Es wurde ein schöner, eindrucksreicher Abend. Man hörte Beethoven, Lrnhms und eine neue Schöpfung des Hausherrn. Später saß man bei -inem herben, rassigen Moselwein um den metallenen Rauchtisch. Und ils die Stimmung immer vertraulicher wurde, konnte sich Ockel nicht mehr »ezähmen. In seiner burschikosen Art fing er an, „ein bißchen auszuragen": „Nun, sag' uns mal, Reinhold, wo hast du eigentlich den Prachtkerl, den Luitpold, aufgefischt?"
Er war betroffen, als der lächelnde Hausherr plötzlich tiefernst wurde and mit großen Augen erst ihn, dann die anderen Gäste ansah. Er wurde rot und fühlte sich erlöst, als Reinhold langsam und leise zu prechen begann: „Ein Prachtkerl? ... Ja, er ist ein prächtiger Kerl, reilich nicht in dem Sinne, wie du es meinst, lieber Freund. Ich weiß, daß er euch komisch erscheint — mir ist er nie eine Zielscheibe des Witzes gewesen. Ich habe ihn nirgends aufgefifcht — aber er hat mich gerettet, als ich zu ertrinken drohte."
„Ja, ich wäre zugrunde gegangen, wenn er mich nicht gefunden hätte. Ihr alle, meine Freunde, wißt ja, daß ich vor fünfzehn Jahren nicht >aran dachte, ein Notenschreiber zu werden. Ihr wißt von einer dunklen Affäre, die mich aus der Bahn warf ... Schüttelt nicht die Köpfe! Ihr ■gabt bisher geschwiegen — und ich danke euch für diese Rücksicht. Ihr eid ja schon lange unterrichtet über die Vergangenheit des Musikers Reinhold Zerfaß, der einst ein viel nüchterneres Geschäft betrieb. Man >at euch mancherlei erzählt von dem jungen Devisenhändler einer Essener Bant, der dem Anblick der lockenden Geldsorten nicht gewachsen war, »on dem kleinen Bankbeamten, der eine Künstlerin mit Kolliers beschenkte — und zum Defraudanten wurde. Und das ist die Wahrheit. Freilich wißt ifji nicht, daß dieser Willensschwäche Mensch srüh verwaist war und einen .»crständnislosen Vormund hatte. Ihr könnt nicht ermessen, wie sehr sich >er einsame junge Mann nach einem Halt, nach einem lieben Wort sehnte »ird alle seine Träume einer Frau entgegenbrachte, die ihn sojort ver- tougnete, als er schuldig wurde."
„Erspart mir Einzelheiten. Der Chef meiner Firma bewahrte mich w dem Bittersten, vor dem Gefängnis. Da der unterschlagene Betrag richt allzu hoch war, unterließ er eine Anzeige. «Er hatte mich hoch- geschätzt und zu größeren Aufgaben ausersehen. Nun aber wurde ich fristlos entlassen. Ich lag auf der Straße — und welche Firma möchte vohl einen Defraudanten einstellen? Ihr müßt wissen, daß ich meinen Beruf nicht liebte. Als Knabe hatte ich das Konservatorium, dann einige Surfe der staatlichen Musikschule besucht. Ader mein Vormund höhnte iiber meine schwärmerischen Träume, in denen ich mich schon als Dirigent eines großen Orchesters sah. So geriet ich nach dem Abiturienten- (jxrmen in einen „Brotberuf", so wurde ich Bankbeamter ... und Defraubant.
„Ich war damals wie heute in allen kleinen Dingen des Lebens i in durchaus unpraktischer Mensch. So fand ich mich auch in meiner Notlage nicht zurecht. Ich nahm nicht einmal die Unterstützung in Anspruch, !’ie mir gesetzlich zustand. Denn mich duldete es nicht mehr in der totabt, in der ich Schande erlebt hatte. Ich floh vor Scham, wanderte ziel- und tonlos in die Welt. Mein Geld ging zur Neige, meine Kleider zerfaserten mein Haar verwilderte. Ich war mittellos und obdachlos geworden Klöster und Krankenhäuser, die an den Straßen lagen, gaben nir Speise. Wochenlang wanderte ich so durch die deutsche Westmark, mit benommenem Kopfe, betäubt von der Wucht meines Absturzes. Ich tonnte keinen Gedanken zu Ende denken. Am Tage wanderte ich durch iäe Dörfer und Wälder, und am Abend schlief ich in der stickigen Lust, im trostlosen Schummellichte der Obdachlosenasyle und Polizei herberg en - mitten zwischen den Kumpels, den „Kunden", den Tippelbrüdern Trotz Ungeziefer und Hunger schlief ich bodenlos tief in bleierner Ohnmacht. Ich iberbörte es sogar, wenn sie stichelten, well ich „immer noch femtat imb „Sie" zu jedem Nachbarn sagte, weil ich nervös wurde, wenn ich linen Fremden um eine Gefälligkeit bat. Allmählich beschlich mich die ttsährliche Vorstellung, daß es schön fein müsse, Zu sterben. Suß, be- ireiend ... Da war es nur noch ein Schritt bis zum Letzten.
