Kaffee ans Bett. Inzwischen hatte sie auch seine Ausrüstung vollendet. Sechs neue Hemden gab sie ihm mit, zu denen sie den Flachs eigenhändig gesponnen, sechs Paar neue Strümpfe und eine warme, gestrickte Unter­jacke. An barem Gelbe konnte sie nicht mehr als jährlich hundert Taler erübrigen; doch hatte Heinrich die sichere Hoffnung, noch ein Stipendium von fünfzig Talern zu erlangen und gute Freitische.

Anfang Oktober machte er sich auf die Reife, um sich als studiosus theologiae in Halle immatrikulieren zu lassen. Da schlechtes Wetter war und er auch Jett gewinnen wollte, spendierte er sich die Extraausgabe, von Kolberg bis Berlin in der Ordinären Post zu fahren, die damals zweimal in der Woche über Stargard ging. Die Postkutsche war ein blau angestrichener Leiterwagen, über den ein Plandach von geteerter Lein­wand gespannt wurde; angenagelte Bretter dienten als Sitzbänke.

Hier saß nun der Studiosus zwischen Koffern und Kisten eng zu­sammengepreßt, in der Gesellschaft von allen möglichen Menschen. Von denen hatten einige, wie er selbst, das Passagiergeld, wie sich's gehörte, auf dem Postbureau bezahlt; aber die meisten winkten von der Straße unterwegs dem Postillon zu, der sie daun gegen ein Trinkgeld mit­fahren ließ.

Die Wege waren ausgefahren und schlecht; der Wagen schwankte im Regen hin und her; die Kisten und Kasten tanzten auf den Füßen der Passagiere herum. Endlos schien Heinrich die Reise, und er war froh, als sie nach vier Tagen in Berlin einfuhren.

Hier nahm ihn eine bescheidene Herberge in der Adlerstraße auf. Die Wirtin war aus Kolberg gebürtig, und sein Seelsorger hatte ihn an sie empfohlen. Die Unterkunft war recht gut und der Preis niedrig. Von einem andern Studenten, der auch nach Halle wollte, vernahm er, daß die Kollegien erst nach Mitte Oktober begännen. Da dachte er, es würde gut fein, einige Tage in Berlin zu verweilen.

Die Hauptstadt Preußens bot des Interessanten und Merkwürdigen viel, so daß er an einem Tag doch nicht alles hätte besehen können. Prachtvoll hoch und sauber waren die Gebäude, lang und breit die Straßen, angefüllt mit geputzten Menschen und glänzenden Karossen, denen mitunter zwei Läufer vorausrannten, während hinten zwei La­kaien auf dem Trittbrett standen. Jenem, der durch die Friedrichstraße oder Unter den Linden daherging, ward es klar, daß er sich hier in der Residenzstadt eines ruhmvollen Königreichs befand.

Gern hätte Heinrich als guter Preuße seinen König gesehen, doch hörte er, der Hohe Herr hielte sich in Potsdam auf. Da nahm er sich vor, diese Stadt aufzusuchen, zumal ja dort auch seine Mutter gebaren war und ihre Schwester, die an einen Pfarrer der Garnisonkirche ver­heiratet war, daselbst lebte.

Das Wetter war gut und Heinrich des Fahrens in der Ordinären Post satt. So gab er sein Gepäck mit einer Frachtgelegenheit auf und marschierte vom frühen Morgen in einem starken Marsch hinein nach Potsdam. Da er sehr müde und auch schmutzig von der Fußreise war, mochte er nicht am gleichen Tage bei seiner Muhme einkehren, sondern schlief mit Handwerksburschen in einer wohlfeilen Herberge.

Am andern Morgen wusch er sich, stäubte seine Kleider aus, putzte die Schuhe, ließ sich für drei Groschen frisieren und stellte sich alsdann im Pfarrhaus als der Sohn der Schwester der Frau Pastorin vor. Mit der größten Freundlichkeit ward er aufgenommen mußte gleich in das Haus ziehen und wurde die acht Tage, die er in Potsdam verweilte, wie ein eigenes Kind behandelt. Das war eine sehr glückliche, echt christliche Ehe, die er sah. Nur hatte der Herr in seiner Güte wohl etwas zuviel Segen walten lassen, denn es spielten sechs Jungen und fünf Mädchen umher, und das war selbst für ein wohlhabendes Pfarrhaus zu viel.

Das Ziel aller Spaziergänge Heinrichs war das Schloß Sanssouci mit seinem Garten. Hier wohnte ja der König und Held, der Preußen in so kurzer Zeit vergrößert hatte. Endlich gelang es ihm auch, den leibhaft zu sehen, dessen Anblick er so sehr begehrte. Er betrachtete den wohlangelegten Gemüsegarten, als plötzlich ein hübsches Windspiel, weiß von Farbe mit gelben Flecken, hervorsprang, ihn anbellte und, da er mintte, ihm spielend schmeichelte. Er kniete in den Sand nieder, streichelte und kratzte es hinter den Ohren, während es dafür die Hände leckte.

