muß. Guck, Annegret, in so einem Haß gegen dein' Vater sein ich dir nachgegangen, bloß daß he den Schnuppen net merken sollt', daß ich sein geschworener Widerpart bin. Etz mußt du mir net zuschätzen, ich wär' einer, der so was hat leicht verrichten können. Vorn ein schön Gesicht machen und dahinter die Zung' heraushängen, war sonst meine Sach' net. Ja, wann's eine gewest wär', die kein ausgeblasen Ei wert war, da wär' mir das Beschmieren am End' net so schwer gefallen. Dir wegen — das gesteh ich offen — fein' ich in Bangigkeit und Plag' gewest. Dann ich fah, wer du warft, und krag Respekt vor dir. Unser Herrgott weiß, wie mich die Kumedie molestiert hat. Ich hab' kein' ruhigen Schlaf mehr gehabt. Und hat mich hin und her gezusselt, daß ich gemeint hab', ich komm' vom Verstand. Aber einmal im Gerenn' gab's kein Hiis zurück. Guck, Annegret, fo war's. Alleweil tu' ich mein schwarz Hemd aus und lass' der Wahrheit die Ehr'!"
Ihrer jungen Jahre ungeachtet war die Annegret schon durch mancherlei Bitternis gegangen. Was jetzt über sie hereinbrach, war mehr, als Fleisch und Blut ertragen konnte, traf sie ins innerste Herz. Auf den Karl hatte sie gebaut wie auf ihr Sprüchebuch. Wie geschrieben stand: „Du bist mein Fels, meine Burg. Du wirst mich mit deinen Fittichen decken." Ihm hatte sich ihr heiligstes Gefühl erschlossen, an ihm hatte sich ihre Hoffnung emporgerankt. Nun fah sie sich aufs schmählichste getäuscht. Und es war ihr, als müsse sie ihr zuckendes Herz in die Hände nehmen und den Glauben herausreißen an Gott und die Menschen. An ihres Vaters Schuld war nicht zu zweifeln. Doch was der Karl ihm auch vorgeworfen, es verblich vor der Schmach, die ihr widerfahren. Das Beste in ihr war mit Füßen getreten. Für alles andere hätte sie eher ein Verzeihen gehabt als für das Verbrechen an ihrer Liebe. Da sie jetzt vor dem Verräter stand, schien sie zu Stein erstarrt. Nur in der Tiefe ihrer Augen leuchtete etwas auf, das den Karl erbeben machte. Jede Sekunde, die sie hier länger blieb, dünkte ihr Erniedrigung ihrer selbst. Ihre Empörung aber, ihren wilden Schmerz raffte sie in das einzige Wort:
„Du Schuft!"
Und spuckte ihm ins Gesicht. Und ging.
X.
Noch vor Torschluß entfalteten die Parteigänger des Melchior Wallenfels eine fieberhafte Tätigkeit. Soweit ihnen die Pariser nicht zuvorgekommen waren, bezahlten sie die Steuerrückstände geringer Leute, damit diese als wahlberechtigt an die Urne treten tonnten. Der Brücken- hannes und der Jägermüller liefen von Haus zu Haus und versprachen das Blau vom Himmel,, dafern man ihnen Gefolgschaft leiste. Etliche Schlauberger nutzten die Gelegenheit aus, sich besondere Vorteile zu verschaffen. Der eine erwarb zu mäßigem Preis Gelände, auf das er jahrelang vergeblich geboten hatte, der andere erhielt die Erlaubnis, nach dem Hof feines Nachbarn ein Fenster zu brechen. Dieser erlangte den Verzicht auf eine Grenzmauer, jener schlug für seinen Garten einen Lattenzaun heraus. In der ,Krone", die dem „Lamm" gegenüberlag, floß das Freibier in Strömen. Eine Helferin war den Freunden des Altbürgermeisters erstanden, auf die sie nicht gerechnet hatten. Mitten im Sumpf des Parteigetriebes sproßte auf einmal als eine Blüte schöner Menschlichkeit das Mitleid mit der betrogenen Annegret empor und nahm dem Spechtskarl manche Stimme, die ihm sicher gewesen war. —
Endlich brach der Tag der Wahlschlacht an. Am Abend zuvor war dem Schiwwerkäsper unweit des Röderkopfs ein großer, schwarzer Mann begegnet, dem das Feuer aus dem Halse schlug. Zugleich hatte ihn eine Windsbraut gefaßt, daß er zu Boden getaumelt war. Der Stoffel im Stümpcheseck hatte von faulen Eiern geträumt. Das bedeutete Streit.
