zündet er sich gleich an. Dann geht er weiter, dort ist die Sperre mit einem schlaftrunkenen Beamten und da steht ein Zug und der Großvater fragt den Beamten, ob das der Zug ist, der nach dem Ort geht, der gleich hinter Erfurt liegt. Der Beamte sagt: „Da sind Sie viel zu früh! Der bleibt noch lange stehen!" Aber der Großvater verweist ihn in etwas scharfem Tone, daß er nicht gefragt habe, ob er zu früh oder zu spät sei, sondern nur, ob das der Zug sei, der nach dem Ort geht der gleich hinter Erfurt liegt. „3a!" sagt der Beamte und lacht ein bißchen höhnisch und guckt dem Großvater kopfschüttelnd nach.
So, so, denkt der Großvater, kaum ist man unter Menschen, so ist man auch schon wieder von Tücke und Mißgunst umgeben. Was geht es diesen Mann an, wann ich in meinen Zug steige? Am Ende hat die liebe Familie ihn schon darüber unterrichtet, daß der Großvater heute verreisen will? Nun, der Großvater ist entschlossen, sich nicht beirren zu lassen. Ein bißchen müde ist er doch und so setzt er sich gleich in den ersten Wagen, der da steht. Der Wagen ist leer, wunderbar gepolstert, es riecht ganz sauber, sogar die Gardinen kann man zuziehen, wenn man will. Der Großvater setzt sich in die Ecke, den Koffer hält er auf dem Schoß und di« Hände faltet er darüber. Denn die Welt ist voller Diebe, leider ist es so, und nur wenig kann einem passieren, wenn man die Hände fest über dem Koffer faltet. Selbst, wenn man einfchläft, kann niemand einem den Koffer stehlen.
Der Großvater lächelt, er ist sehr glücklich. Seit dem letzten Geburtstag, den er mit seiner Frau feierte, ist er nicht mehr so glücklich gewesen. Dann denkt der Großvater, daß er wohl ein bißchen Ruhe verdient hat, nach dem langen Wege, und daß er jetzt Zeit hat — und dann schläft er ein.
Als sie ihn sinden, Olga und der Schwiegersohn, aufgeregt, atemlos, Olga in Tränen aufgelöst, ist es beinahe 1 Uhr mittags. Der Wagen mit dem schlafenden Großvater fteht ganz hinten auf einem Gleis zwischen zwei Güterzügen und einer Lokomotive, die Ruhetag hat. Der Zug, der nach dem Ort fuhr, der gleich hinter Erfurt liegt, ist längst schon über den Ort hinaus. Leider, leider nahm er den Wagen nicht mit, in dem der Großvater sah und schlief, er wurde abgehängt, er gehörte nicht mit zum Zuge. Erst nach vielen Fragen hatte die weinende Tochter Olga und der ungehaltene Schwiegersohn herausbekommen, wo man nach dem Großvater suchen könnte.
Als sie in den Wagen hineinkamen, vom Zugführer und zwei Schaffnern verfolgt, saß der Großvater ganz ruhig in der Ecke des gepolsterten Abteils, die Vorhänge waren zugezogen und die Hände hatte er fest über dem Koffer gefaltet. Er schlief sehr tief, und als man ihn aufweckte, konnte er sich lange nicht erklären, was man eigentlich von ihm wollte. Der ungehaltene Schwiegersohn und die weinende Olga brachten ihn in eine Droschke und fuhren ihn nach Haufe. Er weigerte sich, Auskunft zu geben, stumm vor Zorn und Wut, über soviel tückischen Verrat.
In der Folgezeit kam es dann, daß der aufmerksame fremde Herr, von dem die Tochter Olga behauptete, daß es ein entfernter armer Verwandter sei, sich nie mehr von Großvaters Seite rührte, nicht am Tag und auch nicht in der Nacht. Das war nicht gerade unangenehm, denn der aufmerksame Herr war sehr freundlich und begann geradezu, den Großvater zu bedienen, ihn an- und auszuziehen zum Beispiel, und ihm alle Handreichungen zu leisten. Das war gewiß sehr freundlich von ihm, aber für den Großvater war es doch sehr lästig.
Großvater kam auch nie- mehr dazu, sich allein eine Zigarre zu kaufen. Er mußte abends zum Schwiegersohn gehen und ihn darum bitten. Das Leben machte keine Freude mehr. —
Avila, die Stadt der Kirchen und Klöster.
Von Hans Röse 1.