Plötzlich vernahm er hinter sich eine Stimme:Die Biche scheint Ihn gern zu haben laßt sich sonst von niemand anfassen!"

Als er nun den Kopf hob, stand ihm der König Friedrich, den er nach mehreren Bildnissen, die er in Potsdam gesehen, erkannte, gegenüber. Er wurde feuerrot vor Verlegenheit, erhob sich aus seiner knienden Stellung und stammelte nur:Eure Majestät!"

Der König lächelte freundlich.Er scheint ein Fremder seinem Anzuge nach Studiosus. Woher kommt Er? Was will Er studieren?"

Heinrich faßte Mut und antwortete: indem er sich auf beiden Beinen stramm hinstellte, wie er es vom Vater gesehen:Bin in Halle ge­boren, Eure Majestät, aber von Kindheit an in Pommern erzogen, wie auch mein seliger Vater gebürtig aus dieser Provinz war, so daß ich mich als Pommer betrachten muß. Will jetzt nach Halle gehen, dort Theologie studieren. Unmdlich glücklich fühle ich mich, daß mein' sehn­lichster Wunsch, Eure Majestät sehen zu dürfen, erfüllt ist!"

Der König fragte:Also Er wollte mich gern sehen? Hat Er denn schon so viel von mir gehört, daß bei Ihm dieser Wunsch frei entstanden «ft? Oder mag Er aus bloßer Neugier forschen, ob ein König aussieht wie em anderer Mensch?"

Heinrich wagte zu bemerken, daß sein seliger Vater stets in auf­richtigster Verehrung von Seiner Majestät gesprochen, und es gäbe tn Pommern kein Haus, vornehm oder gering, dessen Bewohner nicht mit der innigsten Liebe ihres Herrn und Königs gedächten und in der Seit der Not für ihn beteten.

''S*?. ihr Pommern seid treue und brave Menschen!" erwiderte der König und fragte nun, wer der Vater des Studiosus gewesen sei Worauf Heinrich in aller Kürze Leben und Schicksale der Familie Fritsche mitteilte. Darauf nickte der König und sagte: ,Zetzt schau' Er mich noch

einmal recht ordentlich ernt Er mag dann seinen Landsleuten erzähl«,, wie ich aussehe! Und nun gehe Er nach Halle und studiere fleißig! (Sind guten Rat will ich Ihm zuvor geben: Werde Er mir dort kein ÜDlufir und Kopfhänger! Denke Er stets daran, ein ordentlicher Geistlicher nnj den Spruch beherzigen: Richtet euch nicht bloß nach meinen Worte», sondern nach meinen Taten! Hat Er seinerzeit ausstudiert und sei« Examina gehörig bestanden, dann mag Er sich gelegentlich an mich wenden und mich an unsere jetzige Begegnung erinnern. Will dann zsi< sehen, ob ich etwas für Ihn tun kann!" Nach diesen gnädigen Worte, nickte der König noch einmal und setzte seinen Spaziergang fort.

Heinrich aber eilte ins Pfarrhaus, um seiner Muhme zu berichte», was für ein freudiges Ereignis ihm begegnete, und an diesem Tag ward noch viel vom König erzählt: von seiner Eigenart, sich einfach 51 tragen in der ungeschmückten blauen Uniform eines preußischen Dberftea der Garde, von seinen Tischgesellschaften. Nur der Pfarrer beklagte, das der König sich mit ausländischen Gottesleugnern und Philosophen um gäbe.Aber", meinte er,vielleicht ist es Sache eines Königs, zu wissez was überhaupt von den Menschen gedacht wird!"

Heinrich hatte Potsdam lieb gewonnen; ungern nur wanderte er fori zu Fuß gen Halle, durch eine häßliche Gegend, in der er ftunbentanj nichts als magere Sandfelder und dürftige Kieferwälder sah. So gelangt! er in die berühmte Stadt Wittenberg, in der der Doktor Martin Luthe: den besten Teil seines großen Werkes vollbracht hatte. In Halle, (eine Geburtsstadt, traf er am 20. Oktober ein. Trotz ^dunkler Kindererinnerunf kannte er nichts mehr wieder.

Arn nächsten Morgen gab er Empfehlungsschreiben an alte Bekannt und frühere Kollegen seines Vaters ab. Wit besonderem Wohlwollen nahm ihn der berühmte Professor Franke, der Gründer des Halleschn Waisenhauses und anderer wohltätiger Anstalten, auf. Heinrich muht« bewundern, was hier ein Mensch aus Glaubenseifer mit geringen eigenen Mitteln geschaffen hatte. Aber so sehr er den Mann und den Mensche» verehrte, ihm widerstrebte es, diese Welt nur als ein ironisches Jammer tu! anzusehen, aus dem i>er Professor jede Lust und Freude verbann! wissen wollte.

