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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
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Jahrgang 1(952
Montag, -en 9. Mai
Nummer 36
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Das Nosenband.
Aon Friedrich Gottlieb K l o p st o ck. Im Frühlingsschatten sand ich sie. Da band ich sie mit Rosenbändern. Sie fühlt' es nicht und schlummerte.
Ich sah sie an; mein Leben hing Mit diesem Blick an ihrem Leben! Ich fühlt' es wohl und mußt' es nicht.
Doch lispelt' ich ihr sprachlos ,)u Und rauschte mit den Rosenbändern: Da wachte sie vom Schlummer auf.
Sie sah mich an; ihr Leben hing Mit diesem Blick an meinem Leben. Und um uns ward's Elysium.
Meli.
Novelle von Selina L a g e r l ö s.
Copyright 1932 by I. L. A. Wien.
Jeder, der sie auf der Strafe sieht, kann nicht umhin, zu denken: *3ie unglücklich sie ist! Ein armes, buckliges Kind, wie unglücklich sie ist! ie ist nicht älter als sieben Jahre, und schon hat sie das lange Gesicht i nd die langen, dünnen Hände. Wenn sie auf die Strotze hinaus soll, ' letzt ihr die Mutter einen langen Mantel an, mit einem grotzen Kragen, b r _tn tiefen Falten über den Rücken fällt.
Sie ist klein und zart, niemand würde glauben, datz sie alter als i uf Jahre ist. Auch Hot man sie bis jetzt immer für zu klein geholten,
n in die Schule zu gehen, aber nun zum Herbst soll sie anfongen.
»Ach, Amelie, wie lustig dos für dich fein wird, in die Schule zu
l menen und Kameradinnen zu haben, mit denen du spielen kannst. Das
j t: etwas anderes, als immer daheim bei Mutter zu hocken."
Sie erhebt ihr kleines, durchsichtiges Gesichtchen und lächelt hoffnungs- Aber sicherlich sind all das von Kameradinnen, Schute und Spielen ! t te Worte für sie. Dieses kleine, empfindliche Wesen ist natürlich ge- Ifcaungen, ein ganz anderes Leben zu führen als ein gewöhnliches Kind.
Und richtig, kaum datz si« mit dem Schulbesuch angefangen, Hot sie Ia»ch schon wieder ausgehört. Ihre Mutter flüstert leise, datz Meli es nicht [»rtrug. Sie wurde so müde, datz sie den ganzen Nachmittag liegen mutzte.
So gratuliert man ihr, datz sie daheim bei Mutter bleiben darf, so I"i:e man ihr früher gratuliert Hot, von dort fortzukommen „Jo, jetzt lacrst du bei Mutter lesen lernen, Meli, und, du mutzt dir einen Hahn I Erschaffen, der bei jedem netten Buchstaben, den du lernst, kräht " |. »Rein, Meli soll noch nicht lesen lernen", sagte ihre Mutter. „Sie [ nun zuerst Klavierspielen lernen."
„Soll Meli spielen?"
I. »Ja, Meli spielt so gern. Und jetzt geht sie zu einer Lehrerin, die Iunterrichten will. Dos mocht Meli nicht müde, allein mit der Lehrerin I einem hübschen Zimmer zu sitzen und zu spielen. Aber in der Schule p war so viel Lärm."
.Und dann flüstert die Mutter wieder, datz Meli irgenbeme Arbeit i’Ber Hause hoben mutz, sie mutz mit einer Schultasche irgendwohin |3*)en, um zu fühlen, datz sie wie andere Kinder ist.
Aber nach ein paar Wochen ist auch dos Spielen aufgegeben. Meli l’Iarn davon Rückenschmerzen. Sie ist zu klein, sie mutz bis zum nächsten »Ohr warten.
— Was für ein Leben wird dos werden, denkt man, für eine, die so 0>vach und verkrüppelt ist. Wie unglücklich sie ist!
.. Aber Melis Mutter merkt, datz das Kind bekümmert aussieht, als '* davon spricht, datz das Spielen oufhören miitzte. „Aber das macht br nichts, denn Meli Hot zu House so viel zu tun. Nicht wahr, Mett?
»Ja", sagt das Kind und nimmt seine Mutter bei der Hand und eilt h inwärts, um all die vergessenen Pflichten zu erfüllen, die ihrer haneiu u'd die Mutter geht mit, sieht sich ober um und wirft einem einen Blick 11 der gewitz keinen Kummer ousdrückt, viel eher bewundernden Stotz. . 2as ist ein Blick, der einem zu denken gibt. Melis Later arbeitet bei ^em Tischler, Melis Mutter ist ein armes Ding, die Tochter eines t ubenarbeiters. Als sie heiratete, war sie frisch, tüchtig, laut und otel- ein bitzchen derb, ein bitzchen gewöhnlich, ja gerade wie jede ander«. ->-r jetzt ist sie sehr verändert, ihre Stimme ist weicher geworden und |1 Züge werden weiblicher mit jedem Jahre. Macht das Meli
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Melis Eltern haben sich ein kleines Häuschen ein paar Minuten vor der Stadt gebaut, auf dem freien, offenen Felde drautzen. Ihr glaubt nicht, was das für ein Platz ist!
Die Stabt ist eine alte Bergwerksstadt, und vor den Toren standen in früheren Zeiten eine gange Menge Schmelzhütten zum Rösten des Erzes. Die Hütten find nun verschwunden, aber die Natur hat sich von ihnen noch nicht erholen können. Sie ist wie tot, und niemand hat sie wieder auferstehen lassen.
