gleich nach Venedig kommen möge. Das tat Krespel nicht, erkundigte sich vielmehr bei einem vertrauten Freunde nach den näheren Umständen und erfuhr, daß Signora damals, leicht wie ein Vogel in das weiche Gras herabgesunken sei und der Fall oder Sturz durchaus keine andere als psychische Folgen gehabt habe. Signora sei nämlich nach Krespels heror- scher Tat wie umgewandelt; von Launen, närrischen Einfällen, von irgendeiner Quälerei ließe sie durchaus nichts mehr verspüren, und der Maestro, der für das nächste Karneval komponiert, sei der glücklichste Mensch unter der Sonne, weil Signora seine Arien ohne hunderttausend Abänderungen, die er sich sonst gefallen lassen müssen, singen wolle. Uebrigens habe man alle Ursache, meinte der Freund, es sorgfältig zu verschweigen, wie Angela kuriert worden, da sonst jedes Tages Sänge­rinnen durch die Fenster fliegen würden. Der Rat geriet nicht in geringe Bewegung, er bestellte Pferde, er setzte sich in den Wagen.Halt!" rief er plötzlich.Wie", murmelte er dann in sich hinein,ist's denn nicht ausgemacht, daß, sobald ich mich blicken lasse, der böse Geist wieder Kraft und Macht erhält über Angela? Da ich sie schon zum Fenster heraus- geworsen, was soll ich nun in gleichem Falle tun? was ist mir noch übrig?" Er stieg wieder aus dem Wagen, schrieb einen zärtlichen Brief an seine genesene Frau, worin er höflich berührte, wie zart es von ihr sei, ausdrücklich es zu rühmen, daß das Töchterchen gleich ihm ein kleines Mal hinter dem Ohre trage, und blieb in Deutschland. Der Brief­wechsel dauerte sehr lebhaft fort. Versicherungen der Liebe Ein­ladungen Klagen über die Abwesenheit der Geliebten verfehlte Wünsche Hoffnungen usw. flogen hin und her von Venedig nach H., von H. nach Venedig. Angela kam endlich nach Deutschland und glänzte, wie bekannt, als Prima Donna auf dem großen Theater in F. Ungeachtet sie gar nicht mehr jung war, riß sie doch alles hin mit dem unwiderstehlichen Zauber ihres wunderbar herrlichen Gesanges. Ihre Stimme hatte damals nicht im mindesten verloren. Antonie war indessen herangewachsen, und die Mutter konnte nicht genug dem Vater schreiben, wie in Antonien eine Sängerin vom ersten Range aufblühe. In der Tat bestätigten dies die Freunde Krespels in F., die ihm zusetzten, doch nur einmal nach F. zu kommen, um die seltene Erscheinung zwei ganz sublimer Sängerinnen zu bewundern. Sie ahnten nicht, in welchem nahen Verhältnis der Rat mit diesem Paare stand. Krespel hätte gar zu gern die Tochter, die recht in seinem Innersten lebte, und die ihm öfters als Traumbild erschien, mit leiblichen Augen gesehen, aber sowie er an seine Frau dachte, wurde es ihm ganz unheimlich zu Mute, und er blieb zu Hause unter seinen zerschnittenen Geigen sitzen.

Ihr werdet von dem hoffnungsvollen Komponisten 58... in $. gehört haben, der plötzlich verscholl, man wußte nicht wie; oder kanntet Ihr ihn vielleicht selbst? Dieser verliebte sich in Antonien so sehr, daß er, da Antonie seine Liebe recht herzlich erwiderte, die Mutter anlag, doch nur gleich in eine Verbindung zu willigen, die die Kunst heilige. Angela hatte nichts dagegen, und der Rat stimmte um so lieber bei, als des jungen Meisters Kompositionen Gnade gefunden vor seinem strengen Richterstuhl. Krespel glaubte Nachricht von der vollzogenen Heirat zu erhalten, statt derselben kam ein schwarz gesiegelter Brief von fremder Hand über­schrieben. Der Doktor R ... meldete dem Rat, daß Angela an den Folgen einer Erkältung im Theater heftig erkrankt und gerade in der Nacht, als am andern Tage Antonie getraut werden solle, gestorben sei. Ihm, dem Doktor, habe Angela entdeckt, daß sie Krespels Frau und Antonie seine Tochter sei; er möge daher eilen, sich der Verlassenen anzunehmen. So sehr auch der Rat von Angelas Hinscheiden erschüttert wurde, war es ihm doch bald, als sei ein störendes, unheimliches Prinzip aus feinem Leben gewichen, und er könne nun erst recht frei atmen. Noch denselben Tag reiste er ab nach F. Ihr könnt nicht glauben, wie herzzerreißend mir der Ra den Moment schilderte, als er Antonien sah. Selbst in der Bi­zarrerie seines Ausdrucks lag eine wunderbare Macht der Darstellung, die auch nur anzudeuten ich gar nicht imstande bin. Alle Liebenswürdig­keit, alle Anmut Angelas wurde Antonien zuteil, der aber die häßliche Kehrseite ganz fehlte. Es gab kein zweideutig Pferdefüßchen, das hin und wieder hervorgucken konnte. Der junge Bräutigam fand sich ein; Antonie, mit zartem Sinn den wunderlichen 58ater im tiefsten Innern richtig auf» fassend, fang eine jener Motetten des alten Padre Martini, von denen sie wußte, daß Angela sie dem Rat in der höchsten Blüte ihrer Liebeszeit unaufhörlich vorsingen müssen. Der Rat vergoß Ströme von Tränen, nie hatte er selbst Angela so fingen hören. Der Klang von Antoniens Stimme war ganz eigentümlich und seltsam, oft dem Hauch der Aeolsharfe, oft dem Schmettern der Nachtigall gleichend. Die Töne schienen nicht Raum haben zu können in der menschlichen Brust. Antonie, vor Freude und Liebe glühend, fang und fang alle ihre schönsten Lieder, und B... spielte dazwischen, wie es nur die wonnetrunkene Begeisterung vermag. Krespel schwamm erst in Entzücken, dann wurde et nachdenklich still in sich gekehrt. Endlich sprang er auf, drückte Antonien an seine Brust und bat sehr leise und dumpf:Nicht mehr fingen, wenn du mich liebst es drückt mir das Herz ab die Angst die Angst. Nicht mehr fingen."

