Ausgabe 
5.8.1932
 
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eiiijufteigen. Stätfi sah es genau aus ihrem Versteck, und ihre Augen verschlangen alles, was sie sahen. Als das Boal strainauswärls abgefahren war, blieb sie zuerst in dumpfem Sinnen stehen, AVer nicht lange, so war sie auch zum Fluh hinabgegangen: und bald folgte jenem größeren Boote das zweite kleinere mit gleichmäßigem, leisem Ruberschlag: die Schifferin, die es lenkte, verstand es, stets denselben gemessenen Raum zwischen beiden Booten innezuhalten, Was wollte sie? Sie wußte es selber nicht: aber ihre Augen hafteten wie gebannt an dem vollen Nachen, der im Glanz der Abendsonne mit Lachen und Gesang vor ihr den Strom hinaufsuhr.

Weiter oben, an derselben Seite, wo auch das Dorf belegen war, erhob sich ein mäßig großer Hügel, den, wie eben jetzt, die Gäste der Wald- und Wiesenfreude" der schönen Aussicht halber aufzusuchen pfleg­ten, um dann durch Wald und Wiesen wieder heimzukehren. Auch heute hatte man einen Burschen vorausgefchickt, der später mit dem leeren Boot zurückzurudern hatte: denn auf dem Hinwege freilich liehen die jungen Männer es sich nicht nehmen, ihre Damen selbst zu fahren,

Kütti wußte das: es war gewöhnlich so. Und endlich sah sie, wie das Boot vor ihr an jener Anhöhe landete und wie die Damen unter Hand­reichung der Herren an das Ufer sprangen, Leise hielt sie ihr Ruder an. Aber was hatte die Gesellschaft dort? Es muhte ein Unfall geschehen sein: man drängte sich zusammen und schien lebhaft zu verhandeln. Dann wurde eine von den Damen Kätti konnte nicht erkennen, welche mit Hilfe eines Herren in das Boot zurückgefllhrt: es war augenscheinlich, daß sie hinkte, sie mochte sich den Fuß vertreten haben. Jetzt gingen wieder alle an das Fahrzeug, und aufs neue schien man hin und her zu reden: die Verletzte schien dankend, aber lebhaft abzuwehren. Bei dem Flimmern der Abendsonne sah Kätti alles wie ein Schattenspiel: jetzt aber gewahrte sie deutlich, wie die Dame, von dem Arm des Herrn gehoben, in das Boot hinübertrat, wie dieser sich dann rasch nach einem Ruder bückte und vom User abstieß, während die übrigen unter Tücherschwenken dem Hügel zugingen.

Kätti fuhr mit der Hand nach ihrem Herzen; sie zweifelte nicht, wer jene beiden waren, die jetzt selbander den einfomen Strom herabgefahren kamen. Ihr eigenes Boot befand sich eben seitwärts von der Einfahrt in den kleinen Binsenhafen; jetzt lenkte sie hinüber, und mit eingezogenen Rudern glitt es durch die enge Oeffnung. Aus dem rings umschlossenen Raum war es nicht möglich, den Fluß hinaufzusehen: aber nach der einen Seite standen die Halme weniger dicht, so daß sie das Boot hinein- drängen konnte und von hier aus eine Durchsicht nach dem Wasser zu gewann. Von drüben trat gleicherweise eine hohe Binfenwand fo nah heran, und die Wasserbahn an dieser Stelle war dadurch so schmal, daß niemand unerkannt vorüber konnte.

Das Mädchen hatte die Hände über ihre Knie gefaltet und den dunkeln Kopf darauf gelegt; man hätte glauben können, daß sie betete; aber ihr 1 Ohr horchte stromaufwärts in die Ferne, ihre Pulse hämmerten; was sie an Gedanken hatte, ging diesen einen Weg. Und jetzt, jetzt endlich in der ungeheuren Stille erfaßte ihr Ohr das Rauschen eines Ruderschlags. Sie fuhr empor und streckte sich mit dem ganzen Leibe nach jener Richtung, während ihre Hände sich an den Rand des Bootes klammerten. Gierig, j als paffe sie aus eine Beute, lauschte sie auf das nah und näher tönende ' Geräusch, das gerade auf sie zuzukommen schien. Allein sie hörte nichts von dem, was sie zu hören dachte: keine Worte, keinen Laut von Men­schenlippen! Jetzt aber es war, als ob die Ruder eingezogen würden, sie vernahm deutlich das Abtropfen des Wassers; und jetzt, vom Strom getragen, glitt draußen das Boot rauschend an ihrer Binsenwand entlang.

Kätti hatte sich aufgerichtet, zitternd bogen ihre Hände die nächsten Halme auseinander; aber so weit sie ihre Augen öffnete, es ward nicht anders: Wulf Febbers war. der Schiffer, das blonde Mädchen lag in feinen Armen. Aber nur noch einen Augenblick, dann fuhr sie jäh empor. Es lachte jemand!" rief sie und sah sich mit erschreckten Augen um.

