Ausgabe 
9.5.1932
 
Einzelbild herunterladen

eifern schlagen würde, war vorauszusehen. Gäste, die für die Kandidatur Specht gewonnen weroen sollten, bediente er mit besonderer Aufmerk­samkeit, säumigen Zahlern gewährte er Kredit, ja er verabreichte ver­schiedentlich Bier und Branntwein umsonst. Erkundigte sich ein Neu­gieriger, wem man das Glück zu verdanken habe, erwiderte er:Trink" nur, 's is einer, der's kann!"

In einer von Rachgier erfüllten Umgebung war der Spechtskarl zum . Mann gereift. Was der Bater ihm auf die Seele gebunden, lebte unver- i geilen in ihm fort. Zuweilen packte ihn die Erinnerung, daß ihm die Arme bei der Arbeit schlaff heruntersanken. Und sein« Gedanken flogen ( auf wie schwarze Vögel und wanderten in das ferne Paris. Auf dem ; Siechbett im engen Stübchen lag der Bater und faßte deich schmerzenden Kopf mit beiden Händen. Verhalten drang der Lärm der Straße herauf. Die Mutter weinte vor sich hin. Endlich schlummerte der Kranke ein. Ms er erwachte, schien er ein wenig gekräftigt. Er sprach vom Großvater Specht. Der war, bevor seine Kinder die Heimat verließen, beim Bürger­meister gewesen und hatte ihm vorgestellt, er sei zu alt, mit nach Paris zu gehen, er wisse nicht, wo er künftig sein Haupt niederlegen solle. Wallenfels hatte ihn ins Armenhaus gewiesen. Dort war er denn auch gestorben. Er ruhte wenigstens in heimischer Erde. Aber hart war's, in fremdem Land begraben zu werden. Und der Karl vermeinte des Vaters Stimme zu hören:

Du weißt, was der Bürgermeister deheim bei uns im Salz liegen hat. Ich hatt' im Sinn, ein Jahrer sechs, auch sieben hier zu schaffen. Wann's dann gelangt hält', gedacht' ich Heimzumachen un net eher zu ruhen, bis der Hund auf's Hauklotz kommt. Das is nu vorbei. Aber du seift da als mein Sohn un versprichst mir in die Hand hinein, daß du's dem Wut* heimzahlen tust."

Und der Karl gab seinem Bater die Hand:Verlaßt Euch draus, ich zahl's ihm heim."

Er sah des Sterbenden Blick aus sich gerichtet. Ein rasender Schmerz zerriß ihm die Brust. Sich an dem Würger zu rächen, der seiner Familie den letzten Blutstropfen ausgesaugt, der des Vaters frühen Tod ver­schuldet, betrachtete er als heilige Pflicht. Nach menschlichem und gött­lichem Recht. Wie geschrieben stand: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Es war etwa ein Jahr vor der Bürgermeisterwahl. Dem Dors war ein reicher Erntesegen beschert. Die Alten schritten mit sorgenfreier Stirn einher, die Jungen ließen ihrer Lustigkeit freien Lauf. Eben hatten die Burschen unter den Klängen einer Musikkapelle den Kirmesbaum gerichtet. Den Hut mit dem Kirmesstrauß geschmückt, ritt der Rohnspeter durch die Gossen und sang:

Morn is Kirmes, juchhe!

Kirmes is die ganze Woche,

Und wenn der liebe Sonntag kimnck. Dann haben mr nix zu koche Als lauter dürre Knoche."

Die Jugend gab dem Reiter das Geleite, und des Jubels war kein Ende.

In der frisch geweißten, geräumigen Wohnstube saßen an blank ge­scheuertem Tisch die Spechtsmarie und ihr Sohn beim Dreiuhrkasfee einander gegenüber.

Wie is es dann", hob die Bäuerin an,gehst du morn bei die Kirmes?"

Ich hab's vor", versetzte der Karl.

Die Marie nahm bedächtig einen Schluck Kaffee und sprach weiter: Mit wem tanzst du dann den ersten?"

Der Karl gedachte bloß als Zuschauer das Fest zu besuchen. Auf die Mädchen war er sein Lebtag nicht gelüstrig gewesen.

Ich tanzen?" lachte er.Ich glaub', 's is Euch net gut. Heber die Possen sein ich enaus."

Die Marie schob ihre Tasse beiseite und legte die Arme aus den Tisch.

Possen hin, Possen her. Mach dich an dem Bürgermeister seine Annegret."