Nein", sprach der Rat andern Tages zum Doktor R.,als während des Gesanges ihre Röte sich zusammenzog in zwei dunkelrote Flecke auf den blassen Wangen, da war es nicht mehr dumme Familienähnlichkeit, da war es das, was ich gefürchtet." Der Doktor, dessen Miene vom Anfang des Gesprächs von tiefer Bekümmernis zeugte, erwiderte:Mag cs fein, daß es von zu früher Anstrengung im Singen herrührt, ober hat die Natur es verschuldet, genug, Antonie leidet an einem organischen Fehler in der Brust, der eben ihrer Stimme die wundervolle Kraft und den seltsamen, ich möchte sagen, über die Sphäre des menschlichen Ge­sanges hinaustönenden Klang gibt. Aber auch ihr früher Tod ist die Folge davon, denn singt sie fort, fo gebe ich ihr noch höchstens sechs Monate Zeit." Den Rat zerschnitt es im Innern wie mit hundert Schwer­tern. Es war ihm, als hinge zum erftenmate ein schöner Baum die wunderherrlichen Blüten in fein Leben hinein, und der solle recht an der Wurzel zersägt werden, damit er nie mehr zu grünen und zu blühen

vermöge. Sekti Entschluß war gefaßt. Er sägte Antonien alles, er stellte ihr die Wahl, ob sie dem Bräutigam folgen und feiner und der Wett Verlockung nachgeben, so aber früh untergehen, oder ob sie dem Vater noch in feinen alten Tagen nie gefühlte Ruhe und Freude bereiten, (a aber noch jahrelang leben wolle. Antonie fiel dem Vater schluchzend in die Arme; er wollte, das Zerreißende der kommenden Momente wohl fühlend, nichts Deutlicheres vernehmen. Er sprach mit dem Bräutigam, aber unerachtet dieser versicherte, daß nie ein Ton über Antoniens Lippen gehen solle, so wußte der Rat doch wohl, daß selbst 58... nicht der Ver­suchung würde widerstehen können, Antonien fingen zu hören, wenigstens von ihm selbst komponierte Arien. Auch die Welt, das musikalische Publi­kum, macht' es auch unterrichtet fein von Antoniens Leiden, gab gewiß die Ansprüche nicht auf, denn dies Volk ist ja, kommt es auf Genuß an, egoistisch und grausam. Der Rat verschwand mit Antonien aus F. uni kam nach H. Verzweiflungsvoll vernahm 58... die Abreise. Er verfolgte die Spur, holte den Rat ein und kam zugleich mit ihm nach H.Nur einmal ihn sehen und dann sterben", flehte Antonie.Sterben? ster­ben?" rief der Rat in wildem Zorn, eiskalter Schauer durchbebte fein. Inneres. Die Tochter, das einzige Wesen auf der weiten Welt, das nie gekannte Luft in ihm entzündet, das allein ihn mit dem Leben versöhnte, riß sich gewaltsam los von seinem Herzen, und er wollte, daß das Ent­setzliche geschehe. 58... mußte an den Flügel, Antonie fang, Krespel fpielte luftig die Geige, bis sich jene roten Flecke auf Antoniens Wan­gen zeigten. Da befahl er einzuhalten; als nun aber 58... Abschied nahm von Antonien, sank sie plötzlich mit einem lauten Schrei zusammen.Ich glaubte (fo erzählte mir Krespel), ich glaubte, sie wäre, wie ich es vor- ausgesehen, nun wirklich tot, und blieb, da ich einmal mich selbst auf die höchste Spitze gestellt hakte, sehr gelassen und mit mir einig. Ich faßte den B..., der in feiner Erstarrung schafsmäßig und albern anzusehen war, bei den Schultern und sprach (der Rat fiel in feinen singenden Ton): ,Da Sie, verehrungswürdigster Klaviermeister, wie Sie gewollt und ge­wünscht, Ihre liebe Braut wirklich ermordet haben, so können Sie nun ruhig abgehen, es wäre denn. Sie wollten fo lange gütigst verziehen, bis ich Ihnen den blanken Hirschfänger durch das Herz renne, damit fo meine Tochter, die, wie Sie sehen, ziemlich verblaßt, einige Couleur be­komme durch Ihr sehr wertes Blut. Rennen Sie nur geschwind, aber ich könnte Ihnen auch ein flinkes Mesferchen nachwerfen!' Ich muß wohl bei diesen Worten etwas graulich ausgesshen haben; denn mit einem Schrei des tiefsten Entsetzens sprang er, sich von mir losreißend, fort durch die Türe, die Treppe herab." Wie der Rat nun, nachdem 58... fortgerannt