sehnlich blökende Lämmlein bin. für das Sie mich in Ihrer 23ergnügt= ^eit,3(f> "war nicht vergnügt, Fräulein!' erwiderte ich. .Indessen wenn die Götter, wenn Christus selbst einer unendlichen Liebe zu den Menschen vielfach sich Hingaben und wenn die Menschheit von jeher ihr höchstes Gluck darin sand, dieser rückhaltlosen Liebe der Götter wert zu sein und ihr nachzugehen: warum sollte ich mich schämen, mich ähnlich geliebt gewähnt zu haben? Nein, Fräulein Lydia! ich rechne es mir sogar zur Ehre an, daß ich mich von Ihnen fangen ließ, daß ich eher an die ein­fache Liebe und Güte eines unbefangenen Gemütes glaubte, bei jo klaren und entschiedenen Zeichen, als daß ich verdorbenerweise nichts als eine einfältige Komödie dahinter gefürchtet. Denn einfältig ist die Geschichte! Welche Garantie haben Sie denn nun für Ihren Glauben an sich selbst, da Sie solche Mittel angewendet, um nur den ärmsten aller armen Kriegsleute zu gewinnen, Sie, die schöne und vornehme englische -Cante >

.Welche Garantie?' antwortete Lydia, die nun allmählich blaß und verlegen wurde, ,ei! Ihre verliebte Neigung, zu deren Erklärung ich Sie endlich gezwungen habe! Sie werden mir doch nicht leugnen wollen, daß Sie hingerissen waren und mir soeben erzählten, wie ich Ihnen von jeher gefallen? Warum ließen Sie das in Ihrer Grobheit mcht ein klein Weniges merken, jo wie es dem schlichtesten und anspruchlosesten Man­schen wohl ansteht, und wenn er ein Schafhirt wäre, so wurde uns diese ganze Komödie, wie Sie es nennen, erspart worden sein und ich hatte ""^Hätten" Sie mich in meiner Ruhe gelassen, meine Schöne', erwiderte ich j0 hätten Sie mehr gewonnen. Denn Sie scheinen zu vergessen, daß dies Wohlgefallen sich jetzt notwendig in sein Gegenteil verkehren mutz, zu meinen eigenen Schmerzen!' ,,

.Hilft Ihnen nichts', sagte sie, .ich weiß einmal, daß ich Ihnen Wohl­gefallen habe und in Ihrem Blute wohne! Ich habe Ihr Geständnis anqehört und bin meiner Eroberung versichert. Alles übrige ist gleich­gültige jo geht es zu, bester Pankrazius, und jo werden biejemgen bestraft, die sich vergehen im Reiche der Königin Schönheit!'

.Das heißt', sagte ich, ,es scheint dies Reich eher einer Zigeunerbande zu gleichen. Wie können Sie eine Feder auf den Hut Decken, die Sie gestohlen haben, wie eine gemeine Ladendiebin? gegen den Willen des Eigentümers?' , ...

Sie antwortete: .Auf diesem Felde, bester Herr Eigentümer, gereicht der Diebstahl der Diebin zum Ruhm, und Ihr Zorn beweist nur aufs neue, wie gut ich Sie getroffen habe!'

So zankten wir noch eine gute halbe Stunde herum in dem süßen Orangenhaine, aber mit bitteren harten Worten, und ich suchte vergeb­lich ihr begreiflich zu machen, wie diese abgestohlene und erschlichene Liebesgeschichte durchaus nicht den Wert für sie haben konnte, den sie ihr beilegte. Ich führte diesen Beweis nicht nur aus philisterhafter Ver- letztheit und Dummheit, sondern auch um irgendeinen Funken vom Gefühl ihres Unrechtes und der Unsittlichkeit ihrer Handlungsweise in ihr zu erwecken. Aber umsonst! Sie wollte nicht einsehen, daß eine rechte Gemütsverfassung erst dann in der vollen und rückhaltlosen Liebe aus- flamint, wenn sie Grund zur Hoffnung zu haben glaubt, und daß also diesen Grund zu geben, ohne etwas zu fühlen, immer em grober unsitt­licher Betrug bleibt, und um jo gewissenloser, als der Betrogene einfacher, ehrlicher und argloser Art ist. Immer kam sie auf das Faktum meiner Liebeserklärung zurück, und zwar warf sie, die sonst ein so gesundes Urteil zu haben schien, die unsinnigsten, kleinlichsten und unanständigsten Reden und Argumente durcheinander und tat einen wahren Kindskopf kund. Während der ganzen Jahre unseres Zusammenseins hatte ich nicht o viel mit ihr gesprochen, wie in dieser letzten zänkischen Stunde, und nun sah ich, o gerechter (Sott! daß es ein Weib war von einem groß angelegten Wesen, mit den Manieren, Bewegungen und Kennzeichen eines wirklich edeln und seltenen Weibes, und bei alledem mit dem Gehirn einer ganz gewöhnlichen Soubrette, wie ich sie nachmalen zu Dutzenden gesehen habe auf den Vaudevilletheatern zu Paris! Während dieses Zankes aber verschlang ich sie dennoch sortwährend^mit den Augen und ihre unbegreifliche grundlose, so persönlich scheinende Schönheit quälte mein Herz in'die Wette mit dem Wortwechsel, den wir führten. Als sie aber zuletzt ganz sinnlose und unverschämte Dinge sagte, rief ich,, in bittere Tränen ausbrechend: ,O Fräulein! Sie sind ja der größte Esel, den ich je gesehen habe!' *