Der Karl fuhr in die Höhe.

Is das Euer Ernst?"

Die Augen der Bäuerin blitzten.

Stein völliger Ernst. Ich will emal das Kind beim rechten Namen nenn. Mit der Korest'**, das soll nur Kumedie*** sein. Aber dernach is leicht möglich, daß der Melcher"*** und seine Leut irr werden und net merken, wie der Has läuft. Letzt sagt's die Bachschulzmarie, die Annegret guckt dir als nach. Ein' Bursch hat je net, und ein Prinz wird sie net holen, schwätz nur ein bisst fein, und öu kannst sie um den Finger wickeln. Und wann's dem Vater net paßt ich sein dir gut defür die Tochter bringt's ihm bei."

In leinem gerechten Haß gegen den Bürgermeister stand der Karl seiner Slutter nicht nach. Aber wie sie Masche an Masche fügte, wenn die Zeit gekommen war, das Netz über den Wut zu werfen, dagegen war ei der reine Stümper. Der Plan mit der Annegret war auch so eine Masche. Fraglos nicht gestern oder heut entstanden, sondern langher über­legt. Dem Todfeind einen Streich zu spielen, ihn über seine wahren Ab­sichten zu täuschen, gab's keinen Weg, den er nicht ging. Zwar hatte das Ntädchen ihm nichts getan. Und wenn sie so unschuldig war wie die Fliege an der Wand, sie mußte halt mit dem Schuldigen leiden. Wo's jetzt dem Wul zu Leibe ging, war die Losung: Gegen den Strom gefischt und Gist gegen Gift.

* Bösewicht.

Liebessache.

* Komödie.

*** Melchior.

Anderntags beim Tanz sprach er die Bürgermeisterstochter, die er sonst geflissentlich gemieden hatte, mit Öen Worten an:Seist du gefrägt^" Auf ihrNee" ließ er das üblicheHäng in" folgen. Bielmal tanzten sie miteinander und waren auch in den Pausen unzertrennlich. Die Anne­gret fand an dem stattlichen Mann Gefallen. Wenngleich von unverfälschter bäuerische Art, ragte sie doch über ihren Kreis empor und hatte von Menschen und Dingen ihre besonderen Gedanken. Nun tarn einer, der

draußen in der weiten Welt . gewesen war, der erzählen konnte und vielerlei weckte, was lange in ihr geschlummert hatte. Sie sprach es ganz

I unbefangen aus:'s is mir grab', als wären wir immer beisammen ! gewest und haben doch nie nix miteinander geschwätzt." Was sich da ! anspann, sah der Bürgermeister zuerst mit Argwohn, später mit Befrie­digung. Der Spechtskarl war ein tüchtiger Mann, dem man ein Kind

i gern anvertraute. Und wohl zu beachten: hielt aus dem feindlichen Lager der Besten einer um die Annegret an, bedeutete das eine Niederlage für die Pariser, die das Bild des Wahlkampfes völlig veränderte.

III.

Die Hofreite des Bürgermeisters bildete ein fast regelrechtes Viereck, das von dem Wohnhaus, der Scheune und den Stallungen umgrenzt wurde. Hinter der Scheune zog sich der Obst- und Gemüsegarten hin. Die Giebelwand des zweistöckigen Wohnhauses, eines alten Fachwerk­haus, war mit Bildern aus dem Tier- und Pflanzenleben geschmückt. Auf dem Hauptbalken über der Tür stand der Spruch:

Das schönste Wappen in der Welt Das ist der Pflug im Ackerfeld.

Von dem mit Steinplatten belegten Hausflur gelangte man, die Küche zur Rechten lassend, in die Amtsstube des Bürgermeisters, an die sich die Wohnstube und die Schlaskammern der Bürgermeisterin und ihrer Tochter schlossen. Im oberen Stockwerk fiel die schön eingerichtete gute Stube aus. Eine Stiege führte zum Bodenraum. Hier lag der Flachs in Gebinden geschichtet. Von den Dachsparren hingen Beutel mit getrockneten Zwetschen, Hotzeln und Schnitzen herab. Ueberall herrschte Ordnung und Sauberkeck.

