Wir fanden einen fchmalen Treppenwcg, der rascher und schöner nach Santa Margherita hinuntersührte. Auf dem lockeren bröckelnden Gestein, das unter dem Fuße fortrollt, liegen noch die hellgrünen Lazerien, regungslos, aus der Mauer gequollen wie se lsnm geformte sie schige Kak­teen bis sie beim nächsten Schritt in ihren Unterschlupf zurucksahren.

Ab und zu blitzt ein Funke zwischen den Büschen, kaum wahrgenommen zuerst bis die Rächt, die hier schon rascher einsallt, Schwarme großer Leuchtkäfer auffliegen läßt. Die ganze Lust beginnt zu flimmern, zu sprühen, die Hand, die die Zweige streift, der -tritt unseres Fußes lost magische grüngoldene Feuer und bläuliche Fläminchen aus dem Dunkel, wir sind begabt mit unbekannten Kräften an dieser zauberhaften Küste.

Ünien in Santa Margherita schimmert sogar die breite Autostraße von dem glimmernden Phosphorlicht. Ueber dem Meere tanzen die Kaser in dichten Schwärmen, sie stecken blitzende Agraffen in iipu'6!' neuen .££Tta° menten in den schwarzblauen Samt, bis die Funken im Wasser zischend

zu verlöschen scheinen. . ... ,

Nah am Meere sitzen wir unter Palmen, trinken Tee und rauchen, wun chlos, vollkommen losgelöst von allem, was uns noch vor Wochen drängte und trieb. Immer noch es ist schon nahe an Mitternacht ist die Luft wunderbar warm. Wir lassen es zu, daß der schwebende und durchsichtige Schlaf, wie wir ihn sonst nur im Walde kannten und wie er uns hier jede Nacht geschenkt war, jchon über uns kommt. §)alb träum- wandelnd gehen wir nach Rapallo zurück. Wir tasten uns entlang an der Lichterkette des Golfes, als ließen wir die Perlen eines Rosenkranzes innig durch die Hände gleiten.

Leise schlägt das Meer an. Drüben glänzt noch einmal Santa Marghe­rita auf, Ende unserer Straße an der Riviera die Levante, eingelegt mit den lebendigen Funken der Leuchtkäfer, kostbarstes Schloß an der wunder­baren Kette.

Muntto.

Zum 250. Todestage des spanischen Malers.

Von Dr. Paul Landau.

Bartolome Estöbcm Murillo, dessen Todestag sich am 3. April zum 250. Male jährte, ist der populärste spanische Maler und einer der bekann­testen Malern überhaupt. Jedermann kennt seine prächtigen, in ihrer Ver­wahrlosung so malerischen Gassenjungen, von denen die Münchener alte Pinakothek die berühmtesten Beispiele enthält, kennt feine Heiligen, die so liebend das Christkind umarmen, kennt die lieblichen Kinderbilder von Jesus und Johannes und die wundervollen Darstellungen der Purissima, der allerreinsten Madonna. Diese allgemeine Beliebtheit und Volkstümlich­keit hat aber in neuerer Zeit einen Rückschlag erfahren, indem man Murillo (16171682) gegen seine großen Zeitgenossen, gegen Velasquez, ja auch gegen Ribera und Zurbaran, herabsetzte. Wie die Kunst Mozarts eine Zeitlang, wie die Raffaels, ist auch die harmonisch süße, schönheits- verklärte Welt des Meisters von Sevilla der Glätte und Weichlichkeit angeklagt worden, ein Urteil, bei dem veraltete Vorurteile und vergäng­licher Zeitgeschmack zusammenwirkten.

Die spanische Kunst war bei der Abgeschlossenheit und Eigenart dieser phantasiegewaltigen Ration für das übrige Europa ein unentdecktes Ge­biet, bevor die französischen Romantiker und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Kunsthistoriker, bei uns vor allem Karl I u ft i, es entdeckten. Velasquez ward von einer Zeit, die in feinem unerreichbaren Naturalismus das Ideal der Kunst sah, als derMeister schlechthin" gepriesen, und dann wollten die Expressionisten in der visionären Phan­tastik des Greco seinen Ueberwinder erkennen. Es war natürlich, daß man in der Begeisterung über diese neuentdeckten Künstler, über den einzigen spanischen Maler hinwegsah, der bereits seit mehr als einem Jahrhundert das allgemeine Entzücken erregt hatte. Murillo ist neben den ihm verwandten Malern Coreggio und Raffael ein Liebling des 18. Jahr­hunderts, das in der zärtlichen Anmut und der schwebenden Schlankheit seiner Engel etwas Verwandtes fühlte. Raphael Mengs, einer der Haupt­vertreter der Kunst um 1750s wurde während feines Aufenthaltes in Spanien fein Lobredner; feine Bilder, vor allem seine Genreszenen, wur­den so begehrt, daß sie aus Spanien völlig verschwunden sind, und die Raublust der Franzosen während der napoleonischen Kriege richtete sich in erster Linie auf die Werke des Scvillaners, die von ihren ursprüng­lichen Standorten weggeschleppt und überallhin verstreut wurden. Der beste Ausdruck dieser Mertschätzung sind die Riesenpreise, die schon im 19. Jahrhundert für Murillo bezahlt wurden. Für diePurissima" des Louvre zahlte Napoleon 1852 615 300 Frs., einen Preis, der damals einzigartig dastand. Franz Kugler nennt in seiner für das Urteil der Romantik bezeichnendenGeschichte der Malerei" Murillo denRaffael seines Jahrhundert", und so ward er stets als derspanische Klassiker" gefeiert, bis man schließlich das wahre Spaniertum in der wilden Kraft Riberas, in dem verzückten Ueberschwang des Greco und der stolzen Gravität des Velasquez gesunden zu haben meinte.

Trotzdem bleibt Murillo derspanischste Meister", denn in ihm, dem letzten Maler der Hochblütezeit spanischer Kunst, ist wie in einem Brenn­punkt aller Glanz, alle Gröhe und alle Schönheit dieser Epoche vereinigt. Seine Werke haben die naturalistische Beobachtung eines Ribera und Zurbaran ohne deren düstere Gewaltsamkeit, sie atmen die erhabene Na­turwahrheit des Velasquez und seinen geheimnisvollen Farbenzauber; sie bieten zugleich das ergreifendste Bild des Uebernatiirlichen, ohne die krankhafte Steigerung in den Werken des Greco. Nirgends ist das höchste Geheimnis der spanischen Kunst, die Vereinigung von Erdenschönheit und Himmelsglanz, von Wirklichkeit und Traum, vollendeter offenbart morden als in jenen großen Kemäldezyklen, die Murillo für die Kirchen Sevillas geschaffen. Seine Schöpfungen find der natürlichste Ausdruck jenes Volks­charakters, der aus dem gleichzeitigen Schrifttum hervortritt, und in seinen zerlumpten Betteljungen erkennen wir ebenso die pfiffigen Helden der Schelmenromane wieder wie in seinen Heiligenoisionen die zauberhaft überirdischen Gesichte der heiligen Theresa und des Juan de la Cruz. Der sinnlich warme, himmlisch zarte Zauber seiner Gestalten erblüht aus der unbefangenen naiven Beobachtung einer glücklichen Menschennatur, die keiner vor ihm besessen.Seine künstlerische Größe", sagt Jusii, der

feinste Ergründer seiner Kunst,liegt darin, daß er das eigenartige Wesen, den besonderen Zauber südspanischer Menschennatur zuerst gesehen, ihre Palette und Pinselführung angepaßt und es geroagt l)at, sie in die heili­gen Bilder einzusühren. Das sind jene leichten elastischen Gestalten von biegsamer Anmut des Körpers, jene weichen Formen, die nicht für die Plastik, aber für die Malerei geschaffen sind, jenes tiefe Braun der grotzen Augen und der Haare, neben einer warmen das Licht reflektieren­den Haut. Das scheint manchem nichts Besonderes; aber niemand hatte es bis auf ihn gefunden, niemand hat es ihm nachahmen können. Dies südspanische Milieu, das dem Orient noch so nahesteht, war die rechte Umwelt für die heilige Geschichte und die Legenden, die den Stoff feiner Bilder ausmachen. Die idyllische Patriarchenlust des Alten Testaments «>ebt durch seine Szenen; in ihnen wogt die glühend heiße Sonne des Südens, die alles in Goldglanz taucht und dem träumenden Hirn feen­hafte Lustspiegelungen eines besseren Jenseits vortäuscht.

Murillo gehört zu jenen glücklichen Genien, deren Werke mühelos hervorgezaubert zu sein scheinen und mit einer selbstverständlichen Not­wendigkeit eine klassische Schönheit ausstrahlen. Ader er so menifl tme Mozart oder Heine war ein Meister von Anbeginn. Das Handwerkliche erlernte er bei feinem Lehrer Juan de Castillo, der aber ein langwelliger Akademiker war. Ein ehemaliger Mitschüler, Pedro Moya, der in Islän­dern und England die Kunst des Rubens und van Dyck bewundert hakte, zeigte dem nie aus seiner Provinz herausgekommenen Jüngling den Weg zu höheren Vorbildern, und wenn ihm auch die Mittel zu einer Reise nach Flandern nicht reichten, so erhielt er doch in Madrid durch seinen Landsmann, den Hofmaler des Königs, Velasquez, die Erlaubnis, die Werke der im Besitz des Königs befindlichen großen Meister zu studieren. So hak er in zwei kurzen Jahren des Studiums die Sprache gelernt, in der er dann fein Eigenstes auszudrücken verstand. Das erste große Werk, das er schuf, der Gemäldezyklus im Frcinziskanerkloster zu Sevilla, machte ihn mit einem Schlage berühmt. Die ganze Tonleiter seiner so überaus reichen Darstellungsmittel ist hier schon angeschlagene die Kraft feines Pathos, die Liebenswürdigkeit feines Humors, der Reichtum feiner Phan­tasie, die Inbrunst feines Glaubens. In der berühmtenEngelkück)«" des Louvre ist alles enthalten, was er dann reicher und in einer wunder­vollen Fülle ausgeführt hat: wie weltentrückt ist die Figur des im Licht- glanz schwebenden betenden Diego, dessen Küchenmeisteramt die Engel versehen; wie überirdisch wirken die großen Engel mit den blitzenden Flügeln; wie luftig lieblich das kleine Engelvolk! Und der Realismus kommt in den Porträts der eintretenden Herren, in dem so greifbar gegebenen Küchenrahmen zum Ausdruck. Murillo ist vor allem der uner­reichte Darsteller des Kindes, in dem das Naturnahe des Werdens sich mit der ahnungsvollen Verheißung einer künftigen Entwicklung verbindet. Daher sind die Figuren [einer Visionen, wenn sie nicht wie Christus und Johannes als Kinder dargestellt werden, dem Kindlick-en angenähert, so di« Jungfrau und die Engel. In seiner sinnlich-überfinnlichen Kunst ver­schmelzen die Farbenwunder immer inniger mit einer alles umwogenden und überrieselnden Darstellung des Lichtes. Man hat bereits früh drei Stile im Werk Murillos abzugrenzen versucht, die die spanifchen Aesthc- tifer mit den Namenestilo frigido, calido und vaporoso bezeichnet haben. Die Entwicklung feiner Technik kommt darin gut zum Ausdruck. Dom kalten Stil", der noch hart im Ton und dunkel in der Farbe, scharf im Licht und nüchtern im Ausdruck ist, wendet er sich bald zu demwarmen Stil", der weiche satte Farben und starke Gegensätze von Licht und Schatten liebt. Seine Höhe aber erreicht der Meister in jenem estilo vaporoso, der ganz sein persönliches Eigentum ist und die lockerste, zarteste Verbindung von Farbe und Licht erreicht. Schon zehn Jahre nach feiner Rückkehr aus Madrid in dem Bilde des hl. Antonius in der Taufkapelle zu Sevilla, dem das Jesuskind in lichter Engelwolke erscheint, ist dieser Höhepunkt erreicht, und dann feiert seine die Dinge in Licht und Lust badende Kunst ihre Triumphe in den großen Zyklen der Hospitalskirche der Caridad und der Kapuzinerkirche zu Sevilla.

Murillo gehört zu jenen seligen Geistern, zu denen Goethe in seiner Geschichte der Farbenlehre Plato rechnet, und von denen er sagt, daß es ihnen beliebt, einige Zeit auf der Welt zu herbergen.Es ist ihm nicht sowohl darum zu tun, sie kennenzulernen, weil er sie schon voraussetzt, als ihr dasjenige, was er mitbringt und war ihr so nottut, freundlich wit- zuteilen." (sein beglückendes und erhebendes Wirken in der Welt, das nun drei Jahnhunderte währt, wird noch so manches Jahrhundert ,ortbauern.

Magre des Segelfirrges.

Erlebnisse in Soffitten.

Don Ernst Keienburg.

Die Dogeimenschen.

Die Düne lag und träumte. Da kam der Mensch in das unberührte Land und toarf seine Metze in das schäumende Wasser. Gr rang mit der Erde und machte sich zum Herrn der Mehrung. Einzig das Getier in den Lüsten blieb frei: die Reiher, die unter dem Himmel siedelten, die Seeadler, die sich durch die Wolken schwangen, daß ihre Schatten gleich dunklen Blitzen über die sonnige Düne huschten.

Der Menschen wurden mehr. Es kamen Fischer und Bauern, Seh» haste und solche, die die Sehnsucht in die Einsamkeit trieb. 11 nb eines Tages kamen die, welche manDogeimenschen" nannte. Es war ein helläugiges, kühnes Geschlecht, das sich in der Wildnis Sih und Raum schuf. Dicht Wasser, nicht Erde, nicht Frucht und nicht Beute waren ihr Begehr, ihre Augen wanderten den Möven und Seeadlern nad). Wenn ihre Hände müde waren, die Axt und die Schaufel zu führen, standen sie auf der wogenden Düne und sahen die herrlichen Geschöpfe des Himmels in die Abendröte entgleiten, lind es regte sich in ihnen ein alter Menschheitstraum, und es brannte in ihnen das Verlangen, die Schwere des Körpers zu besiegen und sich dem Geiste gleich Über Meere und Wälder zu erheben. Dicht lange währte es, so Hang ihr Jubel durch die Sandberge, und ihre weihen Riesen­vögel, durch die Kunstfertigkeit ihrer Hände erzeugt, erhoben sich in wilden Sprüngen gegen die Ströme des tragenden Windes.