E>i''ne.
Roman von Theodor Fontane.
lFortjegung.i
„Meine Hochzeit, lieber Baron, wenn sie überhaupt stattfindet, wird mutmaßlich einfacher verlaufen. Ich habe nicht unter den Komtessen des Landes gewählt und bin, von unferm Standpunkt aus angefehn, eine gute Stufe herabgestiegen.. ."
„Auch das hat seine Vorzüge. Jung« Bourgeoise?"
„Nein, Baron, Sie müssen noch eine Stufe tiefer. Ich habe vor, die Zustimmung des Mädchens vorausgesetzt, mich mit der Schwester der Pittelkow zu verloben, mit Stine."
Der Baron war aufgesprungen. Er faßte sich aber schnell wieder und sagte, während er sich fetzte: „Sie werden Ihre Gründe gehabt haben. Außerdem weiß ich aus hundert Erlebnissen, um nicht zu sagen aus eigener Erfahrung, welche Launen Gott Amor hat und in welchen Sprüngen und Abweichungen er sich gefällt. Man kann beinah sagen, er hat eine Vorliebe für den Ausnahmefall. Aber Ihr Onkel? Ihre Familie?"
„Das eben ist es, Baron, weshalb ich zu Ihnen komme. Daß meine Familie niemals zustimmen wird, ist mir gewiß, auch liegt es mir fern, nur den Versuch dazu machen zu wollen. Ich respektiere die herrschenden Anschauungen. Aber man kann in die Lage kommen, sich in tatsächlichen Widerstreit zu dem zu setzen, was man selber als durchaus gültig anerkennt. Das ist meine Lage. Meine Familie kann den Schritt nie gutheißen, den ich oorhabe, braucht es nicht, soll es nicht, aber sie kann ihn gelten lassen, ihn verzeihn. Und diese Verzeihung macht ich haben, nichts weiter. Ich will keine guten Worte hören, aber wenns sein kann, auch keine ! bösen. Es genügt mir, einer gewissen Teilnahme sicher zu sein, in der sich dann, aufs letzte hin angefehn, doch immer noch ein Rest von Liebe birgt. Und mir diese Teilnahme zu gewinnen, dazu bedarf ich eines Anwalts. ; Glauben Sie, daß mein Onkel geneigt fein könnte, dieser Anwalt zu sein? I Sie kennen ihn besser als ich. Er gilt für stolz bis zum Hochfahrenden, ! andrerseits hab ich ihn in Situationen gesehen, die die Kehrseite davon , waren. Sie wissen, Baron, welche Situation ich meine. Und nun sagen j Sie mir, was hab ich von dem Onkel zu gewärtigen? Sind Sie der Mei- ' nung, daß ich einer heftigen Szene voller Unliebsamkeiten und vielleicht voller Beleidigungen entgegengehe, so verzichte ich von vornherein auf ( den Versuch, ihn zu meinem Fürsprecher bei meinen Eltern machen zu 1 wollen." ।
Der Baron sah vor sich hin und wirbelte an seinem grauen, etwas mausrigen Schnurrbart. Endlich, als er einsah, daß er wohl oder übel sprechen müsse, warf er sich in den Schaukelstuhl zurück und sagte, während er jetzt ebenso nach der Zimmerdecke hinauf-, wie vorher zur Erde niederstarrte: „Lieber Haldern, wer rät, gerät leicht mit hinein. Und ich gerate nicht gern mit hinein; in nichts. Aber Sie wollen meine Meinung, und so muß ich sie geben und meine Vorsicht opfern. Nun denn, es scheint mir unerläßlich, daß Sie mit Ihrem Onkel sprechen."
„Ich freue mich dieser Bestätigung meiner eignen Ansicht."
„Sie müssen mit ihm sprechen, sag ich, auf alle Fälle, trotzdem ich weiß, daß er «in absolut unberechenbarer Herr ist und sich aus lauter > Widersprüchen zusammensetzt oder doch aus Eigenschaften, die danach aussehn. Er steckt, und insoweit liegt die Sache zunächst nicht allzu günstig für Sie, bis über die Ohren in Dünkel und Standesvorurteilen, und doch ist ebensogut möglich, daß er Sie küßt und umarmt und vorweg zu Gevatter lädt. Auf Ehr!"
Waldemar lächelt vor sich hin, aber es roar ein Lächeln, das mehr Zweifel als Zustimmung ausdrückte.
„Ja, Waldemar. Sie lächeln. Und wenn ich Ihren Onkel nach seiner Alltags- und Durchschnittslaune beurteile, so kann ich nur sagen, Sie haben ein Recht zu lächeln. Aber, um es zu wiederholen, er ist auch einer völlig entgegengesetzten Auffassung fähig, und ich hab ihn im Klub und auch sonstwo Dinge sagen hören, daß mir das Blut in den Adern starrte."
„Und in Fragen wie diese?"
„Wie Sie sagen; just in Fragen wie diese. War es vor oder nach dem Kriege, gleichviel, aber es sind noch feine zehn Jahre, daß sich der jüngste Schwilow mit der Duperre verlobte, Balletteuse conime il kaut. Sie werden sich ihrer erinnern und damals von der Sache gehört haben. Nun, Waldemar, wenn ich sage, die Duperre hatte, was Ruf angeht, einen Knacks, fo sagt das eigentlich gar nichts, den sie war ein Knacks vom Wirbel bis zur Zeh (die Zeh selbst war natürlich ihr Bestes), und alle Welt war außer sich, und der Klub ballottierte den armen Schwilow, den sie damals Schmilow und, ich weiß nicht, wie sonst noch nannten, heraus. I Lauter schwarze Kugeln. Was aber tat Ihr Herr Onkel? Er gab ihm mit Ostentalion eine weiße Kugel. Und als ich ihn auf dem Heimwege nach dem Warum fragte, blieb er vor der Rampe von Prinz Georg stehn, unten, wo die Bohlenbretter liegen oder wenigstens damals noch lagen, und perorierte so laut in die Behrenstraße hinein, daß die Schildwache bis an das Eisengitter der Rampe herantrat und ihnuntersah, um zu fehn, was es denn eigentlich gäbe. Und was war es, das er sagte? Das wäre der erste vernünftige Schritt, den das Haus Schwilow feit fünfhundert Jahren getan. Einer wäre beim Cremmerdamm, in der fogenann- ten .ersten Hohenzollernschlacht' für die neu kreierte Nürnbergerei gefallen, was grab auch nicht das Gescheiteste gewesen, seitdem aber schweige die Geschichte von ihnen, was ein wahres Glück sei, sie würde sonst nur von Imbeciles und im günstigsten Fall von allerlei Durchschnittsware zu berichten gehabt haben, von öden Mittelmäßigkeiten, die sich mit den umwohnenden Ihlows (die gerade so wie di« Schwilows waren) in einem fort versippten und verschwägerten und sich unausgesetzt der Aufgabe Hingaben, die sechzehn Ahnen, die sie schon zu Albrechts des Bären Zeiten
hatten, auf zweiunddreißig, v'ierundsechzig und hundertachiundzwanzig zu bringen. Was ihnen denn auch, wie nicht erst versichert zu werden brauche, längst geglückt sei. Denn schon beim Regierungsantritt des Großen Kurfürsten hatten sie die Zahl voll gehabt. Und in derselben riesigen Proportion, wie die Ahnenreihe, sei auch die Stultttia gewachsen, die einzig historisch beglaubigte Ahnfrau des Geschlechts. .Und nun passen Sie auf, Papageno' (so schloß er), ,wir erleben es freilich nicht mehr und können es nur von einem andern Stern aus — vielleicht von der Venus, was mir das liebste wäre — beobachten, aber das sag ich Ihnen, diese Balletteuse bringt die ganze Sippe wieder auf die Beine; der ganze Stammbaum, der gerade deshalb für uns und die Menschheit so dürr ist, weil er für sich selbst so wunderbar grünt und blüht, kriegt wieder ein andres Ansehn, und wo bis jetzt immer nur Landrat oder Deichhauptmann stand, stehn, von Anno 1900 an, junge Genies, Feldherrn und Staatsmänner, und irgendein Skribifax schreibt ein dickes Buch und beweist durch Grab- fchriften und Tausscheine, daß die Duperrä die Tochter oder Enkelin des Admirals Graf Duperre gewesen sei, desselben prächtigen alten Duperrä, der 1830 Algier bombardierte, den Bei von Tunis gefangen nahm und fast fo vornehm war wie die Montmorencys ober die Lusignans. Glauben Sie mir, Baron, ich kenne Familien und Familiengeschichten, und mein Wort zum Pfände, wo das alte Blut nicht aufgefrischt wird, da kann sich die ganze Sippe begraben lassen. Und behufs Auffrischung gibt es nur zwei legitime Mittel: Illegitimitäten ober Mesalliancen. Und, sittenstrenger Mann, der ich bin, bin ich natürlich für Mesalliancen.'"
