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[anqe und erfolgreiche Wacht gegen die umherstreifcnden und mordenden Indianer gehalten hatten, kamen die Regierungssoldaten („sie waren reguläre Diebe und benahmen sich wie in Feindesland") und nannten Fort Independance „Fort Sauerkraut". Aber die Osfiziere lobten die zweckmäßige Anlage und den Mut der Deutschen und empfahlen di« Beibehaltung des Notforts. ,,
Das ist, sehr roh, die Geschichte des deutschen Forts Jndependance in Amerika am Platz des erträumten Neu-Washington und des heutigen sehr amerikanisch-realen stillen Landstädtchens Grand Island in Nebraska.
Wie man derlei deutsche Geschichten, die ich so glücklich bin aus manchen Teilen der Erde zu kennen, erfährt, werde ich oft gefragt. Dafür denn dies als ein Beispiele der Dichter geht mit einem Roman von der deutschen Auswanderung schwanger. Wir waren viele Monate durch die südlichen und westlichen Staaten der Union gefahren, suchend und fragend, und das Ergebnis war gering. Eines Tages in den Rocky Mountains am gespenstigen „Campfeuer", wo sich nach Einbruch der Dunkelheit die vielen in einem solchen Waldlager zusammenströmenden Automobilreisenden zu versammeln pflegen, hören wir in unserer Nähe Deutsche sprechen. Nun ja. es sind die Herrn Schröder, Vater und Sohn, die Familie spricht auch in der zweiten Generation noch Deutsch, was nicht gerade die Regel bei den Amerikanern deutscher Abkunft ist. Vater Schröder ist vor 70 Jahren als «in fünfjähriges Kind mit seinem Vater von der deutschen Waterkant ausgewandert. Ob es dem Vater in Deutschland schlecht ergangen sei? O nein, der Vater war ein Bauer mit 70 Morgen. Aber sein ausgewanderter Freund hatte ihm geschrieben, im Lande Nebraska fliehen die Flusse von Milch, und man braucht nur nachts die Stalltllr offenstehen zu lassen, dann kommen die Büffel der Prärie, lassen sich anketten und werden Haustiere. Vielleicht hatte der Freund nur einen saueren Scherz gemacht, genug, Altvater Schröder verkaufte seinen Hof und zog nach Nebraska. Aber da mangelte es nicht nur an Milch, sondern auch an Wasser in den Flüssen-, die Indianer ritten noch umher, und die Büffel legten sich nur nach Empfang einer Kugel nieder. Der Farmer brach das Land der Prärie um. Die erste Ernte war glücklich, doch die zweite und auch die dritte fraßen die Heuschrecken. Und als die vierte Ernte in Frucht stand, roch es eines Abends brenzlich. Der Alte ging hinaus, nach den Wassertonnen zu sehen, da brauste ein Präriebrand über das Settlement, und der Sohn fand den Vater am anderen Morgen in der Asche des Mais- feldes verkohlt. Nun ja, man fing von vorne an und arbeitete sich hoch, und heute sitzt man in einer blühenden deutschen Kolonie am Platte-River. Wie weit ist das von hier? 700 bis 800 Meilen! Richtung? Ostsüdost! Ich komme hin! Allright! , „
Ja glücklichen Siedlungen ist nicht viel an merkwürdigem Menschenschicksal zu finden. Wir fuhren einige Tage eine Strecke, die der von Hamburg bis Wien gleichkommt, durch Steppen und durch unbeschreiblich eintönige Gefilde entlang dem Platte-River in Hitze und Staub. Das Automobil war ein Schlafwagen. Ich habe selbst am Steuer— glaube ich — zeitweise geschlafen. Unb es kam bas „enttäuschende Glück der Ansiedler.
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Verschollene Romantik.
Schmucksorm und Gebrauchsform im Hausrat.
Von Dr. Margot Rieß.
Jeder der älteren Generation Zugehörige erinnert sich noch mit einem seltsam zwischen heimlicher Sehnsucht und Glück des Entronnensems, die Mitte haltendem Gefühl an jenes Heer attrappenhafter Niedlichkeiten, das im Wesentlichen da zu fein schien, die harmlosen alltäglichen Handhabungen, das Deffnen, Schließen, Eingießen, Ausschütten, Nehmen, Stellen, Schieben, eben den Verkehr mit den Dingen der nächsten Umgebung nach Möglichkeit zu erschweren, ihn so reibungsreich wie nur möglich zu gestalten, mindestens aber von dem schlichten Anspruch, bedient zu werden, weitgehend abzulenken. Um etwa eine Stehlampe anzufassen, mußte man seine Hand erst durch ein Gestrüpp dorniger Bronzegirlanden winden; ein Aschenbecher trat mit dem Anspruch auf, daß man erst einmal das seine Gebrauchsfunktion tunlichst verheimlichende, ihm eingepreßte oder aufgemalte Bild, den Mailänder Dom, den Jager von Kurpfalz ober Wotans Abschied von Brunhilde darstellend, bestaune, ehe man ihn — nun fast verlegen gemacht — zum Gebrauch gerabeju ent= weihte- ober ein Drache, eine Schlangenjungsrau ober em z^huesietschen- ber Mohr versperrte einem breift den Weg von ber Hanb 3um Ding, mit dem Erfolge, daß einem am Ende nichts mehr recht „von bei Doud gehn wollte. Nicht vor ber Küchenschaufel unb nicht vor der Haarbürste machte jene verzierungswütige Epoche Halt, kein Seifennapfchcn, kein Mülleimer war ihr heilig, alles muhte zu irgenbroeldjcn fernabltegenben Assoziationen Anlaß geben; benn man wollte nun einmal Romantik und Illusion um jeden Preis, fei es auch um den der selbstverständlichen Bequemlichkeit und — Abwafchbarkcit! Und das Fatalste dabei war. dies ganze Aufgebot an Relief-, Buntdruck- und Perlenstickerei gewordener Allegorie, Epik und Historie geschah nicht wie in wahrhaft kunstfrohen Zeiten nach dem Gesetz eines schöpferischen Ueberslusses, sondern aus Formunsicherheit unb Jnstinktentwöhntheit.
