Bekehrung noch nicht bis zum Fenster gereicht hatten", ste kannten fie alle, jedes einzelne kannten fie. Ein besonderer, gemütlicher Ton, auf die gemeinsame Bekanntschaft mit einer Schwalbenfamilie begründet, verband sie mit der Kellnerin und Zimmerbesorgerin Marie.
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„Fräulein Marie!"
Die junge Frau war eines Tages auf eine anstrengende Kletterpartie vom Herrn Gemahl nicht mitgenommen worden. Sie sollte sich auf keinen Fall überanstrengen! fie sollte unbedingt einmal ruhen.
„Fräulein Marie!" rief sie vom Balkon, auf dem fie mit einer Handarbeit faß, in die Stube hinein, in der ein leeres Nest unter der Zimmerdecke verkündete, eine glückliche Familie fei heute zum erstenmale vollständig ausgeschwirrt. „Nun find Sie wohl froh und zufrieden, Ihren .Lieblingen das Nest gerettet zu haben?!"
Die Antwort war ein kleiner, tief auffchluchzender Seufzer, halb leid, halb Glück.
Dann eine Richtigstellung:
„Gnä Frau, Fräulein Marie paßt aber nicht auf mich. Ich bin Frau — Witwe Burger. Jäger Burger hieß mein Mann."
Vom Nestzerstören fing fie dann an zu reden. Sie wisse, was es hieße, ein zerstörtes Nest! Sechs Jahre hätten fie als stille Brautleute gespart, ihr Mann und fie, um sich ihres zu bauen. Gut feien fie einander gewesen. Sie hätte nach der Heirat noch mitverdient, als Aushilfskellnerin hier in der „Poft", wo fie Hauptkellnerin gewefen fei. Als ihr Kind geboren war, hat das ein bißchen nachgelaffen. Das Kind. — Das Kind! Sie konnte kaum reden vor lauter Liebe, als fie das erwähnte. Zwei Jahre fei fie mit dem guten Manne und dem herzigen Kind glücklich gewefen. Dann hatten fie ihr den Mann erschaffen, irgendeiner von den vielen Wilderern, die es in der Gegend gab. Wer — das fei bis heute nicht erforscht.
Die junge Frau fragte — von dem harten Unglück und dem harten Ton, in dem davon berichtet wurde — tief betroffen: „Und Ihr Kind?"
„In Nürnberg, bei meiner Mutter ist's. Hier hab' ich's nicht behalten können. Ich muß für feinen Unterhalt verdienen. — Seit drei Jahren ist's in diesem Frühjahr zum erstenmale mit der Mutter auf ein paar Wochen hiergewesen. So ein lieb's Ding ist's. Aber mich kennt's ja gar nicht. Mich mag's nicht. Ganz wild mit dem Kopf hat's geschüttelt, als ich bei der Abfahrt gefragt hab': Magst nicht bei mir bleiben, Meili?' Schlleßlich hat's ein bifferl gewinkt: .Komm doch du mit!' Lieber Gott, das hat mich schon so gefreut. So einsam bin ich dann aber heimgegangen."
Die junge Frau sah auf, als blicke sie aus finkendem Schallen wieder ins Helle. „Ja, Frau Burger, ginge das denn nicht? Möchten Sie das nicht?"
„Hab' keine Stelle bekommen können. Hab' mich ost und oft bemüht. Alles ist ja heutzutage so schwer!"
Daraus wußte die junge Frau vorderhand freilich kein kleinstes Trostwort zu sagen. Sie besann und bedachte es dann, als die Marie mit Zimmeraufräumen fertig und gegangen war — aber mit einem sehr netten, stillen Lächeln.
In den Tagen rüstigen Wanderns, den Abenden, Nächten und Morgen wohliger Ruhe unter dem Schwalbennest, war ihr Herz dem Herzen ihres Mannes so zutraulich nahegekommen, daß sie ihn nach seiner Heimkehr von der großen Tour einmal fragen wollte: ob es nicht möalich fei, in seiner Fabrik in Nürnberg eine so gediegene Person wie diese Schwalbenbeschützerin — vielleicht in irgendeiner Aufsichtsstelle — bei gutem Gehalt möglichst bald anzustellen.
Mauritius, die Insel der tausend Seltsamkeiten.
Ein Land mit 400 000 Einwohnern, das keiner kennt.