Waldemar sah vor sich hin. Dann nahm er das Wort und sagte: „Wohl, ich könnte mir einen Trost und eine Hoffnung daraus nehmen und eine freundliche Aufnahme beim Onkel wenigstens als eine Möglichkeit gewärtigen. Aber muß ich Sie, lieber Baron, an den alten, unferm gesamten Adel so geläufig gewordenen Satz erinnern: ,Ja, Bauer, das ist was andres? Immer der andre, der andre. Was für die Schwilows gilt, gilt darum noch nicht für die Haldems. Dem .andern', so denkt jeder einzelne, darf alles passieren, aber nicht ihm selbst. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, mit welcher Gleichgültigkeit alte Familien sich gegenseitig beurteilen und welches Arsenal von Spott verschossen wird, die sich gleichdünkenden und mitbewerbenden Mächte zu ridikülisieren. Aber dieser Spott, ich muß es noch einmal sagen, ist immer nur für den .andern' da. Was kümmern meinen Oheim die Schwilows? Je mehr Balletteusen, desto besser, denn mit jeder neuen Balletteuse hat er nicht bloß einen neuen Stoff für die Klub mein sance, sondern auch eine beständig erneute Veranlassung, sich mit immer wachsendem Stolze des ungeheuren Unterschiedes zwischen den verduperreten Schwilows und der oherpriesterhast rein gebliebenen Sarastro-Haldern bewußt zu werden. Das zieht sich durch all« Adelsgeschichten, wiederholt sich bei jeder Familie: je freier in der Theorie, desto befangener in der Praxis, desto enger und ängstlicher in der Anwendung auf das eigne Ich."
„Es ist, wie Sie sagen, Waldemar, und ich mag mich nicht verbürgen, daß es mit Ihrem Onkel anders steht. Aber steht es mit ihm, wie's wolle, Sie müssen ihm unter allen Umständen das Wort gönnen. Es bleibt doch immer die Möglichkeit seiner Zustimmung, und versagt er sie, nun so war es am Ende bloß der Onkel, bloß eine Halde Respektsperson, der man, wenn es zu toll kommt, den Respekt auch kündigen kann. Und da liegt der Unterschied zwischen Onkel und Vater. Einem Vater gegenüber, und wenn er einem das Furchtbarste sagt, muß man sich ruhig verhalten und sich das Furchtbarste gefallen lassen, das verlangt so das vierte Gebot. Aber das vierte Gebot schneidet scharf ab und versteigt sich, soweit mir bekannt ist, nirgends zu dem Zusatzparagraphen: ,Du sollst Onkel und Tante ehren'. Und das ist ein wahres Glück. Gott, Tante! Ich hatte auch mal eine, eine merkwürdige Frau, die Gott weiß was von mir verlangte, nur nicht das eine, daß ich sie ehren sollte. Beinah das Gegenteil. Nein. Einern Onkel gegenüber kann man sich seiner Haut wehren, einem Onkel kann man antworten und widersprechen und steht schlimmstenfalls Mann gegen Mann, und wär es mit dem Pistol in der Hand. Also nur vorwärts, Waldemar, vorwärts!"
Der junge Graf erhob sich, der Baron aber wollte von Aufbruch noch nichts wissen und drückte seinen Gast leise wieder in das Sofa zurück. „Ich bitte Sie, Waldemar, Sie werden doch nicht gehn, ohne meinen ßafitte gekostet zu haben. Ich weiß. Sie machen sich nichts draus, unter allen Umständen ist Ihnen die Stunde zu früh; aber ich lasse Sie nicht los, und wenn Sie nicht trinken wollen, nun so nippen Sie wenigstens. Anstoßen müssen mir doch, um dem Geschäftlichen einen ungeschäftlichen und, wenns sein kann, einen gemütlichen Abschluß zu geben.*
Während er noch so sprach, war er an einen Wandschrank getreten, der in seinem untersten Fach zugleich sein Weinkeller war, und kam mit zwei Gläsern und einer Flasche zurück. An der 2trt, wie er den Kork zog, erkannte man den Frühstücker von Fach, und nun goß er ein und stieß an. „Hören Sie, wie das klingt. So harmonisch soll alles klingen. Ja, harmonisch, das ist das rechte Wort. Und nun Ihr Wohl, Waldemar! Ich halte Sie nicht mehr lange fest, aber doch fünf Minuten noch. Ich muß Ihnen nämlich eine Liebeserklärung machen, die Sie mir zugute halten wollen. Sehen Sie, Sie haben ein fo gutes Gesicht, ein bißchen schwermütig, aber das tut nichts, das gibt einen Charme mehr, und ich wollte mein Leben darauf verwetten, daß Sie keinem Menschen je was .zuleide getan haben. Ich schloß Sie gleich in mein Herz, gleich den ersten Abend... Und nun bring ich noch eine Gesundheit aus, aber ohne Namen. Wozu sollt ich ihn auch nennen? Er steht ohnehin in Ihrem Herzen... Und sehen Sie, Sie sind mir seitdem noch lieber geworden. Im ersten Augenblick bekam ich einen Schreck, ich kann es nicht leugnen, und als ich nun gar noch einen Rat geben sollte, ja, das war mir ein bißchen zuviel. Aber das Diplomatische, das Offizielle, das liegt nun hinter uns, und ich kann nun sprechen, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Und da will ich Ihnen denn aufrichtig sagen, aber nur so ganz unter uns, Sie brauchen sich nicht auf mich zu berufen, ich freue mich immer, wenn einer die Courage hat, den ganzen Krimskrams zu durchbrechen."
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univ er fitäts-Buch« und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