Es war früh um sieben. Die Nacht über hatte ein heftiger «türm gewütet. Der flaute nun ab. Am Himmel hing zerrissenes Gewölk. Zögernd, als ob er Bedenken trage, der herbstlichen Landschaft sein Licht zu spenden, war der Tag heraufgekommen. Der Bürgermeister hatte eben erst fein Bett verlassen, während seine Leute bereits seit fünf Uhr bei der Arbeit waren. Aus seinem Gesicht lag ein Ausdruck von Aergerlichkeit. Die Nachwirkung des gestrigen Abends. Er war um Mitternacht aus demEinhorn" heimgekehrt. Dort hatte der Schmidtkonrad dem Born- fchorsch gegenüber geäußert, er beabsichtige, auf seinem Lehmacker eine Backsteinbrennerei anzufangen, doch brauche er noch vier oder fünf Mor­gen Land. Seine Grenznachbarn waren der Bornschorsch auf der einen, der Bürgermeister auf der anderen Seite. Der letztere schien gar nicht für ihn zu existieren. Das wurmte den Dorfgewaltigen. Wollte der Halunke ihm bloß die Zunge ziehen, oder wollte er ihm seine Mißachtung bezeugen? Jetzt vor der Wahl war's am besten, sich nichts merken zu lassen' Gelangte der Plan zur Ausführung, würde er, der Bürgermeister, die Kaufnokul machen und Gelegenheit finden, ein Wörtchen drein zu reden.

Die Annegret trat in die Stube und brachte ihrem Baler den Morgen­kaffee. Sie war von mittelgroßer, schlanker Gestalt, hatte üppig blondes Haar, blaue Augen und einen auffallend kleinen Mund. Von einem bösen Fall, den sie als Kind getan, war eine Narbe auf ihrer Stirn zurückgeblieben.

Sie hatte die Schweine gefüttert. Daran anknüpfend sagte sie: Die Schlacht sau' haben sich bedeutend gemacht. Die 'ein bald fett." Da der Bürgermeister schmieg, sprach sie weiter.

Der Hannvelte fragt, ob he die Gäul' zum Zockern nehmen soll." He soll die Küh' nehmen", befahl Wallenfels.Die Gaul' haben sich geil genunk strabeleziert. Die schaffen heut nix."

;'s is gut", sagte Annegret und ging.

Nach einer Weile ließ sich der Hannvelte drophen vernehmen, und zwar so laut, daß es sein Herr in der Stube hört?.

Ich seh' net, daß die Gäul' matt fein. Mit den Küh', das is ein langweilig Gemächt."

( Der Bürgermeister zog die Brauen zusammen und sprach vor sich hin: ;Satansknochen, ich reiß' dir den Kopp ab!"

t Der Hannvelte war in letzter Zeit lässig geworden und muckte auf. t Beim Fruchtschneiden hotte er so wenig vor die Sense genommen, daß t die Mäher sich darüber belustigten. Vergangene Woche hotte er den r Pfuhl in die Straßengosse lausen lassen. Zufälligerweise bemerkte es der > Gendarm, der sonst dergleichen Vergehen unnochsichtlich zur Anzeige brachte. Dos mußte ihm, dem Bürgermeister, passieren! Er war draus l und dran gewesen, den fauler. Knecht zu entlassen. Dann halte er sich

i eines andern besonnen. Der Hanuoelte war verheiratet und wohnte im

r Unterborf. Gab man ihm den Laufpaß, stellten ihn die Pariser in Dienst,

e Und wenn's nur darum geschah, daß sie sich seiner Stimme versicherten.

- Unter Umständen kam's bei der Bürgermeisterwahl auf eine Stimme an.

- Vor der Tür räusperte sich wer. Gleich darauf stolperte der Orts^ » diener herein. Im Dorf hatten sie ihm den SpitznamenRundbrenner"

e beigelegt. Mit Fug. Denn er zog von Hous zu Haus, erzählte Neuig-

i teilen und ließ die Schnäpschen, die man ihm darreichte, mit Würde die

d Kehle hinunterlaufen. Es war einmal vorgekommen, daß der Bürger­

meister in einer dringlichen Angelegenheit seines Untergebenen bedurfte. Der war nirgends zu finden. Do griff feine resolute Frau zur Ortsschelle und rief öffentlich aus:Wer den Ortsdiener bei sich hat, soll ihn gleich zum Bürgermeister schicken!" Mit eins erschien der Gesuchte aus der Bild­fläche und eilte der Behausung seines Vorgesetzten zu.

(Fortsetzung folgt.)

'Verantwortlich: l)r. Hans Thyrioi. Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Steind ru ckerei, R. Lange, Gießen.