Durch die Empfehlung der Königin hatte der bald hier, bald dort wohnende Achim von Arnim in dem Landhaus« .des Kommerzienrates Schmink draußen am Oberteich eine Dauerwohnung erhalten. Wie er sie gezogen, fragte er sich: warum soviel Fürsorge um einen jungen Menschen? Königsberg ist überfüllt von Flüchtigen und Militär. Gar mancher irrt von einer Wohngelegenheit zur andern, froh, daß er überhaupt ein Dach Liberm Kopf hat. Warum sollte er bevorzugt sein? Und schließlich, warum blieb er überhaupt in Königsberg? Bei dem Gedanken wollte er sich ichelten. Gehörte er Nicht in dieser Notzeit zu seinem König? Das Ja auf diese Frage erschien nicht so ganz eindeutig. Seit die Königin ihn mit Sen Wundern des Wunderhorns geneckt, erinnerte er sich gern dieses Wortes. Gustel Schmink, die Tochter seines Gastfreundes, — bedeutete sie Das Wunder des Wunderhorns?
Sa dachte er auf der Gartenbank unter der blühenden Kastanie. Hier m Osten kam der Frühling viel später als am Neckar. Aber sein Kommen zeschah plötzlicher, herrisch und verlangend. War so sein Empfinden für Iustel Schwink? Was hieß das? Bewegt stand er auf. Er wollte in die Stadt fliehen. Ihr Leben und Treiben sollte ihn ablenken. Da trat ihm Gustel Schwink vor dem Hause entgegen.
Hatte sie seine Gedanken erraten, als er sie beim Singen beobachtete? Vas Mädchen war ja gar nicht Gustel Schwink, das war Bettina Bren- lano, des Freundes Schwester, die er geflohen hatte, weil sich unerbittlich -wischen sie das Hindernis des verschiedenen Glaubens stellte.
Gustel Schwink — Bettina Brentano! Eine plötzliche Lustigkeit über« (am hin, Heidelberger Studentenübermut! Er brach einen Fliederzweig ib und reichte ihn Gustel, wobei er als Morgengruß das „Aennchen von Ifjarau" sang, ganz wie er es von ihr bei der Königin gehört. Als er jeenbet, lachten beide aus tiefster Brust. Arnim nahm Gustel an der Hand inb jagte mit ihr zu der Bank unterm Kastanienbaum zurück, wo sie unter Lachen und Scherzen sich niederließen. Beider Augen leuchteien. Auf einmal sah Arnim das Mädchen lange und ernst an. Dann sagte er mit übermütigem Blitzen seines Blickes: „Nun weiß ich, daß selig von sehen kommt."
Aber fein Blick fand keine Antwort.
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„Des Knaben Wunderhorn ist voll von Wundern für den Knaben!" So ungefähr hatte die Königin gesagt. — Der Sommer schritt zur Höhe. Der „Aennchen-von-Tharau-Rausch hatte sich bei Arnim in eine innige Siebe zu Gustel Schwink gewandelt. Doch je mehr er seine Gefühle offen« i arte, um so weniger schien ihn Gustel zu verstehen. Arnim litt von Lag zu Tag mehr. Endlich offenbarte er sich dem Herzensbruder Clemens 'Brentano: „Ich muh und will fort, es koste mir, was es wolle! Ich bin nübe, kalten Marmor zu erwärmen, oder vielmehr durch meine anhäng- iche, zudringliche, fremdartige Nähe ein lebenslustiges Wesen zu erstarren. Was mir lieb an ihr ist, der gute Geist, den ich unter der Flamme ihrer Stirn suchte und beschwor, ist mir nicht erschienen. Ich konnte ihn nicht ieschwören, das Feuer meiner Wünsche aber drängt sich in mir schmerzlich zusammen."
Da stand er nun: er mußte fort. Nur quälte ihn der Königin Wort >om Wunder für den Knaben. Gustel Schwink war nicht das Wunder, las war ihm klar geworden. Wo aber lag das Wunder?
Als Preußens Geschick sich durch die Niederlage bei Friedland und hn Frieden von Tilsit erfüllt, verließ Arnim Königsberg.
In dem stattlichen Haus am Frauenplan in Weimar herrschte eine sröhliche Aufregung. Der Geheime Rat von Goethe war bester Laune. 5d)on hatte sich Bettina, das Kind, eingefunden, und man erwartete den Bruder und seinen Freund. Eine große Spannung lag über Bettina und nachte sie zu jedem Schabernack geneigt. Trotzdem verpaßte sie den Augen- Hilf der Ankunft des Wagens, der die Ersehnten brachte.
