r Mit Ian Oester aber verhielt es sich so: seit drei Jahren ging er ein- Her und grübelte über eine Weise, von der er fühlte, daß sie in ihm lebe, We er aber nicht über die Saiten brachte, weil er daheim immer von grauen Sorgen gebunden war und ihm nie etwas widerfuhr, das ihn über die tägliche Plage hinausheben konnte. Als er jetzt Lars Larfons Saiten springen hörte, warf er den Kopf zurück und sog die Lust m tiefen Zügen ein. Seine Gesichtszüge waren gespannt, als lausche er Tönen, die aus weiter, weiter Ferne zu ihm klängen. Dann begann er zu spielen. Die Weife, über die er drei Jahre gegrübelt hotte, stand auf einmal klar vor ihm; und während sie ertönte, ging er mit stolzen Schritten zur Kirche hinab. Nie vorher hatte die Hochzeitsschar solche Weise vernommen. Sie zog sie so unwiderstehlich mit sich fort, datz niemand stehenbleiben tOnUni> alle waren so froh über Jan Oester und Lars Larson, datz der ganze Hochzeitszug mit feuchten Augen in die Kirche kam.
Gesang des Meeres.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
Wolken, meine Kinder, wandern gehen wollt ihr? Fahret wohl! Aus Wiedersehen! Eure wandellustigen Gestalten kann ich nicht in Mutterbanden halten.
Ihr langweilet euch auf meinen Wogen, doch die Erde hat euch angezogen;
Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer; ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer!
Segelt, kühne Schiffer in den Lüften! Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften! Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten! Traget glühenden Kampfes Purpurtrachten!
Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen! Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen! Braust in Strömen durch die Lande nieder — Kommet, meine Kinder, kommet wieder!
III Mann erobern Peru.
Pizarros Zug nach Lajamalca vor 400 Jahren.
Von Herbert A. Jansen.
Kaum einer der Vielen, die die Nachrichten über die Revolution in Quito lasen (die Unruhen sollen dort 500 Todesopfer gefordert haben) weiß, daß vor genau vierhundert Jahren dieses Land der Ausgangspunkt. eines viel größeren Umsturzes war; daß jenes selbe Quito die Geburts- ftadt des letzten Inkas Atahualpa ist, der in der Geschichte vom Untergang Perus eine so verhängnisvolle Rolle spielt.
Und doch ist es diese Geschichte von der Zähigkeit und vom Glück eines Mannes wohl wert, noch einmal erzählt zu werden ...
In Trujillo, einer kleinen spanischen Stadt -in einem Tal der Sierra Guadelupe, bringt im Jahre 1471 eine Dienstmagd ein uneheliches Kind zur Welt. Als Vater gibt sie einen Obristen des spanischen Fußvolkes an nennt das Kind Fernando Pizarro. Die Mutter kümmert sich kaum um den Jungen, und so ist der kleine Fernando froh, als er nach Jahren des Hungerns und Bettelns die Schweine hüten darf. Die Abenteuerlust packt ihn, und da er nichts zu verlieren hat, wandert er nach Sevilla, dem damaligen Ueberfeehafen Spaniens. Er versteckt sich als blinder Passagier an Bord einer Karavelle, die mit einer Ladung von Soldaten und Abenteurern nach Panama segelt.
In Panama tritt er ins Heer ein, wird Landsknecht, macht Streiszüge und Gefechte mit und trägt manche Narbe davon. Aber er lernt mit offenen Augen, erkennt die Gefahren und Möglichkeiten eines Feldzuges in diesem Lande, weiß um die Gesinnung der Indios und um die Wesensart der spanischen Soldaten: selten hat ein Feldherr so gründlich, so von der Pike auf gedient, wie Fernando Pizarro.
So wird er 50 Jahre alt, hat den Dienstgrad eines Feldwebels erreicht, besitzt ein Stück sumpfiges Land nahe der Stadt Panama und bekommt sowiel Pslichtabgaben, daß er eben davon leben kann.
Da bringt ein Mann aus dem Süden die Nachricht von den sagenhaften Reichtümern eines paradiesischen Landes, das noch viele Hunderte von Kilometern südlicher liegt, als je ein Spanier kam. Pizarro ahnt ungeheure Möglichkeiten, er will sein Glück einmal aus eigene Faust versuchen. Seine geringen Mittel reichen nicht, und so verbunhet er sich mit zwei wohlhabenden Männern, dem Soldaten Diego de Almagro und dem Geistlichen Hermanda de Luque. Boll Unternehmungslust wird ein kleines Schiff gekauft und ausgerüstet; aber trotz aller Bemühungen melden sich nur hundert Leute zu dieser verwegenen Fahrt. Mitte November 1524 beginnt die Fahrt nach Süden.
