etwas viel, auch für abgehärtete Nerven, kalter Schweiß stand auf meiner Stirne. Es mußte ein wirkliches Gespenst sein, denn ich war damals ein Pistolenschüße, der auf zehn Schritte Entfernung seine Namenszüge in ein Brett zu schießen vermochte. Viermal schoß ich noch und ebensooft spuckte das Gespenst die Kugeln aus. Als ich die letzte Patrone verschossen hatte, stach mich das Gespenst aus zwei Meter Entfernung ins Bein. Ich gab mich besiegt, kroch unter die Decke und klapperte mit den Zähnen. Nach einer Weil« lugte ich hervor. Das Gespenst war weg.
Am nächsten Morgen sand ich die ausgespuckten Kugeln auf dem Boden. Es waren tatsächlich die zu meiner Pistole gehörigen. Sonderbar nur, daß an ihnen keine Spur des Dralls zu sehen war. (!8ei gezogenem Laus kerben sich durch den Abschuß Rillen in das Geschoß.) Dieser Umstand und das Morgenlicht ließen mich neuerdings an dem Ueberirdischen der Erscheinung zweifeln. Längs meiner Zimmer und der Front des Hauses lief gartenmärts ein Balkon und durch die Tür, die dorthin führte, mußte das Gespenst verschwunden sein. Ich beschloß, den Geist auf seine Echtheit zu prüfen und mich gleichzeitig zu rächen. Ich lud meinen Revolver und legte ihn in die Nachttischlade, begab mich in die Stadt und kehrte erst gegen Abend wieder. Als ich den 'Revolver nun untersuchte, fand ich meinen Verdacht bestätigt: die Geschosse waren aus dem Magazin entfernt worden und nur die Patronenhülsen waren drinnen. Ich ließ alles wie es war, füllte aber ein Reservemagazin mit neuen Patronen und steckte es in die Tasche. Dann löste ich mit einem Jagdmesser vom Bodenbelag des Balkons vor meinem Zimmer vier Bretter pon den Nägeln, um sie später sofort entfernen zu können.
Nach diesen Vorbereitungen ging ich zum „Grünen Baum", blieb dort lange, trank aber mäßig. Bei meiner Heimkehr tat ich, als wäre ich schwer betrunken. Vom Balkon entfernte ich leise die Bretter, wechselte die Magazine meines Revolvers, löschte das Licht, ging zu Bett und erwartete das Gespenst. Alsbald öffnete sich langsam die Tür zum Nebenzimmer, herein kam lautlos das Leuchtgespenst und bezog seinen Platz in der Mitte des Raumes. Ich zielte und dann sagte ich: „Liebes Gespenst, ich zähle wieder bis drei. Bist du dann noch da, so schieße ich, diesmal aber wird jeder Schuß sitzen, denn ich habe die Patronen ausgewechselt. Du wirst lachen! Eins! Awei..."
Das Gespenst war schon bei der Balkontür, riß sie auf und — plumps — war es durchgefallen. Unten angekommen schrie es mörderisch, es leuchtete noch immer, auch bemühte sich schon ein älterer Herr darum. Es hatte sich ein Bein gebrochen. Ich beleuchtete die Situation mit meiner Taschenlampe. Das Gespenst hatte sein Gesicht mit Leuchtfarben bemalt und entpuppte sich als der hoffnungsvolle Sohn des Hausbesitzers a. D. Der ältere Mann war der Herr Papa. Ich gab diesem eine Abreibung und empfahl ihm, innerhalb von vierundzwanzig Stunden endgültig aus dieser Gegend zu verschwinden und den Herrn Sohn mitzunehmen. In meinem Zimmer fand ich zwei meterlange Nadeln, die das Gespenst bei seiner Flucht weggeworsen hatte.
Stolz wie ein Drachentöter machte ich am Morgen Lieselottchen und ihren Lieben vom Ende des Schemens Mitteilung. Um so erstaunter war ich, als noch am selben Abend Lieselotte zitternd in mein Zimmer stürzte, behauptend, sie habe schon wieder ein Gespenst gesehen und fürchte sich schrecklich. Um vor Geistern endgültig Ruhe zu haben, entschloß ich mich daher, sie zu heiraten.
Sie wollten Washington verlegen.
Von Josef Ponten.
Die Hauptstadt eines Landes, nicht wahr, sollte in der Mitte des Landes liegen. So wie Madrid genau, Paris und Berlin annähernd in der Mitte ihrer zugehörigen Länder liegen. Die Räteleute übertrugen den Charakter der Kapitale vom randlichen Petersburg auf das zentrale Moskau.
