Nummer 10

Freitag. den 5.8ebruar

Jahrgang 1932

einem Töpfermeister, Quartier. Ich traf ihn auf einem Bergweg am Nachmittag des Begräbnisses, und er sagte mir gleich, er wolle mir etwas Merkwürdiges erzählen.

Er begann mit einigen Mitteilungen über den Vater des eben ver­storbenen Schmiedes. Der soll ungemein geizig, sogar an Worten, gewesen sein. Seine Frau verlor er durch die Geburt des Sohnes. Herange­wachsen übernahm sein Sohn di« Schmiede im Dorf; und der hat, wie mein Erzähler versicherte, der es von ihm selber hörte, niemals anderes Geld im Hause gesehen, als was er und was die Tante für di« ge­ringen Verkäufe an Eiern und Butter einnahm. Der Vater schien nie­mals auch nur einen Pfennig heimzubringen; denn wenn er es vor dem Sohn verborgen hielt und in einem Möbelstück insgeheim unterbrachte, so hätte sich das Jahrzehnte lang kaum unbemerkt durchführen lassen. Also lebten die Drei einigermaßen kümmerlich und auch nach der Ver­heiratung des Sohnes die sich mehrende Familie eher schlechter als besser Freilich Bargeld war vonnöten und fast eigentlich nur für die Steuern. Acker und Vieh lieferten die Nahrung, und es gab kaum ein Gerät oder Werkzeug, das nicht im Hause gefertigt werden konnte. Der alte Schmied verstand sich aus alles, sein Sohn mußte es lernen, und das Unmögliche erwarb die Schmiedearbeit im Tausch.

Der alte Schmied starb, und kein Erträgnis seines jahrzehntelangen Werkes war irgend zu finden; auch auf keiner Bank lag das Geringste.

Nun war es einige Nächte nach dem Hingang des Alten, daß der Doktor, mein Erzähler, der damals mit seiner jungen Frau bei dem Töpfermeister zu Gast weilte, von einer leichten Berührung ausschreckte, da er eben im Einschlafen war. Die Uhr konnte, wie er später sest- stellte, wenig über elf in der Nacht zeigen; im Markt lag um diese Stunde schon alles in tiefem Schlaf und auch seine Frau hatte er, wie er sich erinnerte, beim Zubettgehen so gesunden, ermüdet von einer Wanderung. Diese, die ihn angerührt hatte, fragte jetzt leise:Riechst du nichts?" Schlaftrunken, überdies mit geringem Geruchssinn begabt, wallte er schon verneinen, als er nun auch einen wohlbekannten Geruch zu verspüren glaubte, der nur aus der Schmiede hervorkommen konnte; jenen unangenehm beißenden Geruch nämlich, der dadurch entsteht, daß der Schmied vor dem Beschlagen auf den schon gesäuberten Rosseshuf das glühende Eisen drückt, wohl um die Form leicht in das Horn zu prefien; aus dem stark versengten schwalkt dann eine heftige Wolke von Rauch und Gestank. Und der war, zu Anfang schwach, bald aber in so vollem Strome zu atmen, daß die Wachenden beide sich fragen mußten: Wie ist das möglich? Wer konnte zu dieser Stunde beschlagen lassen? Immer nach Feierabend lag die Schmiede verschlossen. Kein Laut war hörbar. Nun der unerklärliche Geruch hörte so wenig auf, daß der Doktor sich erhob, um nachzusehen, ob Feuer in der Schmiede ausgebrochen war, und obwohl er sich sagen mußte, daß es dann einen anderen als diesen Geruch von verbranntem Horn geben durste. Das Haus konnte er ohne Störung verlassen, denn vor dem Zimmer, in dem das Ehepaar wohnte, lag eine Veranda, von der eine Treppe in den Garten hinabfuhrte; durch die unverschlossene Gartentür gelangte er ins Freie, wo es finster unb still war- nur unter den Linden in der Mitte des Marktes plät­scherte der beständige Wassergruß in das Brunnenbecken

Die Vorhalle, die er nun betrat, war ganz teer. Die Tur zur Schmiede war geschlossen; aber sie bestand zur oberen Hälfte aus Glas. Ein rötlicher Schein war darin, und die Augen den rußtruben Scheiben nähernd, sah er drinnen das Sonderbare:

Auf dem breiten Herde ganz hinten war rote Glut. Davor stand ganz dunkel ab gewandt, jemand ein Mann, der seiner Gestalt nach so­wohl der verstorbene alte Schmied wie sein Sohn sein konnte, denn beide ähnelten sich ja. Wer es auch sein mochte er trug nicht die Arbeits- tradjt Kittel und Schürze, sondern einen Anzug, der dem glich, worin allabendlich der alte Schmied heimwärts zu wandern pflegte. Eine Zeit- lang stand er so als ob er ins Feuer blühe, das nun langsam dunkler und dunkler wurde. Bei der letzten schwachen Röte erkannte der Be­trachter von draußen, daß die Gestalt sich zum Amboß wandte bei ihm niederkniete unb unten am Boben sich etwas zu schaßen machte. Ueberbem loick auch ber letzte Funken; brinnen war nur mehr Finsternis. Rütteln an ber Klinke ernües die Tür als fest verschlossen. Nach minutenlangem Warten rührte sich brinnen nichts. Uebrigens war auch von bem Brand- aeruch wie ber Doktor nunmehr erst inne würbe, nichts mehr zu spuren gewesen fobalb er ins Freie getreten war. Er erinnerte sich sogleich, den reinen, frischen Wohlduft der blühenden Linden kräftig geatmet zu h^Am andern Vormittag suchte der Doktor den Sohn auf und fragte ihn ob er bei Nacht in der Schmiede gewesen sei, was der, wie sich erraten läßt verneinte. Darauf erhielt er die Mitteilung van dem selt­samen Nachtbegebnis. Er äußerte bem Verstorbenen auch an Wort- kargheit ähnlich nichts bazu. Aber am Abend kam er und sagte er iei vielen Dank schuldig. Unter dem Amboß habe er eine Diele hochheben können und in einer Vertiefung die ganze väterliche Einnahme aus Jahrzehnten gesunden, einen großen Betrag, nebst genauer täglicher

Februar.

Don Jürgen Thiel.

Wir wissen nicht das Wie der Dinge. Die Zeit formt ewig ihre Jchgestalt, Das heut Geschaffne ist schon mot'gen alt. Es ist, als ob die Welt im Kreise ginge. Ein Wehn und Fließen wie im ersten Lenze. Der Schnee zergeht, wann wird es Frühling sein? Ein Vogel jauchzt. Gemach, noch kann es schnein. Das Wunder zögert an der Traumesgrenze.

Noch ist der Tag kein freundliches Verbleiben. Er kommt und geht. Und noch befiehlt die Nacht. Allein das Leben ist schon aufgewacht.

Bald wird «s seine blassen Blüten treiben.

Wir wissen nichts. Noch fließen alle Dinge. Das Jahr formt feine neue Jchgestalt.

Die Erde wittert süßeste Gewalt, Als ob es tief in ein Geheimnis ginge.

Der Schmied.

Erzählung von Albrecht Schaeffer.

Copyright 1931 by I. L. A. Wien.

Früher als sonst am Morgen erwachend, vernahm ich bas eintönige (jette tlagerufenbe Gebimmel bes Totenglöckchens vom .Kirchturm, womit allezeit dem Markt und den umliegenden Dörfern angezeigt wird, daß einer aus der Gemeinschaft, Mann, Weib ober Kinb, bavongeschkeben ist Wenig später hörte ich vom Hausmädchen auf meine Nachfrage, der alte Schmied P. sei gestorben. Er war vor einem halben Jahr vorn Schlage getroffen und nun wohl einem zweiten Anfall erlegen

Die Schmiede ist das zweitnächste Haus neben dem meinen, das |elber fast versteckt in einem Winkel des Marktplatzes liegt. Vor der Schmiede befindet sich eine allerseits offene Halle, verrußt, mit Bretterbuden unb einem alten schrägen Dach über Pfosten. Hier werben bie Mrde be­schlagen und bie eisernen Bänber um Raber von Wagen unb Karren gelegt. Das helle Klingeln vom Hammer auf dem Amboß gehört zu den heitersten Geräuschen des Werktags, bie ich kenne. Der Schmieb unb seine Söhne waren mir, wie sich benten läßt, gut bekannt, weil faft jeber Weg aus bem Hause mich burch bie Vorhalle führt. Entweber hatte ich dort den Schmied zu umgehen, wenn er sich über den Huf eines Rotzes bückte, der von dessen Besitzer oder Knecht gegengestemmt hochgehalten wurde; ober er kreuzte meinen Weg aus ber Tür ber Werkstatt hervor, mit kurzer Zange ein bnmpfenbes Eisen tragenb: ober auch ein Blick durch bie immer offene Tür zeigte ihn mir in ber Tiefe bes düsteren Raumes, am 2lmbsfs ober neben bem großen gemauerten Herbe mit rotgluhenbem Kohlenfeuer daraus. Klein war ber Schmieb, schwarzrußig immer, auch schwarz von Augen unb Schnurrbart, unb hielt sich gebückt, so baß er zumal in» Abenbbunkel gnomenhaft scheinen konnte. Semem Vater, von dem noch bie Rebe jein wirb, soll er ganz gleich gewesen fein, so daß die Leute nach dessen Tode kaum einen Unterschied merkten. Aber seine sechs Sohne sind' ohne Ausnahme von guter Größe, rotblond und breitschultrig; nur bie einzige Tochter miebeium ist, wie er selber, ganz schwarz.

Daß ber Schmieb unter den wohlhabendsten ®runöoefiöern ber Gegend mar, dankte er zu einem Teil dieser seiner männlichen Frucht­barkeit. Denn wenn er auch zwei Söhne im Weltkrieg uerlor unb einer anderswo als Schmied lebte, so sparten die übrigen ihm Knecht und Magd, ohne die er bei seinen mehrfachen Besitzungen nicht hatte Haus­halten können. Ihm gehörte nämlich außer dem Wohnhaus am Markt mit der Schmiede ein in bem Dorf H. eine Biertelstunbe bergmrts^ ge­legener Hof von zwanzig Stück Rinbvieh bas ist >n dieser bescheidenen Gegend schon viel, worin er eine zweite schmiede betrieb und auch selber wohnte; unb zubem ein kleinerer Ho, von einem halben Dutzend Rinbern einsam am Berghang gelegen, eine Einöde, wie da^ hier heißt. Dort hauste eine ältere Vase als Wirtschafterin und Bedienerin von Sommergästen, wahrend einer ber Sohne die Dorsschmiede Schotte.

Dem Vater hatten nur bie Schmiede am Markt unb ber damals wett kleinere Hof im Dorf mit noch wenig ßanberei gehört. Auf melrfje Auf sein Sohn zu dem übrigen kam, das bildet den Knotenpunkt dieses Be­richts. Meine Kenntnis davon verdanke ich einem Sommergast, einem gesprächigen alten Herrn und einstigen Gymnasiallehrer, auch Doktor, dessen Bekanntschaft ich vor einigen Jahren schon auf einem Spaziergang machte Er er zählte mir, daß er mehr als drei Jahrzehnte lang, mit geringen Unterbrechungen, bie sommerlichen Wochen seines Urlaubs in unserem Markt ober in ber Nähe verbracht hatte unb die meisten davon in jenem Einöde benannten Hof. In den erften Iahreu edoch hate e in bem jetzt mir gehörenden Hause, bei dessen damaligen Eigentümer,

GietzenerZamilienblötter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger