kam auch die herzerschütternde, volkstümliche Beredsamkeit feines Groß­vaters über ihn." ...Wie war er froh des reinen gotischen Heldenbluts in seinen Adern. Unzertrennlich, ununterscheidbar für sein eigenes Be­wußtsein verflocht sich mit diesem kriegerischen Nationalstolz der Ernst des evangelischen Glaubens .. " Er lebte im evangelischen Glauben, er kannte die Kraft des Gebets, und aus vollem Herzen fang er jein Sieb' Verzage nicht, du Häuflein klein" ...Zum ersten Mal feit Luthers Auftreten ersteht unserem Volke wieder ein Mann, zu dem jeder in Haß ober Liebe aufblicken muß." Leopold von Ranke sagt in seinerGe­schichte Wallensteins"; ,;für Gustav Adolf war der evangelische Name alles; er stritt für bas Bestehen bes Protestantismus mit vollem Herzen. Er hatte benselben zum Prinzip seiner Heerführung gemacht: er selbst ge­hörte ihm mit freubigem unb sicherem Bekenntnis an, heiter von Natur, durch unb burch populär, ein Mann ber beutschen Bürgerschaften, bie ihn mit Freuben selbst als ihren Herrn begrüßt hätten. Die Verehrung, bie man ihm zollte, war ihm fast zu stark." Georg Wittrock schreibt an einer Stelle seiner oben erwähnten DarstellungGustav Abolf":Wer Sbie Mühe nimmt, ohne vorgefaßte Meinung in seine Briefe unb

ssagen, wie auch in sein Werk tiefer einzubringen, wirb einen leben- bigen, allen Einbrücken zugänglichen Menschen finben, mit warmem Fühlen, starkem Willen, einem manchmal aufbrausenben Temperament, der bie Gabe zu befehlen, aber auch zu gewinnen unb zu überzeugen besaß einen Mann, keineswegs frei von den Fehlern bes Königshauses Wasa, aber in selten reichem Maße mit seinen besten Eigenschaften aus­gerüstet. Der Tatenburst, ber Weitblick, bas vor keiner von ber Zeit gestellten Aufgabe zurückschreckende Verantwortlichkeitsgefühl, all bas ist ohne Zweifel mit einem freigeborenen Ehrgeiz verbunden, ber sich unb Schweben die höchsten Ziele steckt. Aber mitten in weitreichenden Unter­nehmungen, ja, in ber glänzenden Periode ber größten Erfolge überrascht unb bas klare, maßvolle Urteil, bas bie Begrenztheit ber eigenen Kräfte unb ber äußeren Machtmittel unbeirrt erkennt."

*

Das evangelische Deutschlanb ehrt sein Anbeuten, um dessen Willen, was er für den evangelischen Glauben getan hat. Dem Eingreifen Gustav Adolfs ist es zu danken, daß in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges die deutsche evangelische Kirche bestehen geblieben ist. Das zeigte sich zu­erst im Jahre 1648 beim Friedensschluß zu Münster unb Osnabrück. Da würben beide Bekenntnisse von neuem als gleichberechtigt anerkannt und es wurde diese Erneuerung des Augsburger Religionsfriedens auch auf die Reformierten ausgedehnt. Fortan konnte sogar jeder einzelne Deutsche sich zwischen dem evangelischen und katholischen Glauben ent­scheiden, während bis dahin nur die Fürsten das Recht der Gewissens­freiheit besaßen. Und die damalige Verteilung der Bekenntnisse ist bis zum heutigen Tage bie gleiche geblieben. Religiöser Streitigkeiten wegen würbe kein Krieg mehr geführt.

Die Verehrung für ben großen König zeigte sich in verschiebener Form. Auf Leipzigs weiter Ebene bei Breitenfelb verkünbet ein Denk­stein:Gustav Abolf Christ und Held, rettete bei Breitenfeld Glaubens­freiheit für die Welt!" Bei Lützen bezeichnet ein Denkmal die Stelle, wo fein Leichnam gefunden wurde. Im Jahre 1832 wurde derGustav- Adolf-Verein" gegründet zur Unterstützung armer evangelischer Ge­meinden, bie unter überroiegenb katholischer Bevölkerung leben. Die Anregung zu bieser Gründung gab die Zweihundertjahrfeier des Todes­tages Gustav Adolfs am 6. November 1832 auf dem Schlachtfelde bei Lützen. Aus diesem Grunde wurde von ber evangelischen Bevölkerung Deutschlands in diesem Jahre, in ber Zeit vom 30. Oktober bis 6. No­vember, zusammen mit ber Dreihunbertjahrfeier bes Tobestages Gustav Abolfs bie Hunbertjahrfeier bes Gustav-Abolf-Vereins begangen, nachdem schon am 19. September der Gustav-Adolf-Verein selbst aus Anlaß seines hundertjährigen Bestehens auf feiner ersten öffentlichen Hauptversamm­lung eine Festfeier in Leipzig abgehalten hatte.

Wer sich in bie Arbeit bes Gustav-Adolf-Vereins einführen läßt, wirb u. a. auch mit ben Nöten des Grenz- unb Auslanb-Deutschturns ver­traut werben, mit ben bärtigen Kämpfen um Volkstum und evangelische Art, unb wirb ben evangelischen Volksschaffen jenseits ber Reichsgrenzen bie Eingangsworte bes Felbliedes Gustav Adolfs zurufen wollen:

Verzage nicht, du Häuflein klein, Obschon die Feinde willens sein, Dich gänzlich zu verstören ..

Die Schlacht bei Lützen.

Von ***.

Aus einem im Gebrüder-Enoch-Verlag, Hamburg, erschie­nenen biographischen RomanGustavAdolf, der Löwe aus Mitternach t".

Die Sonne ging nicht auf an dem Novembermorgen über Lützens Gefilden. Die Finsternis schien Herr zu bleiben auf der Erde. Grau, un­durchsichtig wälzte sich ber Nebel. Der König sah fahl aus, sein Antlitz unb Bart troffen von Feuchte. Sein Herz schlug bange, wie es vor keiner Schlacht gewesen.

Um neun hellte es sich auf. Der König ritt vor bie Front in gelbem Koller, ohne Harnisch, von ber Schulter zur Hüfte die blaue Binde:Tut das Beste, Kinder! Schlagt euch, wie es Männern ziemt! Sonst soll eures Gebeins nimmer ein Rest nach Schweden kommen!"

Er betete:Christus, hilf mir heute siegen, zu deines Namens Ehre!"

Um einhalbzehn wurde es lichter. Die Windmühlen, in bleichem Schein, standen wie Kreuze auf ben Hügeln. Nun lohten Feuer, Lützen brannte, bie Kreuze starrten schwarz aus dem roten Rauch unb Dunst.

Der König sah auf, riß bas Schwert aus ber Scheide, schwang es über seinem Haupt:Vorwärts!"

Der erste Kanonenschuß, bas Zeichen zum Vorrücken, bonnerte. Hinter bem König preschte ber Herzog von Lauenburg, ber Hofmarschall, des Königs Pasche ßeubelfinq, ein paar Adjutanten, Reitknechte.

Der König kam an die Gräben, Musketenfeuer schlug ihm entgegen. Die Stückkugeln fegten in Schwedens Reihen. Des Königs Goldfuchs

brach zusammen. Der Reitknecht führte, während die Kugeln pfiffen, ben Schimmel vor. Besonnen zog Gustav bie Pistolen aus ben Halftern und steckte sie in die roten Samttaschen des Sattels, unter dem der Schim- mel bäumte. Ruhig stieg Gustav auf. Er trabte vor. Aus ben Gräben pfiff ber Eisenprall so dicht, baß bie Musketiere stutzten. Der König setzte bem Roß die Sporen ein. Hinüber im Sprung vom Feld auf bie Straße, ein zweiter Sprung, von ber Straße über ben anberen Graben. Da bissen bie Musketiere bie Zähne zusammen unb klapperten nach.

Schwebens Mitte war vorgedrungen, zäh, unter großen Verlusten, lieber die Chaussee weg gewann der Angriff Raum bis in Wallensteins Batteriestellung. Die Kanonen wurden herumgerissen und feuerten gegen den Feind. Da jagten schwarze Schwadronen heran, zermalmend, an ber Spitze ber Führer, eine Streitaxt schwingenb. Pappenheim war ba! Die müben Sieger ftanben unb trotzten. Es half nichts, sie mußten zurück, Schritt für Schritt wurden sie verdrängt.

Der König, immer noch auf ber Rechten vordringenb, erhielt Nach­richt, fein Zentrum weiche. Er ritt an bie Spitze bes Reiterregiments Smalanb. Der König sprengte voran. Da waren bie Gräben wieder. Abermals hinüber. Der Schimmel schoß wie ein Pfeil dahin.

Aber bie Klepper ber Smaländer kommen nicht rasch genug nach.

Der König erhält einen Schuß in den linken Arm, das Armbein zer­splittert unb ber spitze Knochen bohrt ein Loch burch ben Aermel. Gustav greift mit ber Rechten bie Zügel. Ihm wirb leicht und plötzlich wieder schwer. Der Lauenburger ist hinter ihm. Aber wo sind sonst die Seinen? , Brinat mich heraus! Doch daß niemand etwas merkt!" Er wendet. Ein Schlag. Der König taumelt auf den Hals des Pferdes. Der Schuß kam ganz aus ber Nähe, er hat dem König ben Rücken burchbohrt. Gustav Abolf wankt:Ich hab g.enug! Rettet euch!" Er sinkt aus bem Sattel. Der Schimmel blutet aus einer Wunbe am Hals, fetzt will) auf, schleift ben König Dessen Haupt schleift elend über ben Boben. Der Fuß gleitet aus bem Bügel, fällt nieber. Der Körper bleibt liegen.

Nur ber junge Page hält bei bem König. Er menbet ben regungslos ßiegenben auf ben Rücken. Des Königs Gesicht ist zerfchürft, mit Blut beronnen. Er öffnet bie Augen. Sie finb schön, groß unb blau. Der Page hastet:Nehmt mein Pferb!" Der König breitet die Arme aus. Der Page, ein halbes Kind noch, umfaßt den schweren Mann und will ihn heben. Des Königs Blut rinnt über ßeubelftngs Kleid.

Da bricht ßeubelfing zusammen. Reiter hinter ihm hauen und stechen auf den Knaben ein. Er sinkt mit ausgebreiteten Armen über den König. Sie reißen ihn weg. Grobe Fäuste fassen den König, schütteln ihn:Wer bist du?" Die brechenden Augen sind auf den Frager gerichtet, der Mund öffnet sich. Da hält der Geharnischte sein Pistol dem Sterbenden mitten ins Gesicht, brennt los und zerschmettert bes Königs Haupt.

Schüsse ... Die Schweben kommen. Sie werben vertrieben. Neue Feinde. Sie reißen dem Toten Waffen unb Kleider vom ßeib. Nackt liegt des Königs ßeichnam, neben ihm wie tot der Page.

Vor und zurück jagt bie Schlacht. Furchtbar wie noch nie ber Kampf. Die Roste von Freunb unb Feind jagen bahin über den toten König. Die Schlacht flutet vor, die Schlacht ebbt zurück. Pappenheim fällt, des Königs Tod wird bekannt ...

Da geschieht das Wunder: der tote König siegt, siegt durch das Wunder seiner Person. Keiner der Seinen will leben; was hat das ßeben noch für einen Sinn, nun der Edelste dahin ist. Das Regiment der Gelbröcke fällt, Mann für Mann, wie sie gestanden haben. Das blaue Regiment bleibt bis auf den letzten Mann.

Die Manen des Königs ziehen feinen Streitern vorauf, die Bernhard nun führt, vorauf zum Sieg.

Saturn steht im Haufe des Todes, aber Venus, des Königs Stern, bleibt in strahlendem Glanz dicht bei ber Sonne. Das ßeben hat den Tod überwunden.

Musikantsngeschichte.

Don Hans Hör.

Reinhold Zerfaß lud zu einer kleinen musikalischen Abendgesellschaft in fein stilvolles, laubumsponnenes Häuschen, und die Freunde beeilten sich, rechtzeitig zu kommen. Sie wußten, welcher Genuß sie erwartete. Sie schätzten nicht nur die Kompositionen des jungen Meisters, di« Sinfonien, Chorwerke und Opern, die in vielen europäischen Theatern und Konzertsälen unb in amerikanischen Musikhallen ertönten; sie liebten ihn selbst, den stillen Vierzigjährigen, sie erkannten in ihm einen aus­geglichenen Menschen, der immer seinen zurückhaltenden Geschmack be­wies. Die Bilder seines Heimes, die Bücher, die Blumen, die er liebte, das schlichte, würzige Mahl, zu dem er seine Gäste lud, sie waren von derselben Art, wie seine eigenwillige, schone Musik.

Ja, sie bewunderten ihn, obwohl sie alle um dasGeheimnis" seiner Vergangenheit wußten, um eine Schuld, die ihnen durch leichtfüßige Gerüchte schon vor vier Jahren bekannt geworben war, damals, als der Musiker von Köln in bie ruhige, rheinische Gartenstabt kam ... Obwohl schwatzhaftes Volk viel Abenteuerliches über Reinholl) Zerfaß zu be­richten wußte ... obwohl der Künstler ein Einsiedlerleben führte, das manchem neugierigen Menschen absonderlich erschien. Wenn Zerfaß nicht musizierte, war es still in bem Heime des Komponisten. Da war nur eine ehrliche, wortkarge Aufwartefrau und da wär noch ßuitpolb, der Einäugige, der Diener, das Kuriosum des Hauses. Man lachte viel über den Mann, dessen rechtes Auge stets von einer Binde verdeckt war, ber im faltigen Gesicht einen komischen Ernst zur Schau trug und jeden Besucher mit linkischer Feierlichkeit empfing. Man amüsierte sich, wenn er übertriebene Verbeugungen verschwendete. Warum wählte der Komponist gerade diesen Mann, der für jeden anderen-Beruf offensichtlich viel tauglicher war? ...

So fragten sich die Gäste auch an diesem Abend. Ludwig Ockel, der Bildhauer, dem ßuitpolb mit umständlicher Gebärde Hut und Mantel abnahm, witterte hinter dem Einäugigen schon lange ein kleines Schick­sal. Da er sich mit Zerfaß gut verstand, beschloß er, den Musiker bei der ersten passenden Gelegenheit wie er es nannteein bißchen aus­zufragen". Der Bildhauer liebte solche Originale.