Als man im Jahre 1790 nach Erringung der Unabhängigkeit daran- ging, dem Bund der jungen amerikanischen Kolonialstaaten eine Hauptstadt zu bestimmen und also 1791 der französische Major L'Enfant den Plan der Stadt Washington „auslegte", da hatte man eine Stelle gewählt, die genau in der Mitte der dreizehn damals die Union bildenden Gründerstaaten lag. Aber die Union dent« sich bald in die fast leeren und zum Teil herrenlosen Räume des inneren Kontinents aus, die abenteuerliche Zeit des „winning of West" begann. Nach einem halben Jahrhundert war das Ziel erreicht, Kalifornien war gewonnen, die Union erstreckt sich quer durch den Kontinent von Ozean zu Ozean.
Und wo lag jetzt die Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika in bezug auf die Räume des Landes? Sie lag und liegt 2250 englische Meilen oder 3600 Kilometer entfernt von San Franzisko. Man denke sich, Konstantinopel würde die Hauptstadt künftiger vereinigter Staaten von Europa fein, eine Rolle, die offenbar Wien zufallen muß (es besitzt schon die dafür nötigen Staatsgebäude). Man fährt heute von San Franzisko nach Washington in ununterbrochener Eisenbahnreise vier Tage und Nachte, im Automobil bei der außerordentlichen Tagesleistung von 223 Meilen (ungefähr die Strecke München—Leipzig) zehn Tage. 'Uber was ist das gegen früher! In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor dem Zeitlalter der Eisenbahnen, in dem des „gedeckten Wagens", dauerte die Reise ein halbes Jahr.
211(0 war es kein schlechter, sondern durchaus natürlicher Gedanke, daß die Lage der Hauptstadt der veränderten Raumgröße des Landes angepaßt werden müsse. Viele dachten ihn gewiß, und siehe da, im Kopfe des Bankmannes A. H. Borrow uerbidjtete er sich zu Plan und Gründung. Damals spekulierten die Banken mit Landerwerbungen und Landkäufen in den Räumen westlich des Mississippi genau so wie heute in denen von Florida. Damals waren die unermeßlichen Länder zwischen dem Missouri und dem Felsengebirge noch ganz frei von weißen Siedlern, mit Ausnahme von Utah, wo wenige Jahre vorher die „Heiligen der letzten Tage", die Mormonen, den chiliastischen Versuch ihres Gottesstaates begonnen hatten, der in der heutigen riesigen und profitabel™ Industrie der Bergwerke und Metallschmelzen von Sait Lake City geendet hat. Uni cs vorweg zu sagen: die ersten Siedler in den Räumen zwischen dem großen
Fluß und dem großen Gebirge, in den dem Namen nach jedem Knaben bekannten „Prärien", waren Deutsche.
Schleswig-Holstein stand um die nämliche Zeit unter dänischer Herrschaft. Im achtundoierziger Jahr empörten sich die Herzogtümer. Preußen erkannte die provisorische Regierung und Kiel als Hauptstadt an, der Kampf ging bis 1852, dann erfolgte die Unterwerfung der deutschen Empörung unter die erneute dänische Herrschaft. Aber in solcher Zeit der üblichen Verfolgung der Freiheitskämpfer von 1847—1857 wanderten viele Schleswig-Holsteiner aus, „um in Amerika eine weitere Freiheit zu suchen". 1849 segelte eine Gruppe von Hamburg ab unter russischer Flagge, verfolgt von dänischen Kriegsschiffen. Man kam in acht Wochen bis nach Reu-Orleans. Viele starben auf der Reise an der Cholera. Wilhelmine Hange, spätere Frau Stolley, verlor Mutter, Bruder, Schwester. Der Führer war der Lehrerssohn Wilhelm Stolley aus Marder, erst 18 Jahre alt, ein äußerst energischer junger Mann. Man reifte den Mississippi hinauf und fiedelte bei voraufgegangenen Landsleuten an der damaligen Weftgrenze der weihen Siedlungen, im Lande Iowa zwischen Mississippi und Missouri.
In Dawenport in Iowa hatte Mister Borrow seine Bank. Er kannte die Deutschen, er hielt sie für die richtigen Gesellen, seinen Plan durchzuführen. Fleißig und phantastisch — Leute mit solchen Eigenschaften sind geeignet, im leeren Nichts die Hauptstadt eines Reiches und Kontinents zu gründen. Stolley, damals 26 Jahre alt, war ein „storehalder“, er hatte einen Laden, er hatte weitreichende Beziehungen zu den Siedlern, er warb unter ihnen, er wurde der Führer der kühnen, mit Welt- rolle-Koder geangelten Gesellschaft.
25 Männer und 6 Frauen schlossen den Siedlungsvertrag. Die Dawenport Co. hatte theoretisch gut kalkuliert. In dem neuen Land in der Prärie sollte jedem Siedler 320 Acres Land zugewiesen werden. Das erlaubte die „Territorial Legislature of Nebraska“ — denn Nebraska am Platte-River, wo noch die Pawneeindianer auf den weiten Grasflächen den Bison jagten, war das Land der Spekulation. Aber ein Gesetz der Union erlaubte nur 160 Acres Land als Siedlerzuweis. Run, da sollte jeder Siedler eben 160 Acres der Kompanie überweisen. Dafür wollte die Gesellschaft ihm 10 „lots“, Anteile, am Boden in der neu zu gründenden Hauptstadt der Vereinigten Staaten überlassen. Keine schlechte Spekulation für beide Teile. Die Kompanie würde in den Besitz von vielen Acres kommen — würden 1440 Acres den Siedlern überweisen, so verblieben 2560 Acres der Kompanie. Der Kongreß erwog den Bau einer Irans« kontinentalbahn, die dem Platte-River folgen und von einer Zweigbahn westlich des Missouri von Nord nach Süd gehend, geschnitten werden sollte. Der Kreuzungspunkt würde natürlich «in Verkehrs- und marktpolitisch wichtiges Zentrum werden. Die Bankherrn zerbrachen sich ihr« smarten und die Deutschen ihre eigensinnigen Kopfe, ob das wichtige Zentrum des Westens und di« neue Hauptstadt von Amerika Neu-Washington ober Neu-Philadelphia heißen sollte. (Die erste Hauptstadt der dreizehn Kolonien des Ostens war Philadelphia gewesen.)
Es war unnötig, sich die Köpfe zu zerbrechen, denn das Unternehmen fallierte mit der fallierenden unterstützenden Bank. Aber die Deutschen saßen nun da in den Büffel- und Jndianerprärien am Platte-River. Abziehen? O nein, die Deutschen haben dicke Schädel.
Allzu beschwerlich war schon die Reise gewesen — die von Iowa her, ganz zu schweigen von der Fahrt im Choleraschiff nach Neu-Orleans —, als daß man nicht Früchte von ihr fordern sollte. Ging nicht ein phantastisches „Neu-Washington", die Hauptstadt eines ungeheueren Reiches aus deutschen Siedlerfäusten in der leeren Prärie hervor und wurden die Farmerspekulanten nicht amerikanisch reich, so entstand doch endlich ein 10 000 bis 20 000 Einwohner zählendes hübsches Städtchen am Platte- River und die Gründer brachten es in Mühen und Gefahren zu einer anständigen Existenz und zu bescheidenem Wohlstand. Was für Mühen und Gefahren! Ich kann sie hier nur ganz flüchtig skizzieren.
Also man wartete, bevor man von Iowa startete, das Frühjahr ab, bis Gras auf der Prärie gewachsen war, um die Zugochsen zu füttern. Man hatte fünf leinwandgedeckte Wagen und für diese 16 Joch Ochsen, auch eine Kuh und ein paar gute Hunde. Die Expedition war 35 Köpfe stark, sechs Mitglieder waren Frauen und es war auch ein vierjähriges Kind im Auswandererzug. Auf den Wagen lag der unentbehrlichste Hausrat, auch Munition und Schmiedewerkzeug. Nach einem Monat Fahrt wurden die von langsamen Ochsen gezogenen Wagen von zwei Pserde- suhren eingeholt. Gespräch und mißtrauisches Aussragen. Donner und Doria, diese fremden Amerikaner wollen an eben dem Platte-River, dort, wo der Wood-River einmündet — gerade das ist die Stelle für „unser" Neu-Washington —, eine Stadt gründen! Die Amerikaner sind glücklicherweise geschwätzig, aber die Deutschen schweigsam. Allseitige Beratung der Deutschen im Präriegras — und in der Nacht machen sich alle beim Ochsenzug entbehrlichen Männer zu Fuß auf, um vor diesen unverschämten Fremden am Platz von Neu-Washington anzukommen. Es glückt; die von den Deutschen selbst voraufgesandten $ermef|ungsbeamt«n der Regierung messen den Farmern ihr Land zu.
Aber da gab es harte Arbeit und die Enttäuschung des Bankbruchs, wovon zu berichten viele Seiten füllen würde. Ich wüßte von heldischen und komischen Geschehnissen zu erzählen. Es wäre schade um sie, wenn ich sie hier in der Andeutung, die an diesem Platz nur möglich wäre, preisgäbe. Es wird sich eine geräumigere Gelegenheit finden.
Im allgemeinen lebten die nun bescheiden farmenden Deutschen in friedlichen Beziehungen zu den Indianern. Als aber der Bürgerkrieg zwischen den Weißen der Union ausbrach, glaubten die Roten ihre Stunde gekommen. Die Cheyenne, die Arapahoes, die Sioux standen auf! Es wurde unbehaglich im Settlement. Das Platte-River-Tal war in Panik. Selbst die Offiziere von Fort Kearney, einige zwanzig Meilen den Fluß aufwärts, rieten den Deutschen, ihre Farmen zu verlassen, die Garnison könne sie nicht schützen.
Aber die Deutschen sagten nein! Das Blockhaus, das den Laden von König und Wiede beherbergte, wurde mit Wall und Graden befestigt. Turme wurden an den Ecken des Rasenwalls errichtet. Die Kommandos wurden verteilt. „Fort Jndependanee" war fertig. Ms endlich die Siedler


