erschöpfte Kamele ruhten in ihrem Schatten. Nun wurde, gegen Philbys Ansicht, beschlossen, die Durchquerung des noch unbekannten Teiles der südarabischen Sandwüste vorläufig aufzugeben und zur nächsten Quelle, Naifa, zurückzukehren. Nun glaubte Philby, es würde es nimmermehr schaffen. Man marschierte zurück; dieser Teil der Wanderung war der traurigste.
Am Morgen des 2. März wurde Philby von Regentropfen geweckt, die an seine Zeltwand schlugen. Tagelang jagten schwarze Wolken über den Himmel, Wirbelstürme fegten durch die Bodenmulde, drohten die Zelte davonzutragen und die Geräte vor den Zelten unter Sand zu begraben. Dennoch war man guter Dinge. Man beschloß, die Lasttiere nordwärts nach Rijadh zurückzusenden. Eine kleinere, leichter ausgerüstete Partie sollte mit allen verfügbaren Wasserschläuchen die ostwestliche Durchquerung des Leeren Quartiers noch einmal versuchen.
Aus elf Männern, fünfzehn Kamelen und einer Hündin bestand die Partie, die Sulajil erreichen wollte. Sie sollte sich ausschließlich von Datteln ernähren, denn zum Reiskochen reichte der Inhalt der vierundzwanzig Wasserschläuche nicht. Drei Tage lang marschierte man im Schatten der schwarzen Wolken, gelegentlich erfrischt von Regenschauern. Am vierten Tage hatte sich der Sturm gelegt, aber es wehte noch eine kühle Brise. Am Abend dieses Tages erreichte man den Punkt, wo man vor zehn Tagen traurig den Rückzug angetreten hatte. Tags darauf brannte die Sonne wieder mit ganzer Kraft auf den Rücken. Nun betrat man den Kieselgürtel Sahma, der ebenso kahl und leblos wie der Sand war; auch die letzten Raben waren verschwunden. Man legte vergeblich Gewaltmärsche ein, um so bald wie möglich zu Weideplätzen zu kommen, am sechsten Tage standen die Tiere erschöpft da, nicht einmal von der Sehnsucht nach Futter getrieben, und sahen melancholisch zu, wie die Menschen im armseligen Schatten eines schwarzen Strauches, am Feuer aus seinen dürren Aestchen, Kaffee kochten. Man war in der Mitte der uferlosen Wüste; der nächste Brunnen war 320 Kilometer entfernt, und so hing alles von den Kamelen ab. Man hatte sich dem Schicksal in die Hand gegeben, und Philby empfand es mit einer Art Genugtuung, daß ein zweiter Rückzug jetzt unmöglich war.
Der 11. März war ein entscheidender Tag. Bon einer Sandwelle blickte man auf einen Kieselozean, genannt Abu-Bahr, „der Vater des Meeres". Mit zusammengebissenen Zähnen marschierte man, beinahe ohne Rast, über eine vollkommen kahle und merkwürdig glatte und ebene Kieselfläche. Am Nachmittag des folgenden Tages erblickte man die schwarze Linie des Hochlandes von Tuwaich, des Rückgrats der arabijechn Wüste, in dessen Falten das Ziel lag, Sulajil. Tierleben stellte sich ein. In der Nacht zum 14. März lagerte man im Dickicht am Wadi Dawasir, es blttzte und donnerte, als applaudierte der Himmel zum Erfolg. Am nächsten Morgen aber erschien ein Trupp Frauen mit drohend erhobenen Stöcken — sie waren indessen nur fürs Herdfeuer gesammelt worden — und geleiteten die Wanderer im Triumph zu ihren Wohnstätten. Der Schulze von Sulajil schlachtete das fette Kalb zu Ehren der Männer, die zum erstenmal das Leere Quartier bezwungen hatten; es war aber ein ausgewachsener Hammel.
Hohe Schule im klassischen Stil.
Eine Vorsührung der spanischen Hosreitschule in Wien.
Bon Hans Wildgrube.
Mitten in der Stadt, hinter lärmvollen Gassen, träumt ein Stück uraltes Wien. Ueber enge Stiegen, in denen die Gasflammen flackern, durch enge, dumpfe Korridore kommt man durch das alte Gebäude Hinauf in den ersten Stock.