So sahen Brentano und Arnim zuerst den Dichter selbst. Sein großes -luge ruhte mit Wohlgefallen auf den beiden jugendlichen Gestalten. Er lenkte ihnen nochmals, daß sie gerade ihm „See Knaben Wunderhorn Seroibmet hatten. Und er fügte in ernster Bedächtigkeit hinzu, wie aus er Sammlung sich ihm das Wunder des Volkstums täglich mehr erschließe, las sich ihm in feinen Studentenjahren in Straßburg zuerst gezeigt habe. Lebhaft fuhr er fort: „Für die Jugend ift’s der Wunder voll, des Knaben Wunderhorn, für die Jugend, für di« Knaben!" Arnim zuckte zusammen.
Das Mort der Königin!" dachte er.
Da stürmte Bettina ins Zimmer. Herzlich begrüßte sie den Bruder. Sie wollte das Gleiche mit Arnim tun. Allein der war nicht mehr der •le Freund und Wanderkamerad. „Bettina", hauchte er. Dann gaben sich eibe förmlich die Hand. , ,,
Aufmerksam beobachtete Goethe den kleinen Austritt. Er schmunzelte. As er die drei allein ließ, scherzte er: „Glaubt mir s, das Buch ist voll >on Wundern für — den Knaben!"
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An dem linden Sommerabend gingen Arnim und Bettina allein in e» Park. Als tiefe Stille sie umfing, brach Arnim das Schweigen.
„Der Meister hat recht. Wunder stecken in dem Wunderhorn. Di« Königin sagte es mir schon. Durch sie hab ich's gelernt... Er zögerte.
„Wie hast du's gelernt?" , „
«Im .Aennchen von Tharau' hab ich dich gesucht...
„Und?" v ,
„Aennchen führte mich zu dir, Bettina. Was an Abgrund zwischen • ns lag, es ist vorbei:
.Aennchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn', Mein Leben schließ ich um deil ’s herum.
Trotz des Dunkels fanden sich beider Argen. Schlicht sagte Bettina: Die Lieb« ist stärker als der Glaube!" Dann küßten sie sich.
Als sie heimkehrten, erwartete sie der Meister. Er führte sie i s ^beitszimmer. Goethe nahm ihre Hönde und legte si^ Zusammen. Ein Mein spielte um sein gütiges Antlitz: „Des Knaben Wunderhorn fliot ur der echten Liebe Klang. Das ist ein Wunder!
ßin weißer Fleck verschwindet von der Landkarte.
90 Tage Wüstenritt durch unentdecktes Land.
Von E rn st L o r s y.
London feierte vor kurzem H. St. John Philby, der die große süd- arabische Sandwüste im März dieses Jahres in oftwestlicher Richtung als erster durchquert hat. Im Januar 1931 hatte sie Bertrand Thomas, gleichfalls ein Engländer, in südnördlicher Richtung bezwungen. Damit verschwindet endgültig der zwölfte weiße Fleck von der Erdkarte, der ein unbekanntes Land von der halben Größe Deutschlands bezeichnet hat. Elf weiße Flecken bleiben noch: sechs auf der nördlichen Halbkugel, das Nordpolgebiet, die arktischen Inseln Kanadas, das Ungavagebiet im kanadischen Staate Nord-Quebec, große Gebiete Nvrd- sibirens, Teile von Tibet, ein Teil der Libyschen Wüste; fünf auf der südlichen Halbkugel, die Antarktis, das Patagonische Eiskap, der Gran Chaeo zwischen Bolivien und Peru, das große Gebiet zwischen den Flüssen Westbrasiliens, Südkolumbieus und Venezuelas, endlich Teile des Dürregebietes in Zentralaustralien. 60 v. H. des Festlandes waren um 1800 unbekannt, 1900 waren es 10, gestern waren es 5, und heute find es nur noch 4 v. H. Wie sank die Mauer des Unbekannten um dieses eine Prozent, um Rub' al Khali, das leere Quartier?
Mit 19 Arabern, hauptsächlich aus dem Murra-Stamme, und 32 edlen Kamelen aus der Urnanija-Rafse brach Philby ins Nichts auf. Von den Dulaichija-Quellen ging es zunächst östlich durch die Wüste Dschafura und durch das Land Djchiban bis zur Bahraim-Bucht am Persischen Golf, Nachts gefror das Wasser in den Schläuchen. Am vierten Reisetage begann der mohammedanische Fastenmonat; Philby hielt ihn gewissenhafter ein als seine Genossen: eine Stunde vor Sonnenaufgang nahm man die Hauptmahlzeit, Reis, ober Reis mit Datteln; dazu zwei Taffen Tee und einen Topf warme Kamelmilch; davon ließ sich ganz gut (eben. Don der Bahrain-Bucht ging es in südwestlicher Richtung. Von Dir Fadhil wandte man sich dem Süden zu. Plötzlich zog ein langgezogener weißer Fleck die Aufmerksamkeit der Karawane auf sich: ein Kiesstreifen im Sand. Sofort sprang alles von den Kamelen, und alle Hände sammelten Süßwassermuscheln und Feuersteingeräte. Es muß hier einst ein See oder ein Flußbett gewesen sein, und di« Urjäger lauerten wohl dem Wild auf, das zum Abendtrunk herkam.