war, Antonien, die bewußtlos auf der Erde lag, aufrichten wollte, öffnete sie tieffeufzend die Augen, die sich aber bald wieder zum Tode zu schließen schienen. Da brach Krespel aus in lautes, trostloses Jammern. Der von der Haushälterin herbeigerufene Arzt erklärte An­toniens Zustand für einen heftigen, aber nicht im mindesten gefährlichen Zufall, und in der Tat erholte sich diese auch schneller, als der Rat es nur zu hoffen gewagt hatte. Sie schmiegte sich nun mit der innigsten kindlichsten Liebe an Krespel; sie ging ein in seine Lieblingsneigungen in feine tollen Launen und Einfälle. Sie hals ihm alte ©eigen ausein­anderlegen und neue zusammenleimen.Ich will nicht mehr fingen, aber für dich leben", sprach sie oft lächelnd zum Vater, wenn jemand sie zum Gesänge aufgefordert und sie es abgeschlagen hatte. Solche Momente suchte der Rat indessen ihr soviel wie möglich zu ersparen, und daher kam es, daß er ungern mit ihr in Gesellschaft ging und alle Musik sorg­fältig vermied. Er wußte es ja wohl, wie schmerzlich es Antonien sein mußte, der Kunst, die sie in solch hoher Vollkommenheit geübt, ganz zu entsagen. Als der Rat jene wunderbare Geige, die er mit Antonien be­grub, gekauft hatte und zerlegen wollte, blickte ihn Antonie sehr wehmütig an und sprach leise bittend:Auch diese?" Der Rat wußte selbst nicht, welche unbekannte Macht ihn nötigte, die Geige unzerschnitten zu lassen und darauf zu spielen. Kaum hatte er die ersten Tone angestrichen, als Antonie laut und freudig rief:Ach, das bin ich ja ich finge ja wieder." Wirklich hatten die silberhellen Glockentöne des Instruments etwas ganz eigenes Wundervolles, sie schienen in der menschlichen Brust erzeugt. Krespel wurde bis in das Innerste gerührt, er spielte wohl herrlicher als jemals, und wenn er in kühnen Gängen mit voller Kraft, mit tiefem Ausdruck aus- und nieberftieg, dann schlug Antonie die Hände zusammen und rief entzückt:Ach, das habe ich gut gemacht! das habe ich gut gemacht!" Seit dieser Zeit tarn eine große Ruhe und Heiterkeit in ihr Leben. Oft sprach sie zum Rat:Ich möchte wohl etwas fingen, Vater!" Dann nahm Krespel die Geige von der Wand und spielte An­toniens schönste Lieder, sie war recht aus dem Herzen froh. Kurz vor meiner Ankunft war es in einer Nacht dem Rat fo, als höre er im Nebenzimmer auf feinem Pianoforte spielen, und bald unterschieb er deutlich, baß 58... nach gewöhnlicher Art prälubiere. Er wollte auf- stehen, aber wie eine schwere Last lag es auf ihm, wie mit eisernen Banden gefesselt vermochte er sich nicht zu regen und zu rühren. Nun fiel Antonie ein in leisen hingehauchten Tönen, die immer steigend und steigend zum schmetternden Fortissimo wurden, dann gestalteten sich die wunderbaren Laute zu dem tiefergreifenden Liede, welches 58... einst ganz im frommen Stil der alten Meister für Antonie komponiert batte. Krespel sagte, unbegreiflich sei der Zustand gewesen, in dem er sich be­funden, denn eine entsetzliche Angst habe sich gepaart mit nie gefühlter Wonne. Plötzlich umgab ihn eine blendende Klarheit, und in derselben erblickte er B ... und Antonien, die sich umschlungen hielten und sich voll seligem Entzücken anschauten. Die Töne des Liedes und des begleitenden Pianofortes dauerten fort, ohne daß Antonie sichtbar sang oder B... das Fortepiano berührte. Der Rat fiel nun in eine Art dumpfer Ohnmacht, in der das Bild mit den Tönen versank. Als er erwachte, war ihm noch jene fürchterliche Angst aus dem Traume geblieben. Er sprang ist An­toniens Zimmer. Sie lag mit geschlossenen Augen, mit holdselig lächeln­dem Blick, die Hände fromm gefaltet, auf dem Sofa, als schliefe sie und träume von Himmelswonne und Freudigkeit. Sie war aber tot.

Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Univerfitäts-Duch« und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.