Der Erfolg dieser ersten Expedition ist trostlos^ Nach Monaten vergeblichen Suchens und Kämpfens muß er zurück — das Schiff ist leck, die Soldaten, verwundet und mutlos, weigern sich, weiterzusahren.
Da bringt Almagro, der mit einem zweiten Schiff bei besserem Wind weit nach Süden vorgestoßen war, neue Nachricht vom Reichtum des Landes. Mit unglaublicher Energie stellt Pizarro mühselig eine zweite Expedition zusammen und segelt mit dem Lotsen Bartolomeo Ruis südwärts bis zur Insel Gallo (2 Grad nördliche Breite); dort zwingt die Jahreszeit und widriges Wetter zu vorläufigem Halt.
Doch dem Statthalter in Panama dauert die Sache zu lang. Er kann nicht ruhig zusehen, wie Pizarro Hunderte von Soldaten seinen ehrgeizigen Plänen opfert. Kurzerhand schickt er Tasur zu Schiff nach Gallo mit dem Befehl, alle noch lebenden Spanier zurückzubringen, selbst gegen den Willen Pizarros.
Als Tafur an der Insel landet, wollen auch wirklich alle nach Panama zurück. Da zieht Pizarro mit bloßem Schwert eine Linie in den
Sand, von Osten nach Westen: „Hinter uns liegt Panama, ruft er, t>or uns der Süden mit seinen unermetzlichen Schätzen — wer ein Man, und Ritter ist, der folge mir!" — Und es finden sich zwölf, die die ßinie überschreiten. Sie warten sieben endlose Monate auf Gorgone, de: „Hölleninsel", auf Verstärkung und Nachschub, die Pizarro brieflich vor Almagro und Luque aus Panama angefordert hat. Endlich taucht das Schiff auf; aber es bringt nur Lebensmittel und Waffen. Gleichviel;' Pizarro kennt nur ein Ziel: nach Süden!
Pizarro erlebt nun feinen phantastischen Traum: bei günstigem Win) kommt er schnell voran. Die Urwälder und Sümpfe verschwinden, bebaute Ebenen dehnen sich weit am Ufer; überall wird Pizarro gastfreundlich empfangen; die Indios verehren den Mann mit dem hellen Gesicht un) der blinkenden Rüstung als „Kind der Sonne" und bringen ihm kostbar: Geschenke. Pizarro beklagt sein Schicksal, daß er gerade jetzt keine Sol- baten hat, keine Machtmittel, um diesen Reichtum, der über alles Er warten groß ist, auszunützen. Er begreift nicht, daß das fein Glück ist; denn noch steht das Inka-Reich, noch herrscht eiserne Disziplin in dem gut geschulten Heer der Indios, und Pizarro hätte mit allen Spaniern Panamas feine Streitmacht ausstellen können, die stark genug gewesen wäre, hier mit Gewalt einzudringen. Und als Pizarro nun in Santa, 9 Grad südlich des Aequators, 2400 Kilometer entfernt von Panama, umkehrt, ahnt er kaum, daß der Statthalter von Panama ihm jede Hilst versagen wird. ;
So bleibt dem nun Achtundfünfzigjährigen nichts weiter übrig, als sich nach Spanien einzuschissen und von der Regierung unmittelbar Hilst für feinen geplanten Kriegszug zu erbitten. Sein Bericht von dem neu entdeckten Land Peru, die mitgebrachten Schmuckstücke und Tiere, machen am spanischen Hof einen tiefen Eindruck. Am 26. Juli 1529 wird ein Vertrag ausgesetzt, nach dem Pizarro das Recht der Durchforschung uni Eroberung der Landschaft Peru erhält, Rang und Titel eines Statthal- ters von Peru zugesichert bekommt unter der Voraussetzung, daß. er den Feldzug auf eigene Kosten und Gefahr unternimmt und durchführt. Im Januar 1530 segelte Pizarro mit drei Schissen von Sevilla nach Panama ab, von Panama im Januar 15.31 mit 190 Mann und 27 Pferden nach Süden.
Die Zeit hatte inzwischen für ihn gearbeitet. Jrn Jahre 1525 start Huayna Capae, der zwölfte und mächtigste Jnkakönig. Unter ihm wurde der blühende Staat Quito dem Jnkareich einverleibt. Capae bestimmte bei feinem Tode, daß das Reich geteilt werden solle; fein Stiefsohn Atahualp« sollte Quito erhalten, sein Sohn Huasear Peru. Nach fünf Jahren giib kicher Regierung und Frieden zwischen den beiden Brüdern griff Ata hualpa seinen Stiefbruder an, besiegte dessen Heer, und nahm Huascar selbst gefangen. Sa war das Jnkareich durch inneren Zwist zerrissen.
