wo hat die Frau Oberstallmeisterin
Glück. Und
Sie sei, da leider im Hause für dieses Jahr kein Logis frei gewesen, im .Goldenen Straußen' abgestiegen, beim Chirurgus Schorschino. _
Gut" sagte er etwas belegt. „Meint Sie, Madame Heinin, daß mich der Doktor Becher noch aus diesen Abend empfangen werde?" -
Die Hauswirtin versichert«, daß es dem Doktor «ine Ehre sein werde, Ihre Exzellenz sogleich zu besuchen. Sie wolle den Schwiegervater hinuber- senden. Allein Goethe lehnte ab. Er werde selbst gehen, bitte nur, daß
man ihn melde. ,,
Da scholl ein klägliches Stimmchen aus der Wohnung, und Goethe fragte freundlich. Helena Heinin faßte ihre Röcke mit spitzen Fingern und sah errötend nieder. _ .. .
„Ein Bub, Ihro Exzellenz, und ist mit dem Namen Ferdinand aus der Tauf gehoben."
„Da wünsche ich Ihr
mich aufgehoben?" r ~ , .
„Belieben: im ersten Stock, auf die .Wiesen' hinaus, der Saal und di«'Kabinetten beide." ,, , t , .. c
Sie ging diensteifrig die Stiege voran, und Goethe folgte ihr auf knisternden Stufen, über die er im vergangenen Jahre so oft zu Lotte gestiegen war, daß er fast traumwandlerisch auch noch in j«nen Tagen hinaufqesunden hatte und aus dem Befangen einer geliebten Gewohnheit hatte bitter erwachen müssen, als sich die stets Entgleitende schon langlt auf der Heimreise, ja schon in Weimar befand. Die Hauswirtin öffnet« die Tür und ließ den Geheimerat in das Helle dreifenstrige Zimmer vorantreten.
„Es ist dasselbe", sagte er, „ich danke Ihr.
„Ihre Gnaden, die Frau Oberstallmeisterin von Stein hat mit Pläsier bei "uns logiert, ich bitte gleichfalls Ihrs Exzellenz."
Damit verschwand Madame Hein.
Als er dann von dem Arzt« die Vorschrift der ersten Kur erhalten hatte, schlenderte er, auch jetzt noch gleichsam unbekannt und aller Achtsamkeit auf andere enthoben, flußaufwärts unter den Kastanienkronen der .Wiese'. Die ununterbrochene Häuserzeile zur rechten Seite mit ihren vielen Gardinenfenstern und den Dacherkern, den bunten Hausschildern und fleißigen Werkstätten zur ebenen Erde — vertraut kam ihm das alles! Als feien die Monate nicht gewesen, die diesen Abend von den befreiten Wochen des Vorjahres trennten! Er zog die breite Krampe feines Hutes tiefer und schloß den Mantel. Die Wolken hatten zu sprühen begonnen und es war kühl, als sende ein fernes Gewitter den Hauch feines Flügelschlages in den enggewundenen Wasserriß dieses Tales.
Dort über den Wiesenhäusern hingen die Riffe des Hirschensteins. Der Granit der böhmischen Wälder hatte es ihm sonderbar angetan. Aber sein Hammer war in Weimar zurückgelassen worden: das Reich der Steine sollte ruhen, die Wochen waren voll von anderem. Nur eine Ausnahme wollte er sich gönnen, nicht hier: die Silbergruben im sächsischen Schneeberg. Sie waren im vergangenen Jahr verwehrt worden, ein Gesuch lief an das Dresdner Hofamt, und hier erwartete er den Bescheid. Es sollte auch nur mehr ein Nachholen, ein Beschließen sein. Die Grenzen der Mineralogie blieben erreicht, er hätte die Chemie meistern müssen, um tiefer einzudringen. Enge des Lebens, Klemme der Zeit! Er hätte Mut und Lust zwiefach zu leben, um das zu meistern, was ihn an gestaltforderndem Chaos bedrängte. Aber er durfte sich nicht verlieren, mußte sich begrenzen, selbst meistern, jener tiefsten Luft Herr zu werden, der Lust des einenden Blickes, der wesentlichen Schau. So mochte das Steinreich für diesen Sommer hinter verschlossenen Türen ruhen! Das Reich der Pflanzen aber hatte sich ihm in den letzten Monaten anders und sonderbar aufgetan. Hier, wo es Leben und Wachstum galt, war er des Urwesens, mit dem di« Natur in mannigfaltigen Lebensformen gleichsam spielte, wie unter einer Eingebung bewußt geworden. Kein Traum, keine Phantasie, unsäglich aber die Freude, ein ungeheueres Reich in seiner Ouellgestalt erschlossen zu sehen: die Vision der Urpflanze.