Von C. L. Stewart.
Mauritius ist in der ganzen Welt durch eine Briefmarke berühmt, die zu den größten Kostbarkeiten der Philatelie gehört. Im übrigen ist diese interessante Insel mit ihrer riesigen Einwohnerzahl eine der wenigst bekannten Gegenden der Erde. Der folgende Bericht über einen Besuch aus Mauritius darf darum wohl besondere Aufmerksamkeit beanspruchen.
Ich war nach Mauritius gekommen, weil mein Dampfer beauftragt war, ein paar hundert Tonnen Mehl abzuladen. Ich war darauf gefaßt, mich während des Aufenthalts an Land schrecklich zu langweilen. Denn was gab es schließlich hier zu sehen? Dann erfuhr ich, daß in der Hauptstadt Port Louis 40 000 Menschen lebten, Menschen jeder Nationalität, von der französischen bis zur papanesischen. Wo so viele verschiedene Typen sind, mußte es doch Interessantes geben!
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„You no can play. Must go ’wayl" — Kannst jetzt nicht spielen, mußt Weggehen!" Der ausdruckslose chinesische Croupier einer der vielen Spielhöllen in Port Louis, aus die ich zuerst stieß, bestand darauf, mir das Setzen von ein paar Rupien zu verbieten. Das Spiel wurde unterbrochen, während ich darauf wartete, daß er feine Meinung änderte. Vierzig schiefe Augen starrten mich aus Gesichtern von der Farbe alten Pergaments an. es war nichts aus ihren Gesichtern zu lesen — waren sie nur interessiert, oder planten sie kurzen Prozeß mit mir zu machen? üch versteifte mich nicht darauf, es zu ergründen. In der Stadt Port Louis gibt es eine ganze Reihe von Spielhöllen, die nach einem Klub- Prinzip betrieben werden und nur Abonnenten, die zur Aufrechterhaltung der Klubs beitrogen, zulasten. Solange fie bei diesem System bleiben, befinden sie sich vollständig in den Grenzen des Gesetzes, wenn sie aber einem Fremden erlauben, zu spielen, müssen sie eine Strafe bezahlen, die viel höher ist als die Summe, die sie einem Touristen abnehmen könnten.
Ich beobachtete das Spiel eine beträchtliche Welle und sah, daß es eine ziemlich lange gerade — oder ungerade — Angelegenheit war. Der Croupier nahm eine Handvoll Metallspielmarken mit Löchern in der Mitte und warf sie über den Tisch. Dann zählte er sie zu vieren und tat sie in seinen Becher zurück. Wenn nur noch ein paar Marken aus dem Tisch übrig waren, wurden die Wettenden aufgeregt. Eins—zwei— drei—vier ... eins—zwei—drei—vier ...! Die Ungerade hatte gewonnen.
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Port Louis ist schmutzig und überfüllt. Seine Hauptstraßen in den Geschästsvierteln machen keinen günstigen Eindruck. Sie werden von kleinfenstrigen Läden eingefaßt, die abends mit schweren Läden ver- schlosten werden, zum Schutz gegen die Wirbelstürme, die jedes zerbrechliche Material zerschmettern, Häuser in tausend Stücken pfeifend durch die Lust senden und bas Meer in einen riesenhaften Kochkessel verwandeln, der zahllose Schisse zertrümmert, und den Inseln ihren schlechten Ruf verschafft hat.
Aber es sind interessante Straßen. Indische Läden, französische Salons, japanische, chinesische und arabische wechseln ab. In den japanischen Läden kann man getrockneten Katzenwels und Pakete japanischer Eßwaren von abstoßendem Aussehen kaufen. Zu den Mahlzeiten setzen sich alle Angestellten an einen kreisrunden Tisch in der Mitte des Ladens, von dem die Waren abgeräumt werden, und schaufeln sich mit Eh- stäbchen Reis in den Mund. Die Geschicklichkeit, mit der sie in die gemeinsame Fleischschüssel in der Mitte fahren und sich ein Stück heraus- holen, muß man gesehen haben. Es ist keine lange Mahlzeit — zehn Minuten genügen selbst dem größten Esser. Wenn ein Künde eintritt, muß einer der Angestellten seine Reisschüssel verlassen, um ihn zu bedienen.
