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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1932
Zreitag, den 5. August
Nummer 60
Zn der Sistina.
Von Conrad Ferdinand Meyer. In der Sistina dämmerhohem Raum, Das Bibelbuch in seiner nerv'gen Hand, Sitzt Michelangelo in wachem Traum, Umhellt von einer kleinen Ampel Brand.
Laut hinein spricht er in die Mitternacht, Als lauscht ein Gast ihm gegenüber hier. Bald wie mit einer allgewalt'gen Macht, Bald wieder wie mit seinesgleichen schier:
„Umfaßt, umgrenzt hab ich dich, ewig Sein, Mit meinen großen Linien fünfmal dort!
Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein Und gab dir Leib wie dieses Bibelwort.
Mit wehnden Haaren stürmst du feurigwild Von Sonnen immer neuen Sonnen zu. Für deinen Menschen bist in meinem Bild Entgegenschwebend und barmherzig du!
So schuf ich dich mit meiner nichtigen Kraft: Damit ich nicht der gröhre Künstler sei, Schaff mich — ich bin ein Knecht der Leidenschaft — Nach deinem Bilde schaff mich rein und frei!
Den ersten Menschen formtest du aus Ton, Ich werde schon von härterm Stoffe sein, Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon, Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein!"
Dinge wagt man öffentlich auszi Folgen zu denken: Gestern muß:
Oie Geschichte eines Bildes.
Von Karl Wickerhauser.
Das war in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Malerei der sranzösischen Impressionisten gedieh. Das Publikum und die Zeitungen aber — sie schimpften und rissen Witze. Monet, Manet, Renoir, Boudin und Pissaro, Degas und Cezanne sind uns heute oerehrungswürdige Namen. Doch damals galten diese M
ehrungswürdige Namen. Doch damals galten diese Männer für ein ge- fährliches Gemisch von Tollhäuslern, Nichtskönnern und Verbrechern. Der „Figaro" schrieb: „Die Rue de Peletier hat Unglück. Nach dem Entsetzen des Opernbrandes bricht ein neues Verhängnis über das Viertel herein. Bei Durand Ruel wurde eine Ausstellung eröffnet, in welcher angeblich Malereien zu sehen sind ... Eine Gruppe armer Irrer, die der Wahnwitz des Ehrgeizes in seinen Fängen hat, hat sich bei Durand Ruel zusammengefunden. Sie nehmen Leinwand, nehmen Pinsel und Farbe, werfen auf gut Glück einige Striche hin und setzen ihren Namen darunter ... Solche Dinge wagt man öffentlich auszustellen, ohne an die verhängnisvollen Folgen zu denken: Gestern mußte man in der Rue de Peletier einen Menschen verhaften der nach dem Verlassen der Ausstellung wie em wut- kranker Hund die Passanten biß ..." .
So die Stimmung der Widerstand, die Feindschaft gegen jene Künstler. Die Richtung hatte wenig Freunde, die Freunde hatten kein oder nur wenig Geld: s««« f«..* r
Gönner und Beschützer
selten fanden sich Käufer ober Mäzene. Einer der spärlichen u„u Beschützer war der große Bariton Faure, so berühmt damals wie heute unbekannt und verschollen. Faure liebte es, als ein Kenner und Liebhaber der neuen Kunst zu gelten. Obwohl das Publikum über leben Zeterte, der solche Schandbilder zu kaufen wagte, und ihn in die Gefühle des Haffes und der Verachtung einbezog: Faure war ja selbst ein Künstler, olso von vornherein nicht ganz richtig im Kopf, da durfte er sich bie|e Tollheit eben noch leisten. . . . „ .
Man sah sie ihm nach, indem man sie prinzipiell mißbilligte. Und Faure tat etwas für die junge Kunst — mit Maß und Ziel, versteht sich, er war ein vorsichtiger Narr, ein sparsamer Verschwender, vor allzu großen Ausgaben für feine malerische Schwäche wäre er zuruckgeschreckt. Er hatte einige schöne Manets für billiges Geld getauft, pier tying em kleiner Degas, dort ein Cezanne — „in den Farben recht nett. Ja gewiß, reichlich verrückt — aber was wollen Sie" (zu einem schaudernden Besucher), „diese Dinge machen mir Vergnügen."
. Auch für Claude Monet hatte Faure eine kleine Dorüebe Zwychen den beiden bestand eine oberflächliche Freundschaft, zu welcher czaure viel
Gönnertum und unendliches Wohlwollen besteuerte. Monet kam dann und wann mit einem Bild zu dem Bariton, und wenn der Bariton bei guter Laune war, und wenn ihm die Sache außerdem gefiel, so ließ er sich herbei, das Bild zu kaufen. Es gab einen festen Preis dafür — und der Preis war fünfzig Franks.
Eines schönen Tages fand sich der junge Maler wieder einmal, ein Bild unter dem Arm, bei dem berühmten Freunde und Käufer ein. Faure begrüßte ihn sehr liebenswürdig, sagte „Verehrter Meister!" zu ihm in einem Ton, als wolle er jenem eine Freunde machen: „Sie sind mir stets willkommen, und ganz besonders dann, wenn Sie mir ein neues Meisterwerk bringen."
Der Maler lächelte schwach. „Ich weiß nicht, ob es ein Meisterwerk ist. Ich habe jedenfalls mein Möglichstes getan." Und er reichte ihm das Bild hin.
Faure fetzte feine kunstkritische Miene auf und sagte: „Nun, wir wollen mal sehen." Er hielt das Gemälde dicht vor seine Augen, er stellte es hin und trat ein paar Schritte zurück, er schlich sich von der einen und dann von der andern Seite daran heran, kurz, er tat, was angesichts eines Werkes der Malerei alle Welt tut — und hierauf ließ er ein langgezogenes betrübtes „Oh!" hören. „Aber das ist ja gar nichts, mein lieber Freund, das ist weniger als nichts. Sie wissen doch: wenn ich Ihre Bilder kaufe, ohne viel über den Preis zu reden, so kaufe ich sie wegen der Malerei. Nun, diese Malerei ist hier nirgends zu finden. Als Sie das machten, vergaßen Sie anscheinend, daß es auch so etwas wie Farben gibt. Nein, mein Lieber, bloß die Leinwand und ein bißchen Weiß in Grau — das ist nicht genug. Nehmen Sie das Ding wieder mit heim, bringen Sie ein paar schöne Farben und Formen drauf, und ich werde es vielleicht kaufen. Ich sage: vielleicht. Was — glauben Sie — soll denn das Ding da vorstellen?!"
„Ich glaube nicht", antwortete Monet mit leiser und fester Stimme. „Ich weiß, daß dieses Bild Morgennebel und Sonnenaufgang über Vstheuil vorstellt. Ich fuhr arp frühen Morgen in meinem kleinen Boot auf die Seine hinaus und wartete auf die erste Lichtwirkung. Die Sonne ging auf, und hier — auf die Gefahr hin, daß es Ihnen nicht zusagt — hier habe ich gemalt, was ich sah."
„So — ja — ach so!" sagte Faure, von neuem in die Betrachtung des Bildes vertieft. Er war bereit, auf die Argumente des Malers einzugehen. Er war sogar bereit, nach einigen unumgänglichen Verbesserungen das Bild zu kaufen. „Jetzt verstehe ich wenigstens, was Sie wollten. Ja natürlich — dies ist die Seine und dies hier soll der Nebel sein. Die Sonnenstrahlen kommen noch nicht ganz durch. Man sieht alles nur undeutlich, aber das war ja vielleicht Ihre Absicht. Daran ist der Nebel schuld, wollen Sie sagen. Freilich — ich verstehe schon. — Und trotzdem, trotzdem fehlen hier die Farben. Wie gesagt, hier ist zuviel Weiß in Grau. Noch ein bißchen mehr Malerei da und da, mein lieber Meister, und ich werde das Bild kaufen."
Claude Monet verabschiedete sich von seinem Gönner sehr freundschaftlich. Er besaß viel Höflichkeit und noch mehr Geduld. Er ging nach Hause und stellte den „Sonnenaufgang" in eine Ecke, mit der Bildfläche zur Wand gedreht. Er änderte nichts daran. Er begann mit etwas anderem.
1879, sechs Jahre später, hatte Claude Monet noch immer erbitterte Feinde, aber sie waren nicht mehr so mächtig wie früher, die impressionistische Schule hatte sich durchgesetzt und befand sich auf dem Wege zum strahlenden Erfolg. Monet selbst besaß damals schon ein großes Atelier. Er mußte nicht mehr mit Bildern hausieren gehen, sondern die Liebhaber der Malerei tarnen zu ihm, um seine Werke zu bewundern und das eine oder das andere zu kaufen, soweit sie mit der Steigerung der Preise eben Schritt halten konnten.
Und da kommt einmal Faure, der Gönner und Bariton, zu Claude Monet. Er will sich ein Bildchen nach seinem Geschmack aussuchen. Faure ist stolz auf sein Fingerspitzengefühl, auf seinen Weitblick, denn eine harmlose Liebhaberei ist zu einer herrlichen Kapitalsanlage geworden — und Faure sagt, daß er es vorausgewußt hätte. Faure begrüßt den Maler sehr lebenswürdig, er sagt „Verehrter Meister" zu ihm in einem Ton, als wollte er sich selbst, dem Freund eines so berühmten Mannes, eine Ehre antun. Faure sieht sich in dem großen Atelier um und erblickt auf einer der Staffeleien ein neues Bild.
„Ah, mein Lieber", sagt er voller Bewunderung, „da haben Sie wieder einmal etwas ganz Zauberhaftes geschaffen!" Er stellt sich mit der Nase dicht davor, er tritt ein paar Schritte von dem Gemälde zurück, er schleicht sich von der einen und von der andern Seite dran heran, kurz: er tut, was vor einem Werk der Malerei alle Well tut. „Einfach unübertrefflich", sagt Faure. „Was für ein wunderbarer Lichtnebel! Die Kirche mit ihren Türmen, die Gartenhäuser, die weißen Mauergesimse — und das alles bringt ganz schwach durch den Nebel, die Formen sind weich und undeutlich,' die Farben weiß und grau, aber in wieviel Tönungen! — Sagen Sie mir schnell Ihren Preis, lieber Meister. Was wollen Sie dafür?"