Melis Vater hot ein paar Quadratmeter vor seiner Hütte mit einem Drahtzaun eingefriebet. Cs ist vielleicht beabsichtigt, bah ba ein Garten werben soll. Aber vorberhand ist alles mit ziemlich grotzen grauen Felsblöcken bedeckt, und dazwischen liegen kleine kantige Schlackenstücke. Es ist dort wie überall in dieser Gegend der Stadt. Man sieht keine Erde, und es wächst kein Hälmchen.
Es ist ein sonniger Sommertag, und die kleine Bucklige ist in ihrem Garten, der nur aus grauen Felsblöcken und vielfarbigen Schlacken besteht. Sie ist allein, denn ihre Mutter fürchtet die Sonne und hält sich am liebsten im Zimmer auf, während die Kleine sich mitten in der Sonnenglut am wohlsten fühlt, sie kann nie genug Wärme haben.
Aber manchmal springt sie auf und läuft zu ihrer Mutti hinein, um zu erzählen: „Ich unterhalte mich so gut! Willst du nicht kommen, Mutti, und sehen?"
Das Unterhaltende ist eine Heuschrecke, die sich so unvorsichtig betragen hat, datz sie sich das eine Schenkelbein gebrochen hak. Aber sie hot doch Glück dabei gehabt, datz bas Malheur gerade in Melis Garten passierte, der sonst einer Heuschrecke nicht so sehr viel zu bieten hatte. Und jetzt hat die kleine Bucklige dos Tierchen mit ihren langen, schmalen Fingern ausgenommen und untersucht den Schaben. Dann beginnt sie rasch unb behend bas Bein mit einem gespaltenen Zündhölzchen zu schienen; zweifellos wird die Heuschrecke bald geheilt sein. Und nun wird sie behutsam auf den Rücken gelegt, damit sie nicht in die Versuchung kommt, bas kranke Bein zu benützen unb den Verbund zu verschieben. Sie wird in einen kleinen Käsig gesperrt, der aus alten Spielkarten gemocht ist, und bekommt einen Plotz in Melis Spital.
An der Nordseite des grötzien Felsblocks, der sich nach unten zu ausbuchtet, so datz er gleichsam eine kleine Grottenwölbung bildet, stehen einige kleine Käsige, manchs aus Strohhalmen, andere aus Pappe, aus Holzstäbchen ober Draht, sie finb in bem kleinen, gewölbten Raum unter bem Stein in zwei Reihen aufgestellt, arbentlich wie die Betten in einem Spital.
Hierher wird auch die Heuschrecke gebracht, denn die Grotte unter bem Stein ist nichts Geringeres als ein Krankenhaus. Das hat einer unenblichen Menge Unglücklicher Pflege unb Gesunbheit gebracht, unb auch jetzt ist es voll von kleinen, heilungsuchenden Patienten.
Hier hat bie arme Bucklige, die zu schwach ist, um in die Schule zu gehen, ihre Arbeit gesunden. Als die Heuschrecke betreut ist, nimmt sie Käfig für Käfig vor, um seinen Inwohnern ihre Pflege ungebeten zu lassen. Sie hat ba eine schöne, weiße Taube, die schwere Wunden am Rucken unb am Kopfe hat. Das arme Tier ist in den Krallen eines Habichts gewesen, aber im letzten Augenblick gerettet und zu Meli gebracht worden. Und das kleine Mädchen hot auf irgendeine übernatürliche Weise bie Kunst erlernt, Wunben zu behanbeln; die Taube versteht es, sie schmiegt sich an sie unb legt ben Kops an ihre eingefallene Wange, als sie aus bem Käfig genommen wirb.
Dann ist ein Sperling ba, ber hat sich ben Flügel gebrochen, aber er würbe roieber eingerichtet unb sest an ben Körper gebunben. Er ist balb gejunb. Ganz lebensfroh saust er in bem Käsig hin unb her, unb Meli lacht ihn aus, weil er immer roieber umfällt, wie er auch mit bem flugbereiten Flügel wackelt unb um sich schlägt, um sich im Gleichgewicht zu erhalten.
Neben bem Sperling sitzt eine kleine Maus, bie ganz still ist unb bas eine Bein in die Luft streckt. Das ist ein trauriger Anblick für Meli, beim bie kleine betrübte Maus kann sie nicht gejunb machen. Die eine Pfote würbe ihr an ber Mausefalle ganz abgeschlagen, nun kann sie bie Wunbe wohl heilen, aber bie arme Maus mutz ihr ganzes Leben lang hinken ober auf brei Beinen laufen. Da finb auch ein paar Kätzchen, so klein, so winzig klein; sie haben keine Augen unb können mit ihren kleinen Beinchen nicht gehen, kaum kriechen. Sie finb nicht krank, aber ihre Mutter Hot sie verlassen, unb so hat man sie zu Meli gebracht. Man kennt Meli schon in ber Nachbarschaft, man weiß, baß alles, was schwach unb hilflos ist, Hilfe unb Schutz bei ber kleinen Buckligen finbet.
Ganz tief brinnen sitzt ein Kanarienvogel in einem Käfig aus Stohl- draht. Er ist ruppig, seine Febern finb nicht mehr gelb, fanbern zu Weitz verblaßt. Man sieht auf ben ersten Blick, baß er krank ist: er will roeber fingen noch essen. Er gehört ber alten Frau im Milchgeschäft, hat ben ganzen Winter hindurch in ihrem kleinen, dunklen Zimmer gesessen unb gesungen, ohne sich nach Licht ober Luft zu sehnen. Aber seit ber Sommer gekommen ist, hat er immer ganz still auf ein unb bemjelben Pflöckchen