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Mohammedanische Moscheen, chinesische und japanische Tempel, katholische Kathedralen und Gebetplätze der Hindus rahmen die Straßen ein. Die eigenartigen Läden der mohammedanischen Juweliere, wo silberner und goldener Nasen-, Ohren-, Arm-, Bein- oder Halsschmuck gemacht wird, sehen mit den krummbeinigen Arbeitern und den altmodischen Kohlenpfannen wie Bühnenausstattungen aus. Autos und große dreißig- sitzige Autobusse rasen mit absichtlicher Nichtbeachtung der mauritanischen Polizisten vorbei.
Eine abendliche Schaustellung, die ich in Port Louis besuchte, ist eine so einzigartige Unterhaltung, wie man sie sich nur wünschen kann. Während ich durch die schmutzigen Straßen streifte — die Polizisten warnen einen, durchzugehen, wenn sie einen sehen —, hörte ich Akkorde orientalischer Musik. Als ich ihnen nachging, fand ich ein chinesisches Theater auf einem freien, von einem hölzernen Zaun umgebenen Platze in vollem Betrieb. Stundenlang beobachtete ich die Mimik prächtig gekleideter chinesischer Männer und Frauen und die akrobatischen Kunststücke eines chinesischen Charlie Chaplin. Lange Partien, jene, die den größten Beifall fanden, schienen ganz unverständlich, aber die auffallende Musik, die glänzenden Kostüme und die gelegentlichen artistischen Darbietungen fesselten mich stark. Es wurde 5 Uhr, bis die Vorstellung zu Ende war. Neun oder zehn Stunden gründlichen Vergnügens sind ziemlich viel für eine Nacht.
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Port Louis ist stolz auf feine Autobusse. Auf den Seiten der Wagen steht: „Vollständig versichert". Für 0,80 Mark kann man eine wunderschöne, wenn auch nervenerschütternde Fahrt durch die Palmen- und Rohrplantagen in die Berge machen, wo die europäischen Viertel in Curepipe und Vacaos gebaut sind. Kleine Dörfchen schmücken die Wegseite; ein plötzlicher Aufstieg zur Spitze enthüllt ein Panorama von eigenartig geformten Gipfeln, mit der blauen See, die an die felsige Küste brandet, in der Ferne
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Kein Teil Afrikas ist dichter bevölkert als Mauritius. Die Insel mißt 30mat 24 Meilen, mit einem Umfang von ungefähr 1100 Kilometern. Bei einer Gefamtbevölkerung von 400 000 kommen 500 Menschen auf die Quadratmeile. Port Louis ist in einen kleinen Schlupfwinkel zwischen den Hügeln gestopft, 20 000 Menschen kommen hier auf die Duabratmeite. Daher ist es kein Wunder, daß ein großer Teil der Bevölkerung vor einigen Jahren von einer Epidemie dahingerafft wurde
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Eine einzige Berusskiaffe Südafrikas schickt mehr Besucher nach Mauritius als alle andern zusammen. Ich traf viele südafrikanische Jockeys, die für die Rennsaison der Insel eingetragen waren. Pferderennen ist ein beliebter Hazardspiel-Sport in PortLouis, und eine Lotterie ist organisiert, wo bei jedem Rennen Lose gezogen werden. Jeder Laden hat eine Lotterietafel, wo Billettbücher angenagelt sind. Chinesen, Inder, Japaner und die Europäer in Port Louis, alle nehmen Lose für diese Lotterien, die vom Gouverneur genehmigt sind.
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Wenn Mauritius in einem etwas weniger gefährlichen Teil des indischen Ozeans läge, würde es schnell als Reiseziel berühmt fein. Aber die häufigen Regentage, von November bis April, und die Zeit der Wirbelstürme, die anfängt, wenn der Regen aushört, und fortbauert, bis der Regen wieder anfängt, sind für die Touristen abschreckend Auch die Möglichkeit eines Zyklons — eine tötete 1200 und verletzte 2000 Menschen in 90 Minuten — wirkt nicht gerade daraufhin, einen Aufenthalt auf der Insel reizvoller zu machen. Diese Tatsachen machen Mauritius zur nahezu unbekannten Insel. Fast die einzigen, die eine persönliche Kenntnis von Mauritius haben, sind die Mannschaften der Frachtdampfer, die den Bewohnern die Lebensnotwendigkeiten bringen und Zuckerladungen abholen.