Um ein Uhr mittags begann die Wahlhandlung. Im Rathausfaal hatten der Altbürgermeister, drei Beisitzer und ein Kreisamtsgehilfe vor einem großen Tisch Platz genommen, auf dem die Urne stand. Die Beteiligung war zunächst gering. Erst gegen drei erschienen die Wähler, einzeln ober auch in Trupps von vier bis sechs Mann. In der Nähe des Rathauses befanden sich die Wahlbureaus. Jede Partei hatte ihre Liste, den Wahlgang zu überwachen. Unsichere wurden kurzerhand eingesperrt und bewacht, bis die Schlacht geschlagen war. Die Ortsangehörigen, die außerhalb arbeiteten, waren zeitig zusammengetrommelt worden. Für den Lohnausfall hatte man sie schadlos gehalten. Der Wollbart und der Krachköhler luden den gichtbrüchigen Schanzenpeter unter dem lebhaften Widerspruch seiner Frau auf einen Karren und brachten ihn vor das Rathaus. Der scheppe Anton wurde stark an- gesäusell ebendahin geschleppt und gab, verworrene Reden führend, seinen Stimmzettel ab. Die Pariser hatten dem Buschur und dem Pech- fetzer den Auftrag erteilt, den Gemeindeabdecker für ihren Kandidaten zu gewinnen. Der Abdecker leistete neben seinem Amt den Bauern im Viehstall als Geburtshelfer wertvolle Dienste. Schon vormittags gegen elf hatten sich der Vuschur und der Pechfetzer in seine Wohnung verfügt, hatten Bier und Branntwein auffahren lassen, in der Absicht, den Mann, wenn er sich einen Haarbeutel angetrunken habe, mit einem Zettel für den Spechtskarl bewaffnet ins Gefecht zu führen. Trinklustig und fidel hstte man schon ein paar Stunden verschwatzt, als plötzlich der Möhls- heinrich hereinstürzte.
„Schinner", keuchte er, „meine Scheck is am Kalben, ’s geht net vorwärts. Du mußt mit."
Der Schinder erklärte sich sofort zur Hilfeleistung bereit. Einmal bildete er sich aus seine „ärztliche Praxis" nicht wenig ein, bann waren ihm drei Mark für seine Bemühung gewiß.
„Daß du net ausbleibst", riefen der Buschur und der Pechfetzer ihm nach, „wir warten hier aus dich."
„Bekümmert euch net", sprach der Abdecker, „ich weiß, was ich zu tun hab'."
An der Hofreite des Möhlsheinrich empfing ihn die Bäuerin.
„Schinner, das Kalb is schon da. Aber deine drei Mark kriegst di doch. Als näher. Du seist unf Gast, 's is noch mehr Gesellschaft drin'
In der Stube stachen dem Schinder frisch gebackene Eierkuchen, leckere Bratwürste und eine Batterie Bierflaschen in die Augen.
Einer von den anwesenden Wallenselsianern machte den Vorschlag man wolle erst wählen, hernach schmecke das Essen um so besser. Gesagt getan. Jeder erhielt einen Zettel mit dem Namen des Altbürgermeisters, der Schinder wurde in die Mitte genommen, und der Trupp setzte fidf in Bewegung.
Unterdessen hatten sich der Buschur und der Pechfetzer, Unrat n>ib ternd, vor dem Rathaus aufgepflanzt und sahen voll Staunen und grimm, daß sie überlistet worden waren. Nachdem der Schinder seiner Wahlpflicht genügt hatte, schritt er mit einer stolzen Gebärde an de« Parisern vorüber und gönnte ihnen die Worte:
„Ihr braucht net mehr auf mich zu warten. Das Kalb is da. 6| lassen roir’s emal saufen." —
Je näher die Stunde der Entscheidung rückte, desto hoher schlugen bi« Flammen der allgemeinen Erregung. Dem Beispiel der Eltern folgend, hatte sich auch die Schuljugend in zwei Parteien gespalten. Die standen heut in Schlachtordnung auf dem Teufelsgrund einander gegenüber, Dabei setzte es gewaltige Hiebe. Auf den Straßen bildeten sich Gruppen von Männern und Frauen und berechneten die Aussichten der Kandidaten. Im Rathaussaal waren beide Parteien vertreten und maßen sitz mit drohenden Blicken.
Glock sechs wurde der Wahlakt geschlossen. Der Kreisamtsgehilfe, eim wohlbeleibter Herr mit blondem Spitzbart und angehender Glatze, öffnete die Urne und begann die Zettel zu fichten. Diese schienen sich eine Zeit- lang die Waage zu halten, allmählich aber schwoll bas eine Häuslein an.. Der dicke Balthes, den die Ungeduld verzehrte, platzte los: „Da kann man ja rein verzwatzeln!" Er wurde zur Ruhe verwiesen.