Da öffnet sich plötzlich, als wäre ein Vorhang vor den Augen weggezogen, eine blendende, weiße Halle, ruhig und vornehm in ihrer Ausstattung, Säulenreihen, schimmernd wie Alabaster, wandern rings an Balkdnen entlang, streben aus breiten Logen und tragen neue, weiße Brüstungen, Balkone und Galerien. Teppiche aus dem unermeßlich reichen Bestände der Schatzkammer des ehemals kaiserlichem Besitztums hängen über den Brüstungen. Dieses Rot und Blau der Gobelins ist so warm, daß der Alabaster der Säulen, Wände und Galerien fast durchsichtig wird wie Milchglas. Vorne eine breite Muschel mit goldenen Verzierungen, Stuckarbeiten an der Front, an »der Decke. Unter der Muschel die ehemalige Hofloge. Geschmückt mit alten, dunklen Gemälden, Reiterszenen, Jagdgruppen, prachtvolle Pferde mit berühmten Namen. Ueber dieser großen Loge weiße Figuren, Reliefs und Blattrosetten. Und unten der braune Samt der Manegelohe. In der Mitte der großen Reithalle die zwei Pilaren.
Dieses Bild überrascht den Fremden. Sie Inneneinrichtung in ihrer Einfachheit, ihrem schimmernden weißen Ton, wirkt vornehm und groß. Und docb warm und vertraulich. Das ist Melodie der Architektur des österreichischen Barocks. Sein Meister: Fischer von Erlach!
Welch ein Kontrast: grau und unscheinbar von außen, Glanz und Schwelgen von Farben im Innern ...
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Jetzt fällt die Sonne durch die hohen Fenster. Breite, goldene Bänder flattern in der Halle. Goldene Gitter, flirrend und schimmernd, legen sich auf den braunen, weichen Reitschulboden. Die Wände leuchten, ferne und doch lebhaft, die Teppiche flammen auf, glühen in Rot und vrunken in Blau.
Jetzt Trompeten und Hörner. Es rauscht durch die Halle. Türen öffnen sich. Pferde kommen langsam herein. Prachtvoll aufgezäumt. Mit funkelndem Gold, Mähnen und Schweif geflochten. Farbige Schabracken. Dumpfer Huflärm. Auf den Pferden die „Bereiter" und „Oberbereiter". Alle in der historischen Uniform. Weiße Hosen, enganliegend, Lackstiefel, brauner Frack, Zweispitz.
Parade der Pferde: wiegend, in leisem Beben. Die Zweispitze schaukeln leise im Rhythmus der Gangart. Ein längst entschwundenes Jahrhundert macht feine Reverenz.
Die „hohe Schule" zäigt die Bewegungen des Reitpferdes, das Kön- nen des Pferdes; fie zeigt die Gangarten und Sprünge in der voll- kommenften Art. Ohne besonderes Talent des Reiters sowohl als auch des Pferdes ließe sich dies nicht durchführen. Deshalb kann man mit Fug und Recht von einer Akademie des Reitens sprechen und die Spanj. sche Reitschule neben die andrer Künste stellen. Lernen und Studieren allein ist unzureichend.
Zu den Figuren gehören die Piaffe, die Tour, die Volte, die Pirouette, die Croupe, die Levade, die Courbette, die Croupade. Das schönste ist wohl die Capriole: das Pferd springt in die Lust und schlägt in der Lust mit den Hinterbeinen aus, so daß man glaubt, der ganz» Körper sei waagrecht. Diese Capriole gehört zu den faszinierenden Herrlichkeiten der hohen Schule: sie ist ihr Höhepunkt . . .
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Die hohe Schule der Reitkunst beginnt ihre Vorführungen.
Sind wir noch im zwanzigsten Jahrhundert? Oder sind wir zurückgewandert zu Ludwig XIII. von Frankreich? Was man hier sieht, ist die einzige spanische Reitschule, getreu der Ueberlieferung, wie man sie sonst nirgends sehen kann; an keinem Orte der Welt. Historische Reitkunst, hohe spanische Schule. Präzis, mit äußerster Sorgfalt und vornehmstem Takt, tiefem Pflichtgefühl. Die heutige Zeit rauscht irgendwo vorbei. Diese Menschen, die hier hohe Schule zeigen, sind der heutigen Zeit fremd, fern ihren Sensationen. Sie leben nur ihrer Kunst, ihren Pferden; üben tagaus, tagein. Tragen Titel und Uniform wie ehemals, leben zwischen Dienststunden, wie ehemals unter ihren kaiserlichen Herren. Heute aber um der Sache willen, in ehrlicher Liebe zur Reitkunst...
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Und diese Pferde!
Lippizaner, echtes Geblüt; ältestes Pferdegeschlecht für den Boden dec hohen Reitkunst, der hohen Schule. Sie wurde oingefiihrt von Ludwig XIII. Anfang des 17. Jahrhunderts.
Das Gestüt der Pferde war in früheren Zeiten in Lipiza und wurde von Karl VI. gegründet. Dieser Ort ist Oesterreich durch den Vertrag vom St. Germain oerlorengegangen. Heute werden die Pferde in Slldsteier» mark weitergezüchtet. Steiniger Boden ist für sie notwendig.
