ ihn vor der Gewalt ,zurückschaudern. Sein Ziel, wie es sich in diesen Werken angedeutet findet, stand schon damals fest vor feinen Augen: er bekämpfte mit leidenschaftlicher Glut die Verbindung Norwegens mit Schweden, tue ihm unnatürlich und verhängnisvoll erschien, er erstrebte Norwegens Selbständigkeit. Eine ungebrochene Nalurkvaft, deren naiver Einfachheit jedes Schwanken un>d jeder Arvei^el sremd ist, lebte stch in alle | einem Wirken aus. Als Redakteur, als Theaterdirektor, als Tagesfchriftsteller wie als Poet wollte er das Norwegische schlechthin. Selbst in der mächtigsten künstlerischen Leistung, die ihm in dieser Epoche gelang, in seiner , Maria Stuart", erscheint das Schottische ganz ins Nordische transponiert. Er war stolz daraus, daß er alle fremden Einflüsse von sich abwehrte stand sest „auf dem Boden des Kinderg'audens" und in den Idealen der nationalen Vergangenheit. Aber es bedurfte einer Auflockerung [einer einseitig erstarrten Anschauungen, um die furchtbarsten Keime feines Dichtens zur Blüte zu bringen.
Die rätselvolle, im Sittlichen und Religiösen ausrüttelnde Persönlichkeit Kierkegaards, die auch Ibsen so stark beeinflußt, mag den ersten Anstoß zu Björnfons Zweifeln gegeben haben; Resten ins Ausland das Kennenlernen der modernen Ideen, wie sie Georg Brandes verbreitete, erweiterten feinen Gesichtskreis und ließen eine Welt neuer Probleme vor ihm auferstehen. Aus dem „Norweger" wurde damals der „Mensch"; er hätte sich am licbften in dieser Zeit „Der Mensch unterzeichnet, wie er in einem Briese schreibt. Aus den beschränkten Vorurteilen war er in dem Augenblick heraus, wo er s a h. „Mein argf.er F°ind kann die Wahrheit in Händen haben; ich bin dumm und stark: aber sehe ich, wenn auch durch einen Zufall, die Wahrheit, so zieht sie mich unwiderstehlich an."Als er so sehend geworden, da schüttelte er mit rücksichtsloser Energie das Alte ab und wandte sich ganz dem Neuen zu. Von nun ab ist sein Leben ein einziger Kamps für die Wahrheit, die sich nicht mehr auf norwegische Einzelinteressen, sondern auf die allgemein menschlichen Urgründe des Lebens erstreckt Für diesen neuen Bebens* .werf hat er in der Erzählung , Staub" ein Symbol geschaffen: Staub -st alles Vergangene, sind alter Glaube, alte Vorurteile, die sich wie ein . feiner Dunst und Nebel in den Seelen der Menschen ansammeln und sich b'Sweilen dick und schwer in der Maschine unseres Denkens lagern, so daß sie alles Wirken und Schaffen zerstören können. Nur em resolutes Reinemachen und Auskehren kann vor diesem Staub bewahren, der die Seelen vergiftet. . „ .. ..... .
Eine Kritik der politischen Verhältnisse lag ihm am nächsten; im .König" unternahm er seinen rücksichtslosen Angriff auf das Königtum, in dem trotz dichterischer Schönheiten die Tendenz eines radialen Re- publikanertums hervortritt. Mit den sozialen Verhältnissen beschäftigte er sich in seinem „Fallissement", das ihm zugleich seinen ersten großen Buy- nenerfolq eintrug. Die Tragikomödie des Geldes wird in diesem ersten bürgerlichen Drama Norwegens auigeroUt und der Dichter, der so large im romantischen Wikingerkleid erschienen war, fand sich h er meisterhast zurecht im Hauptbuch des Bankrotteurs Tjälde. In einen Erzachungen, die sich nun ebenfalls mit modernen Konflikten befrf-afhqten, tritt bi« ■ Schönheit feiner Poesie reiner hervor. In der phtzchologstch feinen Novelle „Magnh ld" greift er mit aller Energie die Fragen der Sittlichkeit auf und fetzt sich mit dem Eheproblem auseinander. Seine Heidin, das aefunde fta'rte Bauernmädchen, ringt sich in einer entwürdigenden Ctje zu dem'Eiitfchluß durch, diese Festes von sich zu werfen Das Evangelium
I der Toleranz predigt das dichterisch reiche Drama „Leonarda , dessen kühne Gedanken in ’ber Forderung einer gleichen Moral für Mann und Weib gipfeln. Und diese Forderung wird dann aufs schärfste sormu'iert in
i dem Drama „Der Handschuh", das in ganz Europa von der Frauen- emanzipation m't Begeisterung abgegriffen wurde.
Der pädagogische Grundzug feines Wesens, der ihn stets zum Lehren ' und Erziehen hindrängt, findet in einem großen Roman und in einigen feiner schönsten Erzählungen dichterischen Ausdruck. Der Glaube an die Vererbung, in dem er vor allem ein Sortierten morali|ci)er mraqte unö Willensenergien sicht, hatte feine Ueberzeugung von der Macht der Er- 1 ziehung noch gesteigert. Sein Schulideal, das er in dem prächtigen Werke
„Nelze mich nichn" antwortete er.
Seine Augen rollten, und er schwang den Hammer.
An ihr vorbei ging er mal hinaus, und diesen Augenblick benutzte Frau Druse. Sie schloß das Herrenzimmer ah. Mit keuchenden Lungen stürzte sie über die Vordertreppe hinunter zu Frau Kastenrat Fiedler, um ihr die Gesch chte von ihrem Mann und den Nässen zu erzählen.
In der Zwischenzeit schickte der Obsthändler den Doppelzentner. Der Träger kam die Hintertreppe herauf. Claudius Druse ließ die Nüsse auf den Fußboden der Küche schütten. Er setzte sich mit seinem Hammer hin und begann zu klopfen. Er war verbittert und entschlossen Er schlug darauslos wie Achilles in der Schlacht bei Troja. Die Nußschalen flogen hier- und dorthin. Eine zerschmetterte die Birne des Beleuchtungskörpers. Eine ganze Menge fiel in das Essen, das auf dem Herd schmorte. Und eine schlug dem Mädchen Emma beinahe einen Zahn aus.
Emma stand heulend in der Diele, als Frau Druse wieder heraufkam. Emma jammerte: „Mit dem Herrn is es nich richtig" Frau Druse schleppte sich über die Diele zur Küche. Sie fah das erschütternde Bild fanatischer Zerstörungswut, und sie war einem Zusammenbruch nahe.
„Claudius, lieber Claudius", sagte sie so sanft es ihr möglich war, .komm doch mal einen Augenblick in den Salon."
Er erhob sich schweigend und ging aus der Küche. Hinter ihm verschloß Frau Druse die Tür. Sie keuchte über die Dienstbotentreppe hinab, kam mfgelöft zu Frau Kassenrat Fiedler und telephonierte mit dem Sanitäts- at Wundklammer.
Während dies geschah, rollte das Komitee für die Bescherung verschämter Armen die Nüsse für Claudius Druse an. Zwei starke Männer arbeiteten eine halbe Stunde lang hart. Sie brachten di« Nüsse die Bor- bertreppe herauf, und sie schütteten sie in den Salon. Siebenmal fliegen die starken Männer die Treppe. Jeder von ihnen schasste mit einem Gang zwei Zentner. Das machte vierzehn Zentner im Ganzen. Aber es war noch nicht alles. Die Männer sagten, dies wäre die erste Fuhre; in einer Stund« würden sie mit der zweiten da lein.
Um vierzehn Uhr war die Lage in Drufes Wohnung so: Die Küche a>ar verschlossen, und das Herrenzimmer war verschlossen. In diesen beiden Räumen sah es schlimm aus, aber das war nichts gegen das Bild im Salon. Der Salon war verschüttet. Die Nüsse reichten bis an die Tischplatte, und in den Ecken war der Pegelstand noch höher. Von der Thippendale-Garnitur war nur noch der oberste Rand der Lehnen zu iehen. Die Marmorvenus watete bis an di« Hüften in Nüssen, und stietzfche konnte trotz der hohen Säule, auf der er stand, kaum noch
itmen. .
Auf der Schwelle zwischen Salon und Schlafzimmer saß Claudius Druse. Er hott« sich das Jackett ausgezogen und die Hemdsärmel aus- getrempelt. Er war ernst und gefaßt. Er wußte, daß er, gegen das Schicksal kämpfte, aber er dachte nicht daran zu kapitulieren. Seime Lippen waren eingekniffen; sie verrieten seinen festen Entschluß, die Nuß mit der Perle zu finden ober wie ein Held unterzugchen. Er hieb mit feinem Hammer auf die Gegner ein, und er brach tiefe Vrefchen in ihren Wall. ' Heine Kräfte nachließen erinnerte er sich der belebenden Musik und stimmte ein Mavschlied an. Als Frau Druse mit
Björnson.
Zum 100. Geburtslage des norwegischen Dichters.
Von Dr. Georg Ku h n.
Cs ist ein altgermanisches Ideal, den Sänger als Helden zu denken. Der tapferste Mann, der dem Heer vorauszieht in den Kampf, singt beim Siegesmahle, des Gottes voll, das Lied, das die Taten unsterblich fortleben läßt. Leier und Schwert birgt er in den Falten feines Mantels, und fein Herrschertum hebt ihn über die Genossen empor Der Gedanke ist in dieser Vorstellung ausgedrückt, daß der Dichter zugleich der Führer eines Volkes fei. Diese Anschauung vom Künstler steht uns heute sern; ie ist in neuester Zeit nur einmal verwirklicht worden durch Björn- o n, dessen 100. Geburtstag die Welt mit seinem Norweger-Volk begeht. Der Nachkömmling von Bauern, der Sohn eines armen Gebirgspastors, wuchs empor zum ersten Bürger seiner Heimat, und prägte feine durch ein halbes Jahrhundert verfochtenen Anschauungen und Jdea e seinem Volke auf. Es war ein rein geistiger Kamps, durch den er Norwegens Unabhängigkeit erfocht. Er siegte als Streiter für den Frieden, der dem schwedischen Gegner di« wärmste Sympathie bewahrte und der durch keine Gewalt sein Ziel erreichen wollte, sondern die Trennung durch bas immer stärkere Sichdurchsetzen der eigenartigen norwegischen Kultur, des elbftänbigen heimischen Wesens erwirkte. Ein unerschrockener, leidenschaftlicher Kämpfer für die Werke des Frieb«ns war Björnson. Der geheime Widerspruch der darin zum Ausdruck kam, daß er etwa den Weltfrieden predigte und doch in derselben Rede feine Vorliebe für Kamps und Kri n nicht verbarg, wurde durch die Große seiner Persönlichkeit versöhnt n der alle Widersprüche feines Wesens und Wollens eine höhere