Der Doktor ließ sich nicht so leicht beirren. Aufs neue umschlang er feine Braut und küßte sie.Du träumst", sagte er zärtlich;wir sind allein; wer sollte denn auch lachen, daß du mein geworden bist!"

Aber ungesehen hinter der dunkeln Binfenwand mar in diesem Augen­blick ein verbleichendes, junges Antlitz auf den Rand des Bootes hin- gefunken. Das Abendrot überglänzte den Himmel und verging, der Tau versilberte das schwarze Haar des schönen Mädchenkopfes, und fern im lichten Blau des Aethers schimmerte der Stern der Liebe. Da erst richtete sich Kätti wieder auf. Lange bückte sie in den milden Glanz des ruhigen Gestirnes; dann betrachtete sie aufmerksam ihre Hände, ihre kleinen Füße; sie löste ihr schönes Haar und ließ es durch die Finger gleiten, vis sich plötzlich ihre Arme streckten und sie mit beiden Händen nach den Rudern griff.Rur die Wirtstochter!" rief sie.Die Tochter aus der ,Wald- und Wafferfreudest" Ein bitteres Lächeln flog um ihren Mund; vielleicht auch hat sie wieder laut gelacht; aber niemand hat es hören können, das Fahrzeug, welches die beiden Glücklichen trug, war schon längst den Strom hinab.

Der Doktor hatte, wie er der Kühle wegen wohl zu tun pflegte, während dieser Nacht ein Fenster seines Wohnzimmers offengelasfen. Als am andern Morgen sein Blick dahin fiel, gewahrte er auf der Fenster­bank das französische Dictionnaire, das Kätti an jenem Morgen so eifrig mit sich fortgenommen hatte. Sie hatte es alfo schweigend ihm zurück­gebracht und wollte es nun nicht mehr gebrauchen.

Da er zögernd das vom Nachitau feuchte Buch in feine Hand nahm, fiel ein Zettel mit Kätkis kleiner Schrift heraus:

Das Beutelchen mit den Gold- und Silbermünzen" fo hatte das rechtsunkundige Kind geschriebennehme ich mit mir, und es braucht daher keiner meinethalben zu sorgen. Aber meine übrigen Erbgelder soll mein Bater haben; nur soll er davon an Strätelftratel hundert Taler geben. Ich darf wohl hoffen, daß Sie dies für mich besorgen werden."

lind weiter nichts; der NameKätti" stand darunter.

Bestürzt starrte Wulf Fedders auf diese Zeilen; das Lachen, das gestern seine schöne Braut erschreckt hatte, fiel ihm plötzlich schwer aufs Herz. Grübelnd sann er nach, ob er irgendeine Schuld an sich entdecken könne; aber er sand keine. Eine heftige Sehnsucht nach dem Mädchen wallte in ihm auf; aber er sagte sich mit Nachdruck, daß das nur Mit­leid fei.

Noch ein paar Augenblicke; dann ging er durch den Garten nach dem Haupthause hinauf, wo er Herrn Zippel, wie zur Reise gerüstet, mit Hut und Stock im Gastzimmer antraf.Ist Kätti hier?" srug er hastig.

Kätti?" entgegnete Herr Zippel zerstreut.Sie wird noch in den Federn liegen."

Nein, nein! Sie ist fort!"

Fort?" Herr Zippel rannte aus der Tür und kam nach ein paar Augenblicken wieder.Ja, ja! Ihr Bett ist unberührt! Aber weshalb? Warum?"

Ich weiß es nicht", erwiderte der Doktor mit etwas unsicherer Stimme;aber lesen Sie das!"

Herr Zippel nahm ihm den bargebotenen Zettel aus der Hand.Hm, richtig! Richtig!" rief er, indem er mit ausgespreizten Fingern sich alle Haare in die Höhe zog.Wieder die alte Dummheit! Aber wissen Sie, dies da mit dem Gelde, bas ist eine neue! Auf bas Gekritzel zahlt mir niemanb auch nur einen Schilling. Nun, es schabet nichts; leben Sie wohl, Herr Doktor; ich will in bie Stabt!"

Der Doktor hielt ihn noch zurück.Was wollen Sie bort? Wollen Sie es roieber in bie Blätter setzen lassen?"

Wie meinen Sie bas? Ja freilich wirb es in bie Blätter kommen! Aber meine Kätti ist dennoch ein Genie; sie hak bas rechte Teil erwählt; mit diesem Publikum ist nichts zu machen! Glauben Sie, daß die ,Wald- und Wasserfreude' existieren kann, wenn keine Gäste kommen? Oder glauben Sie es nicht?" Er sah ein paar Sekunden lang dem Doktor starr ins Angesicht, bann streckte er wie beschwörend seine Hand gegen bas Fenster, durch welches man auf bie Gartenanlagen uni) bie Trümmer bes neuen Walb- unb Wiesenwasferllades sah.Irgendein bummer E'-ü", rief er,welcher nach mir kommt, wirb aus meinen Gebauten sich Dukaten prägen; bas ist der Lauf ber Welt! ich gehe aufs Gericht, um meine Insolvenz zu Protokoll zu geben!"