Heinrich hatte dös Glück, eine kleine, friedliche Wohnung im Haust eines alten Halloren zu erlangen. Diese Halloren bildeten die eigentliche Zunft der Arbeiter an den großen Salinen werken, in denen das Salz gewonnen wurde. Hier tat nun Heinrich Blicke in eine echte gebundeni alte Zunft, in der ein Mensch auf den anderen eingestellt war, einer j den andern achtete und das Werk getan wurde in Gemeinsamkeit.

Er studierte eifrig nicht nur Theologie, sondern auch lateinische uni griechische Klassiker. Französischen Privatunterricht nahm er bei dein. Friseur der Halloren, der aus Paris gebürtig war und ihm die Stunt« zu einem Groschen gab. Italienisch tauschte er mit einem Musikus aus, einem Flötisten, den er dafür in der deutschen Sprache unterwies. Sein! Ziel war, nach bestandenem Examen eine Hofmeisterstelle zu finden bei irgendeinem vornehmen jungen Mann und mit diesem auf Reisen zu I gehen. Er sagte sich, daß er dies nur erlangen könne, wenn er ncb« den alten Sprachen auch -die modernen beherrsche.

Von Halle aus machte er häufige Spaziergänge nach Burg Giebichen- stein, die Saale entlang; aber auch Leipzig erreichte er auf Fußreisen, und diese helle, hübsch gebaute Stadt und ihr bedeutendes Leben und Treiben auf den Straßen taten ihm nach der Enge Halles wohl.

Im Sommer kam ihm der Verkehr mit den Halloren zugute. Di« waren durchweg gute Schwimmer, und sie brachten ihm besondere Fertig­keit im Schwimmen bei, das Tauchen und allerhand Kunststücke.

Auch Geld floß ihm zu Er lernte einen jungen, reichen Edelmann: aus Mecklenburg kennen, der, wie die meisten wohlhabenden jungen. Edelleute, wohl studierte, aber nicht viel arbeitete. Er mußte, um in. feiner Heimat beim höchsten Gerichtshof an gestellt zu werden, eine juri- stische Arbeit in lateinischer Sprache einliefern. Da er kein fertiger Lateiner war, hals ihm Heinrich bei der Uebersetzung und erhielt dafür abends stets eine warme Mahlzeit und danach vier Dukaten. Davon lief er sich ein mit Fries gefüttertes Winterkleid machen; denn fein Anzug aus dem alten Priesterrock feines seligen Vaters war so fadenscheinig geworden, daß er arg darin fror. Der junge Edelmann gewann Gefallen an ihm, und weil Heinrich kräftig war, bildete er sich ihn zum Fecht­partner heran. So blieb Heinrich gewandt und schwipp und lernte eine Kunst, die sonst von Studenten nur zu Raufhändeln angewandt wurde.

Nach Ostern des Jahres 1752 zog in das gegenüberliegende Haus die Witwe eines Thüringer Predigers mit ihren zwei erwachsenen Töchtern ein. Heinrich, der bei offenem Fenster, über seine Bücher und Kolleg­hefte gebeugt saß, hatte bisher die Nachbarschaft wenig beachtet; doch als er eine schöne Stimme ein Liedchen fingen hörte, schaute er hinunter und sah ein hübsches Frauenzimmerchen, groß und schlank gewachsen, mit hellbraunem Haar und lieblichen braunen Augen, das zu ihm hin- aufblickte, den Kops aber alsbald senkte und errötend weiterging.

Es ließ sich nicht nermeiben, daß er diesem Mädchen und ihrer Schwester mitunter auf der Straße begegnete, und da es doch nun mal die Nachbarsleute waren, war es seine Pflicht, höflich die Mütze ZU ziehen, wofür die Mädchen stets mit zierlichem Knicks dankten. Sie an­zureden, hätte Heinrich niemals gewagt; jedoch denken mußte er be­sonders an die eine, die es ihm angetan. Bald wußte er auch ihren Namen; denn die Mutter, die bei dem wärmer werdenden Wetter die Fenster aufstehen ließ, rief den Töchtern zu, und so erfuhr er, daß sein« Angebetete Emma hieß. Satz er gedankenverloren am Schreibtisch, so kam es vor, daß sich dieser Name von selbst auf dem Papier unter seinen Fingern bildete; und fchloß er die Augen, dann sah er sie wohl vor sich in einer besonderen Stellung, die er zuvor erhascht: etwa ein Tüchlein aus dem Fenster ausftäubenb oder über die Gasse schreitend, während ihr milchweißer Hals in der Sonne leuchtete.

(Fortsetzung folgt.)

verantwortlich: vr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'fche Llniverfitäts-Duch» und Steindruckerei. D. Lange, Gietzen.