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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang |932 Montag, den 5. September Nummer 69
Abendphantasie.
Von Friedrich Hölderlin.
Bor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd. Gastfreundlich tönt dem Wanderer im friedlichen Dorfe die Abendglocke.
Wohl kehren jetzt die Schiffer zum Hafen auch, in fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts geschäft'ger Lärm: in stiller Laube glänzt das gesellige Mahl den Freunden.
Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen von Lohn und Arbeit: wechselnd in Müh' und Ruh' ist alles freudig: warum schläft denn nimmer nur mir in der Brust der Stachel?
An. Abendhimmel blühet ein Frühling auf: unzählig blühen die Rosen, und ruhig scheint die goldne Welt; o dorthin nehmt mich, purpurne Wolken! und möge droben
in Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! — Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, flieht der Zauber; dunkel wird's, und einsam unter dem Himmel, wie immer, bin ich. —
Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt das Herz: doch endlich, Jugend, verglühst du ja, du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.
Das Schwalbennest.
Erzählung von Frida Schanz.
Der Wirt des stattlichen Gasthofs „Zur Post", im reizend gelegenen Alpendors, hatte mit schallender Stimme die Stiegen empor „Stasi!" gerufen. Ein junges Ehepaar, nagelneu bekleidet und mit nagelneuem Reisegepäck, war mit dem Postauto angekommen und wollte Unterkunft für etliche Tage.
„Das große Balkonzimmer im Anbau!" ordnete der Wirt an. Doch nicht Stasi, das junge fesche Stubenmädel, nahm den Bescheid entgegen, sondern statt derer kam die ältere Angestellte, die Kellnerin Marie, auffallend geschäftig die Holzstiege herunter.
„Wenn's recht ist, möcht' ich den Herrschaften gern das Zimmer zeigen."
„So?" ,
War die andere nicht zur Hand? Dem Gastwirt war es gleich. Diese saubere gediegene Marie machte ja ebenfalls einen guten Eindruck. Bisserl ernst und altmodisch war sie ja woht, mit der feschen Jungen verglichen: sonst war an ihr nichts auszusetzen.
Daß sie, die ruhige, ältere Person, die Junge soeben mit ungewohnter Heftigkeit gebietend beiseite geschoben, ja, ihr einen regelrechten Puff versetzt hatte: „Das da möcht' jetzt ich gern mal besorgen!", sah den nun wieder eigentümlich ruhigen Gesichtszügen der Alternden niemand an.
Dumm, verdutzt, hatte die hübsche Stasi der Kollegin nachgeschaut.
„Du mei! Die hat's wichtig! Weil sie die Stuben im Anbau mit eingerichtet und die Wochen über oft drin nachgeschaut hat, meint sie letzt, sie hat sie gepachtet." , .. _ .
So ähnlich' Wichtig genug war allerdings der Marie die Sache
Als ob sie es bis in Herz und Nieren hinein prüfen wollte, sah sie sich unter verstohlen gehobenen Wimpern das Ehepaar, das ße durch den großen leeren Tanzsaal nach dem Anbau hinübergeleiten mußte, an.
„Sind nett — beide", entschied sie im stillen. „Nur noch recht wie auf Draht gezogen. Ist ihnen schon sicher recht, daß sie sich gekriegt haben. Hätten sie sich nicht gekriegt, wären sie auch nicht dran gestorben. Was rechte Liebe ist und einander gemütlich gut sein, müßen die wohl erst noch lernen." *
Ja! Die rechte Liebe! Die Kellnerin Marie im bayerischen Alpendorf hatte von der ihren einen ganz besonderen Begriff.
Fast mit Unruhe, als gönnte sie es ihnen nicht ganz, ließ sie das norddeutsche Paar ins große, neu eingerichtete Zimmer schauen. Sie fanden es beide „sehr nett". Nicht die Hakigen, spitzigen Muster, die bis in die Dorfwirtshäuser hinein auf einmal Mode waren. An den hellrosa Wänden standen Schränke und zwei Betten von gebeiztem Holz: einfach,
gediegen. Die geblümten Steppdecken lustig und sanft, bunt wie ein sommerlicher Bauerngarten. Ueber die Geranien des Balkons weg freie Aussicht über wogende Wiesen voll Trollius, Margueriten und rosa Pechnelken in bläuende Waldberge bis zu silbernen Felszinnen und blitzenden Gletschersäumen.
„Und da! — Ohl, sieh doch mal!"
Die junge Frau schaute ihren Mann mit großen Augen an. Vergnügt lachte sie auf. Scharf und hell schrillte vom offenen Fenster her Vogelruf. Rundum durch den Raum kreisten Schwalben. Ein Schwalbenpaar sauste mit seinem unnachahmlich schlanken, auf den Menschen wie lautere Glückseligkeit wirkenden Flug ein paarmal in immer engeren Kreisen um den blanken Metallteller, der über der milchweißen Beleuchtungsglocke von der Mitte der Decke herunterhtng.
lieber diesem Teller wölbte sich ein dunkles, eiförmiges Etwas. Vogelköpfchen hoben sich über den Rand des Gebildes. Gelbe Vogelschnäbel, schwarze blitzende Aeuglein wurden sichtbar, tauchten auf.
