Hotters roch es Immer sehr ausgesprochen nach Katzen, Hunden, Irge-nL- einem unnennbaren Knaster und dem Hühnerfutter, das Pauline täg­lich aus den Abfällen der Herrschastsküche zusammenkochte. Die Bank stand, durch ein Gebüsch getrennt, an der Rückseite des Gärtnerhauses, Lusche liebte es, weil kaum je einer von den Gästen der Villa ,^ands- etf" sich hierher verirrte und weil sie so in dieser einen köstlichen Nach­mittagsstunde Tante Katharina ganz für sich allein hatte.

Na, also auf Wiedersehn!" sagte sie, als sie an eine Ecke kamen, wo der Weg zum Hause abbog.Ich will mal sehen, wo die andern sind..." Es war durchaus nicht nötig, daß sie mit Tante Katharina zugleich auf der Veranda erschien, nur damit Paul und Regina wieder Stoff zum Necken hätten. Sie nahm den schmalen Pfad zwischen Forel­lenteich und Hundezwinger, wo im tiefen, feuchten Schatten üppiges Farnkraut stand und große, moosüberzogene Steine lagen. Lusche kauerte sich hin und wälzte behutsam einen um, nachdem sie sich, durch einen Blick über die Schulter überzeugt hatte, daß Roller nicht in der Nähe war. Aber niemand sah sie als Argos, der böse Bernhardiner, der im Zwinger lag und mit der Schnauze auf den Pfoten mürrisch zu ihr hinüberblinzelte. Die plattgedrückte Erde unter dem Stein war von feinen, weißen Wurzelfasern und den Furchenspuren eines Regenwurms durchzogen, der hier seit und behaglich gelagert hatte, bis Lusche das Tageslicht so rücksichtslos auf ihn einbrechen ließ. Er machte ein paar wilde Bewegungen, um sich einzubohren, aber Lusche hatte ihn schon ergriffen und hielt in gleichmütig in der hohlen Hand, während sie mit einigem Ekel auf einen würdelos davonhastenden Dausendfuß und einige blind herumwuselnde graue Asseln blickte. Unschlüssig hockte sie noch einen Augenblick und sah auf das regungslose, schwarzgrüne Wasser des Teiches, auf dem Blätter schwammen und in dem Sonnenflecke wie durchsichtige, braungoldene Edelsteine tanzten. Mitunter wurde ein Fisch wie ein flüchtiger Schatten sichtbar, sollte sie den Regenwurm etwa den Forellen gönnen? Sie öffnete die Hand ein wenig, betrachtete ihn und beschloß, ihn zum Angeln aufzuheben. Sodann legte sie den Stein sorgfältig in seine Mulde und schmiß einen kleineren ins Wasser, um angeregt zuzusehen, wie dies auf die Forellen wirkte, die auf einmal alle da waren und kreuz und quer herumschossen, um sich endlich wieder erschöpft unter das Brett zurückzuziehen, das ihre Zuflucht in der Mitte des Teiches bildete. Großpapa liebte diese Forellen nicht, er behauptete, sie schmeckten nach Schlamm, obgleich der Teich durch eine sinnreiche Ab­leitung des Baches mit fließendem Wasser gespeist wurde, Lusche ging an diesem Rinnsal entlang, das unter einer Bretterdecke verborgen durch das Gras gluckste. Hier waren Gemüse- und Erdbeerrabatten von Bee­rensträuchern eingefaßt, sie nahm im Vorbeigehen ein paar Johannis­beeren mit, streichelte über den alten, verrotteten Barren hin, der nahe am Weg« stand, und landete endlich hinter dem Hause. Der Platz unter den Linden war still und leer, die Kugel des Lustkegelspiels zitterte leise an ihrem Strang über den traurig hingemähten Kegeln, von denen nur noch einer seinen Platz behauptete. Lusche gab ihm in einer Aufwallung von Gerechtigkeitsgefühl einen Stoß, daß auch er hintaumelte, und holte bann hinter dem Wasserleitungsrohr, das, von einem grünbewachsenen Hügel künstlich umbaut, seinen eiskalten Strahl in einen steinernen Trog sandte, eine Blechbüchse hervor, in die sie den Regenwurm versenkte, befriedigt in das Geringei ihres Vorrats blickend.

