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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1952 Sreitag, -en 4. November Nummer 86
Oer 6. November 4632.
Don Theodor Fontane.
Schwedische Heide, Novembertag, Der Nebel grau am Boden lag, Hin über das Steinfeld von Datorn Holpert, stolpert ein Räderkarrn.
Ein Räderkarrn, beladen mit Korn;
Lorns Atterdag zieht an der Deichsel vorn, Rlels Rudbeck schiebt. Sie zwingens nicht, Das Gestrüpp wird dichter, Niels aber spricht „Buschginster wächst hier über den Steg, Wir gehn in die Irr, wir missen den Weg, Wir haben links und rechts vertauscht — Hörst du, wie der Dal-Elf rauscht?" — „Das ist nicht der Dal-Elf, der Dal-Elf ist weit, Es rauscht nicht vor uns und nicht zur Seit, Es lärmt in Lüften, es klingt wie Trab, Wie Reiter wogt es auf und ab.
Es ist wie Schlacht, die herwärts bringt, Wie Kirchenlied es dazwischen klingt, Ich hör' in der Rosse wieherndem Trott: Eine feste Burg ist unser Gott!" Und kaum gesprochen, da Lärmen und Schrein, In tiefen Geschwadern bricht es herein, Es brausen und dröhnen Luft und Erd, Darauf ein Reiter auf weißem Pferd.
Signale, Schüsse, Rossegestampf, Der Nebel wird schwarz wie Pulverdampf, Wie wilde Jagd, so fliegt es vorbei; — Zitternd ducken sich die zwei.
Nun ist es vorüber ... da wieder mit Macht Rückwärts wogt die Reiterschlacht, Und wieder dröhnt und donnert die Erd, Und wieder vorauf das weiße Pferd.
Wie ein Lichtstreis durch den Nebel es blitzt, Kein Reiter mehr im Sattel sitzt, Das fliehende Tier, es dampft und raucht, Soin Weiß ist tief in Rot getaucht.
Der Sattel blutig, blutig die Mahn
Ganz Schweden hat das Roß gesehn; Aus dem Felde von Lützen am selben Tag Gustav Adolf in seinem Blute lag.
Gustav Ado f.
nach
Zur 300. Wiederkehr seines Todestages.
Von Hermann Sibeth (GDS.).
Am 6. November nach dem Julianischen, am 16. November dem verbesserten, Gregorianischen Kalender, sind es ^^undert SW« her, seit Gustav Adols, der große Schwedenkonig, auf dem Schlachtfelde bei Lützen fein Leben verlor. Mit seinem Namen verknüpft sich die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg: den unheilvollsten und oet- heerendsten, der Deutschland je heimgcsucht hat. Gustav Adolfs große Be- dcutung für das Schicksal Deutschlands und die Entwicklung des Prote stantismus rechtfertigt es, in diesen Tagen auf sein Leben, seine Taten und seine Persönlichkeiten einen Blick zu werfen. m iir.
Dem ftoufe Wasa entsprossen, ein Enkel Gustav Wajas, des B.grun- ders dauernder schwedischer Selbstündigkeitz der "ußerdem u' chwe die Reformation eingeführt hatte, folgte Gustav Adolf im Jahre 1611 siebzehnjährig, seinem Dater Karl IX. auf dem Throne > g
gegen die Danen, Russen und Polen bildete er sich W*um üelD_ Herrn Im Jab re 1630 landete er mit seinen schwedischen Truppen cs waren nur 15 000 Mann Fußvolk und 3000 Reiter — »n Pommern, um in die deutschen Angelegenheiten bestimmend..^ugretfen.
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Mächten""den 'schonest^sicheren'^Sieg." Johannes Pwu^^ ^war ääW m>,
und Sachsen aufgehalten worden war, aber kurze Zeit daraus, Im September desselben Jahres (1631), schlug er, vereinigt mit den Sachsen, bei Breitenfeld nördlich von Leipzig Tilly vollständig. „Der Tag von Breitenfeld', sagt Heinrich von Tire lisch ke in seinem Vortrag „Gustav Adolf und Deutschlands Freiheit", war der Tag der Befreiung. Der deutsche Protestantismus war gerettet, die Parität der Bekenntnisse gesichert. Von einer Ausrottung und Beraubung der Protestanten, wie sie das Restitutionsedikt geplant hatte, konnte fortan nicht mehr die Rede fein .
Im Frühjahr des nächsten Jahres gelang es Gustav Adolf, München, die Hautstadt Maximilians, zu erobern. Er stand jetzt auf der Höhe des Glückes und des Ruhmes. Ganz Deutschland mit Ausschluß von Oesterreich hatte er in seiner Gewalt. Da trat ihm Wallenstein entgegen, der auf die Bitten des Kaisers wieder ein Heer aufgestellt hatte. Dieser besetzte Sachsen. Gustav Adolf wurde dadurch genötigt, ihm dorthin zu folgen. Sv kam es zur Schlacht bei Lützen, von der uns Einzelheiten bekannt sind. Vor dem Eintritt in den Kampf wurde im schwedischen Heere, in welchem unter Gustav Adolfs Führung noch religiöse Begeisterung und Manneszucht herrschten, ein Gottesdienst abgehalten. Dabei wurden die Lieder „Ein feste Burg ist unser Gott" und „Verzage nicht, du Haustein klein", gesungen. Dann rückte Der König, hoch zu Roß, an der Spitze des Heeres gegen den Feind vor, nachdem er zuvor noch die Worte ausgerufen hatte: „Nun wollen wir dran. Das walte der liebe Gott. Jesu, Jesu, hilf mir heute streiten zu deines Namens Ehr." Gustav Adolf, der bei seiner Kurzsichtigkeit im Nebel zu nahe an den Feind geraten ist, fällt im Kampfe. Sein verwundetes Roß, das, mit Blut bespritzt, umherirrt, kündet den Schweden den Tod ihres Königs. Um ihn zu rächen, greifen sie — jetzt unter der Führung des Prinzen Bernhard von Weimar — erneut den Feind an, aber erst mit dem Einbruch der Nacht endet der Kampf. Im Schutz der Dunkelheit zieht sich Wallenstein zurück. Die Schweden haben gesiegt, aber ihr König ist nicht mehr.
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Was hatte Gustav Adols erreicht und was bedeutete sein Tod für Deutschland? „Dem Protestantismus hat er feine Selbständigkeit im Reiche zurückgegeben; niemand wird ihm diesen Ruhm entreißen." (Leopold p o n Ranke.) Sein Tod war ein Segen für Deutschland, sagen i die einen: ein Verhängnis, so lautet die Gegenmeinung. Die Frage, was i aus Deutschland politisch geworden wäre, wenn Gustav Adolf weiter ge- j lebt hätte und siegreich geblieben wäre, wird wohl stets offen bleiben; ! denn seine Zukunsispläne kennen wir nicht genau. Auch die Frage nach ' dem Grund für fein Erscheinen in Deutschland, die ja mit der ersten eng zufammenhängt, ist von den Forschern sehr verschieden beantwortet worden. Während nach C. G. H e l b i g s Auffassung vor allem religiöse Beweggründe des Königs Handeln bestimmt haben, bestehen für Gustav Droyfen und Franz Mehring, einem Verfechter der materialistischen Geschichtsausfassung nur politische Beweggründe. Leopold von Ranke und Heinrich von Treitschke nehmen einen summierenden Standvunkt ein: danach wäre Gustav Adolfs Handeln religiösen und politischen Absichten entsprungen. Schroff ablehnend urteilt Onno Klopp. Nach seiner Auffassung brach Gustav Adolf in Deutschland ein, „um zu nehmen, was nicht sein mar". Eine wirkliche Synthese hinsichtlich der verschiedenen Anschauungen in bezug auf Gustav Adolfs Handeln und Planen scheint mir Georg Wi11rocks Standpunkt zu bedeuten, wenn er in feiner Darstellung „Gustav Adolf" (Stuttgart 1930) sagt: „Gustav Adolf kämpfte auch an den deutschen Flüssen, vor den Mauern Nürnbergs und auf den sächsischen Ebenen für fein eigenes Reich und fein Volk. Wenn er aber mit gutem Gewissen die Feld- und Waffenhilfe feiner Schützlinge in Anspruch nahm, wenn er sie künftig zu einem dauernden Bund unter der Leitung Schwedens vereinigen wollte, so war der Grund offenbar der, daß er die Geschicke der europäischen Völker als miteinander verknüpft betrachtete, wie sie es heute noch sind und schon damals waren, daß er deshalb mit vollem Recht behaupten konnte, fein Kampf für die Selbständigkeit Schwedens fei zugleich ein Kampf für die freie Entwicklung Des staatlichen Lebens, des Glaubens und des inneren Aufbaus in allen Ländern ..."
Mit der verschiedenen Beurteilung Gustav Adolfs in bezug auf feinen Einzug in Deutschland, seinem dortigen Kamps und feine Pläne für die Zukunft hängt zusammen, daß auch [ein Charakterbild in der Geschichte schwankt — wie das seines großen Gegners Wallenstein: vom „hergelaufenen Abenteurer", vom fremden Eindringling, der „wie ein Räuber in unser Reich eingebrochen" sein soll, bis zu dem von Gott gesandten Retter. Bestimmend für die betreffende Haltung gegenüber dem König ist dabei leider wiederholt mehr die Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Konfession als nüchterne Sachlichkeit. Erwärmend ist das Charakterbild, daß Heinrich von Treitschke in seinem oben erwähnten Vortrag von Gustav Adolf entworfen hat. „So recht als ein Mann nach des Volkes Herzen", sagt er da, „erschien der siebzehnjährige Jüngling, blond, mit strahlenden, blauen Augen" .. „heiter und lebensfroh, von altnordischer Einfachheit, ein Meister in der Kunst des Gesprächs, und tat es not, dann