Nur selten macht man es sich ja klar, wie groß ber stumme Einfluß ist, ben bie zum täglichen Gebrauch bienenben Dinge auf uns ausuven, wie burchaus abhängig wir in unserem ganzen Wohlbefinden von ihrer helfenden Bereitschaft, ihrem mehr ober weniger felbstverstanblichen Em- georbnetenfein in unsere Umgebung finb. Wir besitzen eine uns oft u - bewußte Empfindlichkeit dafür, ob und in welchem Grad diese Dinge bereit zum Dienst sich willig in unsere Hand schmiegen oder ob sie ein mehr oder weniger dekoratives Eigenleben führen, das sie wohl zui Schmuckstück, nicht aber zum Gebrauchsgerät taugen laßt.
Allerdings haben die Menschen anderer Zeiten, ihrem ganz andern Lebenshabitus entsprechend, anderes von den ihnen alltäglich dienenben Dingen verlangt als wir, denen die Schlagworte „Neue Sachlichke , „Ueberroinbunq des Ornaments", „Materialgerechtigkeit , „Zweckmäßigkeit" ufw. so zur selbstverständlichen Forderung wurden, daß sie uns zum Teil wohl auch den Blick für Berechtigung und Schönheit andersartiger
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Gestaltungen im Gebrauchsgerät verdunkelt haben. So „vertragen" mir es heute einfach nicht, gewisse Zierate, Ein- und Ausbuchtungen, Einkerbungen, Buckelungen, Durchlöcherungen ber reinen nackten Formgestalt an Tellern, Löffeln, Lampen usw. zu sehen, weil mir in unserer Nervosität allem Zeit- unb «Raumraubenben abhold, unduldsam gegen alles geworden sind, was eine Verschleierung, einen Umweg zu dem Endziel des direkten Gebrauches darstellt.
Meistens wollten die Dinge früher auch immer nach Möglichkeit etwas anderes, mehr fein als sie waren: das Salzfaß ein Frachtschiff, der Markenbehälter eine Goldtruhe, das Eierkäftchen ein Reliquienfchrein.
Eines Tages aber machten die Dinge Revolution (dzw. der Deutsche Werkbund räumte unter ihnen auf, und nun wollte jeder für sich etwas, seines eigenen Wertes bewußt, fein: das Salzfaß eben ein solches, das Eierkäftchen desgleichen, ufw. Der Henkel brauchte keinen Drachen mehr barzuftellen, der Anfasser keinen Bocksfuß, um gebrauchsfähig zu [ein. Es ging plötzlich auch so. Natürlich ist es unmöglich, einen fo gewaltigen Umschwung, ber einen fo großen Verzicht auf altgeheiligte Rechte der Phantasie, des angestammten Schmuck- unb Zierbedürfnisses ber Menschen in sich einschließt, isoliert mit alleinigem Bezug auf bie täglichen Gebrauchsgegenftänbe zu betrachten. Iebe Gebrauchsform muh ja in eine bestimmte Atmosphäre, einen bestimmten Lebensstil hineinpassen. „Eines schickt sich nicht für alle", gilt auch für Zeiten, nicht bloß für Menschen. Kunst, Mobe, Sprache, gesellschaftliche Formen, soziale Struktur, alles bebingt sich gegenseitig, eins prägt das andere in stetiger Wechselwirkung. Auf bie verfchiebenen kulturell-wirtfchaftlichen Voraussetzungen kommt es hier wesentlich an. Als der beglückend enge Zusammenhang von Kunst und Handwerk noch nicht durch die wirtschaftlichen Verhältnisse gelockert war, als bie zum Teil von den größten Meistern, wie Albrecht Dürer unb Holbein, entworfenen Nürnberger unb Augsburger „Mobelbücher" mit Vorlagen für Pokale, Leuchter, Uhren, Kamine in alle Welt gingen, konnte man sich all ben häuslichen Zierat schon lieber bieten lassen — hatte er doch hier oftmals gerabe ben entgegengesetzten Sinn wie in dem Neu-Rokoko des Maschinenzeitalters: nicht ben, Form unb Funktion des Dinges zu verheimlichen, sondern im Gegenteil zu betonen und herauszuarbeiten. Man denke da z. B. an bie trotz ihres Reliefreichtums solide und wuchtig wirkenden Grundformen mancher bronzenen Mörser des 15. und 16. Jahrhunderts. Traurig wurde es erst, als der besonders in den Golbschmiedearbeiten bes späten 18. Jahrhunberts noch einmal herrlich aufblühende Spieltrieb beim Formen ber Alltagsgeräte im formentfrembeten Zeitalter der Technik längst geschwunden war und man nur noch nach dem Grundsatz „möglichst viel fürs Geld" einen Schwulst an allegorischen und historischen Szenen da anbrachte, wo sie denkbar unangebracht waren — die Literatur mußte ersetzen, was an gesundem einfachem Formempfinden abhanden gekommen war.