Sie schüttelte heftig die Wucht ihrer Locken und sah bleich und erstaunt zu mir auf, wobei ein wilder schiefer Zug um ihren sonst so schönen Mund schwebte. Es sollte wohl ein höhnisches Lächeln sein, ward aber zu einem Zeichen seltsamer Verlegenheit.

,Ia', sagte ich, mit den Fäusten meine Tränen zerreibend, .nur wir Männer können sonst Esel [ein, dies ist unser Vorrecht, und wenn ich Sie auch so nenne, so ist es noch eine Art Auszeichnung und Ehre für Sie. Wären Sie nur ein bißchen gewöhnlicher und geringer, so würde ich Sie einsach eine schlechte ©ans schelten!'

Mit diesen Worten wandte ich mich endlich von ihr ab und ging, ohne ferner nach ihr hinzublicken, aber mit dem Gefühle, daß ich das, rvas mir jemals in meinem Leben von reinem Glück heschieden sein mochte, jetzt für immer hinter mir lasse, und daß es jetzt vorbei wäre mit meiner gläubigen Frömmigkeit in solchen Dingen.

.Das hast du nun von deinem unglückseligen Schmollwesen!' sagte ich zu mir selbst, .hättest du von Anbeginn zuweilen nur halb so lange mit ihr freundlich gesprochen, so hätte es dir nicht verborgen bleiben können, wes Geistes Kind sie ist, und du hättest dich nicht so gröblich getäuscht! Fahr hin und zerfließe denn, du schönes Luftgebilde!'

Als ich mich nun mit zerrissenen Gedanken vom Gouverneur ver­abschiedete, sah mich derselbe vergnüglich und verschmitzt an und blinzelte spöttisch mit den Augen. Ich merkte, daß er meine Assäre wohl kannte, überhaupt dieselbe von jeher beobachtet hatte und eine Art von schaden­frohem Spaß darüber empfand. Da er sonst ein ganz biederer und

honetter Mann war, so konnte das nichts anderes sein, als die ein­fältige Freude aller Philister an grausamen und schlechten Bratenspäßen. Im vorigen Jahrhundert belustigten sich große Herren daran, ihre Narren, Zwerge und sonstigen Untergebenen betrunken zu machen und dann nut Wasser zu begießen oder körperlich zu mißhandeln. Heutzutage wird dies bei den debilbeten nicht mehr beliebt; dagegen unterhalt man sich mit Vorliebe damit, allerlei feine Verwirrungen anzuzetteln, und ie weniger solche Philisterjeelen selber einer starken und gründlichen Leiden- schast fähig sind, desto mehr fühlen sie das Bedürfnis, dergleichen mit mehr oder weniger plumpen Mitteln in denen zu erwecken, die sich dazu eignen, in solche herzlos aufgestellte Mäusefallen zu geraten. Wenn nun der Gouverneur seinerseits es nicht verschmähte, seine eigene Tochter als gebratenen Speck zu verwenden, so war hiergegen nichts weiter zu sagen, und ich nahm, obschon noch ein guter Gepäckwagen abfufjr, eigensinnig meinen schweren Tornister und Muskete auf den Rücken und führte einen zurückgebliebenen Trupp in die Nacht hinaus dem Regimente nach, das schon in der Frühe abmarschiert war. .

Ich sah mich nach einem mühseligen und heißen Marjch nun m eine neue Welt versetzt, als die Kampagne eröffnet war und die Truppen der ostindischen Kompanie sich mit den wilden Bergstämmen an der äußersten Grenze des indo-britischen Reiches herumschlugen. Einzelne Kompanien unseres Regimentes waren fortwährend vorgeschoben; eines Tages aber, wurde die meinige jo mörderlich umzingelt, daß wir uns mitten in einem Knäuel von banditenähnlichen Reitern, Elefanten und sonderbar bemalten und vergoldeten Wagen befanden, auf denen stille, schöne hindostanischei Scheinfürsten faßen, von den wilden Häuptlingen als Puppen nutgefuhrt. Unsere sämtlichen Offiziere fielen an diesem Tage und die Kompanie, schmolz auf ein Drittel zusammen. Da ich mich ordentlich hielt und einige Dienste leistete, jo erlangte ich das Patent des ersten Leutnants der Kompanie und nach Beendigung des Feldzuges war ich deren Kapitän,

