GietzenerKmilienblötter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
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Jahrgang <932 5reitag, den 9. September Nummer 70
September.
Von Hans Thyriot.
Das sind die Hellen Tage, schnell zerronnen, die wie Standarten bunt vorüberfliegen;
am Abend sieht man wie aus Glas gesponnen im letzten kühlen Licht die Landschaft liegen.
Noch einmal, ehe die Schneegans zieht, noch einmal, ehe der Regen fällt, noch einmal, ehe die Eisblume blüht, vergoldet der Sommer zum Abschied die Welt.
Oer Hochzeitsmarsch.
Von Selma Lagerlöf.
Nun will ich ein« schön« Geschichte erzählen. .
Vor vielen Jahren sollt« im Kirchspiel Svartsid in Varmland ein« sehr große Hochzelt gefeiert werden. Zuerst die kirchliche Trauung, nachher drei Tage lang eine große Schmauserei. Und an ,edem der drei Tage sollte vom frühen Abend bis tief in die Nacht hinein getanzt werden.
Da es soviel Tanz geben sollte, war es natürlich sehr wichtig, einen guten Spielmann herbeizuschaffen. Das machte dem Großbauer Nils Olofson der die Hochzeit ausrichtete, fast mehr Kopfzerbrechen als irgend etwas andres. Den Spielmann, den sie in Svartsw hatten, wollte er nämlich nicht laden. Der hieß Ian Oester, und der Großbauer wußte wohl, daß Ian in großem Ruf stand; doch der Musikant war o arm, daß er manchmal in zerrissenem Wams und barfuß zum Hochzeitsfest kam. Und einen solchen zerlumpten Kerl wollte der Großbauer nicht an der Spitze beSEnd?ich^mtMoß er sich, einen Boten zu einem Burschen im Jösse- sprengel zu schicken, der allgemein Spiel-Martin genannt wurde und ihn zu fragen, ob er kommen und bei der Hochzeit aufspielen wolle.
Spiel-Martin bedachte sich keinen Augenblick, sondern antwortete sogleich, daß er nicht nach Svartsjö fahren und dort spielen wolle, weil in diesem Kirchspiel ein Spielmann wohne der tüchtiger sei als all« andern in ganz Värmland. So lange sie den hatten, brauchten sie keinen andern $U Ms Niels Olofson diesen Bescheid erhalten hatte, ließ er sich ein paar Tage Bedenkzeit. Dann schickte er einen Boten zu einem Spielmann, der im Storakilkirchspiel wohnte und Olle aus Sabh hieß, und fragte, ob er kommen und zur Hochzeit seiner Tochter aufspielen 21blr. 9“n aus Säby antwortete dasselbe wie Spiel-Martin Er bat, Nilsi Olofson Zu sagen, so lange es in Svartsjö einen so vortrefflichen Spielmann gebe wie JanOester, werde er dort nicht spielen.
Nils Olofson paßte es nun gar nicht, daß >hm dre Spielleute den oufzwingen wollten, den er nicht haben mochte. Er fand, gerade ,etzt sei es eine Ehrensache für ihn, einen andern Spielmann zu bekommen als 3aiffitapaar Tage, nachdem er die Antwort von Olle aus Säby erhalten hatte, sandte er seinen Knecht zu dem Spielmann Lars Larson, der aus der Peterswiese im Kirchspiel Ullerud wohnte.
Das war ein wohlbestallter Mann, der einen schonen Hof sein Eigen nannte. Er war klug und bedächtig, kein Brausekopf wie die andern Spielleute. Aber ihm kam, wie den andern, gleich Jan bester 'N den Sinn, und er fragte, warum denn der nicht auf der Hochzeit spielen solle Nils Olafsons Knecht hielt es für das klügste, zu erwidern, daß Jan Oester in Svartsjö daheim sei, daß man ihn also alle Tage Horen könne. Wenn Nils Olofson eine so große Hochzeit ausnchte, wolle er den Leuten etwas Besseres und Selteneres bieten. „ r „
„Ich bezweifle, daß er etwas Besseres bekommen kann , sagt« Lars
„Ach, Ihr wollt wohl dasselbe antworten wie Spiel-Martin und Oll« aus Säby", sagte der Knecht und erzählte, wie es ihm da ergangen war.
Lars Larson hörte die Erzählung des Knechtes ausmerksam an; dann 1°ß er lange schweigend und grübelte. Endlich gab er doch seine Einwilligung. „Bestelle deinem Herrn, daß ich für die Einladung danke und komnien werde", sagte er zu dem Knecht. ...
Am nächsten Sonntag suhr Lars Larson nach der Soartsioer Kirche. Er fuhr gerade über den Kirchenhügel, als die Hochzeitsschar sich aus- gustellen begann, um nach der Kirche zu ziehen. Er kam in seinem eigenen Wagen mit einem guten Pferde gefahren, war in einen schwarzen Duch- »nzug gekleidet und nahm die Violine aus einem polierten Futteral. Nils Olofson begrüßte ihn freundlich und dachte bei sich, das sei doch ein Spielmann, mit dem er Ehre einlegen werde.
Gleich nach Lars Larson kam auch Jan Oester, mit der Geige unterm Arm, zur Kirche herauf. Er ging geraden Weges aus die Schar zu, die die Braut umstand, ganz, als sei er geladen, bei der Hochzeit aufzuspielen.