Dann spülte sie sich die Hände ab, respektvoll eine fette Kröte be­trachtend, die aus der moosgrünen Tiefe des Troges goldäugig zu ihr aufglohle, strich die Hellen Haare aus dem Gesicht, warf einen bekümmer­ten Blick auf ihre Fingernägel und begab sich um das Haus herum, um sich in der Haltung eines pünktlichen Familienmitgliedes zum Kaffee auf der Loggia einzufinden. Aber hier war noch kein Mensch. Nur Muckl, der Dackel, braun und edel, aber von jeher ohne Berufspflichten und daher träge, lag auf den breiten Stufen in der Sonne und begrüßte Lusche mit einem schwachen Zucken seines Schwanzes. Auf der lichtblau bestickten Decke des großen Tisches stand im Streife feiner Gläser der Wasserkrug aus gelbem ©las, das wie tausendfach geborstenes Eis schim­merte, da standen, schön gebaucht und sanft glänzend, Rahmgieher und Zuckerdose sowie die kristallene Zwiebacksbüchse, und leer und erwar­tungsvoll harrten die btauen Meißener Tassen auf dem Tischchen am Pfeiler. Die drei Schwanenjungfrauen, deren wunderbare Geschichte die Malerei auf dem Fenster hinter dem Tisch barf teilte, vollführten, still vom Nachmittagslicht durchglüht, ungesehen ihre lautlosen, farbigen Tänze. Ein Blick in das niedere, dämmerige Speisezimmer zeigte Lusche, daß die Spiritusflammen unter den beiden blanken Wiener Kafsee- mafchinen schon brannten, im Lufthauch leis« wehend wie einsame Opfer- schalen, während unter den gewölbten Glasdeckeln der Kaffee schäumend durch das Sieb kochte, und mit dem heißen Dampf ein köstlicher Duft aus den Schnauzen quoll und sich ausbreitete. Aber weder Regina, deren Amt es war, die Entstehung des Kaffees zu überwachen, noch Tante Katharina waren zu sehen, und so zog sich Lufche seufzend wieder auf die Loggia zurück, bauerte sich neben Muckl im Schatten des Oleander- kübels nieder und begann die ihr erreichbaren Fuchfienknofpen auf dem hochaufgefchütteten Beet zwischen Loggia undKinderveranda" auhu= knacken. Das gab einen so angenehmen, winzigen Knall, aber Roller durfte auch dies nicht sehen. Auf einmal hielt sie inne. Da war ja Tante Katharina! Sie faß auf einer Bank am See, dort, wo die steinerne Treppe zwifchen den beiden erzenen Löwen zum Wasser hinabführte, und sah, vom Hause abgewandt und den Arm auf die Lehne gestützt, unverwandt auf das glänzende Wasser hinaus. Lufche legte die Hände in den Schoß. Irgendeine Ahnung sagte ihr, baß Tante Katharina trau­rig wäre, unb bekümmert starrte sie zu ber einsamen Gestalt hinüber.

Ich wollte nicht abreifen, ohne Ihnen, Herr Geheimrat, die Grüße unseres gemeinsamen Freundes Donalt überbracht zu haben," sagte An­ton Herkner errötend, nicht sowohl über diese wohlvorbereitete kleine Lüge, als darüber, daß er sich hier am Parktor plötzlich ber ganzen Familie Erthal gegenübersah, ben alten Geheimrat, auf den Krückstock

Schristleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen.

unb auf ben Ann feiner Frau gestützt, an ber Spitze.Mein Name ift Doktor Herkner." Unb indem er ben Hut abnahm, strich er schnell mit ber schmalen Hand über fein unbändiges Haar unb verneigte sich vor den Damen, unter denen Katharina mit einem Gesicht stand, das n vom vorigen Jahre her nur zu gut kannte. Ach, nicht dock, dachte « verzweifelt, nun da habe ich's ja, nun kann alles wieder von vorn« an* fangen. In diesem Reueanfall hörte er kaum, was Erthal sagte, ber ihr» freundlich die Hand schüttelte. Ob Donvlt denn aus Paris zurück fei wo er feit dem Frühjahr verweile? Mein Gott, auch das noch!Ich fa| ihn vor feiner Abreife," stammelte Herkner,er wußte, daß ich meint Ferien hier verbringen wollte." So, das war gerettet!

Der gute Donalt!" sagte der Geheimrat fast zärtlich.Sie sind mit herzlich willkommen, Herr Doktor, darf ich Sie mit meinen Damen be­kannt machen?" Unb wie im Traum hörte Herkner die vielen, Dielen Damen nennen, also:Meine Frau, meine Schwägerinnen, Fräulein Claaßen" Herkner erschrak trotz Lüsches Vorbereitung, ja, hießen auch andere so? Unb gerade diese alten Damen?!Meine Tochter: Frau Arnholz mit ihrem Sohn Paul, Frau Doktor Lenz mit unser» kleinen Lusche", ach, die Freundin Lusche! Anton nickte ihr erfreut zu, meine Enkelin, Fräulein Regina Wirth und meine Frau unb meine liebe Nichte, Fräulein Katharina Claaßen." Ach, jetzt war bei Augenblick gekommen! Unb noch tiefer errötenb, verbeugte sich Anion Herkner noch einmal unb sagte das, was leichthin unb gewandt klingen sollte... Aber nein, noch ehe er den Mund auftat, hörte er eine andere Stimme, die diese Worte sagte, Katharina sagte selbst:Ich glaube, ich hatte bereits das Vergnügen im vorigen Jahr am Bubbeter Strand, Herr Doktor." Dabei nickte sie kaum merklich unb schob ihre Hand in Reginas Arm, bie neben ihr stand. Regina aber, ein wenig atemlos unb mit glänzenden Augen, streckte ihm ihre Hand entgegen unb sagte schnell: Anton Herkner? Der Dichter? Der sinb Sie boch? Nein, wie ich mich freue!"

Ein kleiner, gedämpfter Tumult entstand um Herrn Herkner herum, man sagteAh!" unbOh!" unbNein, wirklich?" währenddessen R«° gina immer noch strahlend seine Hand sesthielt unb nicht bemerkte, daß Katharina sich von ihr losgelöst hatte und ein einsames, verbindliches Lächeln aussetzte, bas sie immerhin notbürftig mit ber ringsum ausge­brochenen Freubenstimmung verbinden mochte. Als man sich jetzt zum Hause zurückwandte und das alte Ehepaar unb seine Töchter den Gast in ihre Mitte nahmen, ging sie mit Tante Lalla als Beschluß des Zuges und legte ihre Hand auf Lüsches Schulter, die wie ein Hündchen neben ihr hertrottete. Die alte Dame war ganz aufgeregt.Nein, Liebste, uni» du kanntest ihn! Wie interessant! Und an unserem Bubbeier Strand! Erzähle doch!"

Katharina schob ihr Kettenarmband zurück und macht« ein etwas ge­langweiltes Gesicht.

Nun, wie man sich eben am Strande kennenlernt. Daß er schrieb, wußte ich, wir hielten ihn aber, offen gestanden, für nichts Besonderes. Ist er denn so berühmt, wenn ich fragen darf?"

Oh, ein so bedeutender Mensch!" Tante Lalla wiegte beziehungs­voll den Kops.Eine Zeitlang sprach man von nichts anderem als fei­nem Schauspiel, unb seine Gedichte sollen nun, einfach fabelhaft (ein. Ich, meine Liebe," Tante Lalla räusperte sich etwas trocken,ich selbst las allerdings noch nichts von ihm, aber trotzdem schätze ich diese per­sönliche Begegnung als ein großes Glück."

Mit Reisebekanntschaften kann man nie vorsichtig genug sein, wer kann wissen, aus welcher Atmosphäre so ein Mensch kommt," sagte Katharina überlegen.Das ift ein Grundsatz von mir." e

Vortrefflich," bestätigte bie Tante,so entgeht man Enttäuschungen. Katharina lächelte etwas herbe.

Du verstehst nichts davon, Lusche, aber darum eben kann ich bif davon erzählen," sagte Herkner und blickte über Lusche hinweg nach der fernen Roseninsel, die wie eine dunkle Kapsel auf dem abendlich beglänz­ten Wasser schwamm. Lusche saß auf ber Ruderbank ihm gegenüber uni» sah ihn mit ergebenen Augen an; sie verlor keines seiner Worte, aber sie antwortete nichts, es war wohl anzunehmen, daß sie nicht verstand. Herkner tauchte [ein Tuch ins Wasser, fuhr damit über feine Augen, die trocken unb gerötet aussahen, unb stöhnte unwillig.

Du bist wie ein guter, stummer Hunb, Lusche, kleines Tier, wie bin da hockst, mit beinen Haaren in ben Augen."

Paul sagt, ich sähe aus wie ein Pavian," sagte Lusche schwermütig; unb wischte mit ber Hand erfolglos über ihre Mähne.

Pavian, Pavian, Mandrill..." Herkner schüttelte tabelnb ben Kops unb blickte Lusche prüfenb an,na, jebenfalls sehr unhöflich von Paul. Du erinnerst mich irgenbwie an mich selber, kleine Lusche, unb es kann mir leib tun, zu denken, daß du eines Tages dein erstes Gedicht geschrieben haben wirst, wenn es nicht schon geschehen ift. Nein, nein,, ich frage nicht danach, sei ganz ruhig, aber glaube mir, glücklich macht es auf die Dauer nicht! Doch davon wollte ich ja gar nicht reden, reden, laut und vor Menschenohren, wollte ich einmal von deiner Tante Katharina, die unter euch wandelt wie eine gefrorene Prinzessin, ja, wahrlich, wie jene Prinzessin mit dem gläsernen Herzen, das einen Sprung bekommen hatte." Er ließ sein Tuch wieder ins Wasser hängen, dieses riesige Seidentuch mit dem bunten Rand, und starrte es beküm­mert an.Wenn ich nur müßte," sprach er in die Tiefe hinab,wenn ich nur wüßte, was diese Frau für mich so anziehend macht? Eine Frau mit müden, welkenden Wangen, eine Frau, die sich morgens verbergen sollte, weil das scharfe Licht jo grausam gegen ihr armes Gesicht ist, kurz eine alternde Frau, bie keine ar.bere Schönheit hat als ihre verhüllte Gestalt, unb wer kann wissen, was daran echt ist?" Lusche errötete heiß, ohne zu wissen, warum.Ich finbe Tanke Katharina überhaupt schön!" sagte sie hilflos unb starrte ihr Gegenüber vorwurfsvoll an.

(Schluß folgt.)

Druck und Verlag: Brühl'fche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießen,