o schön? dachte
Katharina stickte dieser Herr noch
wort auf
Lusche der Seite
seinen blickte etwas
Bries, — hörst du, Lusche!" demütig in Tante Katharinas Gesicht. Sie sieht so von wie die weiße Ziege aus, — warum finde ich sie nur sie. Laut aber sagte sie: „Ja, Tante Katharina!" großes, verständiges Mädchen," fuhr Tante Katharina
Paradies.
Novelle von Ina Seidel.
(Fortsetzung.)
„Woher nimmt er nur den Mut?" fragte sie und zog die Augenbrauen, die mit ihren hohen, kurzen Bogen dem Gesicht seinen hochmütigen Ausdruck gaben, grübelnd zusammen. Lusche bückt« sich und begann die kleinen schwarzen Früchte der Ulmen aufzulesen, die den Weg massenhaft bedeckten. Als ihre Hände voll waren, ging sie über den Rasenstreifen ans Wasser und streute sie ganz langsam auf den Steinstrand.
„Du bist ein großes, verständiges Mädchen," fuhr Tante Katharina ort, ohne sie anzusehen. „Ich habe mich eben sehr geärgert und aufgeregt. Es ist sehr unrecht von diesem Herrn, der mich ganz oberflächlich kennt, — mir Briefe zu schicken! Und ich möchte nicht, daß jemand anders, außer dir und mir, davon erfährt!"
„Lusche!" rief Tante Katharina.
Lusche kam zurück, indem sie ihre Hän>d« am Kleid abrieb. Tante sehr schnell und sprach: „Wenn dich dieser Mensch, — einmal anreden sollte, so sagst du, es gäbe keine Ant-
Lusche antwortete wieder nichts als:
„Ja, Tante Katharina!"
Aber es lag mehr pathetische Hingabe in ihrem Ton als in einem langen Schwur, und Fräulein Claaßen lächelte.
„So, kleine Lusche, nun wollen wir einmal sehen, wie weit du gekommen bist," sagte sie und nahm ein zerknülltes und nicht ganz sauberes Stück Zeug von der Bank, das Lüsches Handarbeit vorstellte. Sie betrachtete es, warf Lusche einen verschmitzten Blick zu und griff nach ihrer kleinen Schere, um eine Reihe Kreuzstiche wieder aufzutrennen. Lusche starrte beschämt und in einem Zustand von Bezauberung auf die zarten, gepflegten Hände, an denen die Edelsteine bei der Bewegung aufblitzten, und nahm den Streifen mit einem gemurmelten „danke" wieder entgegen. —
„Sieh, so, Lusche, — aber willst du nicht viel lieber mit den anderen spielen, — oder lesen, — oder angeln, — wie?"
Wieder lächelte Tante Katharina Lusche an, und Lusche saß schon neben ihr auf der Bank.
,Nein, ich sticke lieber!" sagte sie errötend und begann die Nadel leidenschaftlich zu handhaben. Sie wurde bald heiß und feucht zwischen ihren Fingern, und es gab ein kleines Quietschen, wenn sie durch den Stoff gezwungen wurde. Lusche hörte einen Augenblick auf, reckte ihre Hand, und betrachtete sie kummervoll. Hatte nicht Paul gestern wieder von ihren „Weißwurstfingern" gesprochen? Tante Katharina aber, — oh, die hatte Prinzessinnenhände, — so dachte Lusche und ahnte nicht, daß Katharina neben ihr eben an ein Gedicht dachte, in dem diese Hände „königlich" genannt wurden, — ein Gedicht, das sie vor sich sah in der Handschrift eben jenes Brieses, der mit absichtlicher Nichtachtung weggeschoben auf der Bank lag.
Born See her kam das träumerische Gestampf eines unsichtbaren Dampf chiffes wie ein Brodeln der heißen Luft, das zuweilen einlchllef und dann wieder laut wurde. Lusche suchte mit den Augen das jenseitige Ufer ab — richtig, da unter dem grünen Hügel der Rottmannshohe kroch der weiße „Wittelsbach" entlang, — wie klein er schien und w,e langsam er vom Fleck rückte! Woher nur der dunkle Streifen kam mitten in der spiegelnd blanken, licht grün-blauen Wasserfläche — ob das die „Würm" war, — und warum muhte sie gerade die .Würrn" heißen? Lusche sah vorsichtig zu Tante Katharina auf, nein, die arbeitete auch nicht, sie sah mit gespanntem Ausdruck geradeaus, und das Ziel ihres Blickes schien noch jenseits der mattglanzenden Bergkette dort drüben zu liegen. Ihre Brauen waren hochgezogen und ihr Mund leicht geöffnet, es sah aus, als wollte sie gleich sprechen. Ach ja, es war zu warm, viel zu warm zum Handarbeiten! Lusche zog die Füße auf die Bank, legte das Kinn auf die Knie und umschlang ihre Beine mit den verschränkten Händen. Der See war so glatt, und dennoch liefen unablässig kleine Wellen mit geschwätzigem Plätschern gegen den Kieselstrand an und bewegten das Schilf, daß es schläfrig raschelte. Libellen, blaufunkelnd und braun, wie Pfeile eines geisterhaften Bogens, schossen darüber hin, standen bebend in der flimmernden Luft und urr- ten über den Blüten des Eisenhutes, der hier im Schatten der Ulmen düsterblau mit zornig gezacktem Blattwerk stand. Lusche folgte ihnen träge mit den Augen. An was dachte Tante Katharina? Dachte st« an den Herrn im grauen Anzug? Ob er he heiraten wollte? Gestern hatte Lusche gehört, wie Tante Lalla zu Tante Hanna gesagt hatte. „Es wird nun auch für Kätchen die höchste Zeit... und sie hatte wohl Der-. standen, was gemeint war, und hatte eingeschoben: „Bei jemand wie Tante Katharina ist es ganz wurscht, °b er verheiratet ist ober nicht Worauf die Großtanten ihr beide die Breitseiten zugewaiM und ihr kleines Geschütz durch eine ungeheure Ueberlegenheit Zum Schweigen gebracht hatten. Trotzdem war Lusche geneigt bei ihrer Ansicht zu bleiben, selbst wenn sie wahrnahm, daß Tante Katharinas Gesicht und der Uebergang von den Wangen zum Halse nicht so Fisch und zart waren wie bei Regina, — nein, unter dem dunklen, feinsadigen und sorgfältig behandelten^Haar war die Haut rötlich wie von Meeresluft gebeizt und von feinen Fältchen durchzogen. Der Herr im grauen Anzug tat Lusche so ungeheuer leib, wenn sie sich vorstellte, daß er Taute Katharina heiraten wollte, um immer bet ihr zu sein, — denn aud) fie, ßufdje mare ia so gern immer, immer bei Tante Katharina geblieben. Und er war o nett er war Lüsches Freund! Es war beklemmend, an ferne Lage ru denken - aber da sagte Tante Katharina, und ihre Stimme klang ganz wie'sonst: „Wir wollen hineingehen, Lusche, — es riecht hier so sonderbar. Und ich glaube, es ist auch Kaffeezelt.
Es riecht nach Rollers!" sagte Lusche befreit und sprang auf. Be,
itnb zu Tee und Melancholie paffe und griff tn den Bücherschrank neben ^Jch las eine gute Weile; aber dann merkte ich, daß irgend etwas xibei nicht ganz so war, wie es sein sollte. — Ich sah auf. — Ein Herr, ein etwas morbider Herr von 28 Jahren, mit einem müden und -inblictjen Lächeln stand im Zimmer und verbeugte sich. — Ich war verwirrt ... „Gnädige Frau entsinnen sich meiner nicht? ... Nils Lhyne ..." _ „Ja", sagte ich, „ich dachte" es mir fast. Sie kamen mir so bekannt »or... aber sagen Sie, sahen Sie nicht eigentlich früher ganz anders aus...? Ich meine viel interessanter...: Wie...?"
Er lächelte ein parsivaleskes Nils-Lächeln: „Damals waren wir jung, gnädige Frau."
Ich fand ihn ein wenig taktlos. — „Ich wußte ja immer," sagte ich, „daß Sie ein schonungsloser Kenner der Frauen sind... aber ich finde, Sie könnten dies anders gesagt haben.. so etwa, wie Sie mit Frau Boje gesprochen haben. Entsinnen Sie sich..."
Doch er entsann sich. Er begann zu rezitieren... „So eine Mond- scheinnacht, wenn die Luft in kühlem Lichte erstarrt ist und die Wolken so lange daliegen — Tema, Blumen und Laub, sie halten ihren Duft so lange und dicht um sich fest... und alle Leute werden fern und ichwinden dann so plötzlich, weilen gar nicht... ach, ich meinte, Tema! — Tema, hast bu nie eine mondhelle Nacht durchweint... Süße ...?"
Ich unterbrach ihn: „Sie müssen nicht gerade das Allerhübscheste jitieren," — sagte ich leicht gereizt, „ich weih... jawohl, Sie haben den ganzen Impressionismus erfunden... Sie waren so unbeschreiblich differenziert, aber — bitte rühren Sie nicht nervös in Ihrer Teetasse, das \ ändert nichts... Sie sind trotz allem ein bißchen — sehr — sentimental... Die haben das Feinste gesagt und zugleich das Ueberflüssigste, unb Ihre Damen, geben Sie es zu, stammen alle miteinanber noch aus der Zeit ber unbefleckten Empfängnis. Diese Angst vor sich selbst, diese Zurechtgelogenheit ihrer selbst, diese Ahnnungslosigkeit um sich selbst.... es macht ja natürlich auch wieder ihren Reiz aus — das ist richtig. Es gibt kein besseres Charakterbild der Frau von gestern, wie Frau Bcie. ober Fennimore vor und Fennimore nach dem Sündenfall — aber zwei Stunden Psychoanalyse, Mesdames...! Das fehlt Ihnen...!
! Er zupfte an feinen dünnen, langen Fingern, er machte mich nervös damit. Ich sagte: „Treiben Sie um Gottes willen mehr Sport, Herr Ühyne! Oh, und mit Ihnen bin ich tagelang im Traum herumgegangen. Ich meinte es garnicht so schlimm, ich war nur etwas gereizt... plötz-
1 (ich sagte eine Stimme: „Mit mir auch...?" Ich erschrak. Jemand stand vor mir und sah ununterbrochen gütig aus, er sagte: „Hab' <5onne im Herzen." — Es war wie eine Visitenkarte. Ich grüßte entzückt, ich schrie: ,Ave Cäsar, großer Flaischlen... wo kommst du her im Badetrikot an meine Couchette... so ein wenig mal foigne ...? Er schuf mit virtuoser Geschwindigkeit zwei Reihen Gedankenstriche und wollte sich eben wiederholen, als eine etwas näselnde Stimme ihm 'das Wort aus dem Munde nahm. „Eine Frau," sagte sie überheblich und natürlich auf mich bezug- k lich... „eine Frau errät leicht die echt menschliche (ober teuflische) aber k schwer bie göttliche Natur des Mannes, schwer seinen Wert und .leicht seine Absichten, leichter seine Farbgebung als seine Zeichnung... äcy wunderte mich bereits über nichts mehr, b. h. in diesem Falle munberte ich mich, daß Herr Jean Paul Friedrich Richter ben Mund fo schnell wieder zuklappte, nachdem er ihn einmal aufgemacht hatte, aber topit= ;ius mit dem Kürbis war ihm, altersschwach und müde der ewigen Herumschickerei, in die Hosen gefahren. Ich freute mich. Ich dachte. Deine Geschöpfe wenden sich gegen dich.. ■ diese Tiraden kann heute keine Hund mehr verdauen... Die gelbe Couchette begann zu schaukeln. Ich puffte sie in die Polster... .Halte du auch den Mund du! — Früher hatte man eben einfach keine Nerven und fast garmchts zu tu"- als auf dir herumzuliegen... man hatte Zeit, endlos Zeit, früher k n man Jean Paul lesen... und zu ihm selbst...? Man sollte Ihren Ex^ traft auf Flaschen ziehen... es ist wirklich schade um Sie, - Herr !
„Es ist schabe um bie Menschen," echote dl« Tochter. Sie hatte eine herrliche Jnbratochterkrone auf aus der Charellrevue und sprach etwas heiser. Sie zog ein gelbes Buch aus der Tasche und hielt es m t b • „Da kannst du sehen," sagte sie.....all diese Striche hast du an den
Rand gemacht. Du allein Du kannst an diesen Strichen entlangwan- dern, wie an einem Zaun. Du kannst daran sehen, wie du ausgerechnet olle Gemeinplätze eingezäunt hast, bie Indra und Strindberg r 1 «liegt haben. Es stehen so viel gescheitere Sachen in dem Brich, aber du natürlich..." Ich wurde der Ouarantanemeister, ich sagte zu ihr wie Lu dem Sofa: „ ,. ,,
. „Halt den Mund, ha» den Mund, halt den Mund„. unb Je mußte ihr Stichwort auswenbig. Traumspiel Seite 182 . So sagen -mei And schweigt man, so sagen sie: Sprich! Die unlenksamen Menschen!
Was soll ich Ihnen erzählen, wie bieser li erarisHe Tee, Öenuj ahnungslos einberufen hatte, des weiteren verlief. -®er
■alten Lieben alles erschien... Ich hatte mir so eine altersschwache Bor Itellung gemacht von unverrückbaren Werten und „Me, .^L.ftnfcen schlecht aufgezogener Geselligkeit genügte, um sie grunblich umzuftotzem Ich würbe von allen Seifen angegriffen unb beschimpft., .^ ch
1° wütend...! Ich hätte am liebsten Dagore seinen langen weißen Bart abgerissen, unter dem er rosig errötet wäre, wie em verebte Backfisch unb hätte ihn Nils Lhyne umgehangt, der nur Jo gtattraltert tat. tuet Tochter, die mir einmal so nihilistisch "arkam, hatte ich g in
ferstündchen mit Wilhelm Bendow empfohlen unb Zarathustra ^"Natürlich war ich ungerecht — heure sehe ich das wiederganz) Har. Aber es gehört eben Distanz dazu, sich von ferner, »'fta"3 3«‘ ^i3*"** Schließlich konnten alle diese Herrschaften mchts bafur, daß ich G jahrelang nicht um sie gekümmert hatte und baß ich mar, b e stG
verändert hatte — unb nicht sie. Heute sehe ich bas em.
kleide ich mich mit meinem reizenden Atte-Dame-Lache , uidiungen hin unb flüftre gütig: „Enttäuschungen mit Buchern.... Enttäuschung mit mir!"