Da die alten Meister der ßegenbenbarftellung die schöne Naivität besaßen, bas Wanbeln und Wirken ihrer Heiligen mitten in ihre eigene häusliche Umgebung zu versetzen, sind Bilder wie etwa die Darstellung ber Hochzeit zu Kana, bes Abenbmahls u. a. für uns eine bequem erreichbare Quelle zum Slubium des Gebrauchsgerätes vergangener Zeiten. Krüge und Tischgeräte etwa auf Vernarb da Sienas „Hochzeit zu Kana" aus dem 14. Jahrhundert würden sich z. B. ganz merkwürdig gut in unsere „Neue Sachlichkeit" einfügen, da ihrer Hauptforderung, die Form ganz schlicht im engsten Anschluß an ihre jeweilige Funktion zu entwickeln, eben auch hier restlos genügt ist.
Gehen wir von hier einmal zur erst kürzlich und vielfach erst theoretisch überwundenen Gebrauchsform der immerhin schon „aufgeklärten" letzten Generation. Vor mir steht da z. B. eine metallene Geldkassette in Form einer Truhe. Ihre Fassade ist durch ein Goldblechband gekennzeichnet, das in getriebener Reliefarbeit Weintrauben in Blättern sehen läßt. Der ganz modern eingestellte Betrachter hat hier pflichtgemäß zu stutzen: ein Ornament, schön, wir wollen nicht fo fanatisch sein. Aber warum ausgerechnet Weintrauben? Soll jedesmal, wenn ich meine erspurten Groschen ober Taler bem Kästchen entnehme ober es in ent- sprechenber Weise fülle, mir bas Wasser im Munbe zusammenlaufen bei dem Gebauten an Weintrauben auch im kältesten Winter — ober soll ich bei bem geschilberten simplen ökonomischen Akt gar bacchantisch gestimmt werben? Halt — etwas hat sich ber Entwerfer (warum ihn gleich Künstler nennen?) doch wohl gedacht; die in runde Beeren aufgeteilten Trauben enthalten, ganz abgesehen von ihrem süßen ober sauren Sach- inhatt ein äußerst betoratioes Element in sich. Aber bann ist dieses eben als solches herauszugreifen ohne Rücksicht auf ben naturgeschichtstreuen Wert dieser botanischen Erzeugnisse. D. h., eine Rhythmisierung der Flache vermittels jener sich in umgekehrten Pyramiden türmenden Kügelchen sei erlaubt — nur muß es sich auf einer dem artfremden Gegenstände angemessenen, gleichsam denaturierten Ebene zutragen, damit nicht wie auf jenem —, auch zu Unrecht verherrlichten griechischen Gemälde die Sögel kommen und daran picken! ,
Ist nun auch die Zeit dieser und ähnlicher uns fo sympathisch gewesenen Dinge für uns vorbei, wie die Zeit der triumphbogenartigen Tafelaufsätze" der säulengetragenen Nähtischchen, ber weitausladenden Fayenceterri'nen, des blumen- und puttenreichen Tafelsilbers, so braucht man deshalb noch lange keine Furcht vor einer Verödung unseres Alltags zu haben. Statt einer für uns doch nicht mehr naiv erlebbaren Alltagsromantik nachzutrauern, freue man sich an dem geheimen Tanz reiner Formen, dem sinnvollen Jneinandergreisen glatter Flächen und Kurven Wieviel heimliche Musik kann etwa in der Rundung einer glatt- geformten Kristallschale liegen, wieviel Rhythmus und Physiognomie in ber Reinheit unb Strenge der prunklosen Fassade eines gut aufgeteilten Schrankes. Aesthetisch ganz neue Möglichkeiten geben S-B. auch die erst kürzlich in den Gebrauch gekommenen Kochgeschirre, Tassen, Eß- und Suppenteller aus hitzebestäiibigem und feuerfestem Jenaer Glas.
Jedenfalls braucht auch die heutige, auf äußerste Rationalisierung gestellte Zeit auf Schönheit im Alltagsgerät nicht zu verzichten. Innerhalb ihrer nur oberflächlichem Blick fo beschränkt schauenden Grenzen ist es durchaus möglich, ein Gebrauchsding zweckdienlich unb zugleich für Tast- unb Augensinn erfreulich zu formen unb zu gestalten.