Jan Oester kam in der alten grauen Friesjack«, die man schon seit vielen Jahren an ihm kannte; weil es aber «ine so große Hochzeit war, hatte sein Weib versucht, die Löcher an den Ellbogen auszubessern, und große grüne Flicken darauf gesetzt. Jan Oester war ein großer, schöner Kerl und hätte sich stattlich an der Spitze des Hochzeitszuges ausgenommen, wenn er nicht so schlecht gekleidet und sein Gesicht nicht von Sorgen und hartem Kampf mit dem Unglück so gefurcht gewesen wäre.
Als Lars Larson Jan Oester kommen sah, schien er ein wenig mißmutig. „Ja so, Ihr habt Jan Oester auch herbestellt", sagte er halblaut zu Nils Olofson. „Na, «s kann ja nicht schaden, wenn wir zwei Spielleute sind. Bei einer so großen Hochzeit!"
„Ich hab« ihn nicht hergerufen!" beteuert« Nils Olofson. „Ich begreife nicht, warum er gekommen ist. Warte nur: ich will ihn gleich wissen lassen, daß er hier nichts zu suchen hat."
„Dann hat ihn irgendein Störensried herbestellt", sagt« Lars Larson. „Aber wenn Ihr meinem Rat folgen wollt, dann tut nichts dergleichen, sondern geht hin und heißt ihn willkommen. Ich habe gehört, er sei ein jähzorniger Bursche, und niemand kann wissen, ob er nicht Zank und Händel anstiften würde, wenn Ihr ihm sagtet, daß er nicht geladen ist."
Das sah auch der Großbauer ein. Jetzt, da der Hochzeitszug sich gerade auf dem Kirchenhügel ordnete, durfte es keinen Zank geben. Nils ging deshalb auf Jan Oester zu und hieß ihn willkommen. Darauf stellten sich die beiden Spielleute an die Spitze des Zuges. Das Brautpaar ging unter dem Baldachin, die Ehrenjungfrauen und Führer der Braut folgten, Paar hinter Paar, dann kamen die Eltern und die Verwandten. Ein langer, ansehnlicher Zug. Als alles bereit war, ging ein Brautführer zu den Musikanten und bat sie, den Hochzeitsmarsch anzustimmen. Beide Spielleute setzten die Geigen ans Kinn, aber weiter kamen sie nicht: so blieben sie stehen. E? war nämlich ein alter Brauch in Svartsjö, daß der vornehmste bc- S '?ute den Hochzeitsmarsch anstimmte.
Der Brautsüh^r sah Lars Larson an, als erwarte er, daß der Anfänge. Doch Lars Larson sah Jan Oestrr an und sagte: „Jan Oester muß anfangen." Jan Oester konnte aber nicht begreifen, daß der andre, der so sein gekleidet war wie nur irgendein vornehmer Herr, nicht mehr sein solle als er, der in seinem zerrissenen Frieskittel aus der elenden Hütte kam, aus Armut und Not.
„Nein! Um Gottes willen!" sagte er nur. „Nein! Um Gotteswillen!"
Er sah, wie der Bräutigam den Arm ausstreckte, Lars Larson an« stieß und rief: „Lars Larson soll anfangen!"
Als Jan Oester den Bräutigam das sagen hörte, nahm er sogleich die Geige vom Kinn und trat einen Schritt zurück. Lars Larson rührte sich aber nicht vom Flqck, sondern blieb ruhig und gelassen auf seinem Platz stehen. Aber auch er hob den Bogen nicht.
„Jan Oester soll anfangen", wiederholte er. Er sagte die Worte eigensinnig und beharrlich wie einer, der gewohnt ist, seinen Willen durchzusetzen.
Im Hochzeitszug entstand Unruhe über die Verzögerung. Der Brautvater kam heran und bat Lars Larson, anzufangen. Der Küster wär« schon in die Kirchentür getreten und winke ihnen, sich zu sputen. Der Geistliche stünde schon am Altar und wart«.
„Dann mußt du Jan Oester bitten, daß er zu spielen anfängt", sagte Lars Larson. „Wir Spielleute halten ihn nun einmal für den Tüchtigsten unter uns."
„Das mag wohl fein“, sagte der Bauer, „aber wir Bauern halten wieder dich, Lars Larson, für den Wackersten."
Auch die andern Bauern versammelten sich um sie. „Fangt nun an!“ sagten sie; „der Pfarrer wartet schon. Di« Gemeinde lacht uns ja aus."
Lars Larson stand ebenso hartnäckig und unerschütterlich da wi« zuvor. „Ich verstehe nicht, warum die Leute dieses Kirchspiels durchaus nicht wollen, daß ihr eigener Spielmann über alle andern gestellt wird“, sagte er.
Nils Olofson raste vor Wut darüber, daß alle sich verschworen hatten, ihm Jan Oester aufzuzwingen. Er trat dicht an Lars Larson heran und flüsterte: ,Hetzt merke ich, daß du es bist, der Jan Oester hergerufen hat, und daß du das Ganze angezettelt hast, um ihn zu ehren. Aber nun sput« dich und fange zu spielen an, sonst jage ich den Lumpenkerl mit Schimpf und Schande vom Kirchenhügel fort."
Lars Larson sah ihm gerade ins Gesicht und nickt« ihm zu, ohne den geringsten Groll zu zeigen. „Ja, ihr habt recht“, antwortete «r. „Das muß ein End« nehmen." Er winkte Jan Oester, an feinen früheren Platz zurückzukehren. Hierauf ging er selbst ein paar Schritt« vor und drehte sich um, so daß alle ihn sehen konnten. Dann schleuderte er den Bogen weit von sich, zog sein Messer aus der Tasche und schnitt alle vier Geigensaiten durch; sie sprangen mit scharfem Klang.
„Man soll nicht von mir fügen, daß ich mich mehr dünke als Jan Oester", rief er.


