Ausgabe 
9.5.1932
 
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bricht.

ist dir?'

Um Gottes willen, was Ich bin nur so froh." Nun, bann geh' doch hinaus zum Vogel und steh noch, ob er

l Sowie stc gegangen ist, se-hen die Ellern sich an und lächeln vor lauter innerem Glück. Der Vater aber sagt in auswallendem Dankgcsuhl: (Ss gibt kein glücklicheres Kind in der ganzen Stadt."

(Deutsch von Marie Franzos.)

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daß sich das Kind so großes Vertrauen erworben hatte.

Aber hier kann Meli auch nichts anderes tun, als dasitzen und m die ichwarze,, Vogelaugen blicken. Sie sitzen beide gleich stumm gleich regungslos der Kranke und die Krankenpslcgcrin. Wenn man das Mäd­chen sragte' wie es dem Vogel geht, antwortete es nur nn 6>usterton.

I-Kt ruft die Mutter. Meli hört es an der Stimme, daß irgendeine arabeFreude bevorsteht. Die läuft in fröhlicher Erwartung hinein, ihre Hünen ^braunen Augen strahlen. Und drinnen steht eine Nachbarslrau mit dem arme" Küchlein,' das sich das eine Bein

ein kleines gelbes, flaumiges Junges, nur em paar -Lage alt, und kann gar nicht gehen. Die Frau hatte es hilflos aus dem Boden liegend g - ftinden, und man hätte es töten müssen, wäre Meli mcht gewesen.

Bas kleine Mädchen lacht: das ist ja die einfachst« Sacye von der Welt Sie nimmt das kleine Küchlein zwischen ihre kunstersahrenen Hande und behebt den Schaden in wen gen Augenblicken mit ein paar Stäbchen ünd etwas Garn Ihre Mutter und, die Fremde stehen daneben und beobachten wie die mageren Finger mit den einfachen Werkzeugen han­tieren. Und dieses eine Mal vergibt die Nachbarsfrau die Schwache und Unförmlichkeit des Mädchens, um sie aufrichtig zu bewundern.

Aber Meli eilt hinaus zum Kanarienvogel und fetzt sich wieder zu ihm um ihn zu beobachten. Nach einer Weile kommt sie ganz blaß zu igrer Mutter und erzählt, dah der Vogel ein bißchen gezwitschert ha und aus ein anderes Pflöckchen gehupft 'st DMelcht wird er letzt gesund.

Glaubst du, Mutti, daß er letzt endlich gesund wird, fragt sie.

Was hast du denn mit ihm gemacht?" fragt die Mutier ebenso ernst.

Da erstattete Meli Bericht über die Kur, die sie angewendet hat.

, Glaubst du nicht, Mutti, daß es so gut ist?" fragt st«.

Sie geht wieder hinaus, und die Mutter bleibt sinnend sitzen. Sie kann Gottes Güte nicht begreifen, der ihr ein solches Kind gegeben h-m Ein Kind, das Dinge versteht und weiß, von denen sie nichts ahnt. Lin Kind, das ein solches Wunder an Güte ist.

Und die Gedanken der Mutter kreisen um Melis Arbeit draußen im Krankenhaus". Aber sie denkt nicht an die armen .Batienten, sondern an Mell selbst. Sie fragt sich, ob soviel Gitte nicht b'nmal belohnt nor­den wird. Sie träumt von dem Tage, an dem der liebe Gott Meli die Gesundheit schenken wird. Sie fühlt, daß die Tochter einen ganzen Schatz von Wohltaten einfetzt, die einmal vergolten werden müssen «ie weiß nicht wie, sie träumt nur. Ach, diese Traume haben ihrem Lesen Weich heft und Ruhe gegeben!

Als der Vater nach Hause kommt zum Mittagessen er i)at nur aanx kurze Zeit, denn der Weg von der Werkstatt ist weit , eilt «r foqleid) hinaus zu Meli, um zu hören, wie es den Patienten geht. Sie zemt sie ihm, einen nach dem andern. Er nimmt sie behutsam zwischen feine großen Hände, er kennt sie alle, man merkt, bafe er gut öreunb mit ihnen ist. Er wundert sich, wie er dazu gekommen ist, all, dies kleine Getier zu lieben. Heute bei der Arbeit hat er sich emmal ubers andere auf dem Gedanken ertappt, wie es wohl dem Kanarienvogel gehen mag.

Wenn Meli wüßte, was für eine bedeutende Rolle ihr Krankenhaus lvielt' Während es der Mutter die milden Traume schenkt, erweckt es beim Vater Tätigkeitslust und Erfindungsgabe. Sem Hirn arbeitet um Mittel ausfindig zu machen, Meli zu helfen. Es ist nie mehr stumpf "»Äm Nachhauseweg hat er eine Mausesalle erblickt, die jemand auf die Straße geworfen hatte. Die hat er gleich nutgenommen und sich gefragt, ob Meli sie gebrauchen kann. Vielleicht kann sie als Bett >m

Spital dienen. .

Und Meli nimmt die Mausefalle, geht weg und versteckt sie in ifycm Vorratshaus, das sie sich unter einem andern großen Stern gegraben hat. Es ist sehr rührend und lehrreich, einen Blick in Metts Borratshaus zu wersen diese kleinen, aus der Straße ausgesammelten Strohbunde zu sehen, aus denen sie ihre Betten verfertigt; diese winzigen Stofslappchen, die ihr Verbandszeug bilden, diese kleinen Sckstackenstuckchen, aus denen sie ein wenig Vaselin, ein wenig Pflaster gesammelt hat, ein wenig Aetzung für Vögel und Mäuse.

Als sie alle drei, Vater, Mutter und sie, beim Mittagstisch sitzen, kann Meli kaum einen einzigen Bissen herunterwürgen. Sie denkt an den Kanarienvogel, ihr Herz ist draußen bei dem Kranken. Vielleicht ltirbt er ietzt, wo sie von ihm gegangen ist. ..

Wie furchtbar wäre es, wenn er sterben sollte, und wie wurde die alte Frau in dem Milchladen leben können ohne ihren kleinen Vogel.

Melis Vater redet zu ihr; er verspricht, ihr etwas (Brunes für die Vögel miüubringen, und abends wird er so jeihg fommen, daß er >yr Reifen kann, aus dieser Mausefalle einen richtigen Käfig zu machen.

Und die Mutter ermahnt sie, zu effen.

Aber im selben Augenblick, als Meli Messer und Gabel zur Hand nimmt, hört sie von draußen klaren Vogelgesang, einen ganzen langen, perlenden Triller. , , , .. . .

Das ist der Kanarienvogel! Sie fpringt aus, setzt sich aber gleich wieder hin.Wird er jetzt gesund? Glaubst du nicht, Mutti, daß er letzt gesund wird?" fragt sie jubelnd.

Aber die Aufregung, in der das kleine, ,zarte Wesen sich befunden hat, war so hestig, daß sie' jetzt, wo die Spannung weicht, in Tränen aus-

n'C'1®oetl)e war Zelters Sieben, Treue sein Sinn. Ich sehe bas ®ilbnis an, möchte diesen alten, schönen, kräftigen Mund küssen und ich weiß nicht, was mich bewegt, baß ich diese Zeilen mit Katzen schreibe.

Freunbjchast, o Freundschast! Du andere Ehe. Kräftiger holder Bund, der den Knaben beglückt vor der ersten Liebe, ober die ben Mann noch beglückt nach ber letzten. Weib und Mann strömen von Abend unb Mor­gen zusammen in den heiligen See der Geheimnisse, und ein neues und brütet "fte^gt glänzend aus ihm hervor. Aber dem Freunde-Paa bleibt alles nach innen gewandt; das gezeugte Leben ihrer Innigkeit quillt rätselhaft in die Leben ein zu einem reidjen Gluck der Beförderung. Auch wohl einmal tritt es glühend hervor w>e das edle Bernste,nharz aus dem Fichtenbaum. Dämon und Phmtias, in euerer doppelt seelischen Tat Liebe erhebt oder versenkt, Ehe bindet, Freundschaft tragt, 21us Neben und Binden von Liebe und Ehe wird auch «ni Tragen, aber Freundschaft ist frei und unmittelbar. Und nun welch Gluck über den Glücken, die Freundschaft des Einzigen erreicht zu haben, des Heros, n solche Nähe zu komnien dem ewigen Himmelsttcht, bas er falt, bie®o- beit schauen, sühlen, verehren zu können in der nahen, festen Gestalt. Eheleute werben einanber ähnlich durch bie Gewohnheit eines ttebevo Sichanpassens. Aber dieses hier ist eine Aehnelung höherer Art. sie ist wie die Flügelentfaltung des Reptils, Wandlung und Aufstieg in höheres Sein bi.kch unablässiges Bemühen, wie es die Erläuterung des S.lesius- Wortes durch Carofsa besagt:Wenn uns gegeben wärerfort ein Wesen zu schauen und zu denken, so wurden wir uns langsam in bas felbe verwandeln. So glaubten Heilige, unb so verbürgt es die Form ber Sonnenblume."

Ininem Zprä ch"mit Ferruccio Busoni bem Komponisten in Ber­

lin äußerte sich dieser absprechend über Zelter; er nannte ihn einen Ellenbogcnmenschen", unb wie einProvinztyrann' kommt er chm vor. Auf meinen Einwand, daß wohl nicht umsonst- Goethe auf dem Kranken­bett und gebrochen von Leidenschaft ju Ulnte von ßM>ejjot» czunb Zelters ergriff, um zu klagen, war die Erwiderung, er bezweifle nicht daß Zelter ein treuer Freund Goethes getuefen fei (was ich damit ni-bt' halte beroeifen wollen), worauf das Gespräch abbog.

d'Jtun ist Gereiztheit gegen Zelters Verkennung seiner zettgenossischen Musik, insonderheit ber Beethovenfthen bei einem Komponisten nur zu begreislich; aber ich wünschte boch, ich hatte»chmellers Porträt ihm va?halten können. Ein Ellenbogenmensch? Die Briefe: enthalteri bet mrier lei Nachricht über bie ausgebehnteste stabtburgerttche Tätigkeit Zelters von der Verwendung ber Ellenbogen nicht den Hauch einer Andeutung, sondern viel eher scheint es, als habe seine Mitburgerschaft über Gebühr Aemter unb Arbeiten auf seine Schultern geloben, beren Breite und Stämmigteit sie wohl kannten; und baß er sich selten weigerte, beutet nur cutt'Tätigkeitsdrang, auf die eigene Kenntnis feiner Krafte"nd da Bewußtsein, daß, wenn em Platz gut ausgefutlt werden sollte, er d Geeignete war. Hätte er lieber komponieren follen? SDUrJ^int, etwas in ihm wußte, daß er Handwerker war, ob chon Meister im Fach, Große zu fühlen fähig, doch nicht zu bilden. - Unb Tyrann? Das Wort bedeut t Unterbrüder, aber dies Bildnis und feine Briefe zeigen nur eme Er­scheinung von Ruhe, Stolz und Freiheit. Man kann nicht unterdrücken was man nicht sieht, aber man braucht feine Kraft gegen das Niedrige, wenn es sich andrängt. Zelter liebte es, die Wahrheit zu 1«»^, erstens, weil er sie wußte, unb zweitens, weil er sie gut sagte. was nM allemal hieß: verbindlich. Wenn er derbe war, so war ers, insofern da- Wort enthalten ist in biderbe, einem ausgestorbenen Wort sur e>nen ausgeftorbenen Menschenschlag. Zelter war grob, aber nur auf »un|J Seine Grobheit, heißt bas, war nicht Ausfluß von Krankungssucht, wo nicht Bosheit, fonbern nur die Form, zu der feine Derbheit gerann, wenn fie unwillig erregt wurde. Goethe, meinte Bufoni, habe ihn peschali wegen seiner Gabe des Anekdotenerzählens und Witzkolporteurs, als eiu« Art Hofnarren. Wie aber Goethes Aussprache seines Herzenskumme -

1 um Ulrike gar nichts beweist für Zelters Treue, aber alles für ft>n Werl weil er cs war, nach dem Goethes Bedrängnis griff, so beweist aud

, bie Kunst des Anek dotenerzählens das gleiche: Leute, die das konnten e

- hätte Goethe unter den Berlinern schockweise sinben können; aber «

nahm Zelter. Ach, und wie? Für den Hofnarren diese Sonigsgcbaror Als Zelters Frau starb, erwiderte der Freund dem Gebrochenen am > Mitteilung nur mit spärlichem Trostwort; aber indem er ifai mit ve ersten Satz seines Brieses das brüderlicheDu hmreicht, zieh er M zugleich offener Arme an die Brust. Die Zelter als göttlich empfand, du Brust war's, und da richtete der eben Gebeugte wie ein Rohr sich an |

göttlichen Brust auf, bie ihn stützt. Oh, dies ist für ben Witzbold nicht, I

Zelter war, wie ber asiatische Paktolus-Fluß, goldhaltig. Der Reich I der Gehalte in seinen Briefen ist von unerschöpflicher Mannigfaltigkeit< U

Goethes Zelter.

Zu feinem 100. Todestage.

Don Albrecht Schaeffer.

Ich habe die dem dritten Band ber Briefe beigegebene Schwellers-he Zeichnung seines Kopfes, ben gealterten Zelter zeigend, aufgeschlagen vor mir stehen, und ich staune über die Erhabenheit dieser mächtig aus faltigem Flcsich geprägten Züge. Und welch ein Geheimnis dämmert in ihrer liefe und gibt dem großen Antlitz dieses ^Bedrohliche seiner Majestät? Es ist Goethes Gesicht, das aus der -Liefe dämmert, un­beschreiblich, herzerschütternd und so unverkennbar zu sehen, daß man das Bildnis des Dichters bezeichnen könnte, das man hier zu ahnen glaubt. Ja es ist dies über alles geliebte Gesicht des Freundes, dem der unfterblid/ßiebenbe ähnlich wurde, durch ein Menschenalter der ftcttschen (£he Der (Beliebte, der ewig schien, starb, unb Zetter verhüllte sich unb starb ihm nach. Sein Sinn war erfüllt, seine Seele zerbrach m einem unvergeßlichen Harakiri ben unzerbrechlich gewesenen Leib und e ite ihm nach in bie Reinheit. Aber (ein uns bewahrtes Antlitz beutet uns ben heiligen Sinn seines Ledens: Ich liebte unb wurde bem (Beliebten ähnlich, nach' bem gültigen Wort: Mensch, was bu liebst, in das wirst du ver-