„Vor diesem Letzten aber bewahrte mich der Einäugige, Luitpoldder 3rachtkerl. Als er mich an jenem unvergeßlichen Abend in der berge lines Eifelstädtchens traf, hörte ich aus vielen Zurufen der anderen Landerburschen, daß er „ein Bekannter war Schon ..fünf Jahre war ir auf der Watoe. Bei einer Schlägerei in seiner fränkischen Heimat ' alle er ein Auge' verloren. Er war geachtet und gesurchtet von.allen Kunden". Sie sagten ihm viele schöne und verführerische Fähigkeiten -ach, und einer meinte: Er hat einen feinen Instinkt.
Ja »r bat ibn den feinen Instinkt". Als er mich sah, wie ich zu- hm'mengetauert in einer" Nische der schmutzigen Fremdens “ M™ “ itner Talle Kornkaffee saß, fühlte ich, wie mich sein Bl.ck emschatzre ilnd plötzlich lächelte er. Oh, es war unbeschreiblich erfahren
'ach all den Wochen, in denen ich nur Abweisung undSpott erfahr litte. Mit schwerer Pranke klopfte er mir aus d,e Schulter - - "AU »ohl ein Neuling? Kannst dich noch nicht Zurechtsinden?, Nur mal den Kopf hoch, Junge! Es wird noch alle Tage Brot gebacken - Nach üner Viertelstunde, in der er eine Riesenportion Fleischwurst u eine Kanne Kassee bewältigte, kam er wieder zu mir. „ <
Junge! Du mußt auf andere Gedanken geraten. Es ist erstacht Uyr - da wollen wir uns noch ein wenig das «tadtchen ä sh ■ . Eine Eingebung durchdrang mich: Geh mit! Geh.mit 3ch folgt । bm. „Heute ist hier Schützenfest, Junge" sagte er breit.„Ia,^ch habe titon die vielen Fahnen bewundert , erwiderte ich f s sch sh mildtätige „Na - da wollen wir mal sehen ob mir noch einige rmlötauge | ^°elen finden!" Ich antwortete nicht, d-nnm Lesern Äugens m I an einem offenen Fenster vorüber, aus dem traate erstaunt:
■‘abiomufiE herausdrang. Ich blieb stehen, und Luitpo f G
-Mas ist dir denn?" v ... „ , . „
„Das ist die „Zauberflöte" ... das ist Mozart.
Hein,"bi? eigentlich Bankbeamter ... aber ich habe ... ich bin ' !->t fünf Monaten —"
„Ich will nicht wissen, was du ausgelöffelt hast, sondern was du kannst. Spielst du ein Instrument?" Unwillkürlich mußte ich lächeln über die plump-praktische Frage: „Ja, ein bißchen Klavier, Geige und Orgel."
„Donnerwetter, Kerl! Und da hungerst du herum, du Dummkopf? Du verdienst ja Prügel!" Etwa zweihundert Meter weit führte er mich bis zu einem Gasthof, in dem es laut und festlich herging. Lachende, rufende Menschen gingen ein und aus. „So, warte hier!" befahl Luitpold. „Ich komme sofort wieder."
Ich gehorchte willenlos, ohne Ueberlegung. Nach drei Minuten stand er schon wieder vor mir: „Komm herein!"
„Und was soll ich da tun?"
„Spielen wirst du, Klavier spielen. Geld wirst du verdienen. Frag' nicht lang und denk' nicht lang!" Heute weiß ich nicht mehr, wie ich an das alte Klavier kam. In meiner Erinnerung lebt nur noch ein verschwommenes Bild von lachenden, gutmütigen Gesichtern, von Zigarrenrauch und Girlanden. Ich spielte drauf los: Schlager, die ich mechanisch heruntertastete, Volkslieder, die begeistert mitgesungen wurden. Nach jedem Stücke umbraufte mich das Beifallklatschen. Ein dicker, witziger Kellner schob mir ein Glas Bier nach dem anderen hin. Und Luitpold sammelte viele Münzen auf einen Teller, den er vor mir entleerte. Allmählich wurde 'ich wärmer, freudiger. Der Alkohol, dessen ich entwöhnt war, wirkte im Blute, und plötzlich — ich weiß nicht, wie es geschah — spielte ich keine Schlager mehr. Nun ließ ich all mein Leid aus dem Klavier klingen, ließ Schumann und Tschaikowsky sprechen, und schließlich phantasierte ich über eigene Einfälle. Ich glaube noch heute, daß ich nie in meinem Leben wieder so gut gespielt habe wie damals."