„Ein Schwalbennest!" Ein Kinderausdruck ging über das gepflegte Gesicht der jungen Frau. „Wie goldig!" rief sie.
Der Gatte äußerte sich kopfschüttelnd: „Das ist wirklich allerhand!" *
„Ich bin daran schuld. Wenn Sie es wünschen, kann die ganze Sache schnell beseitigt werden", begann jetzt die Marie mit schuldbewußtem Ernst eine kleine Verteidigungsrede. Von dem unter das Nest gebreiteten, reichlich beklexten Stapel Zeitungen, hatte sie die treuen blauen Augen tapfer zu den kritisch scharfen Blicken des männlichen Gastes erhoben. „Außer mir", sagte sie, „hat niemand in die Zimmer hier hineingeschaut, seit das Haus da angestückelt worden ist Der Wirt hat mit seinen neuen Eisanlagen zu tun, die Frau liegt mit einer bösen Kniesache im Krankenhause in der Stadt. Ja — und also — die Schwalben! Ich meine: so lange ich lebe, habe ich sie nicht so massenhaft und in einer solchen Quartiernot gesehen, wie in diesem Jahre. Unterm Vordach vom Hause hat der Wirt keine Nester mehr geduldet, drüben am Schuppen war schon bald kein Platz in der Reihe unterm Dach mehr, so viele bauten. Zu Hunderten waren die armen Dinger bei der Hand, so oft die Straße mal nach dem Regen recht glitschrig aufgeweicht war. Wie wild haben sie mit den Schnäbeln den Lehm mit Hälmchen und Haaren vermengt. Restanfänge wurden angeklebt und gebaut, wo sich nur eine Stelle fand. Wo eine Tür oder ein Fenster offen stand, wutschten die Schweiberle in Schuppen und Stuben auf Bauplatzsuche. Hier hatte ich mal einen einzigen Tag gelüftet, weil es noch nach Tünche rod). Da war die Be- (djerung da. Das Nest auf dem Balkon, das sie zuerst angefangen hatten, wurde im Stich gelaßen. Wer weiß, wodurch es ihnen verleidet wurde. Da drinnen hat's ihnen eben besser gepaßt. Da wurde gekleistert und gebaut. Ich war nur sroh, daß schlechtes Wetter war und niemand nach den neuen Zimmern fragte — bis heute!"
Die junge Frau lachte leise.
„Da sind wir Ihnen wohl recht in die Quere gekommen?"
Marie gab es zu.
„Ich hätt's schon gern gesehen, wenn die Kleinen erst hätten fliegen können. Seit sechs Tagen sind sie ausgekommen. Wenn ich das Nest jetzt herunterhole, wird ja große Not sein."
„Lassen Sie's mal vorläufig noch", sagte der junge ®atte, von einem seltsam erwartungsvollen Blick seiner Frau bezwungen, in leutseligem Ton. „Wir reisen ja doch morgen weiter. Spätestens übermorgen. Die Schwalbenkinder werden ja nachts nicht schreien!"
Die Gebirgsgegend, deren Mittelpunkt in den Augen einer nicht mehr ganz jungen Kellnerin das Schwalbennest bildete, war herrlich, viel herrlicher, als das junge Paar, das nur ein Zufall hierher verschlagen, geahnt hatte. In großem Schwung lagen nähere und fernere Reihen herrschender Höhen um das breite grüne Tal. Zu einer immer mehr gelebten Aufgabe wurde es den beiden, die Eroberung dieser, zu immer großartigen'Ausblicken führenden Höhenwelt mit einiger Vollständigkeit zu betreiben. , _,
Die Kellnerin Marie war sehr froh darüber. Nun hatten ihre Schwalben für Atzung und Zwitschergesang, für Flugunterricht und Flugversuche tagsüber reichlich Ruhe. Wenn die Menschenkinder höhenselig heimkehrten, kam van letzten abendgoldenen Flügen meist auch das Schwal- denvaar heim. Oder Eltern und Kinder schliefen bereits, friedlich ins Nest geduckt, mit traulichen, nacht- und nestfrahen Zwitscherlauten: nur hier und da einmal ihr Dasein bekundend. Diese heimlichen Laute gehörten dem jungen Paar jetzt schon förmlich zum Leben. Die Schwalbenfamilie war ihnen eine Reisebekanntschaft geworden, von der sie auf bunten Postkarten in die Heimat meldeten, von der sie sich auf ihren immer roaagemuiiger werdenden Höhentouren oft rasthaltend mit ein paar luftigen Worten unterhielten. „Das große schlanke Vogelkind, das nie genug bekam — der kleine Plumpsack, dessen Flugversuche trotz aller