Er erhob stolz ben Kopf, unb seinen Spazierstock schwingend, schritt er zur Tür hinaus.

--Einige Tage später saß brüben in ber Stabt Wulf Febbers neben feiner hübschen, blonden Braut. Sie plauderte schon lange unb schien eifriger zu fragen, als er zu antworten.

Unb sie ist jetzt zum zweiten Male fortgelaufen?" Hub sie aufs neue an.

Ja, zum zweiten Male."

Und ihr habt keine Spur von ihr gefunden, gar keine?"

Er schüttelte den Kopf.Nicht weiter als bis unten an der Fluß­mündung, wo auch das Boot gefunden wurde."

Du Aermster, wie haft du dich wohl abgemüht!"

Du übertreibst, Cäcilie; ich habe mich nicht abgemüht."

Sie neigte den Kopf und sah ihn von unten auf mit ihren blauen Augen an.Leugne es nur nicht! Und weißt du? wäre es eine andere gewesen, ich hätte eiferfüchtig werden können!"

Ein leichtes Rot überflog fein Antlitz.

Du?" rief sie neckisch drohend unb erhob ben Finger ihrer weißen Hand.

Wulf Febbers sah sie büjter an.Wollen wir nicht lieber von etwas anbcrem reden als immer nur von jenem armen Mädchen?"

Die junge Dame strich sich sorgsam ihre Kleider glatt und richtete sich in ihrem Sessel auf.Weißt du?" sagte sie.Sie interessierte mich doch; ich wußte nur nicht, wo ich sie hintun sollte; nach dieser Geschichte aber bin ich ganz im reinen! Nicht wahr, sie hatte so ruhelose Augen? Es war ein rechtes Vagabondenangesicht!"

Ein Vierteljahrhundert ist seitdem vergangen. Das Gewese derWald- und Wasserfreude" wurde schon derzeit in dem Zippelschen Konkurse von dem früheren Besitzer für seinen ältesten Sohn zurückerworben, und mit diesem ist die alte patriarchalische Bauernwirtschaft, sind die billigen Preise und die Gäste wieder eingezogen. Vor dem Abnahmehaufe, drunten am Flußufer, liegt noch immer der große Stein, auf welchem einst Wulf Fedders feine Anwandlung jugendlicher Träumereien überstand. Statt feiner konnte man noch vor wenig Jahren einen kleinen alten Mann dort sitzen sehen, der bei einer der jetzt in dem Hause wohnenden Arbeiter­familien von der Gemeinde in die Kost verdungen war. Zuweilen, an milden Sommerabenben, wenn brinnen bie Hausbewohner schon zur Ruhe waren unb nur bie einsame Sternennacht im Flusse widerschien, zogen von borther klare Geigentöne über Dorf unb Anger. Wer noch wach war unb aufmerksam hinüberlauschte, hätte wohl einzelne Passagen eines Mozartschen Adagios erkennen mögen; dazwischen tauchte eine sehn­süchtige Melodie empor und verklang und kehrte wieder, bis oft in später Nacht das Geigenspiel verstummte.

Drüben aber in der Stadt, in dem Archiv der alten Landvvgtei, zu deren Bezirk bie einstigeWalb- unb Wassersreube" gehört, liegt unter ben Akten über Verschollene ein Heft mit ganz vergilbtem Deckel; es ent­hält bie Verwaltungsnachweise über Kättis Erbgelber, beren Zinsen längst bas Kapital uerboppelt haben.

Der gegenwärtige Lanbvogt ist Wulf Febbers, welcher halb nach seiner Verlobung alle Gebanken an künftigen Gelehrtenruhm mit ber sicherer zum häuslichen Herbe sührenben Beamtenlaufbahn vertauscht hatte. Alle Jahre einmal, bei ber Revision der Vormundschaften unb Kuratelen, gehen jene Akten burch seine Hände. Dann gebenkt er plötzlich roieber der dunkelfarbigen Kätti unb feiner Schülerzeit unb jener Tage in berWald- unb UBafferfreube". Aber er hat gar viele Akten unb zu Hause eine blonde Frau und viele Kinder; bevor er noch den Weg vom Amtslokale nach | seiner Wohnung zurückgegangen ist, hallen diese (Erinnerungen ihn schon längst verlassen.

Verantwortlich: Or. Hans Thhriot. Druck unb Verlag: Drühl'fcheUniversitäts-Buch- unb Steindruckerei, D. Lange, Gießen.