Wie gut, daß der Regen die Gäste in den Sälen und Häusern hielt, jo konnte er sich recht in den Ort finden, der ihn mit jedem Schritt vertrauter, fast heimatlich umfing. Und gut, daß sie sich bei einer Assemblee zurückhielt! Vielleicht gönnte sie ihm diese Frist einer Einbettung feines Lebensgefühles. Er wollte ihr jetzt alles Zartgesinnte zutrauen.
Seine Stirne verfinsterte sich, er schritt etwas weiter aus, als müsse er von trüben Gedanken loskommen. Er hatte ihr um ihres ärmsten Sohnes Ernst willen in letzter Zeit auch anderes zugemutet. Sie war Freundin und liebende Seele — mehr als Mutter. Konnte sie anders jein? Der Hof forderte Geselligkeit und verödete die Familie. Ach, er verödete auch di« Persönlichkeit! War es nicht sein Kampf und anfänglicher sieg gewesen, das Bürgergut einer freien Persönlichkeit auch dort durchzusetzen? War der Herzog nicht mit ihm yindurchgebrochen? Dann aber — es siegte immer wieder das andere, nicht laut, nicht offen, aber im Beharren einer versteinten Existenz. Der Herzog hat aufgegeöen, geht seiner Weg«. Auch er wollte das, wollte nicht nur: mußt«. Aber Lotte blieb und sie hatte in sich so viel des versteinten Gefüges!
Da war er auch schon an das Knie des Tepelflusses und vor die jungen Lindenbäume gekommen, hinter denen der Äichsische Saal lag. Die Ker- ,$en waren angezündet, er hörte die Musik. In der Gesellschaft versteckt, deren Bekanntschaft der Ankömmling erst finden mußte, inied sie die allzu schnelle Begegnung. Wollte sie für diesen Abend noch frei blieben? Denn er trug Weimar an sich wie eine unlösbare Sphäre.
Es faßte ihn das Verlangen, ihren Schatten an einem der Fenster des Stockwerkes zu suchen. Sie dachte gewiß an ihn, es konnte nicht anders sein. Vielleicht stand si«, von der Magie seiner Sehnsucht angezogen, an einem Fenster.
Aber er raffte seinen Mantel nur fester vor der Brust. Der Regen war fühlbar geworden, er stand nicht mehr unter den Kastanien der .Wiese'. Und er verfolgte, als müsse er den Begrüßungsgang beenden, seinen Weg mit gesenkter Stirn weiter, vorbei am Böhmischen Saale, durch die Allee hochstämmiger Lindenreihen, die ganz verlassen standen, bis an den luftigen Bretterbau des Komödienhäuschens.
Die Komödie mußte längst aus fein. Vielleicht war es heute wieder ein Kunstspringer gewesen oder ein Jongleur, der die Zwischenakte einet jämmerlichen Posse, eines kläglichen Lustspieles zu beleben hatte. Wie weit trieb dieses Theater von dem Göttergeschenk ab, zu dem jede Szene, auch die kleinste, berufen wäre! Nur Musik bewegte noch die Herzen. — In die verregnete Tepel-Aue oder zur Freundfchaftshöhe wollte er nicht mehr.
Er kehrte um, fast eilends ging er zurück. Auch in den Stockwerken der .Wiese' brannten schon die Kronleuchter: nur die ebenerdigen Woh- nunoen der Karlsbader lagen unerhellt. Er wußte, daß die Familien unter dem Lichtzünden eine Weile ruhten, auch einander heimsuchten, um über den Tag zu sprechen, der hinter ihren Bergen rasch verschwunden war. Gewiß ging auch schon von ihm die Rede. Er wäre eingetreten, hätte den Hauswirt und die übrigen Seinen begrüßt, wenn er nicht um diese trauliche Stunde gewußt hätte, die kein Fremder stören soll.
Am ersten Tage besuchte der Ankömmling die Brunnen noch nicht. Ihm war Bescheid gesagt, daß die Frau Oberstallmeisterin um zehn Uhr frisiert sein werde. Und er kam erwartungsvoller, auch befangener von dem Gedanken, daß die Vertraute aller feiner Pläne an dem wichtigsten seiner nächsten Zukunft keinen Anteil haben solle. Er fand sie nicht allein, Minchen, das er von Kochberg her, dem Steinschen Rittergute, kannte, ordnete noch den Putztisch. Charlotte streckte ihm lebhaft die Hand ent-
herr-
bebte
gegen.
„Da sind Sie, lieber, verehrter Freund!"
Sie wies ihn neben sich auf das Sofa, er überreichte ihr eine rollen- artige Schachtel, die mit Buntpapier überzogen war.
„Mein Versprechen, Liebste ..."
„Ein Teleskop! Nein", ergänzte sie schnell, „es wäre zu leicht.
Ihre Wangen waren von einer fünften Röte angeflogen, die sie verjüngte. Die gleichen großen, dunklen Augen hatten sie, und beider Bücke glänzten. Sie öffnete und schüttelte neugierig und vorsichtig ein herrliches Gesteck von Putzfedern aus der Schachtel.
„So prächtig!"
„Don einem indianischen Reiher", erklärte er; seine Stimme bebte leicht und war wie Samt. Sie ließ die weichen Federn durch ihre Hohl-
Hand gleiten.
„Ein Kaufmann ist durch Jena gereift, da ich bei Knebeln war. Ich freue mich, für Sie ein Federspiel gefunden zu haben, mit dem man auch «inen wilden Falken zurücklocken kann. Und noch mehr freut mich, daß Sie auch hier kaum einen ähnlichen Putz sehen werden; in Weimar soll er bann einzig fein."
Er fühlte, daß er wortreich war, aber sie blieb lauschend geneigt, ab müsse sie erst hinter seine Sätze kommen. Ms er verstummte, sagte sie, um nachzuholen:
„Kostbar und schön wie alles ... alles ...", und reichte ihm die Hand. Dann barg sie das Geschenk, gab es der Zofe und schickte sie fort.
Sie senkte den Blick, neigte den Kopf unter feinen harrenden Augen, ihre Stirn zeigte eine feine Falte zwischen den Brauen.
„Und ... was bringst du mir?"
„Mich, Lotte, für einige Tage nur mich, Herdern, Karolinen und Gustl ziehe ich nach. Das andre — du weißt es aus den Briefen."
„Ja ... das andre", sagte sie anfällig, ohne den Blick auf den Wartenden zu richten.
Er stand ungeduldig auf, ging von ihr, blieb beim Fenster.
„Es steht nicht gut", meinte er zurück, „Stein ist eben gekommen, wir haben auf ihn gewartet; er ist der Vater und hat zuweilen feinen eigentümlichen Willen. Wir sind darin überein, und es ist überdies der Rat des Prosesiors: das andre Bein bleibt ungeöffnet. Auch die Chirurgen wollen nichts tun, sie fürchten sich vor euren Vorwürfen. Ernst leidet sehr. Mein Wille war: Du hättest ihn nach Karlsbad mitgeführt. Die heißen Bäder mochten die böfe Materie ausgezogen haben, und Doktor Becher ist ein trefflicher Mann. Aber jetzt habe auch ich den Mut verloren. Er ist daheim in Ruhe geblieben, und das mag gut fein."
Sie lag zurückgelehnt, hatte die Augen geschloffen, schwieg. So schwieg er gleichfalls und die Stutzuhr auf dem Sekretär tickte zwischen beiden Herzen hin. Charlotte von Stein hob langsam die Arme und drückte di- Handballen an die Schläfen und tastete leicht an ihr Haar.
„Kopfweh wieder", fragte er und, als dürfte er unmutig sein, warf er hinzu: „Du trinkst zu viel Kaffee."
Sie lächelte leist, fast in einem mütterlichen Verstehen.
„Wie geht es der Herzogin? Ist bas Kinb gefunb?"
„Gut ... alles gut."
„Unb ber Herzog?"
„Es war enblich allen eine Befreiung. Er hat ben zweiten, kräftigeren Sohn gewünscht, aber ich glaube, seine gute Art ist auch an bem Prinzeßlein froh geworden. Was er im Augenblicke will — ich weiß es nicht. Er hat von Eisenach geredet ... mit der Herzogin ... nach ben Wochen. Aber ich glaube, er hält bie Zeit bis bahin nicht stand. Ich habe ihn zuletzt nicht mehr getroffen, hab' ihm einen Abschied von Jena aus schreiben müssen. Vielleicht kommt er nach, er hat Lust zum Karlsbad-."
Er war vor ihr, hastig wie seine Rede, auf und nieder gegangen. Dann stand er still, wartete und sagte auf die Kastanienwipfel der .Wiese' hinaus:
„Du weißt nicht, wie geduldig Ernst ist. Ich hätte einem Kinde ... einem Kinde, bas beibe Beine nicht brauchen kann, nie solche Gebuld zugebacht. Jebe befreite Stunde macht ihn scherzen unb lachen. Sein Gemüt wäre heiterer als selbst Fritzens."
„Ja", hauchte sie, war blaß unb ernst unb sah mit weiten Augen, „ba bist bu nun wieber ganz unb gar. Alles, was dein Gefühl erregt, muß ausgeschüttet sein, unerbittlich ausgeschüttet, bis auf ben letzten Tropfen. Es hat nicht jeher beine Richesst, an alles bas Aeußerste zu wenden und dann immer noch erfüllt zu bleiben. Ich habe schon drei Kinder verloren."
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruüerei, R. Lange, Gießen.