„Als ich erschöpft endigte, lag eine Minute Kirchenstille im Saal. Sie hatten mich verstanden. Dann aber brandete der Beifall strahlend und ehrlich. Und dann berührte ein gutgekleideter Herr meinen Arm: „Vielen Dank für den Genuß, junger Herr. Ich möchte Sie näher kennenlernen, Sie dürfen nicht Weiterreisen, bevor wir uns ausgesprochen haben. Sie sind ein Talent, das sich nicht in der Gosse verlieren darf."
„So lernte ich den Rektor Manders kennen, den Mann, der mir bald daraus ein Stipendium ^verschaffte, bas mich zur musikalischen Vollbildung führte. Aber voll Scham und falschen Stolzes wie ich war, hätte ich auch diese Gelegenheit mißachtet — wenn Luitpold nicht eingegriffen hätte. Am nächsten Morgen wollte ich weiter wandern. Ich wollte keine Beichte ablegen. Ich wollte kein Ausfragen ertragen."
„Wie — du gehst nicht zu dem Rektor?" grollte Luitpold stirn- runzelnd. „Du verdienst wirklich Prügel! Du wirst sofort hingehen, sonst schleppe ich dich an den Haaren hin, verstanden?" Ja, so besohl der Luitpold. Und vier Monate später besuchte ich die Hochschule für Musik in Köln."
„Was ist noch viel zu sagen? Ist es verwunderlich, daß ich, nachdem ich Erfolg hatte, den Mann, der mich rettete, von der Landstraße holte und in mein Haus nahm? Hat er nicht auch hier seinen schonen Charakter bewiesen? Hat er nicht geschwiegen? Hat nicht der Mann, der mir einst rauhe Worte sagte, als bescheidener Diener für seinen emporgekommenen Freund gearbeitet? Ist er nicht ein selbstloser Mensch, ein Prachtkerl?" —
Lange schwiegen die Gäste. Als sie in später Stunde aufbrachen, konnte der Diener, der ihnen die Garderobe reichte, vor grenzenlosem Staunen kein Wort finden. So reiches Trinkgeld hatte er noch nie bekommen. Am meisten jedoch wunderte es ihn, daß sie ihm nicht mit huldvoller Gönnermiene, sondern freundschaftlich, fast abbittend die Hand reichten. Und als ihm Ockel fünf Hamburger Zigarren in die Tasche steckte und ihm die Hand drückte, stammelte er verlegen: „Ja, was ist denn passiert, lieber Meister?"
Oer Kriegskommissar des Königs.
Roman von Friedrich F r e k s a.
Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H., Berlin.
(Fortsetzung.)
Mit gutem Winde kamen sie nach Kolberg, und in der Abenddämmerung trat Heinrich ein ins Hous feiner Mutter, die er zu überraschen üob'Cidjt'C.
Im dunklen Gang fühlte er sich angehalten. Eine leise Mädchenstimme fauchte ihn an: „Wo will Er hin?" Aber da ein Lichtstrahl auf ihn fiel, rief es lauter: „Ach — Sie sind es, Herr Heinrich? Die Freude für die Mutter! Aber nur leise — sie schläft!" .
Jetzt erkannte Heinrich in dem großen Mädchen seine kleine Schülerin Dorchen von damals. Und er erfuhr von der leise Wispernden, daß die Mutter eine große Aufregung erlebt hätte. Ein Brief von Theodor war angekommen, in dem er mitgeteilt hatte, er wäre auf einer holländischen Faktorei an der Küste von Westguinea tätig.
Heinrich setzte sich sacht ans Bett der Mutter und wartete, bis sie auswachte Das war dann ein fröhliches Erwachen, und im Gedenken an Theodor erzählte die Mutter auch von ihrem Aeltesten, Friedrich Wilhelm der nunmehr königlicher Förster in Ostpreußen geworden war.
Diese sechs Wochen der Ferien gingen schnell dahin. Abends kam Joachim Nettelbeck; Dorchen sorgte wie ein Hausmütterchen, bereitete Tee den der junge Rettelbeck für den Haushalt aus Holland mitgebracht hatte Sie taten Kümmelschnaps hinein; das war damals die Art an der ganzen Ostseeküste, den Tee zu trinken.
Heinrich, der eine große Freude gewonnen hatte an den Eellertschen fabeln sprach diese dem Dorchen vor und machte sie auf den ,chalkhasten Humor' und die meisterhafte Form aufmerksam. Und bannt Dorchen die Fabeln nicht wieder vergäße, schrieb er ihr jeden Tag eine solange er da war, in ein Büchlein und gab ihr dieses, als er auf die Universität zog, zum Andenken. ,
Die Mutter bot in dieser Zeit alles auf,, um ihrem heben Jungen bas Leben schon zu machen. Sie kochte ihm seine Leibgerichte: Kloße mit Pflaumen ober Speckpfannkuchen; morgens brachte sie ihm em Schälchen