Nun war das Zählgeschäft beendet. Im Saal herrschte feierliche Stille..
„Herr Bürgermeister", wandte sich der Kommissar an den Melchior Wallenfels, der die Lippen fest auseinandergepreßt unbeweglich dasah, „ich kann Ihnen leider nicht gratulieren. Ihr Gegner Specht hat mii hundertsieben Stimmen gesiegt. Aus Ihren Namen sind zweiundachlziA Stimmen gefallen."
Der Bürgermeister erhob sich und versuchte seine Bestürzung hinter einem finsteren Trotz zu verstecken.
„So hat mir’s noch keiner gemacht wie der Specht", stieß er heraus. „Aber 's is noch net aller Tag' Abend."
Von seiner Anhängerschaft umgeben, verließ er daraus den Saat.
Alsbald wurde das Ergebnis der Wahl durch den Ortsdiener bekannt- gemacht. Wo die Schelle rappelte, öffneten sich die Fenster. Alt und jung, strömte zusammen. Unter wüstem Geschimpfe auf ihre Gegner und deren: Wahlumtriebe zogen die Wallenfeliianer in die „Krone". Die Pariser entsandten ihrer sieben, dem Spechtskarl die Siegesbotschaft zu überbringen.
In Erwartung der kommenden Dinge hatte die Spechtsmarie ein. Schwein geschlachtet. Festtäglich gekleidet trat sie der Abordnung entgegen. Die Freude halte die Spuren des nahenden Alters aus ihrem Gesicht verwischt, ihre Augen strahlten ein jugendliches Feuer.
„No, ihr habt's durchgesetzt", srohlockte sie. „Das heiß' ich eine gute Nachricht. Was wird dem Gewaltmensch die Speuze* fliegen! Etz fein, ihm die Bürsten ausgangen. Kommt erein, eßt und trinkt!"
Die Sieben hatten einen Hunger für zehn und machten sich ohne weiteres über die Speisen und Getränke her.
„Wo ist dann der Karl?" fragte der Pechfetzer, mit vollen Backen kauend.
„Wahrscheinlich im Stall", sagte die Spechtsmarie, „ich will ihn emal holen."
Der Karl hatte sich den Nachmittag über nicht von der Hofreite entfernt. Nach seiner Auseinandersetzung mit der Annegret war er zuerst wie verstört umhergegangen. Dann hatte er sich aufgerafft, die innere Stimme gewaltsam zu betäuben. Die Bürgermeisterstochter hatte er nach ihrem vollen Wert geschätzt. Wenn eine das Zeug dazu hatte, mit einem tüchtigen Mann in guter Eheschaft zu verwachsen, ihm unentbehrlich zu werden wie Luft und Licht, bann roar’s die Annegret. Heut bei der Arbeit hatte er der seltsamen Einbildung nachgehangen, es könne ihm doch noch beschieden fein, sich mit dem Mädchen ein friebfam Leben zu zimmern. So sah man manchmal abends, wenn die Sonne unterging, hinter den Wolken ein schön Stück Land und wußte, daß es im Duns! zerging. Hand aufs Herz. Er hätte es gar nicht über sich gewonnen, den Kreis zu durchbrechen, der einmal um ihn gezogen war. Zu laut sprach in ihm die Vergangenheit, zu fest war das Band, das ihn mit den Seinen verknüpfte. Zwischen ihm und der Tochter des Wul war eine Mauer aufgerichtet, die keine Macht der Erde niederriß. Daß ihn die Annegret verachtete, darüber hatte sie ihn nicht im Zweifel gelassen. Sie tat’s mit Fug. Man mochte die Sache drehen und wenden, wie man wollte, er hatie schlecht an ihr gehandelt. Der Makel blieb auf ihm haften. Wie er ein kleiner Hasenmatz war, hatte ihn seine Mutter gelehrt: das ist gut, und das ist döse, tu das eine und meide das andere. Nun, da er als Mann neben ihr stand, hatte sie selbst ihn angestachelt. Böses zu tun. Sollte er sie deshalb schelten? Nein. Wen das Unglück in den Klauen gehabt, den durfte man nicht mit allgemeinem Maß messen. Im Lebenskampf flössen halt Gut und Böse zusammen. Und waren der Rätsel fo viele. Die zu losen ging über Menschenkraft.
Aus feinem Grübeln weckte ihn die Mutter.
„Wo steckst du bann?" rief sie ganz aus bem Häuschen. „Unf Leut fein da. Du feist gewählt. Ich gratulier dir auch."
(Fortsetzung folgt.)
* der Geiser.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