Von Madrid kommend, klettert der Zug in endlosen Wendungen und Schleifen die Hänge des Guadarama-Gebirges hinauf, durchfährt ein paar dünne Pinienbestände und steigt dann wieder hinab in die kastilische Hochebene. In einem rasenden Tempo jagt er vorbei an kleinen, armseligen Dörfern, mageren Feldern und steinigen Hügeln, um möglichst rasch aus dieser Stein- und Sandwüste heraus nach dem grünen, saftigen Norden zu kommen. Eine Bahnstunde hinter dem Gebirge liegt auf einer Anhöhe, inmitten dieser unfruchtbaren Hochebene, Avila in einer Höhe von 1200 Metern mit feinen 10 000 Einwohnern. Heute die armselige, von der Zett vergessene Hauptstadt einer ebensolchen Provinz, vor Jahrhunderten einer der wichtigsten Plätze der spanischen Comuneros, der Stadt- und Gemeindeverbände, die gegen Karl V. zu Felde zogen, um gegen den habsburgischen Absolutismus ihre Sonderrechte zu verteidigen, eine Generation später der Ausgangspunkt der spanischen Mystik und religiösen Reformen, deren sichtbarste Auswirkungen die Inquisition und Gegenreformation waren.
Ernst und verschlossen, wie ein altes römisches Kastell, liegt die Stadt auf dem Berge. Von Ost nach West, von Nord nach Süd laufen die hohen Mauern, sperren jeden Zugang und schließen den Ort in ein vollkommenes Rechteck. An jeder Front öffnet sich ein einziges, enges Tor den Straßen, die aus der Ebene kommen, 84 Wehrtürme treten als halbrunde Bastionen aus der Umwallung und drohen noch immer einem längst verschwundenen Feind. Dicke hohe Mauern, überragt nur von diesen schmucklosen, aus rohen Blöcken gefügten Türmen, unter tiefen, schweren Wolken, so zeigt sich die Stadt von allen Seiten.
Und dieses Verschlossene, Undurchdringliche, das Avila nach außen in die Ebene kehrt, wiederholt sich immer wieder auch hinter den Mauern, in den Straßen selbst. Tritt man durch eines dieser niedrigen, schwer überwölbten und von zwei Doppeltürmen slankierten Tore ins Innere, spürt man zuerst nur das etwas träge, behäbige Leben einer Provinz- stad t. Vor ihren kleinen Läden warten die Kaufleute auf ihre Kunden, ein paar Soldaten langweilen sich an den Tischen der kleinen Cafes, an einem Schaufenster drängen sich Neugierige, um zwischen verstaubten Konserven und Postkarten das Kostüm zu sehen, das der Torero beim nächsten Stierkampf tragen wird; hochbeladene Esel trotten durch die engen Straßen zum Markt. Aber bald merkt man, daß die Straßen
fronten fn kurzen Abständen immer wieder von hohen, fensterlosen Mauern unterbrochen werden. Es sind die Klöster, die wie kleine Bastionen in der Festung selbst sich verschanzt haben. Diese kahlen Wände schieben sich zwischen das Gewirr der kleinen Kaufläden in der Hauptstraße, säumen die engen Gassen und begrenzen die unregelmäßigen Plätze. Schweigsame, abweisende Mauern, wohin sich auch der Blick wendet. Tritt man durch di« enge Tür« in den Vorhof eines solchen Klosters, steht man meist alten, baufälligen Gebäuden mit dicht vergitterten Fenstern und einer kleinen, schmucklosen Kirche gegenüber. Es gibt wohl keinen Mönchs- oder Nonnenorden, der hier nicht ein Kloster befaß. Santo Tomas, Santo Domingo, San Jose, Santa Clara, Santa Terefa... zwanzig, dreißig Klöster breiten sich in 'dieser kleinen Stadt von wenigen tausend Einwohnern aus. Und der Platz innerhalb der Mauern hat nicht ausgereicht; mindestens ebenso viele liegen vor den Toren, am Abhang des Berges, im Tal. Gehörten die Klöster nicht zu besonders wohlhabenden Orden, sind die Häuser meist alt und brüchig. Di« Sonne scheint durch die Dächer und der Regen tropft in die Zellen. Biele mußten aufgelöst und verlassen wenden, die Kirchen sind Scheunen oder Garagen geworden, und in den Klostergärten weiden die Esel und Schafe.
Die Kirchen zeigen alle die ruhigen, romanischen und frühgotischen Wölbungen oder den herben, ernsten Renaissaneestll des Escorial; wenig Schmuck, fast kein Ornament. Auch die Türme sind einfach, meist ist nur di« Fassade über das Dach hinaus erhöht, und zwischen den ausgeparten Fenstern hängen die Glocken im Winde. Dicht am Stadtwall liegt die Kathedrale. Die Apsis springt als einer der mächtigsten Berteidigungs- türme aus der Mauer. Ein doppelter Wehrgang mit Zinnenkranz läuft um das Dach; auch die Kathedrale ist eine Bastion in der Festung. An die frühere Selbständigkeit erinnern noch di« alten Adelspaläste mit den dicken, roh gefügten Mauern und hohen viereckigen Türmen, lieber den von schweren Quadern überwölbten Toren hängen di« verwitterten Wappen noch heute lebender Geschlechter. San Pedro vor dem Tore, wundervoll in seinen reinen romanischen Formen, muß man am Abend sehen, wen die sinkende Sonne den gelben Stein in leuchtendem Orange erglühen läßt. Im Tal, unter den Gewölben von Santo Tomas, liegt in einem für spanisches Gefühl etwas zu zart gearbeiteten Marmor- farkophag Don Juan, der zu früh gestorbene Sohn von Ferdinand und Isabella. Was wäre aus dem spanischen Reich geworden, wenn er sein Erbe hätte antreten können und 'damit den Habsburgern den spanischen Thron verschlossen hätte? Weit außerhalb der Stadt lag vor Jahrhunderten der Friedhos der Juden, auf dem, nach deren Vertreibung, die Santa Teresa ihr Kloster erbaute. Don liier'ging diese neue Wette religiöser Begeisterung aus, die, unterstützt von der Ernüchterung, die den ersten mißglückten Kolonisationsversuchen in der neuentdeckten Welt folgte, und der religiösen Ideenwelt Philipps II. die Gegenreformation ermöglichte. Doll Ekstase strömte damals das Volk in die Kirchen und Klöster, die nicht mehr ausreichten, all die Gläubigen zu fassen. Neue wurden gebaut, Schenkungen und Stiftungen flössen reicht^,. In wenigen Jahrzehnten wurde so Avila zu einem einzigen großen Kloster, in dem die kleinen Händler und Handwerker mehr und mehr verschwanden und das heute noch, wenn auch inzwischen etwas brüchig geworden, dieser Stadt diesen eigenartigen verschlossenen, fast feindseligen Charakter verleiht.
Es sind nicht die Einzelbeiten, die in Avila den Menschen gefangen nehmen, es ist die ganze Atmosphäre, die über der Stadt liegt. Soviel« Küchen und Klöster, was ist hier gefastet, gebetet und gefleht worden! Als die Armada gegen England auslief, wurde hier wochenlang um den Sieg gefleht; di« Glocken tarnen nicht mehr zu Ruhe. Es scheint uns heute noch, als wären die dichten Wolken, die über der Stadt hängen oder von den Schneegipfeln des Gredos- und Guadaramagebirges drohen, nur die vielen unerhörten Gebete oder als sollten die Mauern und Türme eher den Teufel und die Dämonen abhalten, die, wie die Einwohner erzählen, draußen auf der Ebene die Felsblöcke schleudern. Alles hat etwas Drückendes, Schweres und Unversöhnliches: der hohe Mauerring, die herbe, unfruchtbare Ebene und der eisige Wind, der die Wolken über di« Stadt jagt.
Aber das Idyll fehlt nicht ganz, es lebt nur ein gut Stück über der Erde. Auf den Glockentürmen der Kloster haben die Storche ihre Nester gebaut, ohne Rücksicht darauf, ob unter ihnen in der Kirche Mönche oder Nonnen beteten.
Enttäuschungen mit Büchern.
Von Dorothea Hofer-Dernburg.
„Ich verabscheue zwei Dinge im Leben, den Zahnarzt und die Liebe. Beide sind so gewaltsame Naturen. Beide kann man — haben sie einen einmal in ihren Klauen — nicht auskommen. Beide gehen einem so entsetzlich auf di« Nerven.
Von beiden habe ich heute übergenug gehabt. Ich fühle, es muß etwas für mich geschehen. Ich werde mich auf meine kleine, unkleidsame gelbe Couchett« setzen, von der niemand begreift, daß ich sie brauche, wie ein Stückchen Brot, trotz mangelnder Aefthetik — weil sie kein Möbel ist, sondern eine Jugendfreundin, die alle meine Tränen in ihrem gepolsterten Herzen bewahrt. — Ich werde mir einen Tee machen, golden wie Bernstein, und das Telefon in seinem Ueberfluß ertränken. Ich werde die Füße hochziehen, wie man eine Zugbrücke zur Welt hochzieht — und dann werde ich mich endlich einmal und prinzipiell wohlfühlen und lesen. — Keine Bücher, die noch nicht aufgenschnitten sind und nach Kleister riechen und nach ungeklärten Urteilen in der öffentlichen Meinung und nach Fortschritt und dergleichen — nein, ich werde an die Kinderschublade gehen und werde lesen, was ich las, als ich 18 Jahre war, als die Welt mir „gut" erschien und das Geben «ine Nummer großer."
Diese schöne Rede hielt ich mir gestern abend. Und also zog ich die Füße hoch, knipste die Lampe an, schnupperte an einer Geranie, die ich vom Daikon hereingenommen hatte, fand, daß sie bitterlich schmecke