Nun hatte Pizarro leichtes Spiel, als er in San Matteo ans ßani ging und langsam durch das ßanb bis Tangarala nach Süden »orbrang. Der Titel „Statthalter von Peru" genügte ihm nicht; er wollte der wirf liche Herrscher des Landes fein. Dazu mußte er Atahualpa friedlich ober mit Gewalt besiegen. Und als er hört, daß dieser sich mit einem Heer von 50 000 Mann in Cajamalea befindet, faßt er den tollkühnen Entschluß, bis zu ihm vorzudringen. So rückt er — vor vierhundert Jahren — im September 1532 mit 177 Mann, darunter 67 Reitern, in die Wildnis der Cordilleren ab.
900 Kilometer lagen zwischen ihm und Cajamalea, dreitausend Meter hohe Pässe mußte er Überschreiten, und wenn er glücklich ankam, stand er einem kampfbereiten Heer von 50 000 Mann gegenüber. War es der Mu: der Kreuzfahrer, der diese Leute beseelte? War es grenzenlose Habsucht nach den Schätzen des Landes, ober unstillbare Machtgier? Pizarro setzN alles auf eine Karte: nach Cajamalea! Unerträglich war die Kälte der Gebirges für die an die drückende Hitze von Panama gewöhnten Spanier. Die Reiter mußten die scheuenden Pferde vorsichtig am Zügel hinter sich herzerren, an Ab gründen vorbei, unter überhängenden Felsblöcken hindurch. Pizarros Energie hält sie alle aufrecht, treibt sie alle: nach Caja- malca! Die Pferde verlieren die Hufeisen, die kantigen Felsen zerschneiden ihnen die Huse; Pizarro läßt Silberplatten aus den Stempel™ brechen und die Pferde mit silbernen Hofeisen beschlagen. Er muß vorwärts!
Und eines Tages liegt Cajamalea in strahlender Morgensonne von ihnen im Tal. Wie Schnee ziehen sich Tausende von weißen Zelten brübem am Hang hinaus: das Indo-Heer. Pizarro läßt absitzen, läßt die RUstun gen blank putzen, die Fahnen aufrollen. So bricht er, strahlend wie ein Sonnengott, mit blinkenden Rüstungen und wehenden Fahnen, leuchtend aus den dunklen Schluchten der Anden hervor, mit klingendem Tro» peten, langsam und stolz in Schlachtordnung.
Die Stadt ist verlassen. Pizarro bezieht Quartier, sendet Boten zu Atahualpa, bittet ihn für den nächsten Tag, den 16. November 1532, zu einer Unterredung. Inzwischen baut er den Marktplatz von Cajamalea: zu einer teuflischen Falle aus, legt feine Leute genau verteilt in den Hinterhalt: er muß Atahualpa lebendig gefangen nehmen, dann wird der gewaltige Jnkaheer nicht wagen, ihn anzugreifen. Und Atahualpa komnn am nächsten Tag mit 6000 feiner Leute in unerhörtem Prunk, aber gänzlich unbewaffnet. Ein Dominikanermönch tritt ihm entgegen, Kruzifix u» Bibel in der Hand, und bittet ihn, sich dem Kreuz und Kaiser Karl zu unterwerfen. Atahualpa fragt: „Wo ist euer Gott?" Der Mönch reich- ihm die Heilige Schrift; Atahualpa blättert darin, wirft sie in plötzlE aufflammendem Zorn zu Boden und ruft: „Wir werden euch vertreiben. Der Mönch dreht sich um: „Rächt Christus, euern Herrn!" Die Spanien brechen in der Dämmerung mit lautem Geschrei aus dem Hinterhalt, d« Reiterei schlägt erbarmungslos auf die Wehrlosen ein. Atahualpa will» gefangen genommen — Perus Schicksal ist entschieden.
Auf Pizarros Rat läßt Atahualpa ungeheure Mengen von Gold bet1 beischasfen, um sich loszukaufen. Er hat versprochen, ein großes Zimmer so hoch er reichen kann, mit Gold zu füllen, wenn die Spanier ihn freu lassen. Als das Lösegeld saft bezahlt ist, muß Pizarro weiterziehen; e kann den wertvollen Gefangenen nicht genügend bewachen lassen, riag.- ihn deshalb kurzerhand an, er habe gegen sein Versprechen versucht, aber mals ein Heer zusammenzubringen, und verurteilt den unglücklM