Als solcher hielt ich mit etwa hundertundfünfzig Mann zwei Jahre lang einen kleinen Grenzbezirk beseht, welcher zur Abrundung unteres Gebietes erobert worden, und war während dieser Zeit der oberste Macht­haber in dieser heidnischen Wildnis. Ich war nun so einsam, als ich je in meinem Leben geivesen, mißtrauisch gegen alle Welt und ziemlich streng in meinem Dienstverkehr, ohne gerade böse oder ungerecht zu jein. Meine Haupttätigkeit bestand darin, christliche Polizei einzuführen und unfern Religionsleuten nachdrücklichen Schutz zu gewähren, damit sie ungefährdet­arbeiten konnten. Hauptsächlich aber hatte ich das Verbrennen indsicher Weiber zu verhüten, wenn ihre Männer gestorben, und da die Leute eine förmliche Sucht hatten, unser englisches Verbot zu übertreten und einander i bei lebendigem Leibe zu braten zu Ehren der ©attentreue, so mußten wir stets auf den Beinen sein, um dergleichen zu hintertreiben. Sie waren dann ebenso mürrisch und mißvergnügt, wie wenn hierzulande die Polizei ein unerlaubtes Vergnügen stört. Einmal hatten sie in einem entfernten Dorfe die Sache ganz 'schlau und heimlich so weit gebracht, daß der Scheiterhaufen schon lichterloh brannte, als ich atemlos herzugeritten kam und das Völkchen auseinanderjagte. Auf dem Feuer lag die Leiche eines uralten gänzlich vertrockneten Gockethahns, welcher schon ein wenig brenzelte. Neben ihm aber lag ein bildschönes Weibchen von kaum sechzehn Jahren, welches mit lächelndem Munde und silberner Stimme seine Gebete sang. Glücklicherweise hatte das Geschöpschen noch nicht Feuer gefangen und ich fand gerade noch Zeit, vom Pferde zu springen und sie bei den zierlick-en Füßchen zu packen und vom Holzstoß zu ziehen.. Sie gebärdete sich aber wie besessen und wollte durchaus verbrannt fern mit ihrem alten Stänker, jo daß ich die größte Mühe hatte, sie zu bändi­gen und zu beschwichtigen. Freilich gewannen diese armen Witwen nicht i viel durch solche Rettung; denn sie fielen hernach unter den Ihrigen der j äußersten Schande und Verlassenheit anheim, ohne daß das ©ouver- i nement etwas dafür tat, ihnen das gerettete Leben auch leicht zu machen. 1 Diese Kleine gelang es mir indessen zu versorgen, indem ich ihr eine ! Aussteuer verschaffte und sie an einen getauften Hindu verheiratete, der ! bei uns diente, dem sie auch getreulich anhing. j

Allein diese wunderlichen Vorfälle beschäftigten meine Gedanken und erweckten allmählich in mir den Wunsch nach dem Genüsse solcher unbe­dingten Treue, und da ich für diese Laune kein Weib zu meiner Ver­fügung hatte, verfiel ich einer ganz weichlichen Sehnsucht, selber so treu zu fein, und damit zugleich einer heißen Sehnsucht nach Lydia. Da ich nun Rang und gute Aussichten besaß, schien es mir nicht unmöglich, bei einem klugen Benehmen die schöne Person, falls sie noch zu haben wäre, dennoch erlangen zu können, und in dieser tollen Idee bestärkte mich noch der Umstand, daß sie sich doch so viel aufrichtige und sorgenvolle Mühe gegeben, mir den Kopf zu verdrehen. Irgendeinen Wert muht du doch, dachte ich, in ihren Augen gehabt haben, sonst hätte sie gewiß nicht so viel daran gesetzt. Also gedacht, getan; nämlich ich geriet jetzt auf die fixe Idee, die Lydia, wenn -sie mich möchte, zu heiraten, wie sie eben wäre, und ihr um ihrer schönen Persönlichkeit willen, für die es nichts Aehnliches gab, treu und ergeben zu jein ohne Schranken noch Ziel, auch ihre Verkehrtheit und schlimmen Eigenschaften als Tugenden zu betrachten und dieselben zu ertragen, als ob sie das süßeste Zuckerbrot wären. Ja, ich phantasierte mich wieder so hinein, daß mir ihre Fehler, selbst ihre teilweise Dummheit zum wünschbarsten aller irdischen Güter wurden, und in tausend erfundenen Variationen wandte ich dieselben hin und her und "malte mir ein Leben aus, wo ein kluger und geschickter Mann die Ver­kehrtheiten und Mängel einer liebenswürdigen Frau täglich und stündlich in eben so viel artige und erfreuliche Abenteuer zu verwandeln und ihren Dummheiten mittelst einer von Liehe und Treue getragenen Einbildungs­kraft einen goldenen Wert zu verleihen wisse, so daß sie lachend auf dieselben sich noch etwas zugut tun könne. Gott weiß, wo ich diese geschäf­tige Einbildungskraft hernahm, wahrscheinlich immer noch aus dem unglücklichen «Shakespeare, den mir die Hexe gegeben und womit sie mich doppelt vergiftet hatte. Es nimmt mich nur wunder, ob sie auch selbst je mit Andacht darin gelesen hat!

i (Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steinäruckerei. Ä. Lange, Gietzen.