Diese Schimmel und Braunen sind leicht wie Flaumfedern in ihrem Bewegungen. Dabei stark und von kräftigem Wuchs. Wenn man sie vom den Logen und der Gr ie aus sieht, gleichen sie den Daunen, die dahin- schweben, lautlos, geschmeidig, lastbefreit, ordenleicht.
9lun beginnen sie, dem Programm nach, das alle Szenen der spanischen hohen Schule enthält, ihre Produktionen. Sie gehen seitwärts, vollführen prachtvolle Courbetten, sind zierlich im Schrittwechsel während des Galopps. Faszinierend in den Pirouetten. Alles dies im Stile dec hohen spanischen Schule, leicht, elegant, bllrdelos.
Und dazu rauschen von der Galerie Geigen und Cello einen Walzer.. Könnte es etwas andres sein, als Strauß: „Rosen aus dem Süden?" Oh, diese Pserde kennen ihn ...
Unerhört schöne Stunden hier in der Reitschule. Seltsames Schauspiel.. Das Auge erfreut sich an den „Touren", an den „Pas de deux", an den „Hebungen der Schule über der Erde", an den „Courbetten", der „Vorführung zwischen den Pilaren" und schließlich an der „Gehorsamsprobe"
Noch einmal kommen sie und tanzen die Quadrille, ganz nach der alten Etikette, nach der höfischen Zucht und Ordnung. Als ob heute noch Kaiser und Kaiserinnen, Fürsten und hohe Gesellschaft in den Logen säßen.
Nun aber gehört sie endlich auch uns. Fremde sitzen da aus allen Ländern und schauen beglückt zu. Schon staunend in diese Wundermmrege, staunend vor soviel Arbeit und Mühe und soviel Erfolg. Sie empfinden alle: das hier hat mit Zirkuskünsten nichts zu tun, das ist reine Kunst des Reitens, des höfischen Reitspieles, das gepflegt wird und werden muh wie jede andre Kunst, mit Fleiß und Ausdauer, mit Talent und großem Gewissen, mit Liebe. Weil es nicht darauf ausgeht, den Zuschauern etwas dem Pferde Eingelerntes zu zeigen, sondern etwas Eigenartiges, Einmaliges zu schenken, aus sich heraus. Im Rahmen der Kunst...
Fast unbeweglich, verwachsen mit dem Pferde, sitzen die Reiter in dem Sattel, ohne Bügel, nur eine Gerta in der Hand. Manchmal blitzen die Schabracken, rubinrot oder chinagelb, einen Augenblick lang, während der Lipizaner seine Kapriolen schlügt. Lautloses Kreisen, Galoppieren. „Pluto Sylvana", der Braune, ist lebhafter, er schnaubt einige Augenblicke lang.
Die Zweispitze werden abgenommen, dem Publikum wird gedankt. „Syglavi Andalusia" nickt mit seinem prachtvollen Kopfe, als wollte er sich noch einmal in Ruhe zeigen, und geht dann als letzter aus der Schule.
Die Vorstellung ist aus. Zögernd erheben sich die Leute, als könnten sie sich kaum trennen von dem eben gesehenen Schauspiel...
Die Spanische Hofreitschule, und die „Vorführungen der spanischen hohen Schule", wie der Titel heißt, gehören zu den Schätzen Oesterreichs. Während des Umsturzes wurde der große Bestand an Pferden ziemlich gelichtet (andre Nationen holten sich je einen Teil); anderseits wurden die prachtvollen, wertvollen Pferde in Unkenntnis über ihren Wert leichtfertig weggegeben. Immerhin konnte noch rechtzeitig durch einen raschen Zugriff ein Teil gerettet werden, so daß die Zucht nun weitergefllhrl werden kann. Mit aller Sorgfalt wird an dem Wiederaufbau der ehemaligen Größe gearbeitet.
Für Sportsleute ist diese Reitschule mit ihren Vorführungen ein erlesener Genuß, für Pferdefreunde eine Freude, für Pferdeliebhaber ein wunderbares Schauspiel und für jeden Fremden eine unvergeßlich schöne Stunde.
Heute weiß Wien, welch einen Wert es da besitzt, und es schätzt f'e nun, und vergißt nicht mehr, den Fremden auf die Spanische Hofreitschule aufmerksam zu machen und den „Vorführungen der hohen spanischen Schule" den ihnen gebührenden Platz zuzuweisen.
Sie ist eine Kostbarkeit, nach der sich andre Staaten sehnen, eine Kostbarkeit, die es nirgends gibt als in Wien.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivi. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


