Das berühmte Wort, daß für alle Zeiten lebe, wer den „Besten (einer Zeit qenuq getan" gilt. Wir alle sind geprägt oder doch influenziert von der Zeit wir sind nicht ihre Kinder — denn Himmel und Erde haben uns durch die Liebe geschaffen —, aber ihre Schüler, und wir wissen, wir fühlen es kaum. Bon den Maschinen, den Motoren, den Apparaten, die wir uns erfunden haben, kann keine Macht und kein Wille uns losem wir haben teil an der Epoche, die uns trägt oder durch uns hindurch vergeht und die Dichter haben auf besondere Weise teil an ihr. Nicht daß sie Hymnen auf die Techniken und die Gates Chantants, die Boxkampfe und die Masfenuinzüge dichten, wie es kindlich das von feinem eigenen Neusein berauschte Rußland der Sowjets fordert, macht ihre Zugehörigkeit zu dem Jahrhundert aus: doch dort, wo der Mensch in diesem Jahrhundert neu wieder ersaßt wird, fein tiefgebeugtes Haupt im vorapokalyptischen Sturm über ihm, kann Dichterschast fein, ob sie in Vers ober Prosa sich offenbare.
Mit dem Sportflugzeug über die Anden.
Aus den Spuren der Inkas.
Bon Elly Beinhorn.
Noch ungefähr einmonatiger Ueberfahrt über den Pazifik von Sydney nach Panama, legte die „Sonic" in Balboa, dem Hafen der Kanalzone von Panama an. Ich habe viel auf meinen Flügen sehen können und mir fmo viele Wunder der Welt voller Stolz gezeigt worden — aber dies hier ist das Eindrucksvollste, was ich jemals gesehen habe. Hier hat man ganze Arbeit getan. Nachdem die Amerikaner das ganze Gebiet der Kanalzone aufgekauft haben — die Franzosen mußten die angefangene Arbeit an dem Kanal der Moskitos wegen liegenlaffen — haben sie diese 70 Kilometer (anqe Wasserstraße guer durch die Landenge geschasfen, und heute ziehen die größten Schiffe bequem vom Pazifik zum Atlantik. In drei Schleusen werden die Schiffe mehr als 10 Meter über Meereshöhe heraufgepumpt, und es sieht einfach unglaublich aus, wenn solch ein Ozeanriese fpielenO fast zwischen den Mauern hindurchgezogen wird, so daß an jeder Seite nichl ein halber Meter von der Bordwand zum satten Grün der Wiesen rechts und links des Kanals bleibt. , .
Soweit der Panama-Kanal. Für mich hatte die Sache aber hier nocy ihre besondere Seite. Balboa hatte keinen Flugplatz und Christobal war Militärflugplatz, auf dem Zivilisten nichts zu suchen hatten. Außerdem tag Christobal am Atlantik und meine „Klemm" auf dem Pier ürn Pazistu Nachdem ich aber erst die Erlaubnis des Kommandeurs der Fliegergruppe eingeholt hatte, brachte ich meine, in zwei Kisten verpackte „Klemm ooer bester deren Bruchteile herüber nach Christobal, klaubte ein Stückchen naq dem anderen heraus — Gott sei dank: es war alles heil und in Ordnung' lieber die Strecke herunter nach Guayaquil kursierten tolle
An der aanzen Küste sollte nicht ein einziger Landeplatz oder auch nu der winzigste Platz zum Notlanden fein. Sie Berge ganz mit Urwato oe deckt steil ins Meer abfallend: überall schwerste Tropenregen, in denen
Da wird der ruhige Monet aufgeregt: „Und Sie erinnern sich nicht. Sie haben wirklich vergessen, daß Sie mir für dieses selbe Bild vor sechs Jahren meine fünfzig Franken abschlugen? Ja, das ist der Sonnenauf- qanq über Vetheuil, den Sie mir damals ablehnten — und ich schwöre es Ihnen: ich habe nichts weggenommen und nichts hinzugesetzt ich habe keinen Strich daran geändert. Es ist alles so, wie es am Ansang war. Aber ich will Ihnen etwas sagen, mein lieber Faure: dieses Bild verkaufe ich Ihnen weder heute für fünfzig noch für tausend Franken. Sie trugen es nicht, auch wenn Sie mir fünfzigtausend dafür bieten!
Der „Sonnenaufgang über Vetheuil" blieb im Atelier zu Glverny, als Claude Monet seine Heuschober und die große Reihe seiner Kathedralen — der einen und einzigen Kathedrale zu Rouen — matte. Monet begann die Wasserrosen zu malen, und der Sonnenaufgang über Vetheuil blieb bei ihm Er konnte sich von dem Bild nicht trennen. Monet malte die Wasserrosen, er wurde halb blind — beide Augen waren vom grauen Star befallen und die Operation schob eine völlige Erblindung des alten Mannes nur'hinaus —, Monet malte weiter an den Wasserrosen, halb blind vollendete er das Werk. Er hatte Angst davor, zu seinen Lebzeiten wollte er den ungeheuren Zyklus nicht ausgestellt wissest. Dann starb er, ein Achtzigjähriger. In seinem Atelier hängt heute noch der Sonnenaufgang über Vetheuil.
Oer Dichter und die Gegenwart.
Von Felix Braun.
Einem Vortrag des feinsinnigen österreichischen Dichters, der in dem Sommer-Heft des „Insel-Schiffs" veröffentlicht wird, entnehmen wir das folgende Bekenntnis, das ein wichtiges Problem unserer Tage behandelt.
den kann, und da eine Sphäre der Einweihung gefordert wird, wie sie, das Zeitschicksal der Kunst ahnend, schon srüh Stefan George für altem möglich ansah und vorschrieb, oder eine Mauer von Strenge und Dunkel, beit wie sie Paul Valery um seine Verse und in ihnen selbst aussuhrte, wird eine Insel, eine Zuflucht des Gedichtes ausgespart, das für sich keine unmittelbare Voraussetzung mehr besitzt, sondern nur dort Duldung erfahrt, wo es vom Hochmut der Dichter geschützt wird
Aber indem ich zugebe, daß von dem selbstverständlichen Besitz des Dichters der weitaus größte Teil ihm weggeschwunden ist, vielleicht sogar das Haus selbst, unter dessen Stiege er wohnen konnte; indem ich em- räume, daß der Zeitgeist seiner Kunst nicht gewogen scheint und so der Musik und der Malerei, während Architektur und Tanz von ihm Aufgaben und Förderung empfangen: spreche ich nicht etwa eine Schuld der Zeit oder der Menschen aus. Sich zu beklagen, hat nicht Sinn: denn wen oder was wollte der Angeklagende für verantwortlich erklären? Bis zum lieber- druß lesen wir die stets wiederkehrenden Phrasen von der „Amerikanisierung" von der „Mechanisierung" und ähnliche; allein gesetzt schon iene Worte, unter denen man sich wenig vorstellen kann, bestünden zu Recht: was besagten sie gegen die Existenz des Dichters? Nicht unfruchtbar ist das Erlebnis Amerikas für das Werk Knut Hamsuns gewesen^ und es kommt noch der Augenblick, da ein zweiter Glanz der weihen Menschheit von den Hochhäusern der Neuen Welt erstrahlen wird. Der Dichter, der in Europa vergeht, wird überall aus Erden wieder erstehen. Wie es in allen Weingärten der Alten Welt die eingeborene Rebe nicht mehr gibt, weil sie dem zerstörenden Insekt nicht Widerstand leisten kann, sondern nur noch die starke amerikanische: so könnte auch von dem gewaltigeren Kontinent ein neues Ferment auf unsere Kraft übertragen werden, das dem erschöpften Geist heilend zu Hilse käme.
Die Zeit ist viel für die Kunst und die Künstler; ihre Gesetze und Wirkungen zu ergründen, wollen wir nicht ablassen. Aber nimmt sie nicht zu viel Raum in unserem Betrachten und Vorhersagen ein? Zeltkunst, Zeltdrama Zeitgedicht: schon die Tatsache solcher Wortverbindungen bezeugt die Vermischung des Künstlerischen mit dem Ephemeren, um nicht zu sagen: mit einem journalistischen Prinzip, das nun wphl heute alles durchdringt und bestimmt sogar unser inneres Leben und Denken. Was soll dem Dichter die Forderung, dem Augenblick genug zu tun? Er, dem auferlegt ist das Vergängliche festzuhalten, sollte ihm Nacheilen? Er, der an dem Tode des Schönen leidet, sollte nicht mehr zu Denen gehören, die es erretten müssen? Wenn Kunst Spiel ist, nun, so ist schon das niedrigste Spiel „Zeitvertreib" genannt. Auf die Ueberroinbung der Zeit kommt es allem Streben dem geringsten wie dem erhabensten, an. In jedem Genuß, vom fleischlichen bis zum mystischen, wird Zeit mitverzehrt, und einzig, wo Zeit nicht mehr empfunden wird, dort, bloß dort ist Liebe. Wo nur wäre ein dem Menschen eingegebenes Sehnen, Leiden oder Tun, das nicht der Zeit entgegen oder voraus zu fein begehrte? Und als Ganzes, Abge- meffenes gewissermaßen aus ihrem eigenen Vergehen geschnittenes Raumstück sollte man sie so hoch schätzen, daß nach ihr gewertet werden
Sehr geheimnisvoll ist bas Wesen ber Zeiten. Es ist, wie wenn im Himmel über uns Umbrehungen sich vollzögen, burch bie bald diese, bald jene Sterne zu verstärktem ober verringertem Einfluß über uns tarnen. Nicht bloß ber Monb, auch bie Planeten kehren uns „Phasen" ihrer Gestalten zu unb die Erde wird ihnen ebenso erwidern. Wie anders sollten sich die langen leeren ober bunklen Zeiträume ohne Geisteslicht erklären, in welchen großen Nationen bie Wellen ihrer Geschlechter zwischen Geburt unb Tob haben oerbranben lassen? Zwischen Walter von Der Nogelweise unb Klopstock liegen sechs beutsche Jahrhunberte ohne einen großen Dichter, unb wenn man Grimmelshausen als ben mächtigen Epiker, ber er ist, bafür setzt, bleiben es immer noch vier! Nach Calberons Tob hat Spanien keinen Weltbichter, nach Goya.kernen Weltkünstler mehr empfangen, unb inbem ich von ben Dichtern ber norbi- schen Länber spreche, bie in Knut Hamsunund Selma L a g e r t o f Die qröhten poetischen Genien Der heutigen Welt besitzen, wirb mir wohl Die Frage bewußt, bie in manchem von Ihnen sich melben muß: Ob auch bie nachkommenbe Jugenb, sofern sie ber Kunst noch sich zuwenben wirb auf solcher Höhe sich werbe zu bewahren vermögen? Denn noch war bas Jahr- hunbert in betn biefe größten Dichter Skanbinaviens geboren würben, em ber Poesie günstiges. Wirb bas jetzige, bas uns schon mitten in sich halt unb so fest und streng daß wir das Vergangene als Ganzes mchr mehr sortwalten fühlen, wird das harte, karge, auf einen Rückweg bedachte bie Persönlichkeit nieberbrütfenbe, bas Massenwesen beschwörenbe, bas Chaos neu roitternbe, ben Zeichen eines okkulten unb kämpferischen Tierkreis- bitbes sich nähernbe zwanzigste Jahrhunbert ben Dichtern erlauben, Dichter zu fein? Einer ber es wahrhaft war, ber große englische Romancier D. H. L a w r e n c e, hat mit den ersten Worten feines Buches „Lady Chatter- leys Lover“ unsere Epoche in solchem Sinne erkennbar gezeichnet als „essentially a tragic age“, das sie ist, auch wenn mir uns weigern, sie für tragisch zu nehmen. Und er fährt fort: „Der Zusammenbruch ist geschehen, wir sind mitten unter den Ruinen und daran, neue Wohnstätten aufzubauen neue Hoffnungen zu hegen. Es ist eine ziemlich harte Arbeit: hier führt noch keine bequeme Straße in bie Zukunft, aber wir gehen um bie Hinberniste herum ober klimmen über sie empor. Wir haben das Leben bekommen da macht es nicht aus, wie viele Himmel eingestürzt sind. Wohl — 'nur: Steht der Dichter selbst unter ben Neubeginnenden? Er, ber entroeber bie Menschen stellvertritt ober als der Einsame ihnen gegenüber für Höheres wacht, kann er bann noch sein, wenn es wahr ist. baß „bie Himmel eingestürzt sind"? Hat er noch bas Anrecht auf bas Sem, wenn bieses Sein selbst burch ein ungeheuerlich Kollektives ober Anonymes in Frage gestellt wirb, bas bie Geschicke ber Menschheit furchtbarer unb unerbittlicher noch gestalten muß, als sie auf ber ganzen bisherigen Leibensbahn unseres Geschlechtes erlebbar gewesen?
Ich fürchte baß er begonnen hat, nicht, sich zurückzuziehen, aber zuruck- zutreten. Vieles bereits ist ihm versagt, weil bie Empfänglichkeit ber Menschen für bas, was er geben kann, nicht mehr besteht. Was einst ber Rhapfobe ober ber Skalde war — erscheint er uns noch? Ertragen wir es selbst in Versen ber Romantik, van ber „Leier", der „Harfe", vom Gesang" ber Dichter zu lesen? Das große Epos, dem Virgil, Dante, Ariost, Tasto, Milton, Klopstock ein Leben weihten — ist es noch möglich? Die Prosa bes Romans hat es burchaus ersetzt, und selbst diese minder strenge Kunstform schwebt in der Gefahr, von niemandem mehr nach ihren Massen, Gliederungen, Provortionen gewürdigt zu werden. Die Tragödie in Versen wird non feinem Theater mehr gewünscht: Goethes „Tasto" steht uns schon ferne, und die Werke der Späteren scheinen an ein noch unnachsichtigeres Schicksal gebunden. Ja. sogar das lyrische Gedicht, für das allein Der Dichter noch Das Recht auf Das Wort von einer, wenn auch nicht zahlreichen Leserschaft eingeräumt behielt, vermöchte es etwa auch nur einen Strauß Rosen zu begleiten ber für eine Geliebte bestimmt wäre, unb kann überhaupt ber Augenblick als ernst vorgestellt werben, in bem eine Frau aus einem Briefumschlag ein Blatt hervornähme, barauf eine Botschaft in Versen ftünbe? Rainer Maria Rilke war ber Letzte, ber es wagen durfte so zu schreiben: aber nur, inbem er eine sehr bistanzierte Voraussetzung bafür schuf. Dieses ift’s: ber Dichter wirb in bie llebertreibung der Distanzen gebrängt, wenn überhaupt noch am Vers festgehalten wer-


