Siehener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Jahrgang (952 Montag, den 4- Juli Nummer 5t

wieder vom

vorhatte, gab feine jüngste bißchen hinter

Abendregen.

Von Gottfried Keller.

Langsam und schimmernd fiel ein Regen, In den die Abendsonne schien;

Der Wandrer schritt auf schmalen Wegen Mit düstrer Seele drunter hin.

Er sah die großen Tropfen blinken Im Fallen durch den goldnen Strahl; Er fühlt' es kühl aufs Haupt ihm finken Und sprach mit schauernd süßer Qual:

Nun weiß ich, daß ein Regenbogen Sich hoch um meine Stirne zieht. Den auf dem Pfad, so ich gezogen, Die heitre Ferne spielen sieht.

Und die mir hier am nächsten stehen. Und wer mich wohl zu kennen meint. Sie können selber doch nicht sehen. Wie er versöhnend ob mir scheint.

So wird, wenn and're Tage kamen, Die sonnig auf dies Heute sehn. Um meinen fernen, blaßen Namen Des Friedens heller Bogen stehn.

Geschichte vom Großvater.

Von Polly T i e ck.

Als der Großvater eines Tages eine längere Reife es große Aufregung im Haufe. Der Großvater wollte Tochter besuchen, und seine jüngste Tochter wohnte ein , Erfurt. Das war eine weite Reise, wie man sich denken tann, und der Großvater verfehlte nicht, jedem zu erklären, daß er im Segriff war, eine weite Reise zu tun. Nun war es leider jo, daß der Großvater von lauter Menschen umgeben war, die nur da zu sein schienen, ihn an allem zu hindern, was ihm Vergnügen machte, und ihn nach allen Richtungen zu betrügen. Gewiß, wer den Großvater ganz unbefangen in seinem Leben sah, der mochte denken, daß es ihm sehr gut ging. Er wohnte bei seiner Tochter Olga, die ihn liebte, pflegte und sich aus Gründen, die auch ihr nicht klar waren, all seinen Saunen unterwarf. Er besah einen Schwiegersohn, den er zwar nicht leiden konnte, der ihn aber mit präch­tigen Zigarren versorgte, und er sah auf die stattliche Anzahl oon bre Enkelkindern, die ihrerseits wieder im Begriff waren, ihm Urenkel zu schenken. Er hatte ein behagliches Zimmer, ba? er mit einem merkwür­digen Herr teilte, der ihn zeitweilig beaufsichtigte und schulmeisterte, unb von dem seine Tochter Olga behauptete, daß er ein armer ent­fernter Verwandter der Familie fei, dem man ein Bett lm Hcmse-nicht ab schlag en könnte. Der Großvater glaubte bas niemals trotzdem er sich selbst nicht recht erklären konnte, was der fremde ausmertsame Herr, der ihn niemals allein auf die Straße gehen ließ, eigentlich für e Amt im Hause hatte. Kurz, jeder, der den Großvater sah, hatte den Eindruck, daß biefer alte Mann behaglich im Schoß seiner Familie lebte.

Dem war aber leider nicht so, wie der Großvater jedem erklärte den er sprach. Wohl sah das alles so aus, aber hinter den freundlichen Mienen der Kinder, hinter der lächelnden Außenseite der Enkel steckte Verrat, Hohn und eine Art von Befehlshaberei, die der Großvater durch­aus nicht vertragen konnte.

Kurz unb gut: der Großvater hatte beschlossen zu reisen. Er hatte diesen Beschluß seiner Tochter Olga mitgeteilt unb tl)r er.lart b<afe er zu seiner jüngsten Tochter Jenny zu fahren gebenle, die m ber Nahe von Erfurt wohnte. Nach einigen familiären Sitzungen hatte man sich barauf geeinigt, bem Großvater diese Reise zu> gestatten und ihmwer - würbigerweise angetragen, ber aufmerksame Herr, ber e^ fernter Verwandter sei, solle ihn auf dieser Reise begleiten. Rieses nun hatte sich der Großvater aufs energischste: verbeten, und so war m übereingekommen, daß die Familie den Großvater in ben 3ug f ö unb die Tochter Jenny ihn kurz hinter Erfurt, bort wo> s e eben wohnt, Zuge abholen würbe. Aus bieses ebenfalls u"rourbige 2in gebot war ber Großvater schließlich eingegangen, da er einsah, daß em Mehr an Freiheit nicht zu erzielen sein werbe.

Im Geheimen jeboch hatte er feine Pläne, die auszuführen er fest entschlossen war. Denn im Hinblick auf Großvaters Reise hatte der auf» merksame Herr erklärt, daß er auch verreisen werde, um andere Luft zu atmen, und da er am Abend vor Großvaters Reise abfuhr, schlief der Großvater in dieser Nacht allein.

So war es möglich, endlich einmal zur Zeit zu einem Zuge zu kommen, denn das konnte der Großvater mit gutem Gewissen allen erzählen, daß seine Familie, feine Tochter Olga mit eingeschlofsen, stets so zum Bahnhof kamen, baß sie den Zug erst im letzten Augenblick er­reichten. Sicherlich hatten sie die Absicht, es diesesmal mit bem Großvater ebenso zu machen. Der Zug um nur ein Beispiel zu geben der Zug ging um 9 Uhr 13, wie der Großvater wohl gehört und sich ge­merkt hatte. Also würden sie sicher die Absicht haben, um 19 Uhr das Haus zu verlassen, und, gehetzt unb gejagt, mit fliegenden Rockschößen, unb offenen Koffern, ben Bahnsteig entlangzukeuchen.

Ohne mich, meine Sieben, ohne mich!" dachte der Großvater, wäh­rend er ganz still auf dem Rücken in seinem Bett lag und die Hände über der Brust faltete, wie er das immer tat, ehe er einschlief. Bevor­mundet und eingesperrt wie ein kleines Kind, entrechtet unb von Miß­gunst umgeben, würde es ihm wohl dieses eine Mal gelingen, durchzusetzen, was er sich buchte. Der Großvater lag still auf seinem langen, knochigen Rücken die ganze Nacht hinburch. Sange bauerte es, bis das Geräusch im Eßzimmer verstummte, Geräusch aus Gespräch, Grammophonspielen, Abräumen des Mäbchens gemacht lange dauerte die dunkle, ruhige Nacht, in ber man sich nicht getraute, Licht zu machen oder gar auf­zustehen, denn niemand durfte geweckt werben.

Enblich jedoch dämmerte es hinter dem Vorhang. Ein bißchen Licht und immer wieder ein bißchen mehr Licht fiel auf das schmale Bett mit dem langen Großvater, der auf dem Rücken lag. Nun erhob sich der Großvater sehr leise, zog sich an, nahm den kleinen Koffer, in ben seine Tochter ihm am Abenb alles gelegt hatte, was er mitnehmen wollte, unb tat noch die alte Uhr oben auf, von ber feine Tochter Olga, die immer alles beffer wissen mußte, behauptete, Jenny würde sich nicht darüber freuen. Er jeboch, Gott fei Dank, er wußte, worüber seine Toch­ter Jenny sich freuen würde, und so nahm er die Uhr aus dem Nacht­tisch und tat sie obenauf. Gehen tat sie nicht, bas ist wahr, sie tickte nicht unb sie zeigte 5 Uhr. Es war eine ulkige Idee zu denken, daß es am Ende wirklich 5 Uhr fei, denn wieviel Uhr es war, wußte man nicht genau. Sicherlich jedoch war es viel später und allerhöchste Zeit. Also schlich der Großvater, allen feineren loilettenfünften mitsamt bem Waschen kühn entsagend, aber immerhin in voller Kleidung, leise aus der Tür, leise ben fast buntlen Korridor entlang zur Entreetür, die er mit unendlicher Vorsicht ausschloß. Dann, sie leise ins Schloß ziehend, blieb er aufatmenb stehen. Er war immer ein großer Mann gewesen, kleiner geworden war er eigentlich erst, seit feine Frau gestorben war. Aber jetzt war er wieder ganz groß, unb er staub auch ganz sicher auf feinen deinen. Oben in der linken Westentasche hatte er sein Bittet, und hier rechts in der Hose steckte ein Portemonnaie, bas ihm fein Schwieger­sohn gestern mit Gelb gefüllt hatte. Ein Taler und noch ein Taler unb ein Fünfmarkstiick unb drei einzelne Mark. Befriedigt faßte der Groß­vater danach. Dann, nachdem er auf der Straße stand, unb es sich herausstellte, baß weit unb breit keine Bahn fuhr, setzte er sich langsam in Bewegung.

Es war ein rounberbarer Sommermorgen. Kühl und milchig blau lag die Lust zwischen ben Bäumen, die ganz grün waren, ein paar Laternen brannten noch, unb in ben städtischen Anlagen, denen der Großvater entgegenging, sah man keinen Menschen. Der Großvater ging mit rüstigen Schritten immer vorwärts unb pfiff ein kleines Liebchen dabei. Lange hatte er nicht gepfiffen, bas fiel ihm ein, lange nicht war er jo frühlich geradeaus geschritten. Er wußte, er mußte diese Anlagen durchqueren, ein paar Straßen nach rechts gehen und in die große Hauptstraße einbiegen, so würde er gleich gegenüber das Bahnhofs­gebäude liegen sehen, das er kannte. Allerdings, hätte man nur ein wenig mehr Zeit gehabt, hier wäre Grund gewesen zu verweilen. Etwa den Schwänen zuzusehen, die sich putzten und striegelten, ober einem Vogel, ber auf einer Sinbe saß unb ein wunderbares Liedchen flötete. Aber 'leider, liebes, gutes Vögelchen, leider haben wir keine Zeit. Der Zug geht bald, ber Großvater muß pünktlich fein! Also ging der Groß­vater fchv'tt unb fröhlich weiter, ber Koffer ist gar nicht so leicht, aber er kommt ihm sehr leicht vor, unb da ist auch schon der Bahn­hof, unb ba ist die breite Treppe, und da ist eine Blumenhalle unb bort ist ein Zigarrenkiosk.

Der Großvater bleibt stehen. Sich selbst wieder einmal eine Zigarre taufen können unb sie nicht vom Schwiegersohn abbetteln unb erschmei­cheln müssen, bas wäre eine ausgezeichnete Sache, würbig, einen solchen Morgen zu krönen. Also handelt ber Großvater eine Weile mit sich selbst unb bann nimmt er zwei Stück zu 15 Pfennige, unb eine