Muscheln und Geräte wurden gesammelt, und di« Fachleute in London studieren sie noch immer, um ihr Alter festzustellen, aber die Wanderer trieb es "unwiderstehlich vorwärts in die Wüste, östlich, in der Richtung von Wabar, wo sie die Schlüssel zu zwei Geheimnissen suchten.
Hier irgendwo sollte jene geheimnisvolle, versunkene Stadt liegen, von der die Wüstenbeduinen immer wieder erzählen und die Thomas vergebens gesucht hatte, ferner ein riesiger Eisenblock, „groß wie ein Kamel". Nach einem langen, beschwerlichen Marsch war man endlich in unmittelbarer Nähe des Punktes angekommen, wo die aste Stadt gesucht wurde. Eine neuere Sage erzählt, daß hier, schon in den Zeiten des Islams, die stolze Stadt des Königs 'Ad ibn Kin'ad gestanden hat, des bösen Königs, der sich vermaß, Allahs Gebote zu verspotten. Er umgab sich mit neunzig Konkubinen, neunzig Janitscharen und neunzig edlen Zeltern, lebte ein Leben ununterbrochener Orgien, und trug offen seine Verachtung der Lehre des Propheten zur Schau. Eines Nachts aber entlud sich der Zorn der beleidigten Gottheit in einem mächtigen Himmelsfeuer, das über fein freches Haupt kam und die Sündenstadt im Nu zerstörte!
Die Sonne stand schon tief, als Philby, auf eine kleine Sanddüne steigend, hinter der die gesuchten Trümmer liegen mochten, die Szene überblickte. Das erste, was er bemerkte, waren zwei tiefe Erdtrichter, ganz nah« aneinander, Zwillingstrichter. Er lief hin, ihr Rand, etwas erhöht, wie es schien, trug einen Kranz aus irgendeiner schwärzlichen Masse. Es muß Lava (ein, sagte er sich mit klopfendem Herzen; aber dann sind diese Löcher ja Krater, und dann stehe ich auf einem Vulkan! Einst hatte er Feuer gespien und ringsherum alles zerstört: Tier und Pflanze, Mensch und Menschenwerk. Hier haben wir es, sagte er sich aufgeregt, da halten wir ihn also in der Hand, den Schlüssel der Sage von der bestraften Sündenstadt. Das Sodom der Wüste ist ein Pompeji der Wüste, und dies ist der Vesuv, der sein Tod wurde. Das Himmelsfeuer ist erklärt; suchen wir die Sündenstadt!
Seine Leute hatten inzwischen eine Handvoll schwarzer, blanker Kiesel gesunden, die sie für Perlen der Dbalisten des bösen Königs hielten, die nur das Himmelsfeuer ein wenig versengt hatte. Den kamelgroßen Eisenblock hatten sie nicht gefunden, nur einen Klumpen von Menschenkopfgröhe. Als dieser Klumpen später, samt den schwarzen Perlen, in London untersucht wurde, stellte sich jedoch heraus, daß es sich um größere und kleinere Meteorsplitter handelte! Dadurch wurde alles klar: die Zwillingstrichter waren nicht Krater, sondern einfache Löcher, die das Meteor bei feinem Aufprallen der Erde gerissen hatte, die Lava war keine Lava, einen feuerspeienden Vulkan hatte es nicht gegeben! Und wie erklärte sich die Sage von der Zerstörung der Sündenstadt? Das Himmelsfeuer war ein Meteor! Wer den Sturz eines glühenden Meteors auf die Erde erlebt und überlebt hatte, der, meinte Philby, darf wohl sagen, Gottes strafende fianb gesehen zu haben, und — wird man hinzufügen dürfen — derselbe Mann kann in seiner Vision, die ein Meteor entzündet hatte, auch eine Sündenstadt erblickt haben, riesenhaft und phantastisch, wie ihre Strafe war. Das Meteor, meint Philby, könnte irgendwo in den Sandwellen um Wabar begraben liegen, mit dem sich die zerfallenden Lehmmauern des arabischen Sodom vermischen, aus dem seine Einwohner in hellem Schreck geflohen waren.
Durch singenden Sand, dessen Ton desto leiser wurde, je mehr Feuchtig- feit in die Luft kam, wanderte man zu den Brunnen von Schanna, dem südlichsten Punkt der Reise. Nach langem Hin und Her setzte Philby seinen großen Plan durch: westlich einzubiegen und die Reise durch den fünf» hundertfiebzig Kilometer breiten, vermutlich wasserlosen, unbekannten Teil des Leeren Quartiers zu wagen. Man schickte die Lasttiere vor. Nach vier Tagen erblickte man sie in der Nähe des vereinbarten Treffpunktes. Die Zelte waren in der Mittagsstunde aufgeschlagen, das verhieß nichts